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Versöhnung mit dem Vater

Was heißt: Unser Vater im Himmel

Wohl kein anderes Gebet geht so oft über Menschenlippen wie das Vaterunser. Als die Jünger dem Geheimnis ihres Meisters auf die Spur kommen wollten, baten sie: Herr, lehre uns beten (Lk 11,1-4). Daraufhin schenkte Jesus den Jüngern das Vaterunser. Damals und heute wollte er seine Beziehung zum Vater nicht für sich behal­ten, sondern dass alle daran teilhaben. Er will, dass auch wir die Liebe Gottes erkennen und als Töchter und Söhne zu ihm Abba, Vater, sagen können.

Das Gebet zum Vater

Das zärtlich vertrauensvolle Wort Abba – ähnlich unserem Papa – erklärt, was Jesus uns in seiner Menschwerdung von Gott offenbaren wollte: Gott, der seine Schöpfung unendlich über­steigt, ist uns unsagbar nahe. Ein frommer Jude damals hätte es kaum gewagt, sich so an Gott zu wenden. Auch keine andere Religion wagt es, Gott mit ­einem so vertrauten und liebevollen Namen anzureden: Unser Vater im Himmel. Jesus will, dass wir erkennen, dass wir Kinder Gottes sind. So sind wir nicht nur eingeladen, sondern berufen, in diese warme befreiende Beziehung mit dem Vater zu treten. Im Glauben dürfen wir Christen gewiss sein, dass jener geheimnisvolle Gott unser Vater ist. Somit ist das Vaterunser mit Recht das Hauptgebet der Christenheit. Dass wir zu Gott im ­Vater-Kind-Verhältnis stehen dürfen, ist einer der größten Schätze, den Jesus uns gebracht hat.

Schatz der Liebe Gottes

Das Wort Vater ist heute umstritten wie kaum ein anderes. Manche haben mit dem Bekenntnis zu Gott als Vater Schwierigkeiten, weil sie meinen, so werde Gott zu einem männlichen Wesen gemacht und damit die patriarcha­lische Vorherrschaft des Mannes begründet. Doch wenn wir Christen von Gottvater sprechen, wird Gott nicht auf ein ­Geschlecht festgelegt, vielmehr wird damit sein Wesen zum Ausdruck gebracht. Er ist weder Mann noch Frau – er ist Gott.

Durch die Erfahrung des Kindes mit seinen ­Eltern enthält das christliche Gottesbild natürlich auch weibliche Züge, die man mit dem Begriff des Fraulichen, des Mütterlichen verbindet (vgl. Jes 49,15; Jes 66,13; Dtn 32,18; Hos 13,8). Aber da ­Jesus Christus Gott als „Abba“ – „Vater“ anredete, sind Christen nicht autorisiert, zum Beispiel das „Vater unser“ durch ein „Mutter unser“ zu erset­zen. Lange bevor die feministische Theologie zu einer Mode­strömung wurde, schrieb C. S. Lewis: „Das religiöse Leben eines Kindes, das man zu ­einer Mutter im Himmel zu beten gelehrt hat, würde sich radikal von dem eines christlichen Kindes unter­scheiden.“

Die Liebe Gottes zu Israel wird mit der Liebe ­eines Vaters zu seinen Söhnen verglichen. Seine Liebe ist auch größer als die Liebe einer Mutter zu ihren Kindern. Gott liebt sein Volk sogar mehr als ein Bräutigam seine Braut. Diese Liebe wird über die schlimm­sten Treulosigkeiten siegen; sie wird so weit gehen, dass sie selbst das Liebste hergibt: Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er ­sei­nen einzigen Sohn hingab (Joh 3,16).

Wie konnte es nun trotz dieser Offenbarung der grenzenlosen Liebe Gottes in seinem Sohn, Jesus Christus, der uns den Weg zum Vater eröffnet hat, zu so einer Entwertung der Vaterschaft in unserer westlichen Gesellschaft kommen? Auch unter uns Christen hat sich eine eigentümliche „Vatervergessenheit“ breit gemacht. Unsere Bilder von Vaterschaft sind weitgehend zu Karikaturen verkommen. Einerseits haben wir das Bild eines schrecklichen Gottes, der alles verbietet und dem gegenüber wir uns stets wie ertappte Kinder fühlen. Wir stellen uns einen Gott vor, der zornig wird, der straft, der sich rächt, der uns verachtet oder ignoriert. Ein anderes verunstaltetes Bild ist ein Vater, der zwar ganz nett ist, aber kraftlos, der schwach und far­blos ist, derart im Hintergrund, dass er eigentlich schon gar nicht mehr exi­stiert. Jesus hat keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, dass die Herrschaft Gottes keinerlei despotische Züge hat. Als die Jünger sich um die ersten Posten im Reich Gottes streiten, stellt sich Jesus auf die Seite der Kleinen; er offenbart seine Größe im Dienen bis zur Hingabe des eigenen Lebens. (vgl. Mt 17,22-23; 18,1-5; Lk 9,43-48; Jes 53; Joh 12,44; 13,20).

Die Vater-Wunde

1963 erschien das berühmt gewordene Buch von Alexander Mitscherlich Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft. Inzwischen sind über 50 Jahre vergangen. Wenn wir aufmerksam die ­Situation der Familie in unserer Gesellschaft ­betrachten, können wir feststellen, dass das Bild des Familienvaters nach und nach verblasst, ja teilwei­se verschwunden ist. Die Aufleh­nung gegen den Vater und gegen Gott, den Vater, hat verheerende Auswirkungen gehabt. Heute müs­sen sich viele Mütter alleine um ihre Kinder kümmern. Auch wenn viele Paare versuchen, das seelische Gleichgewicht ihrer Kinder zu schützen, indem sie sich in freundschaftlicher Weise tren­nen, muss man doch sehen, dass in den meisten Fällen tiefe Wunden entstehen. Die Vater-Wunde, der Mangel oder das Fehlen von Herausforderung und Bestätigung, ist meiner Beobachtung nach eine der häufigsten Verletzungen in der Familie. Das Kind braucht die Erfahrung, dass es gut und geliebt ist, durch den Vater oder durch jemandem, der diesen Platz ein­nimmt. Heute versucht man, den Unterschied zwischen Eltern und Kindern aufzuheben – diese Haltung hat unsere Kultur derart durchdrungen, dass viele Eltern es nicht mehr wagen, Autorität zu sein.  Männer fürchten sich häufig davor, Verantwortung für eine Familie zu übernehmen und laufen ängstlich davon, wo sie gefragt sind, standzuhalten und Halt zu geben. Der moderne Mann ist gezwungen, sich quasi selbst zu erschaffen, aber letztendlich führt ihn das in die Einsamkeit, und er weiß nicht mehr, wer er ist.

Im Judentum definiert sich jeder Mann durch die Beziehung zum Vater. Der Mann ist „Sohn von ...“ Man kann nicht sich selbst sein, wenn man sich nicht vorher von jemand anderem empfangen hat; man kann nicht Vater oder Mutter sein, ohne vorher Sohn oder Tochter gewesen zu sein. In den jüdischen Schriften wird der Segen des Vaters eigens betont: Der Segen des Vaters festigt die Wurzel (Sir 3,9). Das hebräische Wort für Segen (beracha) kommt vom Wort für „Knie“, d.h. man empfängt den Segen auf den Knien, indem man sich vor seinem Vater verneigt, der einem gute Worte sagt. Und diese Worte werden wirk­sam sein!
Anders gesagt: Das Leben kann nicht ohne väterlichen Segen gelingen, fehlt dieser, gelingt es oft nicht, sich Gott anzuvertrauen.

Das Fehlen oder das Versagen des irdischen Vaters erschwert den Glauben an einen himmlischen ­Vater, vermag ihn aber nicht zu verhindern. Man kann auch zu einem positiven Gottesbild finden, indem man den Großvater, andere Väter oder geistliche Väter als Abbild des göttlichen Vaters betrachtet. In meinem eigenen Leben war es ein Bauer, der in unserer Nachbarschaft seinen Hof hatte und mich wie ein eigenes Kind in sein Herz geschlossen hatte und wie ein liebender Vater zu mir war. Auch der Einfluss meiner Großmutter, die uns Kinder jeden Tag zum Gebet um sich versammelte und in all ihren Anliegen, Sorgen und Nöten kraftvoll mit lau­ter Stimme das Vaterunser betete. Dieses einfache Gebet war ganz erfüllt von der liebenden Gegenwart Gottes.  Aus diesen beiden Zuflüssen hatte mein Herz intuitiv erfasst, wie ich mir den himmlischen Vater vorzustellen hatte. Mein eigener Vater war für mich wie ein Fremder, vor dem man sich stets in Acht nehmen musste. Bereits als Jugendlicher beschloss ich, später einmal ein ganz anderer, viel besserer Vater zu sein als er. Aus einer starken Sehnsucht nach ­einem guten Vater heraus malte ich mir aus, wie ein solcher zu sein hat. Als ich dann selber Vater wurde, eiferte ich diesem Idealbild leidenschaftlich nach. Unbewusst machte ich meinen Vater jedoch damit zu meinem Rivalen, dem ich beweisen wollte, dass ich der Bessere von uns beiden bin. Da ich meinen eigenen Vater als Despoten erlebt habe, wollte ich meinen eigenen Kindern im Übermaß die Freiheit geben, die mir bei meinem Vater so sehr gefehlt hatte. Später sagte mir unsere älteste Tochter, dass ich ihr zu viel Freiheit gelassen und sie nicht genug beschützt hätte.

Mir ist schmerzlich bewusst geworden, dass ich mit meiner Kontra-Haltung gegen meinen Vater nur neues Leid verursacht habe. Mit Hilfe meines geistlichen Begleiters begann ich einen Weg der Versöhnung mit meinem Vater, der sich über mehrere Jahre hinzog. Ich lernte neu zu sehen, dass ich unabhängig von meinem irdischen Vater von jeher Gottes geliebtes Kind war und immer bleiben werde.

Schritte in die Versöhnung mit dem Vater

Ich lernte Neues über meinen Vater zu denken und ihn zu achten:

  • Mein Vater und meine Mutter sind der biologische Ursprung meiner Existenz; ihnen verdanke ich mein Leben. Und selbst wenn ich nicht wüsste, wer mein bio­logischer Vater ist, oder wenn ich ungewollt war, so weiß ich dennoch eines: Gott ist der Ursprung meiner Existenz. Mein himmlischer Vater hat mich gewollt.
  • Auch wenn mein Vater nicht da war, als ich ihn gebraucht habe, so weiß ich doch: Gott, mein himmlischer Vater, ist immer für mich da und vergisst mich nicht.
  • Mein Vater sollte mich immer beschützen. Und auch wenn er mich nicht vor Gefahren beschützte und mir vielleicht selbst eine Gefahr war, so weiß ich doch: Gott ist mein himmlischer Beschützer; in seinen Händen ist mein Leben geborgen.
  • Mein Vater hat mich körperlich immer gut ernährt und dafür danke ich ihm. Auch wenn er meine Seele und meinen Geist nicht ernährt hat, so weiß ich doch: Gott gibt mir Nahrung zur rechten Zeit und führt mich an die Quelle des Lebens.
  • Obwohl mein Vater mir keine Wegweisung und Wertevermittlung gegeben und mich mit seinen falschen Vorstel­lungen in die Irre geführt hat, so weiß ich doch: Gott führt mich und hilft mir, auf dem richtigen Weg zu gehen
  • Mein Vater hat mir einen Rufnamen gegeben, mit dem ich lange nicht glücklich war. Doch ich weiß: Gottes Name ist auf meine Stirn und in mein Herz geschrieben; und er wird mich einst bei meinem Namen rufen
  • Mein Vater hat mir nur das irdische Leben erschlossen, weil er, äußerlich betrachtet, stark im Diesseits verhaftet war. Dennoch haben mich ­meine Sehnsucht und andere Menschen gelehrt: Gott existiert und er liebt mich; er hat mich erschaffen, damit ich ihn liebe und ihm diene.

Verlässliche Verbundenheit

Auch der allerbeste irdische Vater kann nur einen blassen Schimmer dessen wiedergeben, was den göttlichen Vater ausmacht. Niemand ist Vater, so wie Gott Vater ist. Dennoch hat Vaterschaft ihren Ursprung in der Vaterschaft Gottes, denn wir sind nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, und der Mann ist das Abbild dieser Vaterschaft.

Ich halte es für die wichtigste Aufgabe des Vaters, für seine Familie einen Ort der Sicherheit und der Geborgenheit zu errichten. Der erste Pfeiler dafür ist eine stabile Ehe. Das unbedingte Ja zur ehe­lichen Bindung vor allen anderen (Beruf, Geld, ­Interessen, Freizeit, etc...) macht die Familie zu ­einem Geborgenheit schenkenden Ort für die Kinder. Die Einheit in der Ehe hat also Vorrang vor allem anderem. Bereits im Schöpfungsbericht wird gerade vom Mann die ‚Bindung’ an seine Frau ausdrücklich angesprochen: Darum verlässt ein Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden ein Fleisch (Gen 2,24). Daraus ergibt sich die Absolutheit der Treue „in guten und in bösen Tagen“ und das Stehen zu den Kindern auch dann, wenn sie etwas falsch gemacht haben oder schwierig sind. Dieser absolute Bindungswille wird so zum Fundament seiner Treue, die ihn in manchen Höhen und Tiefen fest bleiben lässt, gerade auch als Vorbild im Aushalten von Leiden. So gesehen legt der Vater in seiner Treue eine Souveränität inmitten des Auf und Ab des Lebens an den Tag.

Verlieren wir niemals dieses Wissen, dass alle ­Vaterschaft von Gott kommt. Darum ist das letzte Kriterium für eine gute Vaterschaft, ob sie durchsichtig ist auf das Vatersein Gottes. Und dann ist es der Geist des Sohnes, den Gott in unser Herz gesandt hat, weil wir seine Söhne und Töchter sind, der in uns ruft und uns vertrauensvoll zu beten lehrt: Abba, lieber Vater.

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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