Der Geist macht lebendig
Zu Walter Habdank: "Hesekiel auf dem Totenfeld", Holzschnitt (1965)
Siegfried Kettling
Veröffentlichung des Holzschnittes mit freundlicher Genehmigung der Galerie Habdank. © Galerie Habdank. www.habdank-walter.de
Totentanz
Mein Blick wandert senkrecht am rechten Bildrand von oben nach unten, wird dann im rechten Winkel umgelenkt und gleitet am Boden entlang zum linken Rand. Ich sehe einen schaurigen Totentanz. Oben sind es noch lebendige Gestalten: Männer und Frauen mit sprechenden Augen und Händen. Doch dann beginnt ein Fallen und Gleiten, Zerfallen und Sich-Auflösen. Skelette werden sichtbar, am Boden ausgestreckt, hingemäht. Sie gehen zu Bruch, werden zu Trümmern. Verstreutes Gebein liegt verloren herum. Das ist der Lauf dieser Welt: Fallen und Gleiten, Zerfallen und Verwesen ist ihr Gefälle – mein eigenes Geschick ist das Ende, todsicher der Tod. One Way, Einbahnstraße!
Girlande des Lebens
Doch ist mein Blick den rechten Weg gewandert? Habe ich das Bild richtig herum gelesen?
Da drängt sich mir in der Mitte eine mächtige Gestalt entgegen, schiebt sich nach vorn wie einer, der durchs Fenster hereinschaut, ja wie einer, der ein Loch durch die Mauer bricht. Gewaltsam schafft er sich Gehör. Ein Deuter, einer, der den Weg weist.
Unzufrieden scheint er, mit meinen Beobachtungen ganz und gar nicht einverstanden. Seine Rechte will mich von links nach rechts schieben, meine Blicke umlenken: „Andersherum lesen, andersherum wandern!“ Die andere Hand reißt meinen Blick gebieterisch nach oben, verlangt, dass ich dem Arm folge vom Ellenbogen bis zur Fingerspitze. „Umdenken musst du, umkehren!“
Ich folge. Und nun, welch ein seltsamer Vorgang: Der Totentanz wandelt sich in einen fröhlichen Reigen, bekränzt den Bildrand mit einer Girlande des Lebens. Verstreutes Gebein fügt sich zusammen. Fleisch überzieht die Knochen. Ein Sich-Aufrichten beginnt, ein fröhlicher Aufstand. Ein Wirbel von Leben reißt die Leiber empor, Leben bricht aus dem Tod. Oben stehen sie: Männer und Frauen mit sprechenden Augen und redenden Händen, grenzenloses Staunen in Gesicht und Gebärde.
Der Zeuge
Staunen erfasst nun auch mich. Hoffen, gemischt mit zweifelnder Frage: „Hör, du Deuter, ist das mehr als ein Traum? Darf ich dieser Wende trauen, dieser Revolution aller Revolutionen, dem Wunder aller Wunder? Girlande des Lebens? Reigen statt Totentanz? Wer deckt deine Botschaft, wer gibt ihr Bestand?“
Nun erst bemerke ich: Der Mann in der Mitte ist kein Zaungast und Fenstergucker. Mitten im Geschehen steckt er selbst bis zur Brust im Erdreich.
Versinkt er gerade wie einer, der sich im Moor verirrt? Geht er unter wie einer, den das Meer verschluckt? Nein, seine Gesten erlauben keinen Zweifel. Heraus kommt er, heraus aus der Erde. Aufwärts heißt hier die Losung. Aufwärts! Das bezeugen die Augen im leuchtenden Gesicht. Nach unten gilt nicht mehr, rechts und links lohnen nicht. Nach oben ist die einzig mögliche Blickrichtung. Aufwärts! – kündet unmissverständlich die erhobene Linke mit dem ausgestreckten Zeigefinger: „Nicht herausgeklettert bin ich, habe mich nicht emporgearbeitet. Herausgezogen wurde ich, ein Emporgerissener, ein Aufgerichteter; ich wurde auferweckt! Von oben kam, was mich nach oben zieht! Sieh, was ich künde, ist meine eigene Geschichte. Zeuge bin ich, nicht nur Deuter.“
Der Rufer
Die linke Hand mit dem spitzen Zeigefinger will mehr sein als Hinweis. Befehl ist sie, Gebot: „Hoch mit dir! Aufstehen!“ Dies Geschehen duldet keinen tatenlosen Zuschauer! Ich merke: Der Mann in der Mitte ist mehr als Deuter, auch mehr als Zeuge; auferweckt ist er zum Aufwecken. „Mitauferwecker“ heißt sein Beruf. Auch mich meint sein Ruf. Und was er sagt, wird Gestalt, was er kündet, geschieht.
Das linke Ohr – uns verborgen – horcht nach oben, vernimmt ein Brausen, den Gottessturm. Wolkenstreifen lassen die Gestalt einer Taube ahnen: Gottes Geist ist am Werk, Gottes mächtiger Lebensatem. Der Mann selbst wird Organ des Geistes, wird Gottes Mund und Gottes Hand.
Das neue Lied
Was geschieht, wenn der Schöpferhauch übers Leichenfeld fährt? Der Prophet in der Mitte führt die rechte Hand zum Ohr, will den Schalltrichter vergrößern. Da – ein Rauschen am Boden!
Leben zerrinnt schweigend, Verwesung ist tonlos. Doch hier ist im Beinhaus der Welt ein fröhliches Klappern, ein lustiges Lärmen. Es tut sich was im Leichenfeld; Gott tut etwas.
„Aus neu wird alt, aus Blüte Fäulnis, aus Leben Tod.“ Plärrend monoton ist der Sing-Sang des Totentanzes. Doch hier erklingt ein neues Lied: „Aus alt wird neu, aus Tod wird Leben.“ Melodie für den Lebensreigen, der sich nun formiert: zu Boden Gestreckte erheben sich, Erschlagene regen die Glieder, Tote stehen auf und strecken die Hände dem neuen Tag entgegen. Dem neuen, dem jüngsten Tag, dem Tag, der das ewige Leben einläutet und an dem Gott sein wird alles in allem.
erschienen in:
Brennpunkt Seelsorge, 1+2/2006, Wenn ein Kind gestorben ist, S. 20-21
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