Das Gebet ist kein gelegentlich anzuwendendes Mittel,
nicht ein letzter Ausweg dann und wann.
Es ist vielmehr ein fester Wohnsitz für das Innerste der Person.
Alle Dinge haben eine Heimat:
Der Vogel hat ein Nest,
der Fuchs seinen Bau und
die Bienen ihren Stock.
Eine Seele ohne Gebet ist eine Seele ohne Heimat.
         Abraham Joshua Heschel

 Herr, lehre uns beten.
         Lukas 11,1

Liebe Mitchristen

haben Sie ein Zuhause? Ein schönes, gemüt­liches, auf Sie zugeschnittenes Zuhause, in dem Sie sich wohlfühlen? Wenn ja, sind Sie zu ­beglückwünschen. Denn ein Zuhause, eine Heimat brauchen wir, damit Kinder aufwachsen und Gäste ein- und ausgehen können, ­Arbeiten erledigt, Feste gefeiert und freie Zeit gestaltet werden kann, damit Leben, Lieben und Leiden seinen Ort hat. Sich zu verorten ist ein Grundbedürfnis von uns Menschen.   
In einer Zeit, in der es so viele Häuser und ­Eigenheime in unserem Land gibt, wie wohl nie zuvor, erleben sich doch viele Menschen als nicht beheimatet, als unbehaust. Vielleicht liegt es daran, dass sie das Beten verlernt haben oder noch schlimmer, dass es ihnen nie jemand ­gezeigt und mit ihnen eingeübt hat.

Jesus war ein großer Beter. Wie oft steht in der Bibel, dass er sich von der Menschenmenge, die ihn stets umgab, abseilte, um – meistens früh morgens – ungestört Zeit mit seinem Vater im Himmel zu verbringen. Ob er da auch betete: Vater im Himmel, heilige deinen Namen, es komme dein Reich … unser tägliches Brot gib uns heute…?
Und dann ist er zurückgegangen zu der wartenden Menge, zu den Hungrigen und Kranken, den ­Unbehausten und Heimatlosen, um mit ihnen das Kostbarste zu teilen, was er hatte: seine Beziehung zum Vater.

Jesus war auch ein großartiger Lehrer. „Lehren heißt zeigen, was man liebt“ (Fulbert Steffensky). Jesus hat sich gezeigt, hat sich erkennbar gemacht für seine Schüler, lässt sie und uns sein Herz ­sehen, damit wir lernen können, was uns zum ­Leben hilft.
Jeder kann beten lernen, denn „Beten ist keine Kunst, es ist ein Handwerk“ (F. Steffensky).

Jesus war Handwerker − im doppelten Sinn − und noch heute buchstabieren wir die wenigen Worte, mit denen sein Gebet auskommt.

Zurück zum Haus: Wenn das Gebet die Heimat der Seele ist, dann ist das Vaterunser Jesu vielleicht so etwas wie die Eingangstür des Hauses, in dem unsere Seele und damit auch unser Leben zu Hause sein kann. Nun ist es selten so, dass man der Eingangstür eines vertrauten Hauses viel Aufmerksamkeit schenkt, obwohl oder gerade weil man sie so oft benutzt.
Mir geht es jedenfalls öfter so, dass ich in Gottesdienst oder Andacht schon bei der Hälfte des ­Vaterunsers angekommen bin, bevor ich überhaupt bewusst wahrnehme, dass ich es bete. Und dann ist es schon wieder vorbei und der Augenblick verflogen, in dem die „Eingangstür“ weit ­offen stand. Wie schade!

Der vorliegende „Brennpunkt Seelsorge“ ist eben dieser „Eingangstür“ gewidmet und soll dazu dienen, uns das Vaterunser von innen her in einigen seiner seelsorgerlichen Aspekte zu erschließen. Vielleicht kann er uns helfen, es bewusster und inniger zu beten.
Wir dürfen gewiss sein, dass unser Menschen­bruder Jesus, der, an der Seite des Vaters sitzend, unsere Welt liebevoll ins Gebet nimmt, unser stammelndes, unkonzentriertes, unbeholfenes Beten mitbetet und uns und jedem, der sich anstecken lässt, die Tür zum Vaterhaus weit öffnet.

In dieser Gewissheit wünsche ich Ihnen ermutigende und frohmachende Erfahrungen und ­grüße Sie mit dem ganzen Redaktionsteam ­herzlich

Rebekka Havemann

Von

  • Rebekka Havemann

    Krankenschwester, lebt seit 1999 in der OJC. Seit Sommer 2014 verstärkt sie das Team vom Haus der Hoffnung in Greifswald. Seit 2016 gibt sie die Zeitschrift Brennpunkt Seelsorge heraus.

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