An den wunden Punkten meiner Seele
Annegret Klotz
Gerade engagierte Christen laufen Gefahr, unter dem Druck äußerer und innerer Anforderungen in die Haltung der Selbstaufopferung zu verfallen und sich darin zu verzehren. Wie es dazu kommen kann, beschreibt Annegret Klotz, 39, auf eindrückliche Weise. Sie ist von Beruf Krankenschwester. In den Jahren 1993 bis 1997 war sie mit der Deutschen Missionsgemeinschaft als Missionarin auf den Philippinen tätig. Nach dreieinhalb Jahren mußte sie ihren ersten Term wegen eines schweren Burnout abbrechen.
Eigentlich begann meine Burnout-Geschichte nicht auf den Philippinen, sondern lange vorher, in meiner persönlichen und geistlichen Entwicklung. Sie begann, als ich in meinem Denken und meinen Entscheidungen Abkürzungen genommen habe, die z.B. so aussahen:
- Wenn ich meine Kraft und Zeit für andere einsetze, für etwas, das sich lohnt, und das auch Gottes Willen entspricht, dann ist das geistlich und gut. Das ist wahre Hingabe. Oder:
- Wenn ich mich über Leute ärgere, muß ich mich zusammennehmen und freundlich reagieren. Wut und Zorn sind Gefühle, die ich als Christin nicht haben sollte. Oder:
- Wenn ich Gott ungehorsam bin, wird er mich strafen. Also bin ich so gehorsam wie möglich und meide alles Böse, damit das nicht passiert.
Solche Entscheidungen prägen einen Lebensstil, der sehr gut aussieht – und doch im Innersten nicht Freiheit ist, sondern Gefangenschaft. Nach außen ist das nur schwer zu erkennen, und ich habe damit jahrelang gut gelebt. Heute bin ich froh, daß Jesus mich auch durch diese Zeit begleitet und mich schließlich herausgeführt hat.
Auf den Philippinen kam vieles zusammen, was mein Leben unter Druck setzte und mich bis zum Äußersten forderte. Vieles davon war positiv. Die Sprache und Kultur, die ich gerne kennengelernt habe, das Zusammenleben mit Filipinos, große und großartige Arbeitsmöglichkeiten, aber auch unendlich viel menschliche Not, geistliche Kämpfe, wenig Freunde, ein anstrengendes Klima, viel Verantwortung.
Auf die Dauer war – das weiß ich heute – diese Aufgabenfülle nicht zu bewältigen. Erst recht nicht mit meinen verinnerlichten selbstgemachten Auflagen. Ich war müde und ausgelaugt, konnte es aber gut verdrängen, weil die Arbeit gesegnet war und Menschen zu Jesus fanden.
Im Oktober 1996 kam ich zur Hochzeit meines Bruders für drei Wochen nach Deutschland. Ich glaube, daß ich zu dem Zeitpunkt schon äußerst erschöpft war. Aber das Wiedersehen beflügelte mich und ich konnte die Erschöpfung gar nicht zulassen, ohne alles in Frage zu stellen.
Als ich dann auf die Philippinen zurückkam, war die Grenze körperlich und psychisch längst überschritten. Schlaflosigkeit, Mißverständnisse, Orientierungslosigkeit lösten Panik in mir aus. Ich fühlte mich ohnmächtig ausgeliefert, nicht nur den Situationen, die von außen auf mich zukamen, sondern auch den inneren Abläufen. Mein ganzes System brach zusammen.
Jesus hineinbitten in die Angst
Ich fühlte mich unverstanden und nicht akzeptiert. Was war schiefgelaufen? Hatte ich etwas falsch gemacht? Wenn ja, was? Ich konnte niemandem mehr vertrauen. Es gab keine Erklärung und keinen Ausweg. Ich grübelte und grübelte, geriet in eine immer tiefere Verzweiflung und meine Angst wuchs ins Extreme.
In dieser Verfassung kam ich nach Deutschland zurück. Niemand verstand, was in mir vorgegangen war – ich am allerwenigsten. In mir war ein riesiger Kloß von Ärger, Zorn, Angst und Mißtrauen, der sich einfach nicht auflösen wollte. Woche um Woche verging, aber ich konnte mich nicht erholen. Ich versuchte, alles wieder in das alte System, alles „in Ordnung“ zu bringen, allen zu vergeben und weiterzumachen. Aber das ging nicht mehr.
Schließlich habe ich entschieden, Hilfe in Anspruch zu nehmen. In einer christlichen Seelsorge-Einrichtung konnte ich nach und nach Zugang finden zu dem, was in mir war. Bald merkte ich, daß ich nicht nur Erholung brauchte, sondern daß ich mich mit mir selbst, mit dem Leben und mit Gott auseinandersetzen mußte. Schritt für Schritt fand ich aus der inneren Verwirrung heraus. Auf diesem Weg habe ich Gottes Gegenwart sehr konkret erfahren.
Ein markantes Kennzeichen meines Burnout war Angst vor Menschen: ich fühlte mich ständig unterlegen, weil ich nichts mehr richtig einschätzen konnte. Ich fürchtete, daß das so bleiben würde.
Einer meiner ersten Schritte war, Jesus hineinzubitten in meine Angst. Und da habe ich das erste Wunder erlebt. Jesus kam. Ich konnte mich selbst fallenlassen in meiner Angst und wurde gehalten. Ich hatte immer noch Ängste, aber sie waren nicht mehr „bodenlos”.
Ich erkannte auch, daß ich negative Gefühle bisher immer verdrängt hatte. Ich war ein positiver, optimistischer, unkomplizierter Mensch, so dachte ich, und das wollte ich auch bleiben. Ärger, Zorn, Haß, Bitterkeit hatte ich für nicht anwesend erklärt, und wenn ich doch verletzt worden bin, habe ich mich selbst besänftigt: „Der oder die hat das nicht so gemeint” oder „du mußt das nur mal aus ihrer/seiner Sicht sehen” oder “halt den Mund, sonst gibt es nur unnötigen Ärger”. Auf diese Weise war ich gar nicht mehr in der Lage, meine Gefühle richtig wahrzunehmen, sie mir einzugestehen, geschweige denn, sie zu identifizieren, auszuhalten und gesund damit umzugehen.
Jesus entfaltet mein Leben
Ich konnte ehrlich werden und viel nachdenken. Was hat mich geärgert und warum? Was macht mich traurig und warum? Mit der Zeit konnte ich mehr Gefühle erkennen und erleben, positive und negative gleichermaßen. Ich konnte sie unmittelbarer benennen und darauf reagieren. Dann mußte ich Wege finden, sie auszudrücken, überhaupt Ausdruck zu finden für das, was in mir vorging. Ich begann, manches aufzuschreiben. Das tat und tut mir gut.
Dann lernte ich, daß ich mich leicht manipulieren lasse. Ich tat vieles auf – bewußten oder unbewußten – Druck von außen hin, völlig unreflektiert. Ich hatte ein hohes Harmoniebedürfnis und konnte das gut fromm kaschieren. Hier galt es herauszufinden: Was will ich wirklich? Wie will ich leben, mein Leben gestalten?
Ich erlebe seither, daß Gott mich auf dem Weg des Lernens leitet. Er hat mir ein neues Ja zum Leben geschenkt, das Schmerz, Leid und Sünde als einen Teil des Lebens akzeptiert. Das Lernen und Wachsen hört nicht auf. Ich lerne, daß Gott nicht so schnell am Ende ist mit mir. Er zeigt mir tiefere Zusammenhänge, Neigungen meines Herzens, in denen ich hart und sündig bin und von ihm verwandelt werden muß. Er begegnet mir an den wunden Punkten meiner Seele, wo die Verletzungen sitzen und läßt mich seinen Trost erfahren. Er entfaltet mein Leben, ich darf Gaben und Begabungen einsetzen und das Leben genießen, mich freuen über das, was er mir geschenkt und zugedacht hat.
Mein Leben ist durch den Burnout und durch das, was ich seither gelernt habe, sehr reich geworden. Dafür bin ich heute sehr dankbar.
erschienen in:
Brennpunkt 1+2 / 2005, Burnout, S. 16-27
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