Trauerfeier am 19. November 2015

Abschied von Ite Zimmerer
Predigt von Klaus Sperr
Abschied von Ite Zimmerer

Predigt von Klaus Sperr

Ite Zimmerer vom 5. August 1937 – 14. November 2015

„ …dass ich fröhlich zieh hinüber, wie man nach der Heimat reist.“ Wohl dem, der so leben und so sterben kann! Dazu lese ich uns Ps 73,25.26:

Wenn ich nur dich habe, so frage ich nicht nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.

Dieses biblische Wort ist Ites Eintrittswort in die OJC. Gott haben – dann stellt sich keine weitere Frage mehr. In diesem Satz kommt eine Unbekümmertheit und Sorglosigkeit zum Ausdruck, die ihr Leben geprägt hat.Dabei gab die Zeit in die sie hineingeboren wurde alles andere als Anlass zur Unbekümmertheit.

Elfriede Zimmerer wurde am 5. August 1937 in Unterhausen am Rand der Schwäbischen Alb geboren. Sie war das erste von vier Kindern, die der Schuhmacherfamilie Zimmerer geschenkt wurden. Ihr Geschwister seid heute alle da und ihr wisst ja, dass ihr eurer Ältesten ein Leben lang sehr, sehr  viel bedeutet habt.

Unsere Ite hieß bei euch Evi – beides Herzensnamen für Elfriede. Als ich dich, Lore – die Jüngste eures Quartetts – dieser Tage am Telefon nach ihr befragt habe, sagtest du als erstes ganz spontan: „Die Evi war immer schon viel unterwegs. Sie kam wohin ich nie kommen werde: in die USA, nach Südafrika und an viele andere Orte.“ Ja, das haben auch wir wahrgenommen. Doch hatte ihre große Weltoffenheit auch eine bedeutsame heimatliche Grundlage: Sommer wie Winter – im Urlaub und an Weihnachten – seit weit über 30 Jahren – war sie regelmäßig mehrmals im Jahr bei euch im Allgäu zu Gast. Heimat ist einer der Begriffe, die ich mit eurer Evi verbinde: ganz menschliche Heimat bei euch und bei uns – und ganz himmlische Heimat bei Gott: „Wenn ich nur dich, Gott, habe.“

Am liebsten wäre sie Kindergärtnerin geworden. Dieses Wort galt damals noch. Sie war zeitlebens keine Erzieherin sondern eine Gärtnerin, die wusste: damit Menschen wachsen können muss man sie pflegen und hegen.

Ihre Liebe zu Kindern ist legendär geblieben. Sie mochte über alles ihre Neffen und Nichten und einfach alle OJC-Kinder. Und die mochten sie! Und es war für sie ein Glück, Nina und David bei uns in der Jahresmannschaft zu sehen!

Nun hat es mit ihrem heimlichen beruflichen Wunsch ja nicht geklappt. Die Führungen Gottes waren anders. Auch da hat sie ganz tief gelebt was ihr Eintrittswort zum Ausdruck bringt: „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nicht nach Himmel und Erde.“ Oder wie Dietrich Bonhoeffer es ausgedrückt hat: „Es gibt erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche.“

So kam eure Evi zunächst in die Schweiz. In das vornehme Haus eines Kantonsrates. Dort war sie einfach Zimmermädchen. Von dort aus führte sie ihr Weg in das vielköpfige Haus der Pfarrfamilie Geister nach Nürtingen. Nun war sie zwar immer noch nicht Kindergärtnerin aber sie hatte immerhin bei neun Kindern den Kindergarten im Haus.

Bei der Familie Geister fand sie Heimat bei Menschen und bei Gott. Leben und Glaube wurden gegründet. Sie kam als Haustochter, verweilte dort acht Jahre und blieb zeitlebens Familienmitglied – bis in die Enkelgeneration hinein.

Aus dieser Zeit resultiert auch ihr Namenswechsel. Der jüngste der Geisterkinder, Matthias, tat sich mit dem Namen Elfriede schwer. Und kurzerhand wurde daraus der zweite Herzensname: Ite.

Doch immer noch war sie viel unterwegs. Und so gelangte sie wieder in die Schweiz. Und wieder zum Kantonsrat, dieses Mal als Hauswirtschafterin. Wenn sie davon erzählte, war das wie eine Reise in eine vergangene Zeit. Sie hatte den Herrschaften das Essen zu servieren um dann zusammen mit dem Gärtner in der Küche zu speisen. Bei alledem war sie dort offensichtlich sehr wertgeschätzt. Doch längst hatte sie ein anderer Ruf ereilt. Und obwohl man ihr eine sichere Anstellung und ein stattliches Gehalt anbot, entschied sie sich Gott gehorsam zu sein und wechselte für ein Taschengeld in die damals noch unsichere und gerade im Entstehen befindliche ‚Offensive junger Christen‘ nach Bensheim.

„Wenn ich nur dich habe, so frage ich nicht nach Himmel und Erde.“ Das war für unsere Ite kein frommes Sprüchlein, das war ihr Lebenszeugnis. Ich frage nicht nach Träumen und nicht nach Reichtum – ich frage nach Gott – ER ist Antwort auf alle Fragen meines Lebens! Bei IHM bin ich zu Hause – zeitlebens – und in alle Ewigkeit!

Dies kommt auch in ihrem Lieblingslied zum Ausdruck:

„Stern, auf den ich schaue, Fels, auf dem ich steh,
Führer, dem ich traue, Stab, an dem ich geh,
Brot, von dem ich lebe, Quell, an dem ich ruh,
Ziel, das ich erstrebe, alles, Herr, bist du.“

So kam sie also 1972 in die ganz junge OJC. Hier bei uns trug sie immer den Namen Ite. Fast wie einen Ordensnamen. Keine neue Identität – aber eine neue, zweite Familie ist ihr zugewachsen. Keine andere Person – aber fortan ein Leben der Berufung.

Viele Aufgaben sind ihr in den 43 OJC-Jahren zugefallen. Die Großküche im Bensheimer Quellhaus – je Hausmutter in Schloss und Tannenhof – Gastgeberin für Gäste aller Art und aus aller Herren Länder – und eine Zeit lang leitete sie das Sekretariat unseres umtriebigen Gründers Horst-Klaus Hofmann. Der konnte heute leider nicht kommen: er liegt mit einem schweren Husten im Bett und der Arzt hat ihm gestern noch den Gang auf den Friedhof strengstens verboten. Er bedauert sehr, dass er nicht hier sein kann und lässt alle sehr herzlich grüßen.

Viele Plätze hat Ite hier eingenommen – einer aber machte sie zur ganz Besonderen. Weit über 35 Jahre hinweg war sie der telefonische Zugang in die OJC. Eine Telefonistin aus Leidenschaft – zuverlässig wie vom Band aber quicklebendig wie nur von Ite erklang: „Offensive junger Christen - Zimmerer – guten Tag!“ Für nicht wenige war dies wie nach Hause kommen.

Ite war die Stimme der OJC – und: für hunderte von Ehemaligen und noch mehr Freunde war sie das Gesicht der OJC.

Ite war allen Menschen zugewandt – den Alten wie den Jungen – den Neuen wie den Gründern – den Ledigen wie den Verheirateten – den Handwerken wie den Bischöfen – den Gästen wie den OJClern … allen gleich freundlich und herzlich. Vorurteilsfrei und ohne zu fremdeln. Nie berechnend immer freigiebig. Allen gegenüber! Und doch ragten zwei Menschengruppen aus allen heraus: die Kinder und die Ehemaligen. Für beide schlug ihr Herz ganz besonders – und beide, die Ehemaligen wie die Kinder, haben mit Ite auch ein kleines Stück eigener Heimat verloren.

So war sie also auch hier Gastgeberin und Kindergärtnerin. Hier bei uns wo immer sie war. Zum Beispiel lebte sie ein gutes Jahr bei einer mit der OJC befreundeten Familie in den Niederlanden.

Anderen Heimat geben war wohl ihre Lebensberufung. Und es erfüllte auch sie selbst – mitten drin zu sein, mochte sie. Ob am Kommunitätstag oder im Gottesdienst, Ite saß immer vorne. Dabei sein wollte sie – und wir wollten dass sie dabei ist!

Von Karl Barth ist uns das Wort ‚Glaubensheiterkeit‘ überliefert. Ich verbinde es auch zutiefst mit Ite. Mitten im Leben getragen vom Glauben und dabei eben immer natürlich und heiter. Vor einigen Jahren gab es an einem Kommunitätstag ein Gespräch über das Ledigsein in unserer Gemeinschaft. Da höre ich wie jemand Ite fragte: „Ite, wann hast du dich denn dazu entschieden nicht zu heiraten.“ Darauf Ite grinsend: „An meinem 70. Geburtstag!“ Denn hatte sie eben erst gefeiert …

Ite war ein Vorbild im Glauben: schlicht und klar – „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nicht nach Himmel und Erde.“ Sie hat ihr Leben und ihre Berufung mit dem gelebt was ihr der liebe Gott geschenkt hat.

Mit dieser heiteren Schlichtheit – die doch nur Ausdruck tiefer Klarheit war – hatte sie immer einen besonderen Platz in unserer Kommunität. Sie hat sich wohl gefühlt in diesem so intellektuellen Laden in dem alle so gebildet daher schwätzen. Ite gehört für mich zu den Menschen, die den Ehrentitel ‚ancilla Domini‘ verdienen: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn.“ So habe ich mich in dieser Woche riesig gefreut, dass Worte aus Matthäus 25 das Wochenevangelium bilden. Ich finde, es ist geradezu ein Ite-Evangelium: „Was ihr diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.“ Das ist Ite – für die Brüder wie die Schwestern – für die leiblichen wie die geistlichen. Ites Tisch – an dem die allermeisten von uns häufig oder doch wenigstens einmal gesessen haben – Ites Tisch war der Tisch des Herrn!

Vor einigen Jahren fragte uns jemand: Wer sind in Zukunft eure Ites? Ich habe keine Antwort. Ich weiß aber: unsere Ite war kein Beigeschmack im Rahmen unserer Gaben – sie war weit mehr als ein Sahnehäubchen – und schon gar kein Anhängsel! Ite hat ihr Leben als ancilla Domini: als „Magd des Herrn“ verstanden und war so eine unerlässliche Gabe unserer Kommunität und ein ganz unverzichtbarer Teil unseres Reichtums! Dass nun Gott Lust darauf hatte, sie endlich wieder ganz nah bei sich in seiner Ewigkeit zu haben, kann ich nur allzu gut verstehen! Friederike Klenk brachte es dieser Tage auf den Punkt indem sie sagte: „Ite war in ihrer Kleinheit eine echte Größe!“

So kam das letzte Jahr. Nach zwei Schlaganfällen war es nicht leicht für sie so eingeschränkt leben zu müssen. Noch einmal musste sie sich ans Lernen machen: das Gehen mit dem Rollator – Gast statt Gastgeberin zu sein – und manch anderes mehr.

Da bewahrheitete sich der zweite Teil ihres Eintrittswortes: „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nicht nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.“

Ite wusste sich in Gott geborgen – und jetzt darf sie daheim sein – sie darf sehen was sie geglaubt hat! Sie wusste – um nochmals ihr Lieblingslied zu zitieren – wo die Quelle ihrer Geborgenheit liegt:

„Ohne dich, wo käme Kraft und Mut mir her?
Ohne dich, wer nähme meine Bürde, wer?
Ohne dich, zerstieben würden mir im Nu
Glauben, Hoffen, Lieben, alles, Herr, bist du.“

So kam der vergangene Freitag. In der Lebensgruppe am Abend zuvor war sie heiter gestimmt, und auch bei unserem Freitagsfrühstück war das so. Als ich sie nach dem Mittagessen an unserem Tisch verabschiedete sagte sie: „Ich komme gerade mit den Sonntagen gar nicht mehr mit – jetzt ist nicht mehr Trinitatis, oder?“ Ich antwortete: Ja, Ite, wir sind bei den letzten drei Sonntagen im Kirchenjahr“. – „Ah, dann kommt jetzt der Totensonntag!“ – „Nein, Ite, erst kommt der Volkstrauertag und dann der Toten- oder Ewigkeitssonntag.“ – „So“, war ihre Antwort. Und dann ging sie.

Am Abend war Antje Vollbrecht noch bei ihr. Beide haben füreinander gebetet und Antje hat auf Ites Wunsch hin darum gebeten, dass sie ruhen möge in Abrahams Schoß.

Viel schneller als wir es für möglich hielten, hat sich dies alles erfüllt. Noch in der Nacht hat Gott sie in den himmlischen Schoß gelegt. Und als ich am Sonntag noch Volkstrauertag beging, hat Ite schon im Himmel Ewigkeitssonntag gefeiert!

Elfriede Zimmerer – eure Evi, unsere Ite – gehörte zur Pioniergeneration der OJC. Als echte Pionierin ist sie uns auch in die Ewigkeit vorausgegangen.

Ite hat Heimat gefunden und Heimat gewährt. „Daheim bei Gott“ steht deshalb auf dem Kreuz, das ihre irdische Ruhestätte schmücken wird. Ite ist wohin sie eigentlich gehört: bei Gott. Sie ist uns vorausgegangen wohin wir alle – ob wir das wollen oder nicht – wohin wir alle eigentlich gehören: heim zu Gott.

Wohl dem, der von Herzen singen kann:

„Ja, Herr Jesu, bei dir bleib ich so in Freude wie in Leid;
bei dir bleib ich, dir verschreib ich mich für Zeit und Ewigkeit.
Deines Winks bin ich gewärtig, auch des Rufs aus dieser Welt;
denn der ist zum Sterben fertig, der sich lebend zu dir hält.“

Wohl dem, der so leben und so sterben kann. Ich wüsste nicht wie es anders gehen sollte!

So geben wir unsere Evi – unsere Ite frei für Gottes Ewigkeit. Wir lassen sie los in der Gewissheit, dass sie uns vorausgegangen ist um uns in Gottes Ewigkeit wieder zu empfangen. Bis dahin übt sie sich ein in das Leben einer irdischen Gastgeberin als himmlischer Gast am Tisch unseres Gottes!

„Wenn ich nur dich habe, so frage ich nicht nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.“
Amen.

Zeugnis von Antje Vollbrecht

Abschied von Ite Zimmerer

Ite ist für mich meine „Adoptiv-Oma“. Sie hatte mich irgendwie in ihr Herz geschlossen.

Jeden Mittwoch hat Ite für uns junge Mitarbeiter lecker gekocht, den Tisch schön gedeckt, auf uns gewartet und Ausschau gehalten, wann wir endlich kommen, und uns dann Raum geschenkt zu erzählen von dem, was uns bewegt, und auszuruhen. Ite hat etwas ganz warmes und weiches, sie war einfach „rund“ - bei ihr habe ich mich sehr wohl und angenommen gefühlt. Ite hat mich an meine Lieblingsoma erinnert und so wohl eine besondere Zuneigung zu ihr in mir hervorgerufen.

Als sie mich bat, mit ihr eine Patientenverfügung zu machen und als Vertrauensperson für sie da zu sein, war es dann mehr oder weniger „offiziell“.

Ite hat sich für uns Junge verantwortlich gefühlt. Die Eltern von einer von uns hatten Ite gebeten, „ein Auge auf ihre Tochter zu haben“. Das hat sie sehr ernst genommen. Es gab öfter Ermahnungen, auch einmal eine Pause von der Arbeit zu machen, nicht im Stehen zu essen oder sonst zu „verlottern“.

Ite hat uns auch gesehen, wenn wir nicht da waren – bei Bibelarbeiten oder im gemeinsamen Abendmahl am Freitag Morgen fehlten. Eine zu lange Lebensgruppenrunde am Vorabend ließ sie dafür als Entschuldigung nicht gelten. Da war sie wirklich streng: wer abends lange aufbleiben kann, kann morgens auch früh aufstehen … oder er muss abends früher ins Bett gehen und nicht noch bis in die Nacht vor dem Laptop hängen.

Alles Gemeinsame – vor allem die gemeinsamen Zeiten bei Gott – waren Ite nämlich besonders wichtig: wenn Christus unsere Mitte sein soll, dann müssen wir uns auch um ihn herum versammeln, immer wieder. Ich habe eine Zeit lang das Abendmahl öfter ausfallen lassen. Ite hat mich angesprochen. Ich habe ihr erzählt, welche Not wirklich dahinter steckte. Und Ite hat gesagt: aber Antje, gerade jetzt ist das Abendmahl besonders wichtig. Ite wusste, welche Kraft darin liegt. Ich habe es mir zu Herzen genommen.

Besonders war, dass Ite die Stillen, die Leisen am Tisch angesprochen hat, dass auch sie ihre Geschichten erzählten.

Sonst war Ite ja manchmal ein ungeduldiger Geist, aber das konnte sie mit großer Geduld: zuhören und nachfragen, wenn einer erzählte. Und sie hat diese Runde immer wieder für Gäste geöffnet. Das hat auch uns reich beschenkt.

Manchmal haben wir an Ites Tisch hitzig diskutiert, zuweilen wohl verhoben, wenn wir mal wieder die Welt retten wollten. Aber es gab auch Momente, da wurden neue Ideen geboren, neue Wege bedacht für einzelne oder die ganze Gemeinschaft.

Ite wusste, wo es wichtig war, ihren Dienst treu durchzuhalten, auch wenn das „Jungvolk“ am Tisch die Augen verdrehte. Von unserem „Ite, es ist Mittag, lass das Telefon doch klingeln. Wer etwas will, wird sich noch mal melden!“ ließ sie sich nicht beirren. „Dafür bin ich da, und da gehe ich jetzt ran, ich gehe immer ans Telefon, auch in der Nacht!“

So hat Ite nicht nur mit dafür gesorgt, dass ich – versorgt mit ihrem guten Essen – nicht aus den Latschen kippe, sondern auch immer wieder meine Blickrichtung zu Jesus Christus hingelenkt und zu dem Dienst, zu dem wir berufen sind.

Ite ist einer der Menschen, die mich ins Leben hineingeliebt haben. An meinem 30. Geburtstag bin ich weit weg ans Meer gefahren und es war nicht sicher, ob ich zurückkommen werde. An Ites Tisch haben wir meine Rückkehr ins Leben gefeiert.

Dies ist Ites Satz, den sie mit Herz und Mund, Augen und Händen so oft sagte: „Ja Antje, wie schön, dass du da bist!“ Wenn es jemanden gibt, der über viele Jahre einfach nicht aufhört, für einen zu beten, an einen zu glauben, dann kann es nur einen Grund haben: der meint das ernst. So ein Mensch ist Ite für mich.

Wenn wir uns von den Kindern in unseren Familien erzählten und Bilder zeigten – Ite von „ihren Zwillingen“, ich von meinem Neffen und Nichte – konnten wir uns herrlich miteinander freuen.

Als Tischgebet mochte Ite ein bestimmtes Lied sehr gerne: „Aller Augen warten auf dich Herre...“ – mehrstimmig, bis zum Amen, das für alle Stimmen nah beieinander beginnt und sich dann weit auffächert. Das Lied muss man leise singen, damit es klingt – so, dass jeder den anderen gut hört. Manchmal haben wir nicht gut hingehört oder viel zu laut drauflos gesungen. Wie gut, dass wir nach einem schrägen Lied auch herzlich miteinander lachen konnten.

Jemanden weiterziehen zu lassen, war für Ite besonders schwer. Ich glaube, sie machte für jeden, der je an ihrem Tisch saß, einen Platz in ihrem Herzen, und wenn derjenige dann weiterzog, tat das sehr weh.

Jetzt müssen wir aushalten, dass Ite weitergezogen ist.

Aber ich freue mich schon jetzt riesig darauf, ihre strahlenden Augen in der Ewigkeit wieder zu sehen.

Zeugnis von Friederike Klenk

Abschied von Ite Zimmerer

Als ich Elfriede kennenlernte, war sie 23 Jahre, blond, blauäugig, klein und stand auf hochhackigen Schuhen mit Pfennigabsätzen.

Ich war damals 10 Jahre alt.

Sie kam in unsere kinderreiche Familie, um als Haustochter meine Mutter zu unterstützen. Wir waren ein Pfarrhaushalt mit 9 Kindern und meine Eltern hatten eine Haustochter gesucht - mit Familienanschluss.

Bei uns kam Elfriede, die in ihrer Herkunftsfamilie „Evi“ gerufen wird,

zu ihrem Namen „Ite“. Mein zweijähriger Bruder, dem das Wort Elfriede zu lang und zu unaussprechlich erschien, rief sie kurzerhand „Ide“ - und daraus wurde schon bald „die Ite“. Damals ahnte keiner, dass dieser Name für die nächsten 50 Jahre ein Markenzeichen werden würde.

Als Tochter eines Schuhmachers hatten Schuhe eine besondere Anziehung für sie. Und fast immer waren es Schuhe mit hohem Absatz. Und das war ihr wichtig. Das machte sie ein wenig größer. Für uns Kinder – und später für viele andere – war Ites Größe ein erster Maßstab. Wenn man so groß war wie Ite, dann gehörte man zu den „Großen“.

13 Jahre später - 1972 
Wieder lebten wir in einem Haus zusammen - jetzt als Erwachsene - und auf Augenhöhe. Unabhängig voneinander hatten wir die Anfänge der OJC – Gemeinschaft erlebt und Ite hatte sich zur Mitarbeit entschlossen. Und das, obwohl sie 4 Jahre lang als Hauswirtschafterin in einem Schweizer Haushalt gut verdient hatte.

Ite übernahm als erste Aufgabe den Empfang und das Telefon. Für die nächsten 40 Jahre war es ihre Stimme, die jeden empfing. Und - sie war immer erreichbar – Tag und Nacht. Sie liebte es Menschen zu empfangen.

Jemandem absagen – aus welchem Grund auch immer - war für sie immer ein großer Schmerz.

Menschen aller Altersgruppen und unterschiedlichster Herkunft fanden bei ihr ein offenes Ohr und freundliche Aufnahme, ganz egal, ob man als Gast, als Familienmitglied, als kurzer Besucher oder als Freund kam.

Ite war ein Gemeinschaftsmensch. Sie genoss es in vollen Zügen mitten drin zu sein. Bei jedem Kirchentag, an jeder Großveranstaltung und an jedem Fest

Sie war mit Leidenschaft und Einsatz dabei!

Sie tanzte gern, sie lachte gern, sie arbeitete gern und viel.

Unvergesslich für uns: Ites „Arme-Leute-Suppe“, die sie an jedem Weihnachtsfest für sicher 100 Personen kochte.

Am liebsten wäre sie ja Kindergärtnerin geworden. Denn - Ite liebte Kinder. Am liebsten hätte sie selbst welche gehabt.

Und weil sich ihr dieser Wunsch nicht erfüllt hat, verwandelte sie sich zu einer wundervollen Tante, Patentante und Großtante für ihre Nichten und Neffen und deren Kinder, ebenso wie für die vielen Kinder unserer Gemeinschaft.

Ite konnte eine Stunde lang mit einem Kind „Hund“ spielen, wenn dies gewünscht war, aber sie liebte auch Kartenspiele, Brettspiele und bei ihr durfte man Eiskunstlauf im Fernsehen anschauen. Sie hatte aber nicht nur ein Herz für Kinder.

Sie hatte auch ein Herz für Eltern. Kinderlärm war Ite keine Last. Oft hat sie – gerade auch in den letzten Jahren – junge Familien mit kleinen und großen Kindern zu sich an den Tisch geladen, lecker für sie gekocht und an ihrem Leben Anteil genommen.

In den Anfangsjahren in der OJC fiel Ite öfter in tiefe Zweifel, ob sie bei uns wirklich am richtigen Platz war. Die andern, so meinte sie, seien so klug und studiert... Sie fühlte sich da eher unterlegen und bedeutungslos.

Aber  - je tiefer sie Gottes Liebe erkennen - und annehmen konnte  - umso freier wurde sie. Komplexe und Ängste fielen mehr und mehr von ihr ab und sie konnte mit den Jahren Professoren und Pastoren ebenso unbefangen und herzlich empfangen wie Kinder und Schüler.

Und – Ite hat ihr Leben lang gelernt. Mit Freude und Interesse hat sie alles aufgenommen, was sie an Vorträgen, Erzählabenden und Bibelarbeiten hören konnte. Noch am vergangenen Mittwoch wollte sie zur Bibelarbeit abgeholt werden, in der es um den Horizont der Ewigkeit ging. 

Liebe Ite,
die Ewigkeit hat für dich schon begonnen. Du bist jetzt die Empfangene und Eingeladene. Viele, die Dir vorausgegangen sind, werden dich empfangen und Du wirst einen Platz am großen, festlich gedeckten Tisch unseres himmlischen Vaters haben. Und diesmal musst Du nicht kochen und spülen. Du darfst dich jetzt feiern lassen! Ganz sicher wird dort gelacht und gescherzt – und womöglich auch getanzt. Und Du kannst wieder flott deine Beine schwingen, wie du es dir oft gewünscht hast.

Friederike (im Namen der OJC - Gemeinschaft)

OJC-Auftrag mittragen

Damit wir unseren Auftrag in Kirche und Gesellschaft auch weiterhin tun können, sind wir auf die Unterstützung von Menschen angewiesen, die mit uns teilen.

Wenn Sie den OJC-Auftrag – auch finanziell – mittragen möchten, freuen wir uns sehr. Dazu haben Sie folgende Spendenmöglichkeiten:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal

Kontakt

Offensive Junger Christen - OJC e.V.
Helene-Göttmann-Str. 1
64385 Reichelsheim
Telefon: 06164 / 9309-0 
Fax: 06164 / 9309-30
E-Mail: reichenberg@ojc.de

Hier finden Sie eine Wegbeschreibung »