Migranten der Hoffnung
Einblicke in das Werden von Gemeinschaft
Bildbetrachtung
Stefan Kunz
An Pfingsten hat Gott etwas Neues beginnen lassen: die verbindliche geistliche Gemeinschaft mit Lebensperspektive. Tausende von Menschen, die zuvor wenig bis nichts miteinander zu tun hatten, wurden an den beiden Tagen des Pfingstfestes „der Gemeinde zugetan“, wie es bei Luther heißt. Es war keine Schöpfung aus dem Nichts, sondern – wie alles seit Gott seine Schöpfung am siebten Tag vollendet hat – die gereifte Frucht aus vorher behutsam ausgesäten Samen: dem Kreis der Gefährten, die Jesus sich als Freunde erwählt und berufen hatte. Ihren Kreis stellt das pfingstliche Bild aus dem 14. Jahrhundert dar.
Auf dem Bild sehen wir Maria und die zwölf Jünger um einen runden Abendmahlstisch in flehentlicher Erwartung des Heiligen Geistes. Beim genauen Betrachten können wir drei Blickrichtungen erkennen: den Blick zur Mitte, den Blick nach links und rechts und den Blick nach oben. Alle drei sind bedeutsam.
Die Blickrichtung
Zunächst der Blick zur Mitte:
Maria und Johannes am hinteren Ende des Tisches schauen unverkennbar zur Mitte. Die Mitte aber ist leer, unverfügbar, sie deutet auf das göttliche Geheimnis hin. Von dieser Mitte ist jeder gleich weit entfernt und jeder hat einen eigenen und unmittelbaren Zugang dazu.
Alle sitzen in einem heiligen Kreis. Es gibt so etwas wie eine „kurze Hierarchie“. Zwischen Christus und jedem Einzelnen gibt es keine menschliche Vermittlung mehr, sondern nur die Vermittlung des Heiligen Geistes. Jeder in diesem heiligen Kreis ist von der Mitte gleichermaßen angesprochen und angerührt. Der vertrauensvolle Blick zur Mitte – das ist der Glaube.
Die Gemeinschaft von Christen formiert sich aus Menschen, die gemeinsam zur selben Mitte blicken. Sie formieren sich als heiliger Kreis, als eine Glaubensgemeinschaft.
Da ist zweitens der Blick nach links und rechts:
Einige der Jünger schauen zum Nebenmann hin – etwa der Apostel vorne rechts im grünen Gewand, der sich zum Nachbarn wendet und ihn mit der Hand, die von Herzen kommt, zärtlich berührt. Wer zur Mitte schaut, wird von dorther aufgefordert, auf seinen Mitbruder, auf seine Mitschwester zu achten.
Es muss uns immer neu ins Bewusstsein treten: Gott will uns nicht nur als Dienstgemeinschaft, sondern auch als Lebensgemeinschaft, als Gefährtenschaft. Christen sind Gefährten auf einem gemeinsamen, abenteuerlichen Weg. Dankbar für die bereits gemeinsam zurückgelegte Wegstrecke; dankbar auch in der Erwartung des Weges, der vor ihnen liegt.
Es ist wichtig, dass die Apostel und Maria einander dankbar und liebevoll im Blick haben. Damals, kurz vor Pfingsten, saßen sie noch als verängstigte kleine Gruppe in Jerusalem, angefeindet von den Bewohnern der Stadt, verachtet als Sympathisanten eines Mannes, der vor sechs Wochen in Jerusalem gekreuzigt worden war. Sie mussten mit dem Schlimmsten rechnen. Es hätte nahegelegen, die gefährliche Stadt möglichst schnell zu verlassen und in die alten Heimatdörfer zurückzukehren. Die Versuchung war groß. Aber Jesus hatte ihnen zum Abschied gesagt: „Ihr sollt nicht flüchten, sondern standhalten!“
Die Jünger Christi wollen und sollen gemeinsam standhalten, was immer geschehen mag. Das kann aber nur gelingen, wenn ihre Geschwisterschaft immer wieder neu durch Dankbarkeit und Liebe gestärkt wird und sie den Blick nach links und rechts übt, wie die Gestalten auf dem Bild es unverkennbar tun.
Da ist schließlich der Blick nach oben:
Einige der Jünger blicken erwartungsvoll nach oben und halten Ausschau nach dem kommenden Christus. Sie richten ihren Blick nach oben und nach vorne in flehentlicher Erwartung des Heiligen Geistes. Jesus hatte ihnen gesagt: „Ihr sollt in der Stadt bleiben, bis ihr ausgerüstet werdet mit Kraft aus der Höhe.“ Die Jünger bilden kurz vor Pfingsten nicht nur eine Glaubensgemeinschaft im gemeinsamen Blick zur Mitte, nicht nur eine Liebesgemeinschaft im Blick nach links und rechts, sondern auch eine Hoffnungsgemeinschaft im gemeinsamen Blick nach oben, hin zum kommenden Reich Gottes.
Die Einbindung
Wir haben gemeinsam darauf geachtet, wie und wohin Maria und die Apostel kurz vor der Ausgießung des Heiligen Geistes schauen. Jetzt wollen wir uns anschauen, wie sie sitzen. Auch dabei lässt sich dreierlei erkennen:
Sie sitzen auf einem guten Fundament.
Das will sagen, sie sitzen auf der Grundlage ihrer Berufung durch Jesus. Er hatte ihnen gesagt: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.“ Das ist guter Grund, auf dem sie sicher ausruhen. Menschen, die Christus nachfolgen, sind Gerufene. Durch die Heilige Taufe ist ihr Leben auf das Fundament der ewigen Liebe und Treue Gottes gestellt worden. Durch die persönliche Berufung in die Nachfolge Christi im Rahmen der Gemeinde, des Hauskreises oder der Gebetsgemeinschaft haben Jünger eine gemeinsame Basis, auf die sie immer wieder zurückkommen können. Spüren wir, wie verlässlich diese Grundlage ist: Wir sind getauft, wir sind berufen, wir sind erwählt!
Sie sitzen um einen runden Tisch.
Zweitens kann man leicht erkennen: Die Jünger sitzen zusammen mit der Mutter Jesu an einem runden Tisch, einem Abendmahlstisch. Nicht nur die Taufe im Heiligen Geist ist für sie wichtig, sondern auch das Abendmahl, die verheißene und erfahrene Gegenwart Christi in Brot und Wein. Die hält ihre Gemeinschaft zusammen. Durch die communio, die heilige Kommunion, werden sie zu einer Einheit, zur Gemeinschaft begnadigter Sünder.
Sie sitzen vor goldenem Hintergrund.
Unübersehbar ist drittens: Alle sitzen vor einem goldenen Hintergund, von alters her ein Symbol für die Ewigkeit Gottes. Alles geschieht, mit einem alten Wort gesagt, sub specie aeternitatis, unter dem Blickwinkel der Ewigkeit. Modern gesprochen könnte man sagen: Maria und die Apostel haben einen „Migrationshintergrund“. Sie sind nicht nur zugewandert aus dem fernen Galiläa, sie kommen aus einem noch viel ferneren Land: ihr Leben kommt aus der ewigen Liebe Gottes. Eine Weile sind sie als Fremdlinge, als Gäste hier auf dieser Erde mit einem großen wichtigen Auftrag. Aber ihr Dasein zielt letzten Endes wieder hin auf die Heimkehr in Gottes ewige Liebe. Maria und die Apostel sind Migranten, sie machen hier eine kurze Rast auf ihrer Wanderung von einer Kraft zur andern, hin zum himmlischen, goldenen Jerusalem.
Das ist also die Sitzordnung dieser kleinen Gemeinde kurz vor Pfingsten: Alle sitzen gleichermaßen auf einem guten Grund, um einen runden Tisch und vor einem goldenen Hintergrund.
Die Ausrichtung
Jetzt aber stellt sich die letzte und entscheidende Frage im Blick auf Maria und die 12 Jünger: Was wird mit ihnen geschehen? Das Bild sagt es uns auf eine wunderbare Weise: Der Heilige Geist wird kommen mit Macht. Aus der Richtung, die keiner im Blick hat, kommt die Taube – man könnte sagen: im Sturzflug! Sie hat es eilig! Offenbar hat sie sich auf nichts so sehr gefreut und nichts mehr ersehnt, als dass die Mitte leer wird und sie etwas in diese Mitte hineinlegen kann.
Sie bringt eine große Hostie, ein großes Stück Brot: das Brot des Lebens. Dieses Brot wird alle sättigen: von der Mitte führen Strahlen direkt zum Mund eines jeden. Das Brot wird nicht nur alle satt machen, sondern auch ausreichen, um viele andere zu sättigen, Tausende! Und sicher werden 12 Körbe mit Brocken übrig bleiben. Die 13 Menschen um den Tisch werden gestärkt aufstehen, werden sich umwenden, werden losgehen in alle Welt, getrieben, erfüllt, erleuchtet, erwärmt und angefeuert durch den Heiligen Geist. Aus einer kleinen defensiven Gruppe, die ausharrte in einer fremden, feindlichen Stadt, wird eine offensive junge Christengemeinde, die die Welt verändern wird wie kaum jemand sonst.
Es gibt ein Gedicht von Ernst Ginsberg, ein Pfingstgedicht, das treffend ausdrückt, was die Pfingstkraft des Heiligen Geistes in uns bewirken und verändern kann:
Veni Creator Spiritus
In meinem Herzen
werden Felsen gesprengt
schwarze Felsen des Hasses,
zürnender Schwermut.
In meinem Herzen
werden Straßen gezogen,
weiße Straßen des Friedens.
In meinem Herzen flattern Fahnen.
Mein Herz wartet und zittert -
Ein Unterschied besteht freilich zwischen uns und der Gruppe auf dem Bild: die Apostel und Maria haben einen Heiligenschein. Das will sagen: Sie sind schon tot, schon im Himmel. Wir aber leben noch hier auf dieser Erde, kein Heiligenschein drückt uns am Kopf. Wir müssen nicht als gestresste Heilige, sondern dürfen als begnadigte Sünder leben, die bei Gott ein- und ausgehen. Wir sind gerufen zu einem freudigen gemeinsamen Leben, das durchhaucht ist von Seinem Heiligen Geist. Amen.
erschienen in:
Brennpunkt Seelsorge, 1/2011, Gem(Einsam)keit, S. 18-20
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