Gelebte Kraft

Wie mich der glaube der anderen bereichert und herausfordert

katholisch: Die Sprache der andern lernen

Mit evangelischer Mutter und katholischem Vater wuchs ich in einer katholischen Pfarrgemeinde mit einem sehr engagierten, jungen Pfarrer und großer ­Jugendarbeit auf. Als Ministrant und Jugendleiter war ich gut in das katholische ­Gemeindeleben integriert. Das ist bis heute ein kostbares Fundament für meinen Glauben. Die evangelische Konfession meiner Mutter war auf positive Weise präsent, wenn auch im Hintergrund. Einen Anstoß, dass Glauben mehr und persönlicher sein kann als das, was ich bis dahin kennengelernt hatte, erhielt ich durch die Fokolarbewegung. Deshalb wollte ich, als ich zum Studieren in eine andere Stadt zog, dort mehr über den persönlichen Glauben und ein Leben nach dem Evangelium erfahren. Auf meiner Suche stieß ich auf eine SMD-Gruppe, die vorwiegend von evangelischen und freikirchlichen Studenten geprägt war. Hier lernte ich, in der Bibel zu lesen, persönlich und frei zu beten, Stille Zeit zu halten und fröhlich zu singen. Diesen Frömmigkeitsstil habe ich als große Bereicherung erlebt ­­– bis heute. In dieser Zeit entschied ich mich, Gott an die erste Stelle in meinem Leben zu setzen. Trotz mancher innerer Ausein­andersetzung mit dem katholischen Glauben habe ich mich nicht von meiner Konfession abgewandt. Ich traf immer wieder überzeugende katholische Gesprächspartner mit einer lebendigen Christusbeziehung, die mir halfen, das, was ich an evangelischer Frömmigkeit entdeckte, einzuordnen und zu „übersetzen“. So sind mir liturgische Formen, vorformulierte Gebete und die Feier der lebendigen Gegenwart Gottes in der Eucharistie seit meiner Jugendzeit prägend und positiv geblieben. Besonders stärkend ist mir die Erfahrung, dass gerade diese Elemente in der OJC-Kommunität in den vergangenen Jahren mehr Raum gewonnen haben und als Bereicherung wahrgenommen werden. Das Gemeinsame der Konfes­sionen wurde mir wichtiger als das Trennende; die gegenseitige Bereicherung ist mir kostbarer als die Beschränkung auf das Eigene. Das Kennenlernen anderer theologischer Positionen hilft mir zu tieferem Verstehen und Überwindung von Fremdheitsgefühlen. Eine wesentliche Hilfe zum Brückenbau ist für mich, etwas von den unterschiedlichen konfessionellen Sprachen verstehen und sprechen zu können. Das schafft Gemeinsamkeit und Vertrauen.

Michael Wolf

postkonfessionell: F(r)isch bekehrt

Ich komme aus einer nichtreligiösen Familie. Durch die evangelisch geprägte, überkonfessionelle und missionarisch orientierte SMD kam ich in Berührung mit dem christlichen Glauben und wurde Christ. Als ich 20 Jahre alt war, wollte ich mich taufen lassen – aber in welcher Kirche? Da wurde ich zum ­ersten Mal mit der Zersplitterung der Kirche konfrontiert und konnte nicht verstehen, ­warum die Konfessionen seit Generationen zerstritten sind.

Ich habe meine Taufe in der evangelischen Kirche in Pommern als eine Taufe hinein in den weltweiten Leib Christi verstanden, der aus allen Menschen aller Zeiten besteht, die an den Dreieinigen Gott der Bibel glauben. Dass es die evangelische Kirche war, betrachtete ich lange als Zufall – es hätte auch eine andere sein können. Heute denke ich anders. Diese Kirche war es, die mir den Weg zu Jesus eröffnet, für mich gebetet, mich getauft hat. Das ist ihr Geschenk an mich. Sie ist ein Teil am Leib Christi, der aus vielen Gliedern besteht, und durch sie bin ich aufgenommen worden. In Taufe und Abendmahl schafft Gott eine besondere Verbindung: die von Weinstock und Rebe. Das ist für mich wie angehängt werden an den „Blutkreislauf“ des Leibes Christi. Hier in der ökumenischen OJC-Kommunität lerne ich die Wurzeln meiner Konfession und zugleich den Reichtum der anderen erst richtig kennen. Im aufrichtigen Ringen um Glaubensfragen treten Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu Tage, ebenso das Leiden an den Unzulänglichkeiten der eigenen Kirche und die „Schlagseiten“ der anderen. Das erlebe ich als gegenseitige Befruchtung und als Hilfe zum Glauben, denn im lebendigen Dialog, im gemeinsamen Bibelstudium und Gebet und in der Bitte um den Heiligen Geist klärt und schärft sich mein persönlicher Glaube. Es ist mir wichtig, dass wir nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner suchen, sondern über-uns-hinaus gemeinsam auf-Christus-hin unterwegs bleiben. Die Frage, um die es beim OJC-Auftrag geht, lautet: Wie können wir jungen Menschen Heimat, Freundschaft und Richtung in Jesus Christus zeigen? Es mag eine Zeit kommen, in der niemand mehr nach den verschiedenen christlichen Konfessionen fragt!

Antje Vollbrecht

freikirchlich: Mut zum Verzicht

Als ich vor eineinhalb Jahren mit meiner Familie in die ökumenische OJC-Gemeinschaft zog, war mir überhaupt nicht klar, was auf mich zukommt. Ich war (und bin immer noch) glückliches Mitglied einer freien evangelischen Gemeinde. Über andere Konfessionen und deren Art zu glauben, hatte ich mir selten Gedanken gemacht und wenn ich es doch tat, dann eher, um mich von ihnen abzugrenzen und mir bewusst zu machen, dass ich in der „richtigen“ Gemeinde bin. Mittlerweile bin ich sehr dankbar dafür, dass sich mein Blick geweitet hat. Ich entdecke nach und nach den Reichtum, der sich entfaltet, wenn Mitglieder unterschiedlicher Konfessionen miteinander ihre Schätze teilen. So habe ich zum Beispiel die liturgischen Elemente für mich entdeckt und genieße es regelrecht, mich in einem Abendmahlsgottesdienst von der ­Liturgie mitnehmen und tragen zu lassen. Die Gebete, Lieder und Texte sind nicht jedes Mal neu und müssen es auch nicht sein. Sie sind da, sie wurden schon viele Male gebetet und werden auch künftig noch viele Male gebetet werden. Das erinnert mich daran, dass Gott der ist, der da ist, der da war und der da sein wird.

Ich finde es auch bereichernd, Mitgliedern anderer Konfessionen zuzuhören, wenn sie von ihren Traditionen und Symbolen sprechen, die es im Freikirchlichen kaum gibt und die ­ihnen helfen, ihren Glauben zu leben. Mir geht es dann wie einem Kleinkind, das einen neuen, überdimensionierten Raum betritt, staunend dasteht und die Dinge erst nach und nach entdeckt.

Das ist manchmal anstrengend und manches verstehe ich gar nicht. Hier zu leben, bedeutet für mich auch, auf Gewohntes und Liebgewonnenes zu verzichten. Aber ich schätze in all dem sehr, dass ich mich hier mit meiner konfessionellen Prägung einbringen kann, mitgestalten darf und gemeinsam mit anderen Christen Gott und den Menschen dienen kann.

Carolin Schneider

lutherisch: Querkirchlich in der Welt

Ökumenisch heißt auf Dänisch meist nur „tvœrkirkelig“ – wörtlich „quer kirchlich“ – und bezeichnet vor allem die inner-evangelischen Beziehungen zwischen der Staatskirche, den pietistischen Erweckungsbewegungen und den charismatisch-freikirchlichen Traditionen.

Als ich mit 20 nach Deutschland kam, begegnete mir erstmals etwas so „Exotisches“ wie ein Katholik. Das zunächst Fremdartige wurde bald alltäglich. Während meines Studiums in Bayern lernte ich viele Katholiken kennen. Diese Jahre waren auch vom Schmerz geprägt über die dürftige Verkündigung in meiner evangelischen Ortsgemeinde. Und vom Schmerz über das nicht Dazugehören zur katholischen Kirche. Ich machte aber eine Entdeckung, die ich zuvor nicht für möglich gehalten hätte: Auch außerhalb des Protestantismus gibt es Menschen mit einer lebendigen Jesus-Beziehung!

Als ich nach dem Studium in den Nahen Osten ging, um dort Arabisch zu lernen, stellte ich fest, dass dieser Satz in weit umfassenderem Maße gilt, als ich es zunächst gedacht hatte. Dort ging ich immer wieder in ein griechisch-orthodoxes Mönchskloster, betete mit jungen orthodoxen Armeniern, lauschte altaramäischen Gesängen syrisch-orthodoxer Priester, half chaldäischen Christen aus dem Irak und ließ mich mit maronitischen Libanesen von einem zum Christentum konvertierten Schiiten in einer anglikanischen Kirche für den Alpha-Kurs begeistern. Gottes Kirche ist viel größer und bunter als ich es mir je vorgestellt hatte. Der Geist weht eben, wo er will.

Vor diesem Hintergrund ist das Zusammenleben in der OJC-Kommunität fast eine Ökumene light. Und dennoch nicht immer leicht. Gelegentlich kommt es zu Reibungen, die aber den Juwelen meiner Konfession neue Strahlkraft verleihen. Am meisten schätze und liebe ich die Gebete und Symbole unserer Liturgie des Alltags. Diese ­Liturgie, die Anleihen bei Orthodoxen, Katholiken und Protestanten macht, trägt und vertieft meinen Glauben. Und oft nutze ich unser Mittagsgebet, um für die große und vielfarbige ­Kirche Gottes zu danken.

Jeppe Rasmussen

reformiert: Auf Sitztrommeln zur Anbetung

Als ich mich mit Haut und Haar dem offensiven Christenleben in Reichelsheim anheimgab, ahnte ich kaum, wie viele Häutungen mir, der ungarischen Calvinistin, bevorstehen und wie haarig das Projekt Ökumene werden kann. „Reformiert sein“ bedeutet oft Diaspora oder Minderheit sein, zumindest nie gänzlich in einem Allgemeinen, Großen aufzugehen (nicht einmal in der hiesigen unierten Kirchenlandschaft!). In meiner Heimat galt „reformiert sein“ als Unterpfand für die Souveränität der Nation (gegenüber Habsburg), die Souveränität der Gemeinde (gegenüber Klerus und Feudalherr) und die Souveränität des Individuums in der presbyterianischen Gemeindezucht. Dass diese Wesenszüge mit dem Phänomen OJC kompatibel sind, leuchtet ein. Es gibt aber auch welche, die hier unterbelichtet bleiben. So könnte ich z. B. für einen zünftigen Glaubensdisput gern auf einen konsensbeflissenen  Tagesabschluss verzichten. Ich würde mich in unseren Kapellen lieber von weißen Wänden als den Bildern, Kreuzen und Kerzen inspirieren lassen, wünschte mir längere, theologischere Predigten und weniger Klang, mehr Gesang beim Gemeindelied (inkl. aller Strophen, die es nun mal hat). In dieser lutherisch dominierten, mit Katholiken gespickten und von Charismatikern unterwanderten OJC entdecke ich jedoch mit Erstaunen, dass ­liturgischer Wechselgesang in die Einigkeit, Stundengebete in die Andacht und Sitztrommeln in die Anbetung führen. Statt in Disputen meinen Geist zu schärfen, trainiere ich nach ­pietistischer Manier mein frommes Gemüt und gebe Geschwistern Einblick in Dinge, die ich zuvor in puritanischer Schamhaftigkeit allerhöchstens vor dem Herrgott ausgebreitet hatte. Das alles verändert einen. „Reformiert“ bedeutet für mich inzwischen „neu geformt“ sein, geistlich geformt – auch durch die Geschwister in der Ökumene, mitsamt ihren Ikonen, Rosenkränzen, Ermahnungen und Fürbitten, Haustafeln, charismatischen Verzückungen und ihrer unermüdlichen Konsensbeflissenheit.  

Írisz Sipos

Von

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