Nicht alles ist Ehe!

von Altbischof Ulrich Wilckens

Ich möchte hier theologisch erläutern, was hinter dem „Offenen Brief“ steht, den wir acht Altbischöfe über Homosexualität geschrieben haben.  
Was ist der letzte Grund, warum die Kirche gar nicht anders kann, als die Ehe von Mann und Frau als einzig legitime Partnerschaft zwischen zwei Menschen zu benennen?
Dieser letzte Grund hängt mit dem Wesen Gottes zusammen, der sich uns Menschen als ein Geheimnis darstellt. Seine Wirklichkeit spiegelt sich in der Wirklichkeit der Menschen wider. Gott ist heilig. Er ist das wahre ICH. Neben ihm gibt es keinen anderen Gott. Gott aber will nicht für sich existieren. Er will in Beziehung treten – und zwar als Vater der Menschen, die er geschaffen hat. Er ist der ­Vater, der ganz für seine Kinder da ist. Das ist die primäre Beziehung zwischen Gott und Menschen.

1. Polarität in der Generationenfolge: Eltern und Kinder

Der Mensch ist als Bild Gottes erschaffen, und zwar als Mann und Frau, die miteinander nicht nur in Beziehung treten und füreinander da sein sollen, sondern selbst – wie Gott – Eltern werden sollen. Aus ihrer sexuellen Vereinigung entstehen Kinder, für die Mann und Frau Vater und Mutter sein sollen – nach dem Vorbild Gottes.

Das ist die erste Dimension des Geheimnisses Gottes.

2. Polarität in der Leidenschaft: Bräutigam und Braut

Die zweite ist: Dieser Gott hat sich ein Volk erwählt, um seine besondere Liebe zum Ausdruck zu bringen. Das Volk Israel liebt er so leidenschaftlich, dass er sich mit ihm verbindet wie mit einer Braut (Hosea 2). Hier wird eine weitere Dimension der Liebe Gottes sichtbar. Er tritt auch als Geliebter mit der Menschheit in Beziehung. Diese Beziehung wird mit einem Bund – wie einem Ehebund – besiegelt. „Ich bin dein Gott“, sagt er zu Israel und gibt ihm die Zehn Gebote als das Vermächtnis seiner ewigen Liebe. Die Gebote handeln von treuer Liebe zu Gott und treuer Liebe der Menschen zueinander. Wichtig ist: auch diese Liebe ist eine Liebe zwischen Ungleichen. Gott und Israel sind nicht austauschbar, so wie Mann und Frau einander auch als ungleiche, ergänzende Partner gegenüberstehen.

Das sechste Gebot dient in besonderer Weise dem Schutz der Ehe von Mann und Frau. Daher gilt jede sexuelle Handlung außerhalb der Ehe als Sünde und jede sexuelle Verbindung von Mann und Mann und Frau und Frau als Grundverfehlung.

Nun aber wollen die Menschen wieder und ­wieder Gott als Vater über sich loswerden, um selbst Gott zu werden. So entsteht eine ­Geschichte andauernden Abfalls von Gott. So verlieren sie aber auch Gott als den Geliebten. Gott selbst lässt zwar in seiner Reaktion keinen Zweifel daran, dass seine Gebote ihre absolute Geltung behalten. Aber seine Liebe zu den Menschen ist so wunderbar stark, dass sie allen Treuebruch überwindet, sie immer wieder zur Rückkehr zu ihm bewegt und Neuanfänge seines Bundes mit ihnen schenkt.

3. Polarität in der Zuordnung: Christus und die Gemeinde

Und nun kommt die dritte Stufe des Geheimnisses Gottes. Gott erweitert das Angebot an Israel: Alle Völker bekommen in der einen Kirche eine Heimat. Er begegnet dem Treuebruch der Menschen dadurch, dass er zu ihrer Erlösung seinen eigenen Sohn hingibt. Nun ist die Kirche Gottes Volk, dem Gottes Liebe unverbrüchlich gilt. Und wie Israel im Alten Testament Gottes Braut ist, die er nie verlässt, so ist im Neuen Testament die Kirche die Braut Christi, seines Sohnes. So erscheint im Neuen Testament die Ehe von Mann und Frau als Spiegel der Liebestreue Christi zu seiner Kirche. (Epheser 5) Darin wird die einzigartige Bedeutung der treuen Ehe als die einzig wahre Lebensform bestätigt, weil sie exemplarisch auf die Verbindung mit Christus hinweist. Jegliche gleichgeschlechtliche Verbindung hingegen gilt als eine Verkehrung des Liebeswillens Gottes. In der Sprache des Römerbriefs: Wer gleichgeschlechtlich lebt, wie es in der damaligen griechischen Umwelt üblich war, der erweist so in herausgehobener Weise die „Widergerechtigkeit“ der Menschen, die getrennt von Gottes Gerechtigkeit – das heißt der Gemeinschaftstreue Gottes – leben, und die Folge davon ist, dass ihr Leben dadurch zutiefst verelendet, ob der einzelne das nun spürt oder es sich ihm verbirgt.

Das ist der tiefe Grund dafür, dass die Kirche auch heute homosexuelle Partnerschaften nicht als der Ehe gleichwertig anerkennen kann. Sie wird deshalb erst recht homosexuell lebende Christen nicht zu Pfarrerinnen und Pfarrern ­ordinieren und sie in den Pfarrdienst berufen können.

Christen gehören ganz Christus

Der Apostel Paulus sagt es so: „Christen gehören nicht sich selbst, sie gehören – Gott sei Dank – ganz Christus als ihrem Herrn. Das gilt bis in unsere konkrete Leiblichkeit hinein und also auch gerade für den Geschlechtsverkehr: Unser Leib ist Glied am lebendigen Leib Christi – wir haben nicht das Selbstverfügungsrecht über ­unseren Leib (1. Kor 6). Wie unendlich gut es tut, leibhaftig von der Liebe Christi Tag für Tag zu leben, das erfährt man als Christ nirgendwo konkret-näher als im Heiligen Abendmahl, in der Eucharistie. Ein Pfarrer, der am Altar an Christi Stelle das Heilige Mahl leitet, kann und darf darum nicht sein eigenes Leben gegen den Willen Christi führen. Gewiss lebt jeder Pfarrer wie jeder Christ aus der Vergebung. Aber Vergebung empfangen kann nur, wer sich von seiner Sünde lösen will. Menschen mit homosexueller Neigung dazu zu helfen, ist eine wichtige Aufgabe persönlich-naher Seelsorge in der Kirche. Aber das Ziel dieser Seelsorge muss klar vor ­Augen stehen.

Pfarrerinnen und Pfarrer haben den in seiner Liebe treuen Gott der Bibel zu bezeugen und nur Mann und Frau als Ehepartner zu trauen, nicht jedoch gleichgeschlechtliche Partner in ­irgendeiner Weise zu segnen. Das ist homosexuell Lebenden auch selbst nicht zuzumuten, weder von der Kirche aus noch auch redlicherweise in ihrem eigenen Interesse.

Von

  • Ulrich Wilckens

    Altbischof Prof. Dr.,  wandte sich am 13. 1. 2011 zusammen mit sieben Amts­brüdern in einem offenen Brief an die Synodale aller Landeskirchen in Deutschland zur ­Frage der homosexuellen Partnerschaft im evang. Pfarrhaus.

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