Hiobs Botschaft

Maria Kaißling

Eine Hiobsbotschaft ist die Nachricht von einer Katastrophe, einem Unglück oder ein Kette von Unglücken, denen wir Menschen hilflos gegenüberstehen. Die „Hiobsbotschaft“ bezieht ihren Namen von dem denkwürdigen Buch „Hiob“, im Alten (oder besser) Ersten Testament, in der ­Lutherbibel als erstes Buch der Dichtungen auf­geführt. Dichtung ist verdichtete Weisheit. Darum spricht sie uns an, auch wenn sie nicht immer gleich verständlich ist, ja manchmal sogar eher verwirrend. Gedichte brauchen Zeit und Aufmerksamkeit, um zu uns zu sprechen, ganz gewiss gilt dies für das vorliegende lange, philosophische Gedicht.

Wieso widerfährt guten Menschen soviel Un­erklärliches oder auch Böses?

Warum leiden die Menschen? Warum leiden viele so grundlos? Lässt Gott das zu?

Das ist nur ein Fragenkreis des Buches Hiob, ­freilich der auffallendste.

Ein weiterer Fragenkreis dieses Weisheits-Gedichtes behandelt das Problem des Vertrauens: Kann der Mensch eine Beziehung zu Gott haben, weil er ihn liebt, ihn ehrt, mit ihm fühlt (soweit das menschen­möglich ist)? Oder hat der Mensch mit Gott zu tun, weil der uns so vielfältig nützt? Kann man Gott „umsonst“ lieben, d. h. uneigennützig – also, wenn wir weder Reichtum, Schutz, Weisheit noch Gesundheit von ihm garantiert bekommen?

Das Hiob-Gedicht wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet. Es stellt uns eher in eine heraus­fordernde, (lebens)-lange Auseinandersetzung, als dass es eine befriedigende, endgültige oder gar pragmatische Lösung anbietet.


Am Anfang wird uns Hiob kurz vorgestellt: Ein märchenhaft reicher, fürstlicher Mann. Er war nicht nur mit einer großen Familie und mit sagenhaftem Besitz gesegnet; sondern als das Besondere an ihm wird hervorgehoben: Er war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse. Er wird so gut, so vollkommen geschildert, dass man meint, er könnte keine wirklich existierende Person sein.

Im „Prolog“ (Kap 1 und 2) tritt Satan im himm­lischen Thronrat auf. Er meint, Gott mache es dem gesegneten „Knecht Gottes“ zu leicht, vertrauensvoll zu sein. „Nimm ihm alles, und du wirst sehen, wie lange er dir gut bleibt!“ Dem Mann wird durch mehrere Katastrophen alles ­geraubt an Besitz und Familie. Selbst seine ­Gesundheit wird ruiniert. Drei Freunde, weise und reich wie er einst, kommen als Tröster. Nach sieben Tagen des gemeinsamen Schweigens entspinnen sich heftige Reden und Gegenreden. Die vier Männer (später tritt noch ein fünfter auf) streiten sich um Macht und Ohnmacht, Recht und Unrecht, Willkür und Gehorsam, Geduld und ­Rebellion, Ursache und Auswirkung, traditionellen Glauben und „Beziehungsglauben…“ (wie Martin Buber diese Gottesbeziehung nennt).

Vor allem in den wiederholten Reden der vier Freunde Hiobs lassen sich vier „klassische“ Antwortversuche herauskristallisieren. Sie wollen dem Unfassbaren einen Grund und Sinn geben und es so „kontrollierbar“ machen:

  • Leid ist Folge menschlicher Schuld und dient zur Strafe und als Sühne.
  • Leid gehört zur Natur des Menschen, ist eine Folge seiner Geschöpflichkeit.
  • Leid ist eine Form göttlichen Erziehungs­handelns, eine pädagogische Maßnahme, die der Zurechtweisung dient.
  • Leid ist eine Bewährungsprobe für die Frommen.

 

Hiob verwahrt sich dagegen, dass ihm diese ­Erklärungen als Etiketten angehängt werden. In Klagen und in zornigen Streitreden weist er seine Freunde als „leidige Tröster“ zurück. Gott selbst verwirft die Theologie der Freunde ausdrücklich (in Kap. 42, 7-10).


Die Hiobsbotschaft ist die Nachricht von der ­Katastrophe.

Was ist Hiobs Botschaft?

Hiob 19, 25 – 27: Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. ­Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

Diese Verse sind eine Schlüsselstelle. Noch sitzt Hiob als gänzlich Zerschlagener und wehrt sich gegen die Beschuldigungen seiner Freunde: Wie lange peinigt ihr mich noch? ... und schämt euch nicht, mir so zuzusetzen! (19, 2 + 3). Als schreck­liche Quälgeister und arrogante Besserwisser weist er seine alten Freunde in die Schranken. Von ihnen will er sich weder Schuld noch Verfehlung oder Unglauben einreden lassen. Wie Stockschläge und Peitschenhiebe fallen ihre Reden auf ihn herab. So wie seine Haut schon zerfetzt ist durch Krankheit, so wird seine Seele zerrissen von ihren „Trostversuchen“. Ungeduld, gepaart mit Hilf­losigkeit, stellen sich vermehrt ein. Hiob hat ­genug! Ihr tut so groß und so selbstgerecht. An ­eurer Schadenfreude werde ich nur noch kranker! Hiob ist außer sich. Er kann die Freunde nicht mehr ertragen und weist sie heftig zurück. Doch wie wenn er damit alle ihm noch zur Verfügung stehende Vernunft und Kraft verbraucht hätte, bricht er in eine verzweifelte Klage aus: Gott hält mich für seinen Feind (19, 11; 13, 24). Er führt Krieg gegen mich! Er tut mir Unrecht!

 

Was ist Hiobs Klage?

Hiob, der aus seiner tiefen Verbundenheit mit Gott seinen Glauben und sein Familienleben ­gestaltete, kann sich sein Unglück nicht erklären als Strafe für Sünden, als Folge von Unglauben oder als selbst verschuldete Konsequenz durch Ungehorsam. Nein, „verdient“ hat er nichts von seinem Ergehen und Verlusten. Er zweifelt nicht daran: Gott tut ihm Unrecht!

Die Bilder, die er in seiner Anklage gegen Gott, aus seinem Herzen herausschreien lässt, lassen keinen Zweifel daran, dass Gott ihn überfallen hat und ihm zu Unrecht nach dem Leben trachtet: Er hat mich in seinem Netz gefangen! (V6), mir den Lebensweg vermauert, mich der Ehre beraubt und entkleidet (Kap. 29, 14). Aber damit nicht genug, der Schrecken spannt sich noch weiter: Gott führt Krieg gegen Hiob, mobilisiert ein überlegenes Heer gegen ihn (V12). Er ist belagert nach allen Regeln der Kriegsführung!

„Die göttlichen Kriegsscharen, die auf ihn einstürmen, sind sowohl die körperlichen Leiden als auch die geistige Not und Unruhe. Für Hiob gibt es keinen Zweifel daran, dass es Gott allein ist, der ihn ins Unglück gestürzt hat. Dadurch jedoch, dass Hiob sich nicht von Gott abwendet, sondern in seinen harten Klagen immer wieder aufsucht, hält er an seiner Beziehung zu Gott fest. Es zeigt sich zuletzt doch, dass sich bei allem Geschütteltwerden Hiobs religiöse Identität als dauerhaft und krisenfest erweist.“ (Zitiert nach H. Bräumer. Wer dazu mehr von ihm lesen will, dem sei die ­Wuppertaler Studienbibel ans Herz gelegt.) Das „Krisenfeste“ ist der andere Ton, der hier anklingt: ich weiß, trotz allem, dass mein Erlöser lebt!

Was ist Hiobs Glaube?

Der (Er-)Löser ist im Alten Testament ein familienrechtlicher Fachausdruck: der jeweils nächste Verwandte wird Löser genannt. Er steht gerade für den Betroffenen, sei es als Rächer oder als Treuhänder, oder der von der Sklaverei loskauft. Der Löser ist der Beschützer der Kranken und Schwachen.

Hiob geht noch einen Schritt weiter: Mein Löser ist der Sieger über den Tod! Er formuliert hier sein persönliches Glaubensbekenntnis: der Tod ist nicht das Letzte. Jenseits des Todes „über dem Staub“ steht der lebendige Erlöser! Auch ohne Haut und Fleisch, also nach dem Gestorbensein und Verwesen, wird er Gott, die ganze Sehnsucht seines Herzens, schauen! Nicht Leid, Unrecht, Tod haben das letzte Wort. Das entscheidende Wort spricht von Rechts wegen der Löser.

Ich weiß, dass mein Erlöser lebt (19, 25) – und er wird mich, noch lebend oder schon gestorben, in die Lebensgemeinschaft mit sich hineinnehmen.

Eine merk-würdige Zuversicht – wirklich aller Aufmerksamkeit wert: Gott ist mein Feind und gleichzeitig mein Erlöser.

Hier sind wir an einem Kreuzweg angekommen, an dem aus all den Hiobsbotschaften Botschaften Hiobs an uns werden: Die Welt ist ungerecht, aber es gibt Heil im Unheil!

 

Wer ist Hiobs Gott?

Hiobs erste Botschaft: Bei Gott ist das Leid nie das Letzte!

Der Gott Hiobs ist kein Götze, kein „Moloch“ (der Gott der Moabiter), der willkürlich zerstörerisch agiert. Hiobs Gott ist der Liebhaber des Lebens (Weisheit 11, 24), der immer noch schöpferisch handelt bis ans Ende der Weltzeit.


Hiobs zweite Botschaft: Der Gott Israels, der sich offenbart als der „Ich-bin-da“ (2. Mose 3, 14; Einheitsübersetzung), verbittet sich das Klagen der Leidenden nicht. Ihm darf jeder Mensch mit ­seinem Leid, mit seiner Sorge, mit seinem Unglauben in den Ohren liegen! Leid, Klagen und ­Unrecht wird es in dieser Welt geben, bis die Welt kommt, in der Leid nicht mehr sein wird (Off. 21, 4). Solange aber hat Gott ein offenes Ohr und ein offenes Herz, sucht und eröffnet die Gemeinschaft mit uns Menschen.


Hiobs dritte Botschaft: Der Erlöser fordert mich zum Perspektivwechsel heraus! Gott holt mich in die Lebensgemeinschaft mit sich hinein, ich ­begegne der Welt und ihren Freuden und Leiden nicht ohne ihn, sondern an seiner Seite!

In dieser Verbundenheit mit Gott kann ich mich immer auch fragen: Was tue ich angesichts von Leid? Wie werden wir reagieren, nachdem Böses geschehen ist?

Als Christen glauben wir, dass Gott so sehr sein Herz offen hat für uns Menschen, dass er selbst in Jesus alles Leid auf sich genommen hat. Er ist ­unser „Löser“. Er teilt unseren Schmerz und darüber hinaus: Er teilt sein Leben mit uns.

Erschienen in

Brennpunkt Seelsorge 2/2011: Warum müssen wir leiden? S. 51-53.

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