Reifen wie der Baum
von Rainer Maria Rilke
„Lassen Sie Ihren Urteilen
die eigene, stille,
ungestörte Entwicklung,...
die tief aus innen kommen muss
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann.
Alles ist austragen
und dann gebären...
Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen
des Frühlings steht,
ohne die Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.
Er kommt doch.
Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind,
als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos still und weit...
Ich möchte Sie bitten,
Geduld zu haben,
gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen,
und versuchen,
die Fragen selbst liebzuhaben,
wie verschlossene Stuben
und wie Bücher,
die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.
Und es handelt sich darum, alles zu leben.
Leben Sie jetzt die Fragen.
Vielleicht leben Sie dann allmählich,
ohne es zu merken,
eines fernen Tages
in die Antwort hinein.“
aus: Briefe an einen jungen Dichter
erschienen in:
Brennpunkt Seelsorge, 2/2007, Gott ist anders. Gottesbilder - Vaterbilder, S. 57
weitere Artikel im Heft:
-
Editorial zu "Gott ist anders"
Maria Kaißling
-
Buchbesprechung: Karl Frielingsdorf, Gottesbilder
Willi Lambert SJ
-
"Der wahre Gott ist anders"
Andrea Stein
-
Gott liebt uns!
Rudi Böhm
-
Vertrauenssache
Ruth Rau
-
Werden wie der Vater
Henri Nouwen
-
Liebe mich, so wie du bist
unbekannt
-
Buchbesprechung: Gisela Stübner, Auf dem Weg zu mir
Marion Gebert
-
Buchbesprechung: Ulla und Günther Schaible, Das Gute weitergeben
Margret Laudan
-
Herr, mein Gott, dein Name ist
Silja Walter



