Mut zur Reife

Was heißt: Dein Wille geschehe

Die Bibel redet oft von Gott als dem Vater oder verwendet andere Bilder von Familie: Gott tröstet uns wie eine Mutter, wir sind seine Kinder, die Mitchristen unsere Geschwister. Aber was heißt Kind Gottes sein für Erwachsene? Besonders in den Anfangszeiten des Glaubens ist die Beziehung zu Gott wie die eines kleinen Kindes zu seinem Vater. Nicht gelegte Fundamente müssen gebaut werden und wir dürfen die Liebe nachholen, die uns als Kind gefehlt hat. Es gibt auch Zeiten in unserem Glaubensleben, in denen wir zu Gott stehen wie Teenager zu ihren Eltern, mit der gleichen Ambivalenz von „ich will was von dir“ und „lass mich in Ruhe“. Es gibt sogar Zeiten, in denen wir für unsere innere Heilung die Erlaubnis zur Rebellion gegen Gott haben. Aber da wollen wir nicht stehen bleiben. Wir möchten ­eine Beziehung zu Gott entwickeln, so wie ein ­erwachsener Mensch sie zum respektierten und geliebten Vater hat. Diese Beziehung ist gekennzeichnet durch Zusammenarbeit.

Gott, der Vater

Als Gott Abraham über seine Pläne mit Sodom und Gomorrha informiert, stellt Abraham sich hin, schaut Gott an und sagt: Lass es uns anders machen. Und Gott lässt sich darauf ein. Gott wünscht und unterstützt, dass ich selber denke, ihm Vorschläge mache, selbstständig vor ihm stehe. Paulus schreibt im 1. Korintherbrief: Wisst ihr nicht, dass die Heiligen die Welt richten werden. Wenn nun die Welt von euch gerichtet werden soll, seid ihr dann nicht gut genug, geringe Sachen zu richten? Wisst ihr nicht, dass wir über Engel richten werden? Wie viel mehr über Dinge des täglichen Lebens (1.Kor 6,2-3).

Wir müssen lernen, solche Verantwortung zu übernehmen. In der neuen Welt Gottes werden wir diese Fähigkeit brauchen und wir werden sie nicht mit einem Schlag haben, sondern sie soll schon hier eingeübt werden und wachsen. Des­wegen sucht und sieht Gott mich als Partner ­seines Wirkens in dieser Welt. Gott könnte es sich ja leichter machen, er könnte den Menschen ­Visionen und Träume geben und ein paar Wunder tun, das wäre doch viel effektiver. Aber er hat sich anders entschieden.

Pfarrer Wolfgang Bittner, Beauftragter für Spiritualität in der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, hat die verhängnisvolle Tendenz beobachtet, von Gott als dem Vater und uns als den Kindern zu erzählen, als ob Gott bloß Freude an Kleinkindern habe. Aber ein Vater, der sich nur an kleinen Kindern freuen kann, hat Schwierigkeiten, wenn ihm reife Söhne und Töchter gegenübertreten. Der Gott der Bibel aber wünscht sich erwachsene Töchter und Söhne.

Gott hat nicht einen Willen, den wir für jeden Wegabschnitt von ihm erfragen müssten. Als reifer Vater fragt er uns, was wir eigentlich möchten, welche eigenen Ideen wir haben. Wir übernehmen Verantwortung für unser Leben und für unseren Glauben. Dazu gehört auch, dass wir selbst für geistliche Nahrung sorgen und unser Wachstum nicht auf andere abwälzen. Wir sind herausge­fordert, Gott täglich in unseren Herzen nahe zu kommen, und nicht darauf zu warten, dass wir als Konsumenten in mitreißenden Gottesdiensten oder Veranstaltungen mit Gottesbegegnung ­„gefüttert“ werden.

Es gibt Christen, die Eventhopping praktizieren. Von einer christlichen Konferenz zum Lobpreisgottesdienst und dann zum nächsten geistlichen Seminar. Das kann inspirierend sein, aber auf Dauer wird es ein Leben von geborgten Glaubenserfahrungen. Was die anderen erfahren und erzählen, borge ich mir, weil in meinem Leben nicht genügend eigenes geistliches Leben da ist. Das ist billiger, aber nicht die Haltung eines erwachsenen Kindes.

Zum Erwachsenwerden gehört die Fähigkeit, von sich selbst wegzuschauen, sich selbstlos einzusetzen für eine größere Sache. Ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient. Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemein­schaft in Christus Jesus entspricht: Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den ­Menschen gleich (Phil 2,4-7).

Loslassen und verschenken können ist die ­Haltung, zu der Paulus uns auffordert. Mich zu ­investieren, in die Gemeinde oder die Gemeinschaft, so wie Jesus sich selber verschenkt hat, ­ohne etwas zurück zu erwarten, das ist eine große Herausforderung. Weil ich reich beschenkt worden bin, mich Gott hingeben aus Liebe zu ihm, nicht, damit er mich segnet, sondern weil ich ihn liebe, ihn als Person. Nicht, weil er etwas für mich tut, sondern weil er Gott ist.

Wenn wir in einer kindlichen Beziehung zu Gott stecken bleiben, dann verfestigt sich ein egozentrischer Wellness-Glaube, bei dem es nur um mein Bedürfnis, meine geistlichen Erwartungen, meine Wünsche geht. Gott ist dafür zuständig, dass es mir gut geht, aber er darf ja nichts von mir fordern, weil mich das schon wieder unter Leistungsdruck setzt. Ich bin doch der Mittelpunkt meines Lebens und es geht doch um mich und meine ­Erbauung, allein mein Wille zählt.

Gott, der König

Die Bildwelt der Familie ist ein Teil des Redens von Gott, aber es gibt in der Bibel eine zweite Bildwelt, die Königreich-Seite. Gott wird als König dargestellt, der sein Reich baut, der Herrscher, der absolute Souverän. Er fragt Hiob: Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir‘s, wenn du so klug bist! (Hiob 38,4). In diesem bewegenden Kapitel  wird die Größe der Schöpfung ausgemalt, und Gott wird uns gezeigt als König des Himmels, vor dem sich alle und alles wird beugen müssen. Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr, kein Gott ist außer mir (Jes 45,5). Die Bibel zeigt uns Gott als den Ehrfurcht gebietenden Herrn der Herren, der in seiner Macht unbegrenzt ist.

So ist Gott trotz aller seiner Liebe und Nahbarkeit, trotz seiner Vaterschaft, die uns zutiefst gilt, kein Kuschelgott, kein Taschengott, den ich einfach handhaben könnte. Er ist ein Gott, der erwartet, dass wir ihm gehören. Er ist der Schöpfer, der zu Recht Anspruch erhebt auf mein Leben. Menschen können sich diesem Anspruch verweigern, aber diese Option verneint das Leben. Die einzige auf lange Sicht tragfähige Antwort ist: Von Rechts wegen gehöre ich dir, dir gehört mein Leben.
Paulus sagt: Keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir ­leben oder sterben, so sind wir des Herrn (Röm 14, 7ff). Dass Gott mir die Freiheit gegeben hat, mich gegen ihn zu entscheiden, ist ein Zeichen seiner Souveränität. Es ist nicht ein Zeichen meiner Souveränität. So sehr wir in einer Hinsicht Gottes Partner sind, deren Mitarbeit er sucht, so wahr ist es auch, dass er nicht zu unserer beliebigen Verfügung steht, wenn wir ihn zu brauchen meinen. Gott erwartet, dass wir ihm zu seiner Verfügung stehen.

Heiligung ist Teil eines erwachsenen Glaubens. Denn Gott ist der Heilige und in seine Nähe kann nur kommen, wer bereit ist, seinen Willen zur obersten Priorität zu machen. Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird (Hebr 12,14). Auflehnung gegen Gott ist eine Auflehnung gegen die Quelle meines Lebens. Ich kann mich von ihm abwenden, aber über kurz oder lang schneide ich mich damit von der Quelle meines Lebens ab. Das bleibt nicht folgenlos. Gott erwartet, dass ich ihm gehorche, er ist und hat die entsprechende Autorität. Zu der Frau, der Ehebrecherin, die vor ihn gebracht wird, und die er nicht verurteilt, sagt er: Geh hin und sündige hinfort nicht mehr (Joh 8,11). Es reicht nicht, dass wir Vergebung empfangen und dann weiterleben, wie bisher. Wer sagt: Ich habe ihn erkannt, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in dem ist die Wahrheit nicht (vgl. 1.Joh 2,4). In Gal 5,20ff beschreibt Paulus ­eine ganze Reihe von Sünden und sagt dann: Die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erben (Gal 5,21). Er nennt Unzucht und Götzendienst, Saufen, Fressen und dergleichen – prima, das ­mache ich nicht. Dann nennt er aber auch: Feindschaft, Hader, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Spaltungen, Neid – und da wird es peinlich für mich...

Gottes Wille für mich

Wie vereinbare ich das mit der Gnade Gottes? Gnade gibt es nur dort, wo die Sünde ernst genommen wird. Vergebung gibt es nur für Schuld. Es gibt keine Vergebung für „dumm gelaufen“ oder für „komm, machen doch alle“ oder für ­„keiner ist perfekt“. Sünde heißt: Ich habe etwas kaputt gemacht und ich kann es nicht aus eigener Kraft wiederherstellen. Selbst eine anscheinend kleine Sache zeigt ein Muster in meinem Leben, das die Beziehung zwischen mir und Gott oder zwischen mir und den Mitmenschen kaputt macht.

Jesus sagt: Wer den Willen Gottes tut, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter (Mt 12, 50). Im Vaterunser proklamieren wir: Dein Wille geschehe. Zum Glauben kommen ist biblisch gesehen ein Herrschaftswechsel. Ich komme unter ­einen neuen Herrn. Vielleicht unterstand ich vorher anderen Herren, vielleicht war ich mein eigener Herr. Jetzt übergebe ich mein Leben Gott als Herrn. Für manche fühlt sich das an wie eine Kapitulation in einem Kampf. Ich gebe dieses Ringen mit Gott auf und öffne die Türen meines Lebens für ihn, ich gebe mich ihm vorbehaltlos hin. Ich strecke die Waffen und bitte Gott, die Mauern in meinem Herzen abzubauen. Weil ich weiß, dass es keine andere letztlich lohnende Existenz gibt.

Dieser Schritt muss immer wieder im Alltag bestätigt werden. Ich entdecke mit der Zeit immer neue Bereiche, die ich bisher vor Gott verschlossen oder vor ihm zurückgehalten habe. Nach und nach geht es in die Tiefe. In manchen Situationen habe ich dann Angst vor dem, was Gott wollen könnte, wenn ich mich ihm ganz hingebe, und ich schaffe es nicht, alle Türen meines Herzens für Gott zu öffnen. Dann bleibt mir nur zu sagen: „Herr, verändere mein Herz. Ich gebe dir die Erlaubnis, mich Schritt für Schritt dahin zu führen, wo du mich haben willst. Ich gebe dir die Erlaubnis, mich Schritt für Schritt aus dieser Angst zu führen, du könntest etwas wollen, was ich nicht will.“ Aber es gibt auch Situationen, in denen ich vor dieser Kapitulation vor Gott zurückschrecke und sage: „Gott, ich will, dass du tust, was ich will.“ Dann kommt es zu einem endlosen Ringen, dem Versuch, ihn mit geistlichen Techniken, mit Gebet oder Fasten, dahin zu bringen, dass er tut, was ich mir wünsche. Aber Gott lässt sich seinen Arm nicht biegen.  Die Frucht dieses Ringens ist dann Bitterkeit und Vorwürfe gegen Gott; es verhindert geistliches Wachstum. Weil ich ihm nicht vertraue, bleibe ich ruhelos, heimatlos.

Vertrauen ist Entscheidungssache

Nur wenn wir Gott vertrauen, können wir diesen Herrschaftswechsel vollziehen. Wir haben alle ­irgendwo Angst, Angst vor dem Tod, Angst um unseren Wohlstand, Angst um unsere Gesundheit, Angst um unsere Liebsten, Angst, dass unser Leben sinnlos sein könnte. Gott trotz dieser Angst zu vertrauen, heißt nicht anzunehmen, dass uns nichts Schlimmes passiert, sondern es heißt zu wissen, dass das Schlimme nicht das letzte Wort haben wird. Gott ist stärker als alles Böse. Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll (Röm 8,18). Oder: Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind (Röm 8,28). Vertrauen auf Gott heißt: Letztlich wird er Sieger sein. Teilweise erleben wir das schon hier: Wir werden aus einer schwierigen Situation befreit, können etwas durchstehen, bekommen Heilung geschenkt. Aber an manchen Punkten werden wir sein Siegersein erst in der neuen Welt Gottes erleben. Vertrauen heißt: „Gott, ich weiß, dass du mein Leben im tiefsten Sinn entfaltest. Keiner kann es besser als du. Was du mir zumutest, wird, wenn ich es ­annehme, zum Wachstum und zur Reife dienen. Deine Pläne sind das Allerbeste für mich, du siehst weiter als ich sehen kann, ich vertraue mich dir an. Ich glaube, dass du mich mehr liebst, als ich mich liebe.“

Wenn wir als Glaubende gleichzeitig Gott immer wieder misstrauen, dann ist das Sünde. Sünde deswegen, weil mir Gott seine Vertrauenswürdigkeit nicht erst beweisen muss; diesen Beweis hat er am Kreuz bereits unüberbietbar erbracht. Weitere Beweise zu fordern, ist zumindest einem erwachsenen Glauben nicht mehr angemessen. Deswegen entscheiden wir uns immer wieder mit Gottes Hilfe, ihm zu vertrauen. Wir wenden uns von ­unserem Misstrauen und von unserer Angst ab und zur Liebe und zum Vertrauen hin.

Reifer Glaube

Reifer Glaube hält diese Balance: Gott ist unser Vater und er ist Herr der Schöpfung. Er ist der, der mich liebt und trägt wie ein Vater sein kleines Kind. Er ist der, der mich zur Mitarbeit an seinem Reich befähigt und meine Eigenverantwortung sucht. Er ist auch der, vor dessen Größe unsere Demut die einzige angemessene Haltung ist; er ist der, dem ich mein Leben verdanke und von dem ich nichts zu fordern habe.

Reifer Glaube hält die Balance: Jesus ist mein ­Bruder und Freund und er ist der König der Könige. Er ist Mensch wie ich, nahe, zugänglich, er versteht meine Gefühle, meine Schwachheit. Aber er ist auch der König, dem absoluter Gehorsam zusteht. Vor seinem Willen will ich kapitulieren und sagen: „Dein Wille geschehe“.

Reifer Glaube hält die Balance, dass der Heilige Geist der Tröster ist und der Heilige. Der, der in mir lebt, der mich heilt, der mir Gaben gibt, der Wunder tut; aber auch der, der durch Sünde ab­gestoßen wird, wie sich gleichpolige Magnete abstoßen. Heiligung ist keine Option, die ich nach Belieben wählen oder lassen kann, sondern die einzig angemessene Beziehung zu ihm. Er steht nicht zu meiner Verfügung, sondern er will mich ganz und gar in Besitz nehmen. Für einen reifen Glauben ist es nötig, immer beide Seiten in Balance zu halten.

Machen wir uns auf, diese verschiedenen Seiten Gottes immer besser kennenzulernen!

Es ist mein Gebet, dass Christus aufgrund des Glaubens in euren Herzen wohnt und dass euer ­Leben in der Liebe verwurzelt und auf das Fundament der Liebe gegründet ist. Das wird euch dazu befähigen, zusammen mit allen anderen, die zu Gottes heiligem Volk gehören, die Liebe Christi in allen ihren Dimensionen zu erfassen – in ihrer Breite, in ihrer Länge, in ihrer Höhe und in ihrer Tiefe. Ja, ich bete darum, dass ihr seine Liebe versteht, die doch weit über alles Verstehen hinausreicht, und dass ihr auf diese Weise mehr und mehr mit der ganzen Fülle des Lebens erfüllt werdet, das bei Gott zu finden ist (Eph 3,17-19 NGÜ).

Anmerkung:
1 Wolfgang J. Bittner, Biografie, S.8; Download der PDF auf der Webseite des Autors http://bit.ly/1pykAIs; abgerufen am 23.2.2016.

Von

  • Ursula Schmidt

    Theologin. Sie und ihr Mann Manfred halten Seminare, Vorträge und Schulungen in Gemeinden und Kirchen unterschiedlicher Prägung.

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