Zweimal lebenslänglich

Marsha und Ralf Nölling sind seit Oktober 2012 Mitglieder der OJC-Kommunität. Wir haben sie gefragt, wie sie zu ihrer Entscheidung gekommen sind.

Glückwunsch! Jetzt seid ihr Kommunitätsmitglieder und habt euch auf die Grammatik der OJC verpflichtet. Spürt ihr irgendeinen Unterschied zu vorher?

Ralf: Da wir schon sechseinhalb Jahre hier sind, hat sich das Leben nicht völlig umgekrempelt. Aber ein langer Weg ist zu einem Doppelpunkt gekommen. Über unsere Berufung haben wir nun Frieden und ein ganzes Ja gefunden. Für mich ist der Kommunitätsring, den ich inzwischen ganz selbstverständlich trage, ein neues, sichtbares Zeichen meiner Treue und Verbundenheit mit den Geschwistern.

Marsha: Der Eintritt in die Kommunität ist eine Lebensentscheidung. Die Verbundenheit mit den Gefährten und dem Platz, an den uns Gott ­gestellt hat, erleben wir jetzt viel tiefer.

Was habt ihr gemacht, bevor ihr zur OJC gekommen seid?

Ralf: Als junge Familie mit zwei kleinen Kindern haben wir drei Jahre in Ladenburg bei Heidelberg gelebt. Ich arbeitete in Sinsheim, wo ich die Geschäftsstelle einer Golfanlage leitete und viele Erfahrungen im „normalen“ Berufsleben sammeln konnte.

Marsha: Ich habe Heilpädagogik an der Uni Köln studiert und war später bei der Lebenshilfe und in einem heilpädagogischen Kinderheim in ­Ladenburg. Vor meinem Studium suchte vor ­allem ich immer wieder den Kontakt zu Lebensgemeinschaften. So lebte ich u. a. anderthalb Jahre in Taizé – für mich eine sehr prägende Zeit.

Einem gesicherten Einkommen und einer gutbürgerlichen Existenz habt ihr schon vor 
6 Jahren mit eurer Entscheidung für das „Abenteuer Gemeinschaft“ den Rücken gekehrt. Wieso eigentlich?

Ralf: In uns ist die Sehnsucht gewachsen, Glauben, Leben und Handeln mehr zu verbinden. Ich habe eine starke Zerrissenheit erlebt zwischen meiner Arbeit in Sinsheim, meiner Familie in Ladenburg und der Gemeinde in Heidelberg. Auch meinen Glauben in so verschiedenen Welten zu leben, forderte mich heraus. Da wir schon länger Erfahrungen in und mit verschiedenen Gemeinschaften gemacht hatten, haben wir uns schließlich auf den Weg gemacht, unseren Platz zu finden.

Warum gerade Gemeinschaft und nicht etwas anderes?

Ralf: In einer Gemeinschaft sind Familie, Arbeit und Glaube nah beieinander. In einer Gemeinde oder einem christlichen Werk begegnet man sich meist nur auf einer bestimmten Ebene. Mir ist die tiefe Verbindlichkeit und das umfassende Fürein-andereinstehen hier in der Lebensgemeinschaft sehr kostbar. Und dass es die OJC wurde, war in meinen Augen eine Fügung Gottes. Freunde steckten uns ein „Salzkorn“ mit einer Stellenanzeige zu, die genau auf mich zugeschnitten war.

Wieso seid ihr nicht als Missionare ins Ausland gegangen?

Marsha: Nach dem Studium waren wir für vier Monate in Kenia und haben in einem missionarischen Straßenkinder-Projekt mitgearbeitet. Wir fragten uns, ob unser Weg in die Mission geht. Zumindest wollten wir für diesen Ruf Gottes ­offen sein. Zurück in Deutschland haben wir gemerkt: Dieses Abenteuer ist jetzt abgeschlossen und das ist in Ordnung.

Habt ihr auch bei einer euch schon bekannten Gemeinschaft nachgefragt, ob ihr dort den Laden in Schwung bringen dürft?

Marsha: Kurz nach der Geburt unserer Tochter hatten wir uns ernsthaft überlegt, bei L'Abri in der Schweiz anzufragen. Anziehend war die Arbeit mit jungen Menschen, die für eine Zeit kommen, um sich mit Lebens- und Glaubensfragen auseinanderzusetzen. L'Abri ist allerdings amerikanisch geprägt und es fiel mir schwer, dass es nicht meine Kultur war. In der OJC habe ich das geteilte Leben mit jungen Menschen wiedergefunden – und das innerhalb meiner Kultur.

Ralf: Auch Taizé hat uns geprägt. Marsha hat dort gelebt und ich war als Jugendlicher zu Besuch. Insbesondere die ökumenische Weite der Brüder haben wir sehr geschätzt. Aber in Taizé kann man nicht als Familie leben.

Als ihr in die OJC kamt, wart ihr schon 
gemeinschaftserprobt. Hat euch dennoch etwas in oder an der OJC überrascht?

Marsha: Durch Taizé war mir vieles – z. B. ein liturgischer Alltag – schon vertraut. In anderen christlichen Zusammenhängen habe ich dann und wann eine gewisse theologische Enge erlebt, die in einer gesetzlichen Strenge ihren Ausdruck fand. Hier in der OJC ist die Botschaft und die Treue zur Bibel klar und fundiert, und „trotzdem“ ist jeder frei und wird nicht bevormundet. Ich habe mich hier von Anfang an wohlgefühlt.

Ralf: Die Menschen in der OJC-Gemeinschaft sind sehr unterschiedlich, was Alter, Geschichte, Prägung und Konfession angeht. Insbesondere beim Abendmahl erlebe ich aber eine tiefe Verbundenheit zu den Gefährten: Alle stehen wir mit leeren Händen um den Altar. Hier sind wir alle Empfangende; das ist ganz wesentlich und letztlich der tragende Grund der Gemeinschaft. Ich musste aber auch lernen, mich mehr zu zeigen und offen und ehrlich mit den anderen umzugehen. Es beeindruckt mich, wenn andere sowohl das Gute als auch das Schwere in ihrem Leben mitteilen. Und es fordert mich heraus, meine Macken und Kanten zu zeigen. In der Gemeinde habe ich häufig nur meine guten Seiten gezeigt, hier gehöre ich als ganzer Mensch dazu.

Wie habt ihr euch auf die Entscheidung vorbereitet?

Marsha: Nach dem ersten Jahr wurden wir Asso-ziierte und nahmen dreimal im Jahr an Retraiten von zwei bis drei Tagen teil. Der Austausch mit den anderen Assoziierten und mit unseren geistlichen Begleitern hat uns viele Aspekte der eigenen Berufung zugänglich gemacht. Dabei haben wir auch viel über die Urberufung und den Ursprung der OJC gelernt und überlegt, wie wir diese Wurzeln für heute fruchtbar machen können.

Ralf: Wer mit einer längerfristigen Perspektive in die OJC kommt, wird in den Kreis der Gemein-schaft und der Kommunitätsmitglieder hineingenommen. Das ist ein großes Privileg und hat uns das kommunitäre Leben umfassend und ungeschützt vor Augen geführt. Wir durften das Innenleben der Gemeinschaft mit allen Fragen und Sorgen direkt erleben und auch den ganzen Reichtum. Wir waren so von Anfang an mit der Gemeinschaft auch innerlich unterwegs. Das war und ist ein guter Lernprozess.

Ist die Entscheidung zum Eintritt nach und nach gewachsen oder seid ihr eines Morgens aufgewacht und habt gesagt, hoppla, das ist es, wir treten ein?

Marsha: Die Überlegung, dass irgendwann ein Brief vom Himmel fällt, auf dem die Antwort steht, ging jedenfalls nicht auf.

Hattest du dir das erhofft?

Marsha: Ich hoffte und dachte schon, dass Gott bei so großen Lebensentscheidungen ganz klar zu mir spricht – wie ins Ohr. Das war aber nicht der Fall, obwohl ich lange darauf gewartet habe. In Gesprächen und in Zeiten der Stille – innerhalb und außerhalb der OJC – haben wir nach Antworten gesucht. Hilfreich war auch, als wir in einer Assoziiertenretraite unsere Lebensentwürfe ausmalen sollten, für den Fall, dass wir nicht eintreten. Die Auseinandersetzung mit dem Weggehen war für mich ganz wichtig. In Gedanken und auch in Gesprächen habe ich mich ganz real von der OJC und Einzelnen verabschiedet. Durch dieses Abschiednehmen stellte sich bei mir unverhofft eine Freiheit ein, unabhängig von Erwartungen der OJC, Familie oder Freunde an mich, eine Entscheidung zu treffen. In dieser Freiheit habe ich ein Ja zur OJC-Kommunität gefunden. Die Idee, Gott müsste ganz klar zu mir sprechen, konnte ich nun loslassen. Eigentlich hatte Gott bereits zu uns gesprochen, und zwar durch das Berufungswort, das uns am Anfang unserer OJC-Zeit zugesprochen wurde. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich euch und ich habe euch dazu ausersehen, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht nicht verdirbt, damit mein Vater euch alles gibt, um was ihr ihn in meinem Namen bittet. (Joh 15,16)

Ralf: Ich war von Anfang an überzeugt, dass Gott uns hierher geführt hat. Trotzdem habe ich mich und ihn immer wieder gefragt, ob wir in der OJC bleiben sollen. Schließlich habe ich kapiert, dass Gott meine Treue zu seiner Führung möchte und nicht einen Neuaufbruch. Ich darf dankbar annehmen, was er uns geschenkt und anvertraut hat. Es ging auch um die Frage, ob ich ihm wirklich vertraue und ob ich bereit bin, meine Sicherheit in seine Hände zu legen. Im Laufe der Zeit hat Gott unser Hiersein an vielen Stellen bestätigt und mir den Frieden und die Freude für diese Entscheidung geschenkt.

Hat es auch Tage gegeben, an denen ihr 
uneins wart, ob es in Richtung Eintritt geht oder nicht?

Ralf: Das Leben in der OJC-Gemeinschaft ist ­herausfordernd und man kommt schnell an die eigenen Grenzen. Zuweilen erreichte einer von uns einen Punkt, an dem es schwer war, den Alltag hier auszuhalten. Solche Erfahrungen führten uns in die Auseinandersetzung mit dem ­Gemeinschaftsleben, auf das wir uns immer wieder neu einlassen mussten. Manchmal war es aber auch notwendig sich einzugestehen, dass ich mich zurückziehen muss. Dieses Gespür für sich selbst und seine Grenzen ist ganz wesentlich für ein Leben in Gemeinschaft auf Dauer.

Ein Leben in der OJC-Kommunität bedeutet auch Verzicht. Worauf verzichtet ihr?

Marsha: Natürlich verzichten wir auf materielle Dinge. Wir werden keine Güter ansammeln, keine Häuser, keinen finanziellen Reichtum vererben. Ich habe vier Jahre studiert, werde aber nicht mehr in meinem Beruf arbeiten, der ja Teil meiner Leidenschaft und meines Gewordenseins ist. Überhaupt ist die Welt groß, offen und spannend – wir aber werden uns nicht mehr selbst aussuchen können, wo wir wohnen und was wir machen möchten.

Ralf: Wir verzichten auf ein Stück Freiheit und Selbstbestimmung. Stattdessen haben wir uns Gott, der OJC und den Gefährten verpflichtet. Heutzutage gehört es zum Schwierigsten, die Frage „Wohin gehöre ich?“ zu beantworten. Für mich ist es keine Lösung, mir alle Möglichkeiten offenzuhalten, sondern sie liegt in der Annahme einer ganz bestimmten Option. In ihr will ich dann mit Haut und Haaren leben.

Der Eintritt ist der feierliche Abschluss eines langen Weges. Er ist aber nie nur ein Ziel an sich, sondern immer auch Teil eines Weges 
in eine Sehnsucht hinein. Was ist eure Sehnsucht?

Ralf: Heimat zu finden und dabei Glauben, ­Leben und Arbeit zu verbinden. Aber auch – und deswegen gerade die OJC –, für Gott einzustehen und in der Gesellschaft mitzumischen. Das ist etwas, wofür es sich zu investieren lohnt, auch wenn es etwas kostet. Schließlich ist es ein Privileg, mit den Geschwistern etwas zu bewegen und zu verändern. Das Bonhoeffer-Grundwort der OJC, die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie eine kommende Generation weiterleben soll, heißt, mich dafür mitverantwortlich zu machen, was die jungen Menschen und unser Land brauchen. Auch wenn die OJC verhältnismäßig klein ist, treten wir offensiv für das ein, was Gott uns aufs Herz gelegt hat. Daran will ich teilhaben.

Marsha: Meine Leidenschaft ist es, junge Menschen aufzunehmen, ihnen Freundschaft, Richtung und Heimat zu ermöglichen und ihnen ein Gegenüber zu sein. Dafür schlägt mein Herz! Mit ihnen möchte ich Werte und Wahrheit teilen, die ich aus der Bibel erkannt habe, auch dann, wenn ich dafür Prügel einstecke oder Freunde mich infrage stellen. Das zu leben schaffe ich nur, wenn ich mit Christus verbunden bleibe, in der Stille und im Gebet Kraft von ihm erbitte und mich von ihm neu ausrichten lasse. Genau.

Die Fragen stellte Jeppe Rasmussen

Von

  • Jeppe Rasmussen

    Dipl.-Journalist, gehört zum Team des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Verheiratet mit Rahel, Vater von vier Kindern.

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