Was heißt: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit

Wir alle, die wir diese menschlich gesehen so ausweglose Zeit durchleben, tragen die Sehnsucht nach einem göttlichen Zeichen in uns. Wir schauen bewegten Herzens danach aus, ob irgendwo ein greifbarer Sinn sichtbar würde, in dem sich doch noch – allem Augenschein zum Trotz – die Spur eines göttlichen Weltregimentes zeigte. Wie sehnen uns, irgendeinem Menschen zu begegnen, in dem die Gegenwart des sonst so unsichtbaren ­Gottes spürbar wäre; wir suchen nach irgendeinem plausiblen Gedanken, der uns helfen könnte, das Rätsel unseres Weltgeschehens doch noch zu deuten und im Licht der Ewigkeit zu verstehen. So warten wir alle auf ein hoffnungsvolles Zeichen für die Zukunft, an dem sich ablesen ließe, dass dennoch eine große Gnade über der Welt steht.

So beten wir denn das Vaterunser zu Ende in der heimlichen Hoffnung, dass sich ein solches Zeichen, ein Grund zeigen möchte, der uns beweist, dass dieses betende Reden nicht ins Leere hinein geschieht, und dass wir also nicht vergeblich um das Kommen des Reiches Gottes, um das tägliche Brot, um die Bewahrung vor der Versuchung und die Vergebung unserer Schuld bitten.

Nicht von dieser Welt

Und nun, am Schluss des Vaterunsers, wird solch ein entscheidender Grund genannt, der allem vorher Erbetenen erst seinen Sinn gibt, da kommt auf einmal das Wörtchen „denn“, das alles Vorangegangene begründet: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Damit ist doch offenbar dies gesagt: Eben darum, weil dieses Reich in Kraft ist und weil du der Herr darin bist, darum hast du die Macht, uns zu hören. Darum bist du auch barmherzig, uns unser tägliches Brot zu geben und die Schuld zu erlassen. Gottlob – so denken wir wohl bei diesen Schlusssätzen des ­Vaterunsers –, dass wir diesen Grund haben, auf dem wir als Beter stehen dürfen: den Grund, dass Gott das Reich gehört und die Kraft und die Herrlichkeit.

Aber ist es denn wirklich ein Grund? Sagt Jesus nicht selbst: Mein Reich ist nicht von dieser Welt? Und sagt er das nicht ausgerechnet im kritischsten Augenblick seiner Erdengeschichte, nämlich vor Pontius Pilatus? In einem Augenblick also, wo das Reich Gottes alle Gelegenheit hätte, im Konkurrenzkampf mit den irdischen Mächten seine gött­liche Überlegenheit zu beweisen? Wenn aber dieses Reich ausgerechnet in einem solchen Augenblick betonen muss, dass es „nicht von dieser Welt ist“ und dass es gegenüber den sichtbar-brutalen Diesseitsmächten als „außer Konkurrenz“ gelten will, ja um Gotteswillen: wie sollen wir es denn da überhaupt noch sehen?

Zergeht es uns nicht wieder zwischen den Händen, und hängt dann das Gebet des Herrn nicht doch wieder in der Luft? Kommt also auch hier nicht wieder alles auf ein unkontrollierbares „Jenseits“ heraus?

Mit dieser bedrängenden Frage stehen wir in einer Front mit den biblischen Menschen. Es ist ja gar nicht so, dass erst wir heute an diesen Fragen herumknackten und durch sie angefochten wären. Auch die Menschen um Jesus selbst sind von dieser Frage gequält. Auch sie kommen mit der leidenschaftlichen Anfrage zu Jesus: „Wann kommt das Reich Gottes und wo ist es? Bitte gib uns konkrete, handfeste Tatsachen, wie das unter Männern üblich ist, die sich auf Tod und Leben zusammenschließen wollen. Was wir von jedem Geschäftsmann, jedem reellen Vertragspartner verlangen, verlangen wir auch von dir, Jesus von Nazareth. … Wo ist denn dein Reich, wann kommt es?“ Jesus antwortet darauf sehr merkwürdig und sicher zunächst nicht zufriedenstellend: Man wird nicht ­sagen: Siehe hier, siehe da ist dieses Reich. Warum antwortet er wohl gerade so? Will er etwa der peinlichen Zudringlichkeit jener Frage aus dem Weg gehen? Aber dann fährt er plötzlich fort: Das Reich Gottes ist mitten unter euch! und das bedeutet doch: Das Reich Gottes ist da, wo ich bin.

Sehen, ohne zu sehen

Was mögen die Leute für ein Gesicht gemacht ­haben, als er das sagte?! Die einen werden im ­Herzen geantwortet haben: Nun ja, ich sehe nichts „in unserer Mitte“, höchstens einen Mann, der in rätselhafter Weise Menschen an sich zu binden vermag und der zweifellos auf einige von ihnen ­einen guten und befreienden Einfluss besitzt. …

Dieser Typ Menschen, die nichts sehen, bildet den ständigen Begleiter Jesu und seiner Gemeinde. Er ist auch unter uns. Es handelt sich dabei um Leute, die in der Kirche gewisse religiöse Kräfte am Werke sehen oder auch gewisse soziale Gesetze der ­Gemeinschaftsbildung und gewisse geschichtliche Wirkungsweisen, die von diesem merkwürdigen Phänomen namens „christliche Kirche“ ausgegangen sind. Aber sie sehen nichts von der Realität ­eines Reiches Gottes. Auch Pontius Pilatus, der die Persönlichkeitswerte Jesu durchaus anerkannte, und die römischen Kaiser, die eine gewisse Ahnung von der gefährlichen Macht christlicher Gemeinschaftsbildung hatten, besaßen keinen Dunst von der Wirklichkeit dieses Gottesreiches, das in Jesus angebrochen war. Sonst hätten sie nicht verurteilt und hingerichtet, sondern angebetet.

Was soll also schon Jesu Wort bedeuten: Das Reich Gottes ist da, wo ich bin? Wer ist denn dieser „Ich“ schon?! Sie schütteln die Köpfe. Der Weg der Gemeinde Jesu ist von diesem Kopfschütteln begleitet und wird es auch bleiben bis an den Jüngsten Tag. Und oft genug sind es menschlich gesehen nicht die Schlechtesten, die diese Geste des Unverstehens vollziehen. 

Gotteserkenntnis

Aber daneben stehen nun die anderen: Die horchen auf, als Jesus sagt: Das Reich Gottes ist mitten unter euch, so gewiss ich eben mitten unter euch stehe. Diese andern haben vielleicht auch gemeint: Wenn man von einem Reiche redet, dann muss man auch klar umrissene Machtpositionen vorzeigen, dann muss man sich legitimieren können, dann muss man in der eindeutigsten Weise sagen können: Siehe, hier, und siehe, da ist es. Aber nun werden sie doch stutzig. Man sieht zwar nichts, was man filmen könnte; aber was könnte dahinter stehen? Wer ist denn dieser Jesus, und was tut er, dass er sein eigenes Sein und Tun mit der Gegenwart des Reiches Gottes so unbegreiflich zusammensieht? Sie sehen, wie er nicht nur erkrankte Körper heilt, sondern wie er auch die Gewissen befreit. Sie sehen, wie alle Menschen ganz anders von ihm weggehen, als sie kurz vorher noch zu ihm gekommen sind. Sie sehen, wie er die Menschen nicht ­etwa auffordert, sich in hochgeistige Sphären hinaufzuschrauben oder komplizierte Andachtsübungen und überweltliche Entziehungskuren zu ­machen, damit sie Gott sehen könnten, sondern sie müssen voll Staunen den umgekehrten Prozess ­beobachten: dass nämlich Jesus sich herabneigt zu den Niedrigen und Armen und dass er immer an den untersten Orten der Welt zu finden ist. Offenbar will er mit alledem demonstrieren, dass auch sein Vater von dieser Art ist. Und in der Tat: der sandte seinen Sohn ja durch die Hintertüren der Welt, nämlich durch den Stall von Bethlehem, der schickte ihn in die Finsternis über dem Erdreich und ließ ihn die tiefsten Stationen menschlichen Leidens und Sterbens durchwandern. Wenn man Gott sehen will, darf man deshalb nicht die Augen in die Wolken erheben, sondern man muss herunter­blicken. Gott ist immer in der Tiefe.

Selbsterkenntnis

Und indem sie nun durch all dieses für sie so Ungewohnte zum mindesten stutzig werden und sich plötzlich außerstande sehen, sich einfach auf dem Absatz umzudrehen, erkennen sie noch mehr: Dass sie unter seinen überweltlichen Augen auf einmal selber Menschen werden, die merken, wie sehr ­ihnen etwas fehlt, wie sehr sie Menschen sind, die einen dem Tode verfallenen Körper haben, und die dringend jemanden brauchen, der stärker ist als das Todesschicksal; wie sehr sie Menschen sind, die ein belastetes Gewissen haben, und die dringend jemanden brauchen, der die Ketten ihrer Schuld bricht; wie sehr sie Menschen sind, die voller Sorgen und banger Fragen an die Zukunft denken, sich nach einem König sehnen, der unsere Zeit (und eben damit auch die Ungewissheit der zukünftigen Zeit) in seinen Händen hält. Und indem sie so unter seinen Augen zu Hungernden und Dürstenden, da merken sie auf einmal, dass er das alles zu geben vermag und sogar selber ist: der Weg zum Vater und der Friede des Herzens, die Kraft, die den Tod überwindet, und die Liebe, die allem Leben einen neuen Anfang schenkt. Hier merken sie, dass das Reich Gottes wirklich in ihm angebrochen ist, und dass schon keimhaft die Anfänge dessen in ihm liegen und hervorzubrechen beginnen, was Gott dereinst an seinem Tage in herrlicher ­Erfüllung schenken wird, an seinem Tage, wo er ­alles in allem sein wird, und die alten Weltzustände zerbrechen und ein neuer Himmel und eine neue Erde aus der Waberlohe dieser Untergänge emporsteigen werden.

Eine Frage der Perspektive

Ich sage: Nur so erkennen sie das Reich Gottes, dass sie den Herrn Christus erkennen und in ihm wieder sich selbst. Daher kommt es, dass man das Geheimnis des Reiches Gottes nicht als unbeteiligter Zuschauer erkennen kann, sondern nur von ­innen, indem man sich hineinbegibt, dass man ­also unter die Augen Jesu tritt. Im Reiche Gottes ist nämlich alles eine Angelegenheit der Perspektive, dass heißt, es kommt entscheidend darauf an, wo man steht. Steht man am falschen Ort sieht man nichts, und umgekehrt: hat man den richtigen Fleck unter den Füßen, dann können Kinder und Toren und die Verachteten der Welt die großen ­Geheimnisse des Gottesreiches erblicken. Deshalb ist ja auch Pontius Pilatus nicht dahintergekommen, wer der Herr ist. Darum hatte er nur ein spöttisches und vielleicht auch ein schmerzliches ­Lächeln, als Jesus sagte: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Weil er nicht „unter“ den Augen Jesu stand – als einer, der sich von ihm vergeben ließ und bereit war, „Herr“ zu ihm zu sagen –, darum hatte er kein Augenmaß für die Reich-Gottes-­Verhältnisse, darum musste er sie messen an ­seinen politischen Maßstäben, musste das Reich Gottes mit dem römischen Imperium vergleichen und sah deshalb nichts.

Aber die Dirnen, die unter Jesu Augen wieder ­zurechtgekommen waren, die geistlich Armen, die er getröstet hatte, und die Kinder, denen er die Hände auf das Haupt legte: die hatten Geheim­nisse über Geheimnisse von ihm zu berichten. Und die waren bereit, alles zu verkaufen, um die eine köstliche Perle zu besitzen. …

So verstehen wir, warum Jesus immer wieder vom Geheimnis des Gottesreiches spricht: Den Weisen und Klugen dieser Welt sei es verborgen, aber den Kindern und Tumben, denen, die ihn lieben, werde es offenbar. So spricht er von der verborgenen Perle, vom Schatz, der im Acker vergraben ist, und von einem heimlichen und unbemerkten Wachsen des Reiches. Es kommt eben alles auf den Standort an, an dem man sich befindet.

Ende gut, alles gut?

Der Schlussvers des Vaterunsers ist also ein Lob Gottes, in das wir schließlich alle einmal ausbrechen müssen, wenn uns die Güte Gottes überwältigt, jene Güte, die über unser Bitten und Verstehen zu geben und zu erfüllen vermag. Die Offenbarung lehrt uns den tiefsten Sinn dieses Lobpreises verstehen: Genauso, wie der Beter am Ende seiner ­Bitten und tausendfältigen Erhörungen nicht anders kann, als in das Lob Gottes auszubrechen, so klingt auch am Ende der Geschichte der ewige Lobgesang der Engel und der vollendeten Gerechten. Das Reich Gottes ist der Ort der ewigen Liturgie. Es ist der Raum des unaufhörlichen Gotteslobs. Von diesem Blick auf das Ende aller Wege Gottes gewinnt die Gemeinde ihre heimliche Kraft und den Trost inmitten der Anfechtungen, die ihr das kurze Interim der noch laufenden Geschichte beschert. Die Gemeinde Jesu ist eine Schar von solchen, die ihre Häupter erheben, weil das Alte vergangen ist, und weil sie von der anderen Seite etwas kommen spüren.

Wie real diese Schau der Geschichte in unser ­Leben eingreift wird deutlich an dem sehr merkwürdigen Bericht der Apostelgeschichte, als Paulus und Silas, nach einer schweren Züchtigung ins ­Gefängnis geworfen, um Mitternacht Gott loben und preisen (vgl. Apg 16,25).

Was ist das Geheimnis jenes mitternächtlichen ­Lobes, das Paulus ausgerechnet in der Dunkelhaft seines Gefängnisses anstimmt? Er lobt Gott, statt zu jammern oder auch statt die Zähne aufeinander zu beißen. Warum?

Gott loben heißt, die Dinge von ihrem Ende her ­sehen, sie von den großen Zielen und Erfüllungen Gottes her betrachten. Darum kann Paulus um Mitternacht singen, obwohl ihm so bang zumute ist. Darum muss er sogar singen, denn er weiß: Wenn er in all den physischen und inneren Qualen es einfach wagt, Gott zu loben – allem Augenschein und seinem Verstande und seinen Nerven zum Trotz –, dann wird dieses Ende der Wege Gottes vor seine Seele treten, und dann wird mitten in dem feuchten Loch das Reich Gottes um ihn sein.

Probieren Sie es aus!

Wer von uns gar nicht mehr aus noch ein weiß, der soll einmal alles Hadern und vielleicht sogar alles Bitten einen Augenblick lassen und soll getrost einmal loben, damit er sich auf dies Ende der Wege Gottes einspielt, wo die ewige Liturgie in den Himmel erklingt. Nichts verändert uns so – und gerade in den dunkelsten Augenblicken unseres Lebens – wie das Lob Gottes.

Einen Menschen kann man nur loben, wenn man gesehen hat, was er leistet. Gott muss man loben, um zu sehen, was er leistet. Darum sollen wir ihn gerade in den ausweglosesten Augenblicken unseres Lebens loben. Dann lernen wir auch für unser Leben den Ausweg sehen, einfach deshalb, weil Gott am Ende aller Wege steht.

So beginnt das Gebet des Herrn mit dem lobenden Anruf des Vaters, der „im Himmel“ ist, und es schließt mit dem Lobe dessen, dem das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit zu eigen sind. So ist denn alles, was wir bitten und erflehen, eingeschlossen und umgeben von dem Lobe Gottes. Nur wer diesen Raum des Lobes betritt, kann auch das Bitten recht lernen. Denn er bittet dann nicht mehr unter dem Druck des Augenblicks und aus der Kurzsichtigkeit momentaner Bedrängnis heraus, sondern er bittet im Lichte der Ewigkeit, er bittet vom Ende der Wege Gottes her und bekommt so den richtigen Sinn für die Proportionen des ­Reiches Gottes und für das, was wirklich groß und wirklich klein ist.

Er spricht den Hymnus des Lobes: Von Gott, durch Gott und zu Gott sind alle Dinge! Und er hört nicht auf, zu bitten:
Ewigkeit, in die Zeit / leuchte hell hinein, /
dass uns werde klein das Kleine / und das Große groß erscheine!

Das Größte aber ist der Vater, den wir in Jesus ­ergreifen dürfen. Und das Kleinste ist mein eigenes Ich, von dem ich in Jesus gerade loskomme. Das ­alles lehrt uns dieses Gebet, das die Welt umspannt.

Aus: Das Gebet, das die Welt umspannt, 1953, Quell-Verlag Stuttgart, S. 161-173

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