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Was heißt: wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Die fünfte Vaterunserbitte lautet bei Lukas:

Erlass uns unsere Sünden, denn auch wir erlassen jedem, der uns Schuldner ist (Lk 11,4).

Bei Matthäus lautet sie:

Erlass uns unsere Schulden, wie auch wir erlassen haben unseren Schuldnern (Mt 6,12).

Man sieht sofort, dass die im deutschen Sprachraum übliche Vaterunser-Fassung hier Lukas und Matthäus miteinander kombiniert hat:

Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

„Vergib uns unsere Schuld“ lehnt sich an Matt­häus an. Das Präsens in „wie auch wir vergeben“ greift hingegen auf Lukas zurück. Matthäus hat hier eine Vergangenheitsform: Die Jünger haben ihren Schuldnern bereits all ihre Sündenschulden erlassen; deshalb kann Gott nun auch ihnen die Schulden erlassen. Wir werden auf diese matthäische Relation „Vergib uns – wir selbst haben vergeben“ noch zurückkommen.

Die fünfte Vaterunserbitte wird erst wirklich verständlich, wenn wir sie als Bitte der neuen Familie um Jesus begreifen. Denn die Vergebung ­bekommt gerade dort eine besondere Dringlichkeit, wo Glaubende sich um der Gottesherrschaft willen zu einem neuen Miteinander sammeln ­lassen. Dann fallen alle Mauern, die jeder Einzelne um sich herum aufgebaut hat. Es bleibt nicht mehr verborgen, wer er ist. Es wird unverhüllt sichtbar, dass jeder dem anderen unendlich viel schuldig bleibt. Anders ist die erschrockene Frage des Petrus in Matthäus 18 nicht zu verstehen:  Da trat Petrus (zu Jesus) herzu und fragte ihn: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Bis zu siebenmal?“ Da antwortete ihm Jesus: „Nicht bis zu siebenmal, ­sage ich dir, sondern bis zu siebenundsiebzigmal.“ (Mt 18,21-22)

„Bis zu siebenundsiebzigmal“ ist natürlich eine orientalische Redeform (vgl. Gen 4,24). Gemeint ist: Immer, ohne jede Einschränkung. Dass es bei dem „Bruder“ wirklich um den Bruder in der Jüngergemeinde geht, zeigt der Textzusammenhang: Das 18. Kapitel des Matthäusevangeliums ist eine sorgfältige Komposition, die vom Anfang bis zum Ende vom Leben in der Gemeinde handelt. Das Kapitel beginnt mit einem Rangstreit der Jünger, warnt dann vor der Verführung von Jüngern und spricht anschließend von der Hirtensorge für die Verlorenen und der Verantwortung für den Bruder in der Gemeinde. Hierauf folgt die Frage des Petrus, wie oft er seinem Bruder verzeihen müsse. Und das Kapitel endet mit dem Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger, der zum abschre­ckenden Musterfall für den wird, der innerhalb der Gemeinde nicht verzeiht.

Das gesamte Kapitel zeigt: Die Vergebung gehört zum Lebensatem der Jüngergemeinde. Immer und überall muss es in ihr vorbehaltloses Verzeihen geben – schon allein deshalb, weil auch Gott immer wieder verzeiht. Dieser nicht nachlassende Vergebungswille stößt nur dort an seine Grenze, wo ein Mitglied der Gemeinde die Ermahnung durch die anderen nicht annimmt und sich so selbst aus dem Raum der Vergebung herausbegibt (vgl. Mt 18,15-17).

Aber wird die Vergebungsbereitschaft, von der das Vaterunser spricht, nur von den Jüngern Jesu gefordert? Wird sie nicht auch von den Freunden und Sympathisanten Jesu verlangt, die ortsgebunden sind und irgendwo in ihren Häusern leben? Noch einmal anders: Gilt sie nicht dem gesamten Gottesvolk, für das Jesus lebt und das er sammeln möchte? Die Frage ist wichtig, denn sie ist geeignet, die Frage nach den Adressaten des Vater­unsers, die wir schon zu Anfang dieses Buches ­gestellt haben, noch genauer abzuklären.

Wir greifen dazu wiederum auf einen konkreten Text zurück. Er wird zeigen, dass die Vergebungsbereitschaft, die Jesus verlangt, nicht nur von seinen Jüngern gefordert ist, sondern von allen im Gottesvolk. Zugleich wird dieser Text das, was Vergebung ist, noch heller beleuchten. In Matt­häus 5,23-24, also innerhalb der Bergpredigt, heißt es: Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dort in den Sinn kommt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat – lass deine Opfergabe dort vor dem Altar, geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder. Dann komm und opfere deine Gabe.

Da ist also einer, der Gott die Ehre geben will.

Da ist also einer, der Gott die Ehre geben will. Er macht eine Wallfahrt zum Tempel. Wenn er ein Galiläer ist, ist er drei Tage lang auf steinigen und staubigen Straßen unterwegs gewesen. Nun ist er in Jerusalem angekommen, und wir sehen ihm zu, wie er seine Opfergabe zum Altar bringt.

Das ist die vorausgesetzte Situation. Jeder der damaligen Zuhörer kennt sie. Jeder ist unmittelbar betroffen, wenn Jesus fortfährt: Es kann sein, dass du schon dabei bist, deine Opfergabe darzubringen. Da erst kommt dir zu Bewusstsein: Daheim in meinem Dorf, vielleicht sogar in meiner Familie ist einer, der etwas gegen mich hat. Wenn dir das klar wird, sagt Jesus, lass deine Gabe dort vor dem Altar, kehr nach Hause zurück und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder. Dann komm wieder zum Tempel und opfere.

Bemerkenswert bei dem Ganzen ist zunächst einmal, dass Jesus nicht ausdrücklich sagt, derjenige, um den sich der Opfernde bemühen soll, sei ein Jünger oder ein Anhänger Jesu. Das Wort ­„Bruder“ lässt in diesem Fall alles offen. Es kann einfach der Glaubensbruder im Gottesvolk sein.

Bemerkenswert ist weiterhin, dass Jesus hier nichts gegen den Tempel sagt. Er findet es gut, dass der Jerusalemer Tempel strahlend wird durch die Gaben der Israeliten. Er setzt als selbstverständlich voraus, dass die Gläubigen von überall her nach Jerusalem wallfahren, um den Tempel zu besuchen und dort Gott die Ehre zu geben.

Noch wichtiger ist ihm allerdings, dass die Menschen im Gottesvolk versöhnt miteinander leben. Tun sie es nicht, sind Tempelbesuch und Opfer sinnlos. Jesus knüpft damit ganz unmittelbar an die Kultkritik der Propheten an, etwa an die ­Gottesrede in Amos 5:

Ich hasse, ich verwerfe eure Feste. Eure Festversammlungen kann ich nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt und Speiseopfer – ich habe an ihnen kein Gefallen. Die Dankopfer von euren Mastkälbern will ich nicht sehen. Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören. Vielmehr: Das Recht ströme wie ein Wasserquell und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach (Amos 5,21-24).

Wenn die sozialen Verhältnisse im Gottesvolk nicht stimmen, sind die Herrlichkeit des Tempels und die Schönheit der Gottesdienste eine Farce. Das betonen die Propheten immer wieder. Für ­Jesus ist unversöhntes Nebeneinander im Gottesvolk genauso inakzeptabel wie soziales Unrecht. Menschen, die miteinander versöhnt und ein­mütig leben, sind für ihn die unabdingbare Voraussetzung jedes Gottesdienstes.

Bemerkenswert ist schließlich, wie Jesus das Beispiel, das er vorträgt, in Szene setzt. Er sagt nicht: Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dort kommt dir in den Sinn, dass du deinen Bruder beleidigt oder verletzt hast − lass deine Opfergabe dort vor dem Altar, geh und bitte deinen Bruder um Vergebung ... Er sagt vielmehr: Wenn dir klar wird, dass dein Bruder etwas gegen dich hat ...

Wer der Schuldige ist, interessiert Jesus also nicht. Diese Frage lässt er bewusst offen. Es wäre durchaus möglich, dass nicht der im Tempel schuld an dem Zerwürfnis ist, sondern der zu Hause. Trotzdem muss der im Tempel alles tun, dass es zur Versöhnung kommt. Er darf die Dinge nicht so lassen, wie sie sind. Er darf gerade nicht sagen: Der andere hat angefangen. Also muss er jetzt auch den Anfang machen, wenn wieder Friede sein soll. Er muss zuerst kommen und sich bei mir entschuldigen. Dann können wir weitersehen.

Wer so denkt, lässt sich von bürgerlicher Moral leiten, nicht aber vom Evangelium. Jesus ist überzeugt: Zerwürfnisse und Feindschaften sind im Gottesvolk etwas so Unmögliches, dass sofort versucht werden muss, sie zu beenden − ob man nun selber schuld ist oder nicht. Solange man nicht selbst alles getan hat, sich mit dem anderen zu versöhnen, hat es keinen Sinn, zum Gottesdienst zu gehen. Solche Gottesdienste, sagt Jesus, sind Gott ein Gräuel. Aber eine Freude sind für ihn ­Menschen, die Frieden herstellen, die dem Frieden nachjagen und die Versöhnung suchen.

Jesu Auffassung über die Versöhnung macht den Unterschied zwischen bloßer Religion und dem jüdisch-christlichen Glauben offenkundig: Opfer, die man den Göttern darbringt, gibt es in allen Religionen; ebenso Festzeiten, Wallfahrten, Heiligtümer, Weihwasser, Altäre, Gottesdienst, Gebet, Ritual, Fasten, Almosen – all das gehört zum Wesen der Religion, und Religion gibt es überall.

Für den Glauben des Gottesvolkes aber ist ­charakteristisch, dass mit unbestechlicher Nüchternheit gesagt wird: Alles Beten, aller Opfer­betrieb, aller Gottesdienst ist nutzlos, wenn er nicht ein neues Miteinander erzeugt. Im Gottesdienst versöhnt sich Gott mit uns, und er ergreift dabei selbst die Initiative; deshalb müssen auch wir uns versöhnen und dabei wie er die Initiative ergreifen.

Dem scheint nun allerdings die matthäische ­Fassung der fünften Vaterunserbitte zu widersprechen. Ist da nicht so formuliert, als mache Gott seine Initiative von unserer, schon voraus­gegangenen Initiative abhängig? Erlass uns unsere Schulden, wie auch wir erlassen haben unseren Schuldnern.

Das Problem löst sich aber sofort, wenn wir uns noch einmal den Vorgang von Matthäus 5,23-24 vergegenwärtigen: Einer will in Jerusalem seine Opfergabe darbringen und sich im Tempel an den Ort der Verherrlichung Gottes begeben. Aber er darf seine Gabe gar nicht zum Altar bringen, falls er sich nicht zuvor mit seinem Glaubensbruder zu Hause versöhnt hat. Hat er aber dann seinem Schuldner alles erlassen, bekommt nun auch er, zurückgekehrt nach Jerusalem, von Gott alles erlassen. Die Versöhnung mit dem Glaubensbruder ist die Voraussetzung für den Gottesdienst im Tempel. Und doch hat Gott diesen Gottesdienst als den bleibenden Ort geschenkter Versöhnung längst gestiftet. Gott hatte längst die Initiative ­ergriffen.

Analoges gilt für den christlichen Gottesdienst. Hier fand das Vaterunser schon sehr früh seinen Ort vor dem Empfang der Eucharistie. Leitete das Vaterunser aber die Mahlfeier ein, war es sinnvoll, dass die Gläubigen in der fünften Bitte bekannten, dass sie nicht ­unversöhnt zum Tisch des Herrn gingen: Sie hatten ihren Brüdern und Schwestern bereits vor der Mahlfeier vergeben. Sie hatten sich bereits versöhnt. Und doch war ihrer eigenen Versöhnungstat die Tat Christi längst vorausgegangen.

Bei all dem zeigt sich: Der jüdische und der christliche Gottesdienst sind mehr als ein isoliertes, herausgehobenes Ereignis. Der Gottesdienst beginnt schon, bevor man sich dem Tempel ­nähert. Und er beginnt auch schon, bevor die Messe anfängt. Er umfasst das ganze Leben. Er umfasst es nicht nur, er verändert es und verschiebt alle Horizonte. Derjenige, der eigentlich opfern will, dann aber zurückeilt, um Versöhnung zu schaffen, sich die Beine müde läuft, um zu seinem Gegner zu kommen, ihm nachlaufen muss und nicht einmal weiß, ob sein Angebot ein offenes Herz findet, wird selbst zum Opfer.

Plötzlich leuchtet hinter Matthäus 5,23-24 der Weg Christi und das Opfer seines Lebens auf. Er hat sich für das Gottesvolk müde gelaufen, um Versöhnung zu schaffen, und man hat ihn dafür gekreuzigt. Allerdings: Aus seinem Tod sind die österlichen Gemeinden entstanden – der endgültige Ort der Versöhnung.

Aber nun zurück zu unserer Anfangsfrage: Es ist wohl deutlich geworden: Erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben – das kann nicht nur den Jüngern gesagt sein, die Jesus unmittelbar nachfolgen. Es gilt, wie Matthäus 5,23-24 zeigt, allen im Gottesvolk. Andererseits gilt es, wie das gesamte Vaterunser, zunächst einmal und vor allem den Jüngern, die das Nervenzentrum des zu sammelnden endzeit­lichen Israel sind. Wir werden also die sich immer wieder zeigende Spannung durchhalten müssen: Das Vaterunser ist Gebet der Jünger, von Jesus für ihre ganz spezifische Situation formuliert – und es ist doch Gebet aller in Israel, die miteinschwingen in das, was jetzt durch Jesus geschieht.

Aus: Das Vaterunser neu ausgelegt. Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH, Stuttgart 2012, S. 88-96.

Von

  • Dr. Gerhard Lohfink

    kath. Priester. Er war bis 1986 Professor für Neues Testament in Tübingen und arbeitet jetzt als Theologe in der Katholischen Integrierten Gemeinde

    Alle Artikel von Dr. Gerhard Lohfink

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