Kennzeichen D

Auf der Suche nach dem Lebensplatz: von Deutschland nach Dänemark über Damaskus in den Libanon

Vom Studentenleben in den Prüfungsstress, vom Examen zur Akkordarbeit, vom Leben als Ehepaar zur Hausgemeinschaft, vom gestressten Westen in die Kultur des Orients... Man kann sich mit dem Thema "Zeit" theologisch, spirituell und philosophisch beschäftigen.
Rahel und Jeppe Rasmussen, die 1999 für ein Jahr in der OJC lebten, haben den Tempowechsel ihrer letzten Jahre unter der Frage bedacht: Wie finde ich meinen Rhythmus? Wie finden wir ihn als Ehepaar? Wie erhalten wir uns Freiräume für Gott?

von Jeppe und Rahel Rasmussen


Rahel: Im Oktober 2006 verabschiedeten wir uns vom "normalen Leben". Wir verließen unsere Wohnung in Eichstätt, in der wir vier Jahre als Studentenehepaar gelebt hatten, in der unser Eheleben Gestalt annahm und die unser Zuhause geworden war. Die meisten unserer Möbel hinterließen wir den Nachmietern. Nur vom großen Bücherregal, unserer arabischen Sitzecke und dem großen Sperrmüll-Schreibtisch wollten wir uns nicht trennen. Der Lebensabschnitt, der vor uns lag, verlangte so wenig Gepäck wie möglich. Noch öfters sollten wir in den kommenden 15 Monaten unsere Zelte abbrechen. Die erste Station in diesem nomadenhaften Lebensabschnitt war ein Ferienhaus in Dänemark. Was wir dort machten, war allerdings alles andere als Urlaub.

Jeppe: Allerdings! Nachdem wir die Umzugskisten im Haus meiner Eltern untergebracht hatten, zogen wir mit vielen Büchern und Fotokopien in ihr Ferienhaus, um für unsere Abschlussprüfungen zu lernen - umgeben von Sträuchern, Bäumen und Stille, ein idealer Ort, um sich seinen Büchern zu widmen. Von nun an lebten wir nur auf die Prüfungen hin. Themen wie islamistischer Terrorismus, die portugiesische Indio- und Rassenpolitik in Brasilien und die Fragestellung, wie und wozu Erwachsene überhaupt lernen, nahmen unsere Gedanken in Anspruch.
Dafür, dass wir tagein tagaus unter demselben Dach saßen, haben wir einander erstaunlich gut ver- und getragen. Das wäre sicher anders gewesen, hätte nur einer von uns Prüfungen gehabt. Und trotzdem hast du, Rahel, die Prüfungszeit ganz anders erlebt als ich.

Wie betäubt

Rahel: Stimmt. Ich war schon durch die vorausgegangene Magisterarbeit sehr erschöpft. Vor den bevorstehenden Prüfungen hatte ich große Angst. Nach Weihnachten reisten wir wieder nach Eichstätt. Dort hatten wir für die sechs Wochen Prüfungszeit eine Ferienwohnung gemietet. Es war komisch, im vertrauten Ort zu sein, und doch in einer "fremden Wohnung" zu leben. Schon in Dänemark hatte mein Körper auf den Prüfungsstress reagiert: nach einer Mittelohrentzündung bekam ich starke Zahnschmerzen. In Eichstätt schlug mein Pendel dann zwischen Terminen zur Zahnwurzelbehandlung und Prüfungen. Nach der ersten Prüfung schrieb ich in mein Tagebuch: "Ich komme mir betäubt vor." Mir war schließlich alles egal.

Jeppe: Ja, und dann war plötzlich alles vorbei. Fünf Jahre Studium lagen hinter uns und ein großes Fragezeichen vor uns: Wie geht es weiter? Natürlich hatten wir darüber schon nachgedacht. Wir hatten sogar schon ein nächstes und übernächstes Ziel: Zuerst wollten wir in Dänemark Geld verdienen, um damit einen zweijährigen Aufenthalt im Nahen Osten zu finanzieren.
Ab Anfang März 2007 durften wir im Haus meiner Eltern wohnen, um Miete zu sparen. Ich bemühte mich, so schnell wie möglich Arbeit zu finden. In den ersten Wochen bekam ich nur Gelegenheitsjobs. Zweifel kamen auf: Werden wir so für unser Orient-Projekt genügend Geld verdienen? Wird Rahel überhaupt Arbeit finden, wo sie doch kaum Dänisch spricht? Ist alles nicht nur ein verrückter, aussichtsloser Plan?

Am Fließband

Nach fünf Wochen bekamen wir beide eine Stelle in einer Elektrowerkstatt. Vier Monate lang radelten wir täglich acht Kilometer zur Arbeit und waren dann acht Stunden vor allem damit beschäftigt, Steckdosen in Aluminiumgehäuse zu drücken. Dachten wir anfangs noch, dass uns diese Arbeit Gelegenheit zum Nachdenken geben würde, mussten wir schnell feststellen, dass das eintönige Wiederholen der Arbeitsschritte und der im Hintergrund laufende Dudelfunk das Hirn ausschalteten. Am meistens überrascht hat mich jedoch, wie müde ich abends war.

Rahel: Wir hingen abends oft einfach vor dem Fernseher oder drifteten ins Internet ab. Überhaupt war es schwierig, in dieser Zeit unseren Rhythmus zu finden. Wir wohnten nun in einem Haushalt, in dem drei Lebensstile zusammenkamen: der meiner Schwiegereltern, der von Jeppes zwei Brüdern und unserer.

Verschiedene Rhythmen

Immer wieder dachten wir: "Wie kann man nur..." und "das hätten wir aber anders gemacht!" Das schwierigste war, immer wieder einzusehen, dass wir nicht da waren, um das Leben der anderen nach unserem Geschmack zu verändern, was auch gar nicht möglich gewesen wäre. Vielmehr mussten wir lernen, sie mit ihrer Lebensgeschichte zu verstehen, in Liebe zu ertragen und ihnen vor allem dankbar zu sein, dass sie ihr Haus mit uns teilten. So konnten wir viel Geld für unseren Nahost-Aufenthalt sparen.

Jeppe: Zum vierten Mal in zehn Monaten brachen wir dann im August unsere Zelte ab. Nachdem wir uns von Freunden und Verwandten in Dänemark und Deutschland verabschiedet hatten, begann Anfang September die große Reise - auf dem Landweg! Von Deutschland über Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, die Türkei und Syrien fuhren wir in den Libanon, wo Rahels Eltern seit  über 20 Jahren arbeiten. Es waren sechs lange Tage mit Wegstrecken zwischen 800 und 1000 Kilometer. Wieder kamen unterschiedliche Rhythmen, Erfahrungen und Wünsche zweier Generationen auf äußerst engem Raum zusammen. Es war nicht immer leicht, zwischen "Vorankommen" und "Pause machen" zu entscheiden.

Fragen über Fragen

Rahel: In Beirut bezogen wir eine große, günstige Wohnung. Es war ein vertrautes und fremdes Gefühl zugleich, wieder nur zu zweit zu sein. Die Hauptstadt zu Füßen mussten wir wieder einmal fast bei Null anfangen. Wieso sollte ich ausgerechnet hier einen Neuanfang wagen? Warum sind wir nur auf die Idee gekommen, uns auf eigene Faust zwei Jahre im Nahen Osten fortzubilden? Meine alte Heimat ist mir fremd geworden. Hätten wir nicht besser in Deutschland Arbeit suchen und uns niederlassen sollen? Wir wollten doch bald Kinder kriegen... Wäre nicht jetzt die Zeit dafür? Oder soll ich gerade diese zwei Jahre nutzen, um meinen Lebenslauf für eine spätere Karriere zu polieren? In diese Situation hinein sprach Gott zu mir durch einen Bibelvers: "Ein Geduldiger ist besser als ein Starker" (Spr 16, 32). Darauf musste ich zunächst einmal bauen.

Jeppe: Ich war froh, endlich mit dem Arabisch-Lernen anfangen zu können. Das war einer der Gründe unseres Kommens, dass ich Rahels Welt kennenlernen wollte und mich Fragen zu Islam und Christentum interessieren. Aber schon bald meldeten sich auch bei mir viele Fragen, die von innen wie von außen an mich herangetragen wurden: Ist es für die Berufslaufbahn nicht unsinnig, hier zwei Jahre zu "vertrödeln"? - Was, du willst hier nicht gleich arbeiten? - Wieso kommt ihr überhaupt in diese Krisenregion?
Auch wenn ich mir einbilde, einigermaßen nachvollziehbare, "vernünftige" Antworten geben zu können, bin ich letztendlich davon überzeugt, dass wir nicht die eigentlichen Gestalter unseres Lebens sind. Dass wir in der Hand und unter der Leitung eines Anderen, Größeren stehen. Auch wenn ich jetzt noch nicht ganz erkenne, wozu unser Hiersein gut sein wird, habe ich den Eindruck, stärker noch, möchte ich darauf vertrauen, dass Gott hier etwas in unser Leben hineinlegt, das er später zur vollen Entfaltung bringen wird.

Neuer Beat

Rahel: Was Du gerade gesagt hast, erlebe ich zur Zeit auf ganz besondere Art. Vor einigen Monaten nahm ich mir Zeit zur Stille, um auf Gott zu hören. Durch die Tageslosung war ich auf die Geschichte von Hanna neugierig geworden, dieser kinderlosen Frau, deren sehnlichster Wunsch es war, Mutter zu werden. In ihrer Not wandte sie sich an Gott. Durch den Priester Eli, bekam sie Gottes Zuspruch, dass sie bald ein Kind kriegen würde. Daraufhin wurde Hanna wieder froh. (1. Sam 1,1-18) In Hannas Sehnsucht erkannte ich auch meinen tiefen Wunsch. Ich wusste da noch nicht, dass ich schon schwanger war! Gott hatte bereits etwas Neues geschaffen, und ich war dabei, es zu erkennen.

Das neue Leben, das in mir heranwächst, wird unseren Lebensrhythmus stark verändern. Wir sind sehr gespannt darauf und freuen uns auf Zeiten, in denen wir unser Zelt auch für längere Zeit an einem Ort aufschlagen können.

Von

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