Herr, bin ich’s?

Nach dem Passah-Mahl betete Jesus für seine Jünger im Garten Getsemane.
Nach dem Passah-Mahl betete Jesus für seine Jünger im Garten Getsemane. © He Qi, Getsemane

Eine Meditation zum Gründonnerstag (Markus 14, 26 – 31)

 
von Rebekka Havemann
 

Dann sangen sie die festlichen Loblieder und gingen hinaus zum Ölberg. Jesus sagte ihnen: "Ihr werdet alle an mir Anstoß nehmen. Denn so steht es in Gottes Buch geschrieben: Ich werde den Hirten niederschlagen. Dann werden die Schafe in alle Richtungen fortlaufen. Aber nachdem ich wieder von den Toten auferstanden bin, werde ich vor euch her nach Galiläa gehen."

Da antwortete Petrus ihm: "Selbst wenn alle an dir Anstoß nehmen, ich aber nicht!" Doch Jesus erwiderte ihm: "Klar und deutlich sage ich dir: Noch heute, in dieser Nacht, bevor der Hahn auch nur zweimal gekräht hat, wirst du schon dreimal abgestritten haben, dass du mich kennst!" Doch Petrus beteuerte noch stärker: "Selbst wenn ich zusammen mit dir in den Tod gehen müsste, ich werde dich niemals verleugnen!" Genau dasselbe sagten alle.

Übersetzung nach das buch. von Roland Werner
 

Der festliche Sederabend ist zu Ende. Jesus hatte mit seinen Jüngern das große Hallel, die Lobpsalmen 113 bis 118 gesungen. Nun machen sie sich auf und gehen an den Ölberg. Unter den Freunden herrscht eine gedrückte Stimmung.
 

Sie müssen hinaus aus der Sicherheit des Festraumes, den ein unbekannter Freund ihnen zur Verfügung gestellt hatte. Hinaus aus der Geborgenheit der uralten Traditionen und Worte, die sie schon so oft miteinander gesprochen hatten. Hinaus aus dieser Schutzhütte des Friedens mitten hinein in den heranziehenden Sturm.
 

Eine geheimnisvolle Verabredung

Die Frage, die während dieses besonderen Passahmahles die Runde gemacht hatte, war die nach dem Verräter: Herr, bin ich’s?
 

Und nun, auf dem Weg zum Ölberg, sagt Jesus: Ihr alle. Ihr werdet alle an mir Anstoß nehmen. Der Feind wird zuschlagen und ihr werdet euch in Windeseile zerstreuen, wie Schafe, die in der Dunkelheit erschreckt und angegriffen werden und keinen Hirten mehr haben. Aber wenn ich auferstanden bin, werde ich vor euch hergehen nach Galiläa.
 

Welch eine geheimnisvolle Verabredung. Ob die Jünger in ihrer Verwirrung hören können, was Jesus ihnen damit sagt: Der Hirte wird getötet, wie es schon vor langer Zeit prophezeit wurde. Die Herde wird sich zerstreuen. Die Dunkelheit wird groß sein. Aber ich werde auferstehen. Und ich werde vor euch hergehen wie ein guter Hirte. Ich werde euch suchen und aufsuchen und einsammeln, jeden einzelnen von euch. Den Thomas werde ich vom Zweifel befreien, die Emmausjünger von der Resignation, den Petrus von der Scham um das Versagen. Denn ich bin der gute Hirte.
 

Die unausweichliche Dunkelheit

Jesus kennt die Nacht, die undurchdringliche Dunkelheit, die jedes Licht verschluckt. Er kann sie nicht abwenden, weder für sich noch für seine Freunde. Er kann ihnen auch das Versagen, die Enttäuschung über sich selbst und die Scham nicht ersparen. Ja, auch die Dunkelheit in ihnen wird groß sein.
 

Kurz bevor der Morgen graut, ist die Nacht am dunkelsten. Dann geht der Morgenstern auf und kündet vom Tag, lange bevor die Sonne kommt. Er trägt in sich die Verheißung des neuen Tages. Ich werde auferstehen und vor euch hergehen – das ist die Verheißung und in ihr ist alle Dunkelheit aufgehoben und entmachtet. Das ist der Morgenstern, auf den Jesus die Blicke seiner Jünger richten will, damit sie die Orientierung nicht verlieren.
 

Hören die Jünger all das überhaupt? Ergreifen sie den Strohhalm, den Jesus ihnen bietet? Petrus offenbar nicht. Er scheint ihn nicht zu brauchen: „Und wenn alle anderen abfallen – ich nicht.“

Damit nimmt Petrus sich aus der Gemeinschaft der Jünger heraus und stellt sich über die anderen: Er ist der einzige, der es schafft. Er wird nicht versagen, wenn alle anderen schlappmachen. Ist er nicht der erste des Jüngerkreises und hat er nicht eine einzigartige Berufung von Jesus zugesprochen bekommen?

Petrus ist voll guten Willens, aber er kennt sich nicht. Er hat noch nicht begriffen, dass menschliche Kraft und guter Wille allein nicht ausreichen.
 

Ein kraftvoller Strohhalm

Aber was reicht denn aus, um den kleinen und großen Angriffen des Feindes widerstehen und bei der Wahrheit bleiben zu können?

Was hilft uns, wenn die Dunkelheit sich um uns und in uns breitmacht?
 

Zweierlei. Zum einen: Die Augen auf Jesus heften. Nicht auf die eigene Kraft, aber auch nicht auf die Dunkelheit und das eigene Unvermögen, sondern auf Jesus sehen. Er allein ist die Verheißung des neuen Tages.
 

Und das andere: Dicht bei den Gefährten bleiben, jetzt erst recht in Tuchfühlung gehen. Nachfolger unter Nachfolgern sein.

Nicht umsonst heißt es: Ich bin gehalten durch die, die ich halte.
Das weiß auch der Widersacher sehr genau. Deshalb ist es sein Ziel, die Nachfolger zu vereinzeln, gegeneinander aufzubringen, abzusondern, zu isolieren, die Herde zu zerstreuen, so dass er jeden einzeln angreifen und fertig machen kann.
Wenn jeder nur versucht, sich selbst zu halten, dann hat der Feind leichtes Spiel.
 

Unsere menschliche Realität

Petrus hört nicht auf Jesu nüchterne Worte. Und auch die anderen Jünger nicht. Jesus lässt es dabei bewenden. Seine erbarmende Liebe schließt auch ihre Selbstüberschätzung und Unnüchternheit mit ein.
 

Und was ist mit uns?

Worauf sind meine Augen geheftet? Auf meine Kraft und Glaubensstärke? Auf das, was mir Angst macht? Oder auf Jesus, den Anfänger und Vollender meines Glaubens?
 

Weiß ich, wer meine Gefährten sind, mit denen ich mich gegen die Dunkelheit verbünden kann? Und – lasse ich mich, wenn ich wieder einmal über mich selbst gestolpert und gefallen bin, von ihm, dem guten Hirten, suchen, aufsuchen, einsammeln und zur Herde zurückbringen?

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