Feuerofen der Angst

Wo die Scham brennt

4:03 Uhr – völlig verschwitzt wache ich auf; ein Traum hängt mir noch nach, in dem ich mich mit einer unlösbaren Aufgabe abgemüht habe. Ärgerlich darüber, dass ich schon wieder um diese Zeit aufgewacht bin, wo doch um 5:15 Uhr der Wecker klingeln wird, bete ich zu Gott, dass ich gleich wieder einschlafe. Dem ist aber nicht so. Statt­dessen gehen mir alle möglichen Aufgaben des Tages und der kommenden Zeit durch den Kopf und im Nu spüre ich, wie mir der Schweiß am Körper hinunterläuft: Ich schaff‘ das alles nicht. Mit Psalm 23 bete ich dagegen an, doch auch beim Vaterunser finde ich keinen inneren Frieden. Als der Wecker klingelt, fühle ich mich ganz kaputt.

So ging das in den letzten Jahren zunehmend, trotz vieler eigener und gemeinsamer Gebete. Während des Tages erhole ich mich langsam ­davon; abends bin ich wieder voller Zuversicht und fühle mich Gott nah, vor allem, wenn ich am E-Piano gespielt habe. Und am nächsten Morgen –  als ob mein Gutenachtgebet nichts gelten würde –, beginnt wieder alles von vorne: Es ist immer die Angst, dass ich meine Aufgaben nicht in der gebotenen Zeit schaffe und dass ich dann in der Gosse landen würde, meine Frau mich verließe und ich arm, elend und allein wäre...

Unter der Angst

Was habe ich nicht alles schon unternommen, um mit der Zeit besser klar zu kommen: Bevor ich mein Glaubensleben wiederbelebt habe, hatte ich einiges an Ratgebern zum Thema „time management“ gelesen, Coaching-Stunden genommen und diverse Work-Life-Balance-Programme ausprobiert. Alles ohne Erfolg. In den letzten Jahren habe ich besser erkannt, woher ich diese tiefe Angst kenne: Mein Vater, Professor für Osteuropäische Geschichte, war immer mit seinen Ab­gabeterminen hintendran und kämpfte sich angstvoll von Fristverlängerung zu Fristverlängerung. Seine Angst, wenn das Telefon klingelte oder vor Behördenbriefen habe ich auch. So ließ ich mich von der Angst meines Vaters freibeten, von dem, was meine Eltern auf der Flucht an Angst und Sorge aufgenommen hatten und was über mich gekommen war. Das war auch gut und richtig, nur an meinen eigenen Angstzuständen änderte sich dadurch leider nichts.

Dem, was die Angst mir ausmalte, glaubte ich mehr als den Zusagen Gottes. Das war mehr als nur Kleinglaube; das ging schon dahin, Gott als Lügner, mindestens als nicht vertrauenswürdig hinzustellen. Laut habe ich das nie gesagt, weil ich ahnte, was für eine Sünde das ist. Also bat ich immer häufiger um Vergebung und das Abendmahl wurde mir immer wichtiger. Doch Frieden fand ich jeweils nur für kurze Zeit. Nun begann ich mich dafür zu schämen, dass ich es nicht schaffte, Gott zu vertrauen, seine Vergebung im Herzen anzunehmen, und dass die Angst einfach immer noch da war. Schließlich hatte ich es satt – so wollte ich nicht weiterleben! Vor einem Jahr ging ich zu einem Psychoanalytiker. Seitdem liege ich zweimal in der Woche auf seiner Coach und „assoziiere frei“. Innerhalb einiger Monate merkte ich, dass es nicht die „äußere“ Angst ist, die mir die Lebensfreude und Freiheit nimmt, sondern dass es viel tiefer liegende Prozesse und Bereiche meines Seins sind, die mich binden und sich in ­einer „inneren“ Angst zeigen.

Das Camping-Klo

Neulich las ich die Betriebsanleitung unserer Camping-Toilette. Also wusste ich, als nach einiger Zeit die Warn-LED aufleuchtete, dass man noch zwei- bis dreimal das WC benutzen kann, bevor es überläuft und auch, wie ich den WC-­Behälter leere. Nur wie das Warnlicht auszu­schalten ist, stand nicht da.

Rückblickend scheinen mir meine Anstrengungen, die Angst los zu werden, als würde ich ver­suchen, das Warnlicht endlich zum Verlöschen zu bringen oder es am besten gleich ganz zu ent­fernen. Auf die Idee, die Angstzustände könnten mich auf etwas ganz anderes, Grundlegendes hinweisen, war ich nicht gekommen: Tiefer als die Angst noch wohnt die Scham in mir, dass ich nicht der und nicht so bin, wie ich gerne wäre und wie andere mich gerne hätten. Einer, der sich schämt, kann nicht streiten, für etwas einstehen, Farbe bekennen, weit ausschreiten, mit Kritik und zu viel Nähe oder Distanz umgehen.

Heute sehe ich es als große Gnade, dass Gott ­meine Gebete nicht erhört und die Angst einfach weggenommen hat. Stattdessen hat er mir Mut ­gemacht, mich dem Grundlegenden zu nähern und ans Licht zu bringen, was mich antreibt, also meine Betriebsanleitung besser kennenzulernen.

Und ein zweites ist mir grundlegend: Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt hat (2Mo 20, 2). So stellt sich Gott dem Volk Israel vor; das ist er. Ich verstehe es so: Gott bietet mir nicht nur an, mich aus der Knechtschaft zu führen, sondern er gebietet mir: Nimm es ernst, dass ich dich aus der Knechtschaft befreit habe! Dieser feine Unterschied: Gott ist in Vorleistung gegangen. Jesus Christus hat mich erlöst, befreit von jeder Knechtschaft, von allem, was mich unfrei machen will. Er hat mich in die Weite gestellt und kann deshalb zu mir sagen: Folge mir nach; geh‘ den Weg, der ich für dich bin. Dieses Gehen, dieses Leben in Freiheit gelingt freilich nicht aus eigener Kraft, sondern nur mit ihm –  vielleicht habe ich deshalb meine letzte CD „Mit Dir“ genannt.

Nicht vergeblich

Gott nahm sich viel Zeit für unseren gemein­samen Weg: Sechs Jahre lang nahm ich an den Grundkurs-Seelsorge-Seminaren der OJC im Haus der Stille in Weitenhagen teil. Seit ca. vier Jahren gehe ich morgens in die Stille – ich hör‘ da nichts, sammle keine Eindrücke, oft döse ich wieder ein; es ist mir inzwischen, als lehnte ich mich an Gott an. Durch viele Menschen hat er zu mir gesprochen, am meisten durch meine Frau und die Gespräche mit ihr.

Mein „Ägyptenland“ war die Scham. Sie brachte mich dazu, mich ganz zu verschließen, nichts zu zeigen von dem, was mich schmerzt und was mich glücklich macht; und dann wieder mit aller Macht gesehen und gehört werden zu wollen, vor die Menge zu treten, um allen zu zeigen, woran ich selbst nicht glaubte: dass ich liebenswert und wertvoll bin. Mein Verharren in diesen Denk- und Handlungsmustern hatte weitreichende Folgen für meine Beziehung zu Gott, in unserer Ehe und meiner Berufstätigkeit. Wenn ich daran denke und traurig werden will, halte ich mich an dem Satz aus Bonhoeffers Glaubensbekenntnis fest „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen... Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.“

Von

  • Peter Ruffmann

    1959 getauft, wundervoll verheiratet, arbeitet als Fachplaner für Haustechnik für die Bewahrung der Schöpfung; lebt in Hamburg; spielt gern Klavier für die Seele

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