Und am Ende ganz am Ende wird das Meer in der Erinnerung blau sein.*

Was heißt: Und vergib uns unsere Schuld

Ich war ein Papakind. Liebte ihn bedingungslos, so wie Kinder das eben tun. Mit elf Jahren kam es zum Bruch. Wir saßen bei Tisch und er sagte – ich habe keine Erinnerung mehr daran, was davor geschehen war, aber ich denke, es gab einen dieser pubertären hässlichen Wortwechsel mit meinen Brüdern: „Wenn ihr mal groß seid, werdet ihr mich alle verachten und verlassen!“ Ich stand sofort auf, lief zu ihm hin und sagte: „Ich nicht, ­Papa.“ Und er schaute mich an und sagte: „Du auch.“ Da zerbrach etwas in mir. Meine Liebe starb. Ich wurde zunehmend distanziert, kritisch, vorwurfsvoll. Ich sah nur noch seine Mängel und Fehler, sein aufbrausendes Wesen machte mir Angst, ich verschloss mich ganz fest. Da war Hass und auch ein großer Schmerz.

Und vergib uns unsere Schuld

Mit 17 erlebte ich, dass Jesus mir seine Freundschaft anbot. Dass Gott mein Vater sein wollte. Ich war so sehnsüchtig nach Nähe und Angenommensein, dass ich von ganzem Herzen Ja sagte. Dazu gehört auch, dass ich mein Leben vor ihm anschaute, um Vergebung für meine Schuld bat und Dinge in Ordnung bringen wollte, die schief und falsch waren. Ich sprach mit jemandem, der mir vertrauenswürdig erschien, über die Beziehung zu meinem Vater. In diesem Gespräch wurde ich gefragt: „Was braucht dein Vater, um sich ändern zu können?“ Spontan kam mir die Antwort: „Liebe. Ein Mensch kann sich nur durch Liebe verändern.“ Dann fiel mir ein, dass ich aufhören sollte, ihm vorzuwerfen, was er mir schuldig geblieben ist – und diese Liste war lang – und ihn stattdessen um Vergebung bitten, dass ich ihn ablehnte, aufsässig und frech geworden war. Ich wollte aus meiner Verachtung und meinem Hass herauskommen, denn die passten nicht zu einem Leben mit Jesus. Wieder zuhause habe ich meinen Vater in seiner Amtsstube – so hieß sein ­Pfarrbüro in unserer Familie – um Vergebung ­gebeten. Das habe ich nicht getan, weil ich mir große Hoffnungen machte, sondern weil ich Gott vertrauen wollte, dass sich die Beziehung zu meinem Vater verändern könnte. Mein Vater war ­gerührt und sehr froh. Und ich erlebte ein Wunder. Die fest verschlossene Tür in meinem Herzen öffnete sich freiwillig, leise, langsam. Das war der Anfang für einen sehr langen Weg, auf dem ich lernte, ihn wieder zu lieben. Und noch etwas ­geschah: Ich lernte Gott, meinem himmlischen Vater, zu vertrauen und zu lieben. Er hat mich nie enttäuscht. Ich erlebte, dass ich gesehen und ­geachtet wurde. Das war auch der Beginn dafür, dass ich ein Mensch werden konnte, der sich annimmt, so wie er ist. Mit Schwächen und Stärken. Versagen und Siegen. Verzweiflung und Mut.

… wie auch wir vergeben

Viele Jahre später. Mein Vater war über 90 Jahre alt und wunderte sich manchmal, ob „der da oben ihn schon vergessen habe“. Er war milde geworden, freute sich an seinen Kindern und Enkeln, und wenn wir ihn besuchten, war er interessiert an uns. Aber immer noch gab es heftige Aus­brüche – heute weiß ich, dass er durch sieben Jahre Krieg, Gefangenschaft und Verlust der Heimat in Schlesien schwer traumatisiert war. Er konnte in den letzten Jahren nicht mehr gehen, lag meistens im Bett und bei einem Besuch brach es wieder einmal aus ihm heraus: „Diese Polen, die uns unser Haus weggenommen haben!“ Ich wusste, dass es nichts nützte, jetzt zu sagen, dass wir doch den Krieg begonnen und Polen überfallen hatten, und viele von ihnen selbst auch vertrieben worden waren. Bevor ich reagieren konnte, sagte er noch: „Und der Frau S., das kann ich ihr nie verzeihen. Sie hat Friederun und mir die Zimmer verweigert, in die wir als Flüchtlinge hätten einziehen können. Wir kamen dort an – und sie schickte uns einfach wieder weg.“ Mein Vater war damals als Krankenhauspfarrer in Winnenden tätig. Als Flüchtlinge hatten meine Eltern buchstäblich nichts, aber der Oberkirchenrat hatte ihnen mitgeteilt, dass sie im Pfarrhaus zwei Zimmer mit Küchenbenutzung beziehen können. Welch ein Glück, endlich als junges Ehepaar gemeinsam ­leben zu dürfen. Die Pfarrfrau bewohnte, da ihr Mann noch in englischer Kriegsgefangenschaft war, mit einem Kind ein riesiges Pfarrhaus. Sie weigerte sich, meine Eltern aufzunehmen. Noch nach Jahrzehnten war das für ihn schrecklich ­beschämend. Auch dass er sich das hatte bieten lassen und meine Mutter nicht schützen, nicht für sie eintreten konnte – aber nach Krieg und Verlust der Heimat und seines Zuhauses hatte er dafür keine Kraft.

Nun saß ich an seinem Bett, als das alles aus ihm herausbrach. Ich fasste mir ein Herz und sagte ihm, dass es jetzt vielleicht an der Zeit sein könnte, den Polen – und dieser Frau zu vergeben. Dass es für Mutti nicht mehr schlimm war. Sie hatte längst ihr Zuhause bei Gott gefunden und ihren Frieden gemacht.            
„Ach“, wehrte er ab, „das ist ja alles nicht so wichtig.“ Und da habe ich darauf bestanden, dass das sehr wohl wichtig sei, ob er diesen Menschen vergeben könne. Und dass es gar nicht so schwer sei. Er habe doch tausende Male persönlich und als Pfarrer das Vaterunser gebetet. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Dass wir das doch jetzt gemeinsam beten könnten. „Und wenn wir zu diesen Zeilen kommen, dann vergibst du ihnen diese schwere Schuld.“ Er nickte und wir beteten zusammen. Als wir zu „und vergib uns unsere Schuld“ kamen, seufzte er und nickte. Bei „wie auch wir vergeben“ schossen ihm Tränen in die Augen – aber er betete es.          
Dann saßen wir noch eine Weile still beieinander. Er lächelte und sagte: „Danke!“ Zwei Jahre später konnte er friedvoll im Kreis seiner Familie einschlafen.

*Aus dem Gedicht von Reiner Kunze, Rudern zwei ein Boot

 

 

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