Standhaft trotz Widerstand

erstellt von Ralph Pechmann

4. November 2012 // Gehalten von Ralph Pechmann am 04. November im OJC-Gottesdienst.

Gehalten von Ralph Pechmann am 04. November im OJC-Gottesdienst.

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Standhaft bleiben – auch in Widerständen

Standhaft – auch in Widerständen“ so lautet das Thema unseres Gottesdienstes, der zwischen zwei entscheidenden historischen Ereignissen liegt. Das eine reicht fast 500 Jahre zurück und das andere ist etwas älter als 70 Jahre. Ich meine den Beginn der Reformation und die Reichskristallnacht. Drei Gedanken möchte ich mit euch teilen:

1. „Standhaft – auch in Widerständen“ – eine Herausforderung in unseren Tagen

Vor fast 500 Jahren versetzte Martin Luther die Kirche 1517 in eine heilige Unruhe.

Eine Unruhe, die zum Sturm anschwoll und zur Entstehung der evangelischen Kirchen führte. Der Mönch Martin Luther war in tiefen Glaubens- und Lebensfragen auf die verschütteten Quellen von der Rechtfertigung des sündigen Menschen durch die bedingungslose Liebe Jesu Christi gestoßen. Die der Rechtfertigung des sündigen Menschen durch die bedingungslose Liebe Jesu Christi war das zentrale Erbe der Kirche, dass er wiederentdeckt hatte – zuerst für sich und dann konnte er davon nicht mehr schweigen. In diesem Sturm der kirchlichen und politischen Mächte blieb er standhaft im Angesicht lebensbedrohlichen Lage. Er sollte auf dem Reichstag in Worms 1521 seine Einsichten von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Glauben widerrufen. Dazu war er nicht bereit. Daran haben viele am 31. Oktober, dem Reformationstag, gedacht.

Und am 09. November, dem Freitag dieser Woche, erinnern wir uns an das schmachvolle Einknicken und Schweigen der Christen und ihrer Kirchen. Denn mit der sogenannten „Reichskristallnacht“ 1938 begann die geplante Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland. Eine alte 85 jährige Dame hier im Ort erzählte vor kurzem, wie sie als Mädchen in der Hauptstraße an der Synagoge vorbei lief und ein großes Feuer davor brannte. Man warf alle Gegenstände aus der Synagoge ins Feuer und die jüdischen Frauen wurden unter Fußtritten gezwungen, dazu ums Feuer zu tanzen. Reichelsheim rühmte sich 1943, judenrein zu sein. Bis heute begleitet uns die erschütternde Wahrheit, dass die überwiegende Mehrheit der Christen in Deutschland einknickte, zum Unrecht schwieg und seinen HERRN verriet.

  • Was ließ Martin Luther standhaft bleiben im Angesicht der Lebensbedrohung?
  • b) Weshalb kehrte Dietrich Bonhoeffer im Juni 1939 nach nur einer Woche in den USA unverzüglich in seine deutsche Heimat zurück? Er hatte Lehrverbot und war aus Berlin ausgewiesen, stand unter Beobachtung der Gestapo. In Amerika hatte man alles für ihn vorbereitet, so dass er als Theologe in aller Freiheit hätte leben und lehren können. Aber in vielen Stille-Zeit-Notizen beschrieb er seine Unruhe über die Brüder und die Lage in Deutschland. Auf dem Schiff heimwärts notiere er: „Ausharren bis zum letzten Widerstand kann geboten, Fliehen erlaubt, vielleicht auch geboten sein. Die Flucht des Christen in der Verfolgung bedeutet an sich noch nicht Abfall und Schande; denn Gott ruft nicht jeden in das Martyrium. Nicht Fliehen, sondern Verleugnen ist Sünde, … Seit ich auf dem Schiff bin, hat die innere Entzweiung über die Zukunft aufgehört.“
  • c) Und denken wir noch einmal an Varenka und ihre Begründung: „Varenka erschrak. Krieg! Soldaten. Angst ergriff sie. Dennoch sagte sie zu den Leuten: "Wer wird die müden Wanderer stärken, wenn ich mit euch komme? Wer nimmt sich der Kinder an, die sich im Wald verirren? Und wer wird sich um die Tiere und Vögel kümmern, wenn der Winter kommt mit Schnee und Eis? Nein, ich muss bleiben.

2. „Standhaft bleiben – auch in Widerständen“ – am Beispiel der Apostel

Die Entwicklung der ersten Christengemeinde, die aus Messias-Gläubigen Juden bestand, kann dazu etwas sagen. Ich lese aus der Apostelgeschichte:

Petrus aber und Johannes antworteten und sprachen zu ihnen: Urteilt selbst, ob es vor Gott recht ist, dass wir euch mehr gehorchen als Gott. Wir können's ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben. (Apg. 4,19+20) (Und etwas später erneut: Petrus aber und die Apostel antworteten und sprachen: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. (Apg. 5,29)

Was war geschehen? Auf ihrem Weg in den Tempel zum täglichen Abend-Gebet begegneten Petrus und Johannes einem gelähmten Mann, der dort seit Jahren saß und um Almosen bat. Sie schauten ihn aufmerksam an und teilten mit ihm, was sie selbst in reichem Maße empfangen hatten: „Silber und Gold habe ich nicht;“ sagte Petrus zu ihm, „was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“ (Apg 4,6)

Ein stadtbekannter 40-jähriger Mann hüpfte nun freudig und jubelnd durch den Tempel, geheilt in Jesu Namen. Das erregte großes Aufsehen, als dies sich herum sprach. Petrus und Johannes stellten sich der Menge und erinnern sie an die noch frischen Ereignisse um die Kreuzigung Jesu und seine Auferstehung, die sie vor den Ohren der Menge bezeugten.

Der Aufruhr im Tempel rief die geistliche und politische Obrigkeit auf den Plan, beunruhigt darüber, dass jemand dieses heiße Eisen anrührte und auch noch von der Auferstehung sprach. Sie setzten die beiden Apostel gefangen und verhörten sie am nächsten Morgen. Das Wunder der Heilung konnten sie nicht leugnen, stand doch der Geheilte an der Seite der Apostel. Aber sie drohten ihnen Sanktionen an, wenn sie weiterhin von Jesus als dem gekreuzigten und auferstandenen Messias öffentlich reden würden.

Klug und weise reagierten die beiden Jünger auf diesen machtvolle Androhung mit einer Frage: „Petrus aber und Johannes antworteten und sprachen zu ihnen: Urteilt selbst, ob es vor Gott recht ist, dass wir euch mehr gehorchen als Gott. Wir können's ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben. (Apg. 4,19+20) Sie stellten die Loyalitätsfrage, weil ihnen das Herz überfloss. Wem gehört die erste Treue. Vor diese entscheidende Frage werden wir in unserem Leben wohl nur zwei- oder dreimal gestellt.

Eigentlich eine aktuelle Frage, die auch in unserer Demokratie lauter und lauter wird. Privater Glaube im stillen Kämmerlein gerne – aber als öffentliche Stellungnahme bekommt der Glaube politischen Charakter, nicht zu verwechseln mit Parteipolitik. Denn Politik meint: Die Kunst des Zusammenlebens. Wie sagte Jim Wallis in seinem ersten Buch „Umkehr zum Leben“: GLAUBE BEGINNT IMMER PERSÖNLICH, BLEIBT ABER NIEMALS PRIVAT!!

Heute können wir diese Frage so übersetzen: Prüfen wir unser Gewissen im Licht der Liebe Gottes. Es ist unsere Antenne zu Gott: Wem zollen wir mehr Gehorsam? Der Staat braucht unsere Loyalität. Aber Loyalität ist die Folge unserer Treue zum Gott des Lebens, dem Vater Jesu Christi und nicht ein unterwürfiger Gehorsam oder gar ein zivilreligiöser Gottesersatz.

Zurück zum Bericht: Die Messias-Gläubigen Nachfolger Jesu konnte es nicht lassen, von dem zu reden, was sie gesehen und gehört hatten. Das Volk strömte herbei, brachte seine Leidenden und Kranken, hörte die Botschaft von der Befreiungstat und dem anbrechenden Reich Gottes durch seinen Knecht und Sohn Jesus. Und es wendeten sich viele diesem HERRN zu. Daraufhin wurden alle Apostel gefangen gesetzt. Ein Engel führte sie auf wundersame Weise durch alle verschlossenen Türen und an allen Wachen vorbei in die Freiheit.

Die Apostel flohen aber nicht, sondern kehrten am nächsten Morgen verkündigend in den Tempel zurück. Sie hielten den geistlichen und politischen Widerständen stand! Die Hohepriester, Sadduzäer und Soldaten waren zwar verlegen über die entschwundenen Gefangenen. Aber ohne Empfinden und Verständnis für dies Geschehen dachten sie nur daran, die Unruhestifter zum Schweigen zu bringen: „Haben wir euch nicht streng geboten, in diesem Namen nicht zu lehren? Und seht, ihr habt Jerusalem erfüllt mit eurer Lehre und wollt das Blut dieses Menschen über uns bringen. Petrus aber und die Apostel antworteten und sprachen: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg. 5, 28+29)

Beim ersten Konflikt mit dem dem Hohen Rat hatten Petrus und Johannes ihre Treue zu Gott noch als Frage vorgelegt, als prüfende Frage an sich und an den Glauben und das Gewissen der Priester. Beim verschärften Konflikt sind die Fronten klar: Alle Apostel vertreten nun die unhintergehbare Entscheidung ihres Lebens vor dem Gericht und sagen: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

Was ließ die Apostel so standhaft sein? Weshalb knickten sie nicht ein, reagierten nicht rebellisch oder sprachen nicht von einer neuen politischen Ordnung?

Sie waren nicht gegen etwas – sondern für etwas. Sie konnten nicht schweigen darüber, was sie erlebt hatten. Und was sie erlebt hatten, das weckte und nährte nicht nur ein persönliches Ur-Vertrauen zu Gott, sondern zugleich die Frage nach der Wahrheit des Lebens, die für uns Christen eine Person ist und die Frage nach Friede, Freude und Gerechtigkeit, den Zeichen des Reiches Gottes. Das waren eben persönliche und öffentliche Fragen zugleich.

Ein zentraler Gedanke unserer OJC-Botschaft leitet uns bis heute: Revolutionen ändern nur die Machtverhältnisse. Es bleibt alles beim Alten, wenn sich nicht auch die Menschen verwandeln.

Die Wandlung der Strukturen ist nicht zu bewerkstelligen ohne die Veränderung der Menschen. Und hier liegt der Kern der Widerstandsfähigkeit, die alle Apostel, einen Martin Luther, einen Dietrich Bonhoeffer, eine Varenka und viele andere kennzeichnet. Ehe sie bei den anderen Veränderung anstießen oder den Widerstand dagegen auslösten, hatten sie selbst eine umstürzende Wandlung erfahren, die sie bis an ihr Lebensende begleiten sollte.

Schauen wir im dritten Schritt auf den Menschen Petrus. Wir stehen auf den Schultern unserer geistlichen Väter und Mütter im Glauben. An Petrus können wir lernen, wie er von einer richtigen (oder auch politisch korrekten) Nachfolge zu einer aufrichtigen Nachfolge fand.

3. „Standhaft bleiben – auch in Widerständen“ durch Christus verwandelt

Petrus hatte sich an der Seite Jesu, seines HERRN, kennengelernt und erfahren wie verschieden sie beide sind. Dennoch ließ ihn Jesus Liebe nicht los. So liebt Christus uns auch, obwohl er uns kennt – besser, als wir uns selbst kennen. Vier Begegnungen und vier Fragen:

  • a) Retraite in Cäsar-Philippi. Man unterhält sich über die Menschen, wofür sie Jesus halten. „Und ihr, was denkt ihr?“ Petrus bekannte freimütig: „Du bist der Messias, der Gesandte Gottes!“ (Wie würden wir es sagen, weshalb wir bei Christus bleiben?)
  • b) Als viele Nachfolger sich von der Entschlossenheit Jesu abwandten, fragte er seine Jünger: Wollt ihr auch gehen? Und Petrus bekannt: „HERR, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“ (Können wir uns vorstellen, dass unsere Wege und Lebensentscheidungen ohne Jesus sinnlose Wege sind?)
  • c) Als Jesus das erste Mal von seinem Leidensweg sprach, wehrte Petrus dies entschieden ab und bekam eine ebenso entschiedene kompromisslose Abfuhr: „Satan weiche von mir!“ (Haben wir schon einmal so leidenschaftlich mit Gott um den rechten Weg gerungen?)
  • d) Auf dem Weg zum Ölberg sprach Jesus vom Ärger über sein unverständliches Handeln und Reden, das uns letztlich zur Flucht vor ihm treibt. Aber Petrus hielt ihm entgegen: „Und wenn sie alle Ärgernis nehmen; so doch ich nicht!“ Doch Jesus kannte seinen leidenschaftlichen Petrus: „Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen“. Und mitten im Prozess schaute Jesus zu Petrus, der im Gerichthof Stein und Bein schwor, diesen HERRN nicht zu kennen. Petrus sah den Blick, hörte den Hahn, erinnerte Jesu Worte – und weinte bitterlich. Er war am Grund seiner Wirklichkeit angekommen. (Sind wir schon am Grund unserer Wirklichkeit angekommen oder glauben wir doch noch besser zu sein?)

Vier Einsichten über Petrus

Das sind vier Beispiele aus der Schule der Nachfolge und viele andere von anderen Christen könnten wir hinzufügen. Der auferstandene HERR, der sich dem Petrus an Ostern zeigte und um sein Vertrauen rang, stellte alle diese Erlebnisse des Petrus vom Kopf auf die Füße, dass nämlich nicht der Tod, sondern das Leben das letzte Wort hat. In der Kraft des Geistes Gottes sah Petrus sein Leben in einem völlig neuen Licht, dass denen, die Gott lieben alle Dinge zum Besten dienen müssen. Vier Einsichten möchte ich weitergeben:

  • a) Dass Petrus vor dem Hohen Rat standhaft die Loyalitätsfrage stellte, das war in der Nachfolge gewachsen und wurde im Beten vertieft, denn er wusste von der Quelle und von seinem Durst. Alles Wesentliche können wir uns nicht selbst geben. Sadhu Sundar Singh, ein indischer Christ des 20. Jh., hat diese Praxis so gebetet: „Mein Herr und mein Gott, mich verlangt nach dir und wo du bist, da ist der Himmel. Du allein kannst Hunger und Durst meines Herzens stillen, denn du hast es geschaffen für niemand anderen, als für dich allein. Tritt du ein und regier für immer.“
  • b) Dass Petrus aufrichtig dem Hohen Rat antworten konnte, war die Frucht der lebendigen Beziehung zu seinem HERRN. Er lernte immer mehr seine Schwächen und Stärken, seine Gaben, Grenzen und Gefahren kennen und anzunehmen: Der Prediger Oswald Chambers beschrieb es einmal so: „Der Glaube Jesu Christi ist ein Glaube der persönlichen Beziehung zu Gott und hat überhaupt nichts mit Besitztümern zu tun. Der Jünger Jesu ist nicht reich an Besitz, sondern an persönlicher Identität.“1
  • c) Dass Petrus, wie einst alle Jünger nicht mehr die Herrschaftsfrage „Wer ist der Größte unter uns?“ stellte, lag daran, dass er wusste, wie mit der Herrschaft Jesu alle Herren dieser Welt nicht mehr das letzte Wort haben. Aber das zu sehen und zu glauben, entscheiden nicht unsere Augen und Ohren, denn „was die Augen sehen, entscheiden nicht die Augen, sondern das Herz und was die Ohren hören, entscheiden nicht die Ohren, sondern das Herz“, sagt der Religionsphilosoph Martin Buber. Die Kirche Jesu Christi beginnt immer wieder mit empfangsbereiten Menschen, die sich immer neu beschenken lassen, die heute in der Treue zu Christus und den Menschen so leben, wie es morgen für alle gültig sein wird.
  • d) Dass Petrus neben seiner aufbrausenden und leidenschaftlichen Natur ein hörender und demütiger Mensch wurde, lag an seiner Sehnsucht zu Gott. Das aber hieß für ihn und heißt für uns, Bürger zweier Welten zu sein und darin leben zu lernen: Ganz bei Christus und ganz in der Welt sein, das ist der nüchterne und realistische Charakter der Nachfolge. „In der Welt aber nicht von der Welt“ sagt uns Joh. 17,15-18, ist das Merkmal realistischer Nachfolge. Und dieser Realismus lehrt uns entweder innere Emigration oder Demut. Das lateinische Wort für Demut heißt: humilitas. Darin steckt das Wort humus. Demut meint, der Erde nah sein, in der Realität zu leben. Demut meint nicht Unterwerfung. Dem Demütigen ist die eigene Realität und die Wirklichkeit der anderen lieber, als die Träume von der Flucht in eine schöne neue Welt. Der Demütige lässt sich von der Wirklichkeit umarmen, wie Christus sich vom Vater mit der Wirklichkeit umarmen ließ. Petrus hatte sich der liebenden Umarmung Gottes immer wieder gestellt. Daher konnten er und Johannes dem Hohen Rat die Frage stellen: „Urteilt selbst, ob es vor Gott recht ist, dass wir euch mehr gehorchen als Gott. Wir können's ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“

 
Ich schließe mit einem Gebet von Dag Hammarskjöld, dem ersten Generalsekretär der UNO:

Schenke uns, HERR Jesus reine Sinne, / damit wir dich sehen können, /
Demut, damit wir dich hören können, / Liebe, damit wir dir dienen können, /
Glaube, damit wir dir leben können. / Dein Reich komme, nicht das meine. / 
Dein Wille geschehe, nicht der meine. / Gib uns Friede mit dir, Friede mit den Menschen, Friede mit uns selbst und befreie uns von Angst.

Amen.

Standhaft trotz Widerstand

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