Ohne Moos, was los. Ein Taschengeld, das hinten und vorne reicht.

Ohne Moos, viel los

Ein Taschengeld, das hinten und vorne reicht

Der Blick auf den Kuchen

Geld hatte nie einen Eigenwert für mich und ich habe mir die meiste Zeit meines Lebens nicht viele Gedanken darüber gemacht. Acht Jahre von einem Missionarsgehalt zu leben, war eine gute Vorbereitung auf das Leben in der OJC, sollte man meinen. Trotzdem spüre ich, wie mein Vertrauen im Umgang mit Geld hier auf neue Art herausgefordert wird. Nicht, dass es uns schlecht geht. Wir können gut als Familie hier leben. Zwar ­haben wir nicht alles, was wir gern hätten, aber auf jeden Fall alles, was wir brauchen. Und wir erleben viel Großzügigkeit von anderen. Trotzdem entdecke ich immer wieder Unzufriedenheit bei mir, ein diffuses Mangelgefühl, das, wenn ich es genauer betrachte, nichts mit einem wirklichen Bedürfnis zu tun hat. Es ist mehr eine tiefsitzende Sorge darum, zu kurz zu kommen, übersehen zu sein, oder nicht ganz so viel von der Sonnenseite des Lebens abzubekommen. Da ich mit acht Geschwistern aufgewachsen bin, ist mir ein wachsames Beobachten, ob auch alle das gleiche Stück Kuchen abbekommen, durchaus vertraut. Dabei ist die Größe des Stücks weniger wichtig, als die Frage, ob es „gerecht“ zugeht. Immer wieder tappe ich in diese „Hilfe-ich-komm-zu-kurz-Falle“ und komme dabei letztlich bei der Grundfrage an: Glaube ich wirklich, dass Gott meine tiefsten Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte im Blick hat und ernst nimmt? Lasse ich meine Seele von Ihm satt machen? Und so übe ich weiter, gelassener zuzuschauen, wenn das nächste Stück Kuchen aufgeschnitten wird.

Hanna Epting
 

Den Geist der Armut bezwingen

Ich hatte mich immer für einen Menschen gehalten, dem Geld und Besitz nicht wichtig sind. Solange ich normal verdiente, spendete ich freigiebig und war stolz darauf, „mit leichtem Gepäck“ zu leben. Aufgrund dieser Genügsamkeit hatte ich auch während meiner ersten OJC-Jahre genügend Rücklagen, um das Taschengeld zur Not etwas aufzubessern.

Als sie aufgebraucht waren, überfiel mich plötzlich eine Empfindung, die ich vorher nie erlebt hatte – Existenzangst. Auf einmal dachte und ­redete ich ständig über Geld und hatte das ­Gefühl, dass ich nicht das habe, was ich brauche – nicht nur in finanzieller Hinsicht. Ich feilschte mit Gott über den Zehnten. Die Besitzunterschiede in unserer Gemeinschaft fielen mir überscharf ins Auge und ich wurde neidisch. ­Eines Tages bekam ich eine größere Summe Geld geschenkt. Daran, dass meine innere Spontanreaktion Sorge war statt Freude oder Dankbarkeit, merkte ich endlich, dass bei mir etwas schief lief in Sachen Geld.

Buße zu tun und mit Freunden über das Thema zu reden, halfen mir, einen klareren Kopf zu bekommen. Ich begriff, dass diese Angst und Sorge Sünde war und nichts anderes als eine Facette des uralten Misstrauens gegen Gott. Später lernte ich, dass es so etwas wie einen „Geist der Armut“ gibt, der uns – mehr als real vorhandenes oder fehlendes Geld – dazu bringen will, uns klein und mickrig zu fühlen, uns in Sorgen zu verstricken und daran zu zweifeln, dass Gott sorgt.

Auch jetzt fällt mich der „Geist der Armut“ bisweilen noch an und ich beginne wieder, mir über meine Finanzen und die der Gemeinschaft schreckliche Sorgen zu machen. Dann hilft mir  erstens: laut ein Danklied singen; zweitens: all die Menschen und Dinge aufzählen, die mein und unser Leben ganz konkret reich machen (nach Möglichkeit ebenfalls laut); und drittens: (leise) Geld verschenken.

An meinem Küchenschrank klebt seit einiger Zeit ein Zettel mit einem Spruch von Gerhard Ter­steegen, der mir hilft, in Zeiten von gefühlter oder echter Armut die Relation nicht aus dem Blick zu verlieren: „Reich ist, wer viel hat. Reicher ist, wer wenig braucht. Am reichsten ist, wer viel gibt.“

Rebekka Havemann

 

„Habt ihr je Mangel gehabt?“

Noch im 2. Weltkrieg geboren, sind viele meiner Kindheitswünsche unerfüllt geblieben. Essen war oft knapp und ich habe erlebt, wie meine Eltern ums tägliche Brot ­gebetet haben. Zur Konfirmation musste ich mir, da das Geld für eigene Schuhe nicht reichte, meines Großvaters alte Stiefel ausleihen.

Jahre später verdiente ich als junger Architekt und Familienvater gut. Uns mangelte es an nichts. Aus dieser „reichen“ Existenz hat Gott uns dann herausgerufen, unser Leben mit jungen Menschen zu teilen und beim inneren und äußeren Aufbau der OJC-Gemeinschaft mitzuhelfen. Mit 100 DM Taschengeld pro Person mussten wir alles Persönliche bestreiten. Wohnung und Essen kamen von der Gemeinschaft, die auch nicht viel hatte. Unsere mitgebrachten Möbel, Kleider und das Auto waren bald aufgebraucht und abgetragen, und wir begannen, dafür zu beten und Gott zu vertrauen, dass er uns alles Notwendige geben wird.

Unsere Kinder brauchten viel Ermutigung und manches Gespräch, um auch ohne „Krokodil“ am Hemd und ohne „Diesel“ auf der Hose ihren Selbstwert in der Schule zu behaupten.

Wir wagten, das, was wir hatten, mit anderen zu teilen und erlebten wie die Jünger, dass zwei Fische und fünf Brote ausreichten, um viele satt zu machen.

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und ­einer Lebenshaltung, die dem entspricht, dann wird euch das, was ihr zum Leben braucht – alles Übrige – zufallen. Dieses Matthäus-Wort (6,33) hat sich seit 40 Jahren in unserem Alltag bewahrheitet. Gott sorgt und hat uns aus seiner Fülle immer wieder versorgt. Kein Jahr, in dem wir nicht Urlaub machen konnten, kein Tag, an dem wir nicht genug zu essen hatten – auch wenn es mitunter nur „Kartoffelwochen“ gab. Bis heute ist jeder ­Monat spannend: Wie bringt uns Gott mit meiner Rente und dem Taschengeld meiner Frau durch? Aber immer gilt: Wir haben nie Mangel gehabt.

Nein. Niemals.

Hermann Klenk
 

Die Freude, etwas nicht haben zu müssen

Es heißt Meckermann-Reisen und nicht Neckermann-Reisen“ seufzte eine ehemalige Klassen­kameradin, die inzwischen auf einem Kreuzfahrtschiff arbeitet. Wir sind beide in Südafrika aufgewachsen und fragten uns: Sind die Menschen vielleicht unzufrieden, weil sie im Wohlstand leben? Als Missionarskind bin ich unter „armen“ Menschen groß geworden. Seit ich hier in Deutschland lebe, bezeichne ich sie aber lieber als materiell arm. Der unfrei­willige Verzicht auf ein schönes Zuhause, ein Auto oder ein geregeltes Einkommen ist für viele meiner afrikanischen Nachbarn nicht einfach und trotzdem erkenne ich in ihrer Lebenshaltung Zufriedenheit und ­einen größeren inneren Reichtum als im ­gesättigten Deutschland. Woran liegt das?

An mir selbst beobachte ich, dass ich den Besitz von materiellen Gütern zunächst mit dem Gefühl der Zufriedenheit verbinde. Aber selbst bei vermeintlich praktischen Produkten, die keine Luxusartikel sind, stelle ich fest – so paradox es auch klingt: Wenn ich mir wieder etwas gekauft habe, besitze nicht ich dieses Objekt, vielmehr nimmt es mich in Beschlag: Jeder Gegenstand im Haushalt möchte verwaltet werden, repariert oder ersetzt. Jedes Ding braucht Zeit und Aufmerksamkeit, die ich sonst für mich persönlich, für andere Menschen, meine Gottesbeziehung und Berufung zur Verfügung hätte. Die sogenannten schönen Dinge des Lebens üben noch immer einen Reiz auf mich aus, und doch weiß ich im Herzen, dass sie vor allem meine inneren Kräfte binden. Diese Bindung ist aber nicht lebensförderlich.

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, schreibt Martin Buber. Es ist die Bindung an Gott und die Verbindung mit Menschen, die in die Fülle führt. Deshalb entdecke ich mehr und mehr im freiwilligen wie im unfreiwilligen Verzicht auf materielle Güter einen Reichtum. Der Verzicht auf das, was ich gerne haben würde, hilft mir, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Der Verzicht führt mich in die Fülle und in die eigentliche Freiheit: die Freude, es nicht haben zu müssen. Deswegen lebe ich gerne auf Taschengeldbasis in dieser Gemeinschaft.

Konstantin Mascher

 

Designer-Mode aus der Kleidersammlung

Wenn ich einmal reich wär!“  – so trällert Tevje, der Milchmann, gelegentlich durch meine Gedanken: beim Durchblättern von Katalogen mit „Bio-Fair-Klamotten“, die hübsch zu tragen wären, oder wenn Freunde aus der Griechisch-Tanzgruppe von ihrem Tanzurlaub auf Kreta schwärmen oder ...

Von meiner Familie her bin ich daran gewöhnt, mit wenig Geld auszukommen. Auch bei der Berufswahl war meine Priorität nicht die Höhe des möglichen Verdien­stes, sondern der Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun; meine Arbeit sollte mich ernähren (falls der erträumte Millionär zum Heiraten ausbliebe), aber vor allem sollte sie mir Spaß machen. So galt es schon während der Zeit meiner Berufstätigkeit hin, und wieder finanzielle Durststrecken zu überwinden und ich war nicht ganz ungeübt im einfachen Lebensstil als ich zur OJC kam. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – erschreckte mich die Taschengeld-Regelung: Es war für mich unvorstellbar, auf Dauer von einem derart geringen Betrag leben zu können: „Da kann ich mir ja noch nicht mal meine Lieblingskekse leisten! Was ist mit Geschenken für meine Patenkinder? Nie wieder Urlaub machen? Kein Auto? Mal schön Essen gehen?“

Ich wollte mich in der OJC investieren, aber mit dem Thema Geld musste ich mich wirklich auseinandersetzen. Die Beobachtung, dass andere OJCler offensichtlich schon länger auf diese Weise lebten – und dabei nicht „heruntergekommen“ aussahen – und dass in der Gemeinschaft das „Miteinander-Teilen“ den Einzelnen ins Ganze einbindet und trägt, brachte mich zu der noch sehr zaghaften Entscheidung, Gott zu vertrauen, auch in diesem ganz handfesten materiellen Bereich meines Lebens.

Was ich seither in 15 Jahren „Taschengeld-Zeit“ mit dem banalen Satz „Gott sorgt für mich!“ erlebt habe, kann ich manchmal selbst kaum glauben: von den Lieblingskeksen über Designer-Kleidung, günstigen Urlaubsangeboten, unerwarteter Unterstützung aus Freundes- und Familienkreis, bis hin zum Laptop – ein Strom von Segen und Geschenken! Gerne erzähle ich die Geschichte von den Badeanzügen: Als aus geschenkten Kleidertüten immer wieder nur Blusen und T-Shirts hervorkamen, ertappte ich mich – wie das Volk Israel in der Wüste – beim Murren: „Blusen hab ich jetzt echt genug. Was ich dringend brauche, ist ein Badeanzug. Wo soll der bloß herkommen?“ Nicht gelogen: In der nächsten Tüte, die bei mir landete, waren drei Badeanzüge, und sie passten mir alle. Gott hat Humor.

Ich will aber nicht verschweigen, dass der Verzicht auf finanzielle Unabhängigkeit durchaus auch weh tut. Ich kann nicht alles selbst und alleine entscheiden, bin angewiesen auf Gottes Treue und Hilfe von anderen. Einfacher Lebensstil ist Teil der Lebenskultur der OJC-Kommunität und lehrt mich: Letztlich geht es nicht um Haben oder Nicht-Haben. Es geht um das wachsende ­Vertrauen in den himmlischen Vater, der weiß, was ich brauche und gerne schenkt. Es geht um das Erleben, dass weniger Haben nicht ärmer, sondern freier macht; dass Miteinander-Teilen die Verbundenheit stärkt und alle bereichert; dass die Dinge nicht nur einen Preis haben, sondern auch einen Wert. Deshalb: Es lohnt sich!

Ursula Räder
 

Kartoffeln im Keller und Holz im Schuppen

Geld sehe ich als eine Gabe, die Gott mir anvertraut hat. Als eine Gabe von vielen. Ich fühle mich reich beschenkt und begabt von Gott.

Es ist richtig, dass wir in der OJC nicht „viel“ Geld bekommen. Aber was heißt das schon, „viel Geld“? Bevor wir als Familie in die OJC kamen, war ich selbständig als Landschaftsgärtner. Die Geldmengen, die mir da anvertraut wurden, waren deutlich größer. Es blieb trotzdem nicht viel mehr für uns übrig. Zu Singlezeiten habe ich noch für 50 Euro Taschengeld im Monat in Lebens­gemeinschaften gelebt und auch in dieser Zeit wurde ich reich beschenkt und fühlte mich als reicher Mensch. Ich konnte damals wie heute gut schlafen und mich immer satt essen.

Von einem Menschen, mit dem ich ein Jahr leben durfte, und der die Hungersnöte nach dem Zweiten Weltkrieg miterlebte, habe ich einen besonderen Satz im Herzen behalten: „Robert, wir haben Kartoffeln im Keller und Holz im Schuppen – wir müssen nicht hungern und wir müssen nicht frieren. Was wollen wir mehr?“ Wenn doch alle Menschen soviel hätten! Dann hätte ich mehr Frieden im Herzen als mit einem vollen Konto.

Robert Walther

Von

  • Offensive Junger Christen - OJC e.V.

    ist eine ökumenische Kommunität, die sich offensiv für eine Erneuerung in Kirche und Gesellschaft einsetzt. Wir sind davon überzeugt, dass wirksames Christsein vor allem glaubhaft gelebt werden muss, wenn es andere anstecken soll. Unsere Stärke ist das Miteinander von gemeinsamem Leben, geistig-geistlicher Reflexion und gesellschaftlichem Handeln.

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