Steine auf dem Grab
Eine Begegnung mit israelischen Eltern in Deutschland
Wolfgang Breithaupt
Vier israelische Ehepaare, die ihre Kinder durch Attentate verloren haben, waren zehn Tage lang zu Gast im Haus der Stille in Weitenhagen. Pfarrer Wolfgang Breithaupt, Leiter des Zentrums, berichtet über die heilsame Wirkung der Begegnung für Gäste und Gastgeber, von außergewöhnlichen Begebenheiten und einer außergewöhnlichen Form des gemeinsamen Trauerns.
Zum schweren, vom Holocaust geprägten Familienschicksal, das die meisten unserer Gäste seit ihrer Kindheit zu tragen hatten, kam eine weitere Katastrophe hinzu: der gewaltsame Tod ihres Kindes. Einer von ihnen, Zeév, der in seiner frühen Jugend schon durch das Hitlerregime schwer gelitten hatte, brachte das gebrochenes Verhältnis der Gäste zu Gott mit erschütternder Ehrlichkeit auf den Punkt: „Ich bin wie Hiob, ich liege im Streitgespräch mit Gott und ich verstehe nicht, warum ich das alles erleben muss.“
Und doch hatten diese Eltern eine erstaunliche Frage an uns: „Wie verarbeitet ihr Christen das Leid, das in euer Leben einbricht?“
Das war eine echte Herausforderung. Unsere Gesprächsrunden waren intensiv und schwer. Wir weinten mit ihnen, als sie – manche zum ersten Mal – über ihre verlorenen Kinder sprachen, und lachten herzhaft, wenn in allem Schweren zuweilen Lebensfreude aufblitzte. Bei Spaziergängen, Schiffstour und Stadtbummel kamen wir uns näher – und lernten behutsam aufeinander zu hören.
Besonders bewegend war es, als Helen, die seit dem Verlust ihres Sohnes vor drei Jahren keinen Sabbat mehr feiern mochte, am Freitag Abend zur Sabbatbegrüßung erstmals wieder das traditionelle Gebet sprach und die Kerzen entzündete. Die Bedeutsamkeit des Augenblicks war allen schmerzlich und freudevoll zugleich bewusst.
Nach der letzten Gesprächsrunde kam mir der Gedanke, wir könnten Trauer, Fragen, Schmerzen, Sorgen auf ein Blatt Papier schreiben und unter den Fuß der Menorah, des siebenarmigen Leuchters, legen, um mit dieser Geste alles vor Gott zu bringen und in seine Hände zu legen. Nach einer Zeit der Stille zogen wir schweigend zur ältesten Kastanie auf dem Gelände und beteten miteinander einen Psalm. Dort war ein kleines „Grab“ vorbereitet, in das die Gäste ihr Blatt hineinlegen konnten. Jeder nahm dann eine Schaufel mit Erde und begrub so seine Klage, Anklage, Sorge, seinen Schmerz.
Diese stark symbolhafte Handlung hat uns alle tief bewegt. Als der Tag sich neigte, bestätigten uns die Gäste mehrfach: „Das war der Höhepunkt dieser Tage“ ... „Jetzt weiß ich, warum es gut war, mit nach Deutschland, nach Weitenhagen zu fahren“, oder „Ich verstehe nun, warum die Menschen in Jerusalem an die Klagemauer gehen“.
Wenige Tage später haben wir zum Gedenken an diese besondere Begegnung große Steine auf das Grab gelegt und Bilder davon unseren neuen Freunden nach Israel geschickt.
Diese Zeit hat unsere Herzen füreinander geöffnet, eine tiefe Verbundenheit ist entstanden. Und wir werden der Einladung der neuen Freunde nach Israel in diesem Frühjahr mit Freude folgen.
erschienen in:
Brennpunkt Seelsorge, 1+2/2006, Wenn ein Kind gestorben ist, S. 31
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