Ungebetene Chance zur Positionierung

Zwei „kleine Anfragen“ im hessischen Landtag fordern uns zur Standortbestimmung heraus

Es geht schon ans Eingemachte, wenn unsere Mannschaftsarbeit, der Kernauftrag der Offensive, behördlicherseits kritisch – weltlich und kirchlich – unter die Lupe -genommen wird. In zwei Kleinen Anfragen wollten jeweils Bündnis 90/DIE GRÜNEN und DIE LINKE vom Hessischen Sozialministerium im November/Dezember 2012 klären lassen, ob es wohl rechtens sei, dass das FSJ-Programm der OJC mit öffentlichen Geldern gefördert wird. Die Linke fordert auf ihrer Website die sofortige Einstellung der Förderungen. Vorgeworfen werden uns „krude Geisteshaltungen“, die wir den jungen Freiwilligen aufoktroyieren könnten. Wir haben zu den Vorwürfen Stellung genommen:

Seit 1968 begleiten wir junge Menschen bei ihren Fragen zum christlichen Glauben und ihrer ethischen Positionierung im gesellschaftlichen Leben. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Friedensarbeit, auf dem weltweiten sozialen Engagement, Völkerverständigung und Versöhnung mit besonderem Blick auf die jüngste deutsche Geschichte. Der Einsatz für Ehe und Familie und die Ermutigung zum verbindlichen -Leben sind ein weiteres zentrales Anliegen. Wir tun diese Arbeit im Sinne der ökumenischen Weite. Viele der Ehemaligen aus unseren Jahresmannschaften (FSJ-ler, Zivildienstleistende, Bundesfreiwillige und Langzeitgäste) sind engagierte, tragende Mitarbeiter in Kirche, Gesellschaft und Wirtschaft. Auch unsere sexual- und bioethischen Positionen sind durchaus in Übereinstimmung mit Positionen der großen Weltkirchen und der Freien Kirchen im protestantischen Spektrum.

Die Auseinandersetzung um das Thema Homosexualität berührt die tägliche Arbeit und Begleitung unserer Freiwilligen nur am Rande. Ehemalige und jetzige Freiwillige sind in ihrer Meinungsfreiheit nicht eingeschränkt. Wir erleben auch den kontroversen Dialog mit ihnen als belebend und bereichernd und schätzen die geschwisterliche Verbundenheit mit jenen, die gerade in diesen Fragen eine gegenteilige Meinung haben oder selbst in homosexuellen Partnerschaften leben. Die Arbeit mit den FSJ-lern gehört zum Kernauftrag unserer Gemeinschaft. Die Einbettung dieser Arbeit in den kirchlichen Kontext ist uns dabei kostbar.

Die pauschalen und sachlich falschen Anschuldigungen gegen die OJC und das DIJG waren flankiert durch die entsprechend aufgebauschte Enthüllungsjournaille. Mit gleich zwei schrillen Kommentaren wartete Spiegel online auf. Regionale sowie überregionale Sender versuchten, ihre Berichterstattung über das aktuell hochkochende Thema „Homoehe und Adoption“ mit Bildern und O-Tönen aus dem Gruselkabinett der Reichelsheimer „Homophoben“, „Umpoler“ und „Diskriminierer“ aufzupeppen, was uns und den Zuschauern bislang erspart geblieben ist.

Wir haben den inszenierten Empörungssturm zum Anlass genommen, unsere Positionen zu präzisieren und nach bestem Wissen und Gewissen zur (Auf-)Klärung beizutragen.

Seit vielen Jahren setzt sich das DIJG für jene Minderheit innerhalb der Minderheit homosexuell empfindender Menschen ein, die sich mit einem homosexuellen Lebensstil nicht identifizieren kann oder will. Wir respektieren die Würde, Autonomie und den freien Willen jedes Menschen. Wir sind der Auffassung, dass homosexuell empfindende Menschen das Recht haben, eine homosexuelle Identität anzunehmen; sie haben aber ebenso das Recht, einen Weg der Veränderung zu gehen mit dem Ziel, ihr heterosexuelles Potential entfalten zu können.

Zu einer offenen Gesellschaft gehört eine ergebnisoffene Therapie. Das DIJG bietet keine Therapien an, es berät lediglich Ratsuchende ergebnisoffen und verweist auf Therapiemöglichkeiten. Das DIJG setzt sich für Menschen ein, die ihre Homosexualität als „ichdyston“, d.h. als nicht stimmig für sie, als nicht zu ihnen gehörend, ansehen. Diese Menschen haben die Freiheit, wenn sie das möchten, auch therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, etwa unter der offiziellen Diagnose „Ichdystone Sexualorientierung“ (ICD-10 F66.1). In einer ergebnisoffenen Therapie muss ein Mensch ausloten dürfen, ob seine homosexuellen Gefühle möglicherweise lebensgeschichtlich bedingt sind oder mit ungelösten seelischen Konflikten zu tun haben. Die im Zuge einer Therapie zur Anwendung kommenden Verfahren sind allgemein anerkannte verhaltenstherapeutische, tiefenpsychologische und andere gebräuchliche Therapieverfahren und werden von anerkannten Therapeuten durchgeführt. In diesem Prozess können sich sexuelle Gefühle auch verändern.

Ein Verbot der Therapie von ichdystoner Homosexualität wäre eine Bevormundung der Ratsuchenden und damit ein massiver Eingriff in die Selbstbestimmungs- und Freiheitsrechte jedes Bürgers. Wir halten solche paternalistischen Verbote für nicht vereinbar mit einem freiheitlichen Demokratieverständnis. Eine freie Gesellschaft sollte Raum lassen für die Tatsache, dass es unterschied-liche Auffassungen darüber gibt, was die Kernidentität des Menschen ausmacht und was Sinn, Ziel und Bestimmung menschlicher Sexualität ist. Wir bekennen uns zu einer offenen und toleranten Gesellschaft, in der die Würde jedes Menschen als höchster Wert gilt und die Selbstbestimmung des Einzelnen gewährleistet wird.

Die diffamierenden Vorwürfe über Medien und politische Institutionen stellen nicht nur uns an den Pranger, sondern alle, die sich differenziert und nicht dem Mainstream verpflichtet mit dem Themenkomplex Identität und Sexualität auseinandersetzen und die aktuellen Fragen und komplexen Antworten der Wissenschaft reflektieren.

Am meisten aber leiden unter der jede sachliche Erörterung vereitelnden Streit(un)kultur jene Menschen, die von den verhandelten Themen existentiell betroffen sind. Die Atmosphäre der politisch korrekten Selbstzensur und Untransparenz schneidet nämlich Rat- und Hilfesuchende von Informationen ab, die ihnen zustehen. Um ihretwillen wollen wir auch die konfrontative Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit nicht scheuen und stehen weiterhin gern Rede und Antwort.


Die Leitung der Redaktion der Offensive Junger Christen