Odenwald – Kongo: ein humanitäres Qualifikationsspiel

17. August 2010 // Reichelsheimer unterstützen Hilfsprojekte im Kongo

Vor der Reichenberghalle startete gerade das Autokorso zum 4:1 der WM-Nationalelf gegen England, als vom schwarzen Kontinent eine ganz andere Nachricht in Reichelsheim eintraf: „Rebellische Milizen aus Uganda haben eine Militärwache im kongolesischen Mutwanga überfallen und Hunderte Zivilisten aus ihren Häusern getrieben, gebrandschatzt, viele gefoltert, ausgeraubt und acht Personen umgebracht. Wir erwarten eine Flut von Inlandsflüchtlingen und brauchen Hilfe, um sie mit Wasser, Zelten und ausreichend Nahrung versorgen zu können!” Die E-Mail mit der Schreckensnachricht sandte Albert Kadukima Baliesima. Er ist Gesundheitsbeauftragter der anglikanischen Kirchenprovinz im Kongo und zuständig für zahlreiche Gesundheits- und Nothilfeprojekte in dem von Bürgerkrieg, Raubzügen und schweren Epidemien so gebeutelten Land. Während die Welt gebannt auf die Fußballstadien in Südafrika schaute, haben zahlreiche bewaffnete Rebellentruppen aus Uganda ihre Gewaltherrschaft in den grenznahen Nationalparks des Nachbarn, der Demokratischen Republik Kongo weiter ausgebaut. Von hier aus operieren sie gegen die Regierung in Uganda, plündern die einträglichen Edelstein- Gold- und Coltanminen und terrorisieren die Bevölkerung. Albert K. Baliesima und seine Mitarbeiter reisen jährlich mehrmals quer durch das riesige Land, um in Gesundheitszentren, Hospitälern und in den immer neu entstehenden Flüchtlingscamps die erste Not zu lindern
 

In Afrika regiert nicht nur König Fußball

Diese Reise führt ihn nun zum großen WM-Finale nach Reichelsheim. Im spontan errichteten „Freilichtkino” auf Schloss Reichenberg verfolgt er zusammen mit einem Dutzend junger Mitarbeiter, die ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Kommunität „Offensive Junger Christen – OJC e.V.” absolvieren, das Spiel um den dritten Platz. Der Sieg unserer „Weltmeister der Herzen” fesselt seine Aufmerksamkeit nicht wirklich. In Gedanken ist er bei seinem Team, das sich gerade für den erwarteten Flüchtlingsstrom rüstet. „Wir wissen aus sicherer Quelle, dass die kongolesische Regierung eine Großoffensive gegen bewaffnete Milizen aus dem Ausland plant”, erzählt Albert vor Interessierten, die die OJC zur Begegnung mit dem Gast aus dem Kongo eingeladen hatte. „Es wird zu blutigen Gefechten kommen – und zu brutalen Übergriffen gegen die Zivilisten, die an den Frontlinien wohnen. Wir rechnen mit Tausenden von IDP, „Internally displaced persons”, also heimatlos Gewordene im eigenen Land.” In diesem Lagern, das weiß Baliesima aus Erfahrung, grassieren Krankheiten, die durch das mangelhaft desinfizierte Trinkwasser verbreitet werden, wie Cholera und Typhus. Verletzte Menschen, traumatisiert und verzweifelt, Mütter mit Kindern, Alte und Kranke sind ihnen hilflos ausgeliefert. Die bescheidenen Mittel, die seine Diözese aufbringen kann, decken die Grundversorgung und die Instandhaltung der Gesundheitszentren. Bei dringen Notfällen sind sie aber auf Hilfe und Spenden aus dem Ausland angewiesen
 

Initiative – bei Wasser und Brot

Die Reichelsheimer OJC unterstützt mit ihrer weihnachtlichen Spendenaktion seit Jahren verschiedene Projekte, die Baliesima koordiniert. Auch aus ihrem Notfonds für Soforthilfe konnte schon für Tausenden von Flüchtlingen sauberes Trinkwasser und rationierte Nahrung bereitgestellt werden. Der Anlass für die Reise nach Deutschland ist aber nicht die akute Situation, sondern eine Reihe von Kontakten mit deutschen NGOs, die durch die Vermittlung der Reichelsheimer Freunde entstanden ist. Am Vormittag vor dem Anpfiff zum Spiel ist Baliesima mit Frank Paul (OJC), Koordinator der weltweiten Hilfsprojekte der Kommunität, noch nach Stuttgart gefahren, um mit „Brot für die Welt” über eine mögliche Kooperation in der AIDS-Hilfe zu sprechen und bei der „Diakonie Katastrophenhilfe” die Zuständigen für das Land am Kongo kennenzulernen. Beim DIFÄM (Deutsches Institut für Ärztliche Mission) in Tübingen berichtete er von seinen Erfahrungen mit der Desinfektion von Trinkwasser. Die simple Methode, Wasser in präparierten Plastikbehältnissen an der Sonne zu erhitzen und zu bleichen, wird in einigen afrikanischen Ländern gerade bekannt gemacht. „In den von uns unterwiesenen Haushalten, die ihr Trinkwasser auf diese Weise behandeln, gab es in den letzten Jahren nicht einen einzigen Fall von Cholera”, kann Baliesima vermelden. DIFÄM wird nun einen Doktoranden suchen, um eine Verträglichkeitsstudie durchzuführen, damit die Erfahrungswerte auch statistisch abgesichert werden.
 

Weltweites Netzwerk gegen Seuchen und AIDS

Nach dem WM-Finale gehts weiter nach England zur internationalen Konferenz für Gesundheits- und Entwicklungshilfe der Anglikanischen Kirche. Hier vertritt der agile Kongolese die französischsprachigen Länder Afrikas. Er ist als Experte gefragt. Mit seinem kleinen schlagkräftigen Team in Beni koordiniert er ein Netzwerk von funktionstüchtigen Gesundheitszentren in mehreren kongolesischen Provinzen, die wesentlich zur medizinischen Grundversorgung für die Bevölkerung beitragen. Einige werden regelmäßig von marodierenden Truppen geplündert, andere wiederum konnten stetig ausgebaut und modernisiert werden. Zwei sind im letzten Jahr von der Regierung in den Status eines Krankenhauses befördert worden. Die Diözese sichert die technische Ausrüstung, die Kommunen stellen das Baumaterial und der Staat entsendet das medizinische Personal. Eine solche erfolgreiche Umwidmung ist das Ergebnis zahlloser Vorgespräche, Organisation und Motivation der Menschen vor Ort.

Sehr viel Motivation braucht es auch für den Kampf gegen AIDS. Die Behandlung von Infizierten und das Angebot von AIDS-Tests in ländlichen Gegenden ist nur ein Teil davon.  Zusammen mit Pädagogen, Therapeuten, Medizinern, Pflegern und Seelsorgern hat Baliesima ein umfangreiches Programm zur Aufklärung über die Verbreitungswege und Prävention erarbeitet.
 

Wachsende Fan-Gemeinde

Richtig eingeschlagen hat die Großkampagne STAYS (Straight Talk Among Youth) unter den Teenagern. Sie wird an Schulen und öffentlichen Einrichtungen durchgeführt, und zwar von eigens dafür ausgebildeten Jugendlichen. Der Zulauf ist enorm, die Teens schätzen es, wenn Klartext gesprochen wird.  „Eine langjährige kanadische Mitarbeiterin des internationalen Hilfswerks World Vision hatte das Programm in einer Studie ausgewertet und gefunden, dass die Kampagne nicht nur äußerst effektiv ist, sondern auch die einzige, für die sich die Zielgruppe richtiggehend begeistert”, schmunzelt Albert. Begeisterung – das ist ein kostbares Gut in einem Land, in dem die Lebenserwartung der Jugendlichen bei z.Zt. 43 Jahren liegt, viele ihre Eltern und Angehörigen durch AIDS oder Gewalt verloren haben und sich keine Chancen auf eine würdige Zukunft ausrechnen können. „Hoffnung brauchen die AIDS-Waisen dringender als die Schulstipendien, die wir ihnen sichern”, weiß Baliesima, 6-facher Vater, der weitere sechs Kinder aus seiner Verwandtschaft zu sich genommen hat. Sein Team hat nun auch das heißeste Eisen in der Anti-AIDS-Kampagne angefasst: das Thema sexuelle Gewalt gegen Frauen. Sie ist im Kongo an der Tagesordnung, leider nicht nur durch fremde Milizen und Soldaten, sondern auch im zivilen Alltag. „Auch dieser Herausforderung müssen wir uns stellen, selbst wenn sich Veränderung erst allmählich einstellt”, sagt Baliesima, der auch Klartext redet, wenn es viele nicht hören wollen. „Für diese Kampagne wollen wir die Meinungsführer in den Gemeinden und Kommunen gewinnen, denn nur wenn denen einleuchtet, wie wichtig das Umdenken ist, wird sich die Situation für die Frauen ändern.” Er hofft sehr, dass die bereits funktionierenden Selbsthilfegruppen für HIV-Infizierte, in denen viele Frauen aktiv sind, Schule machen werden. Auch die effektive Behandlung nach einer Vergewaltigung ist erst möglich, wenn die Tabus, die letztlich die Täter schützen, gebrochen werden.
 

Eine WM im Verbreiten von Hoffnung

„Es geht bei allem um die Frage der Würde: die Würde der Frauen, die Würde der Kinder, die Würde unseres Volkes. Nur wenn sich Menschen als in ihrer Würde ernst genommene erleben, werden sie den Kampf gegen Krankheit, Unrecht und Ausbeutung gewinnen.” Albert ist kein Mann der großen Worte, er handelt lieber. Fragt man ihn, woher er Kraft und Mut für die Aufgabe nimmt, winkt er lächelnd ab: „Sie macht mir eben Freude. Wir Kongolesen lieben unser schönes Land. Es is weit, wild und reich an Bodenschätzen – und es kriegt viel Sonne ab!” Wer ihn näher kennt, weiß: Albert ist auch ein Mann des Gebets. Aus seinem Glauben schöpft er Zuversicht und Ausdauer für die vielen kleinen Schritte, aber auch für die gewagten Sprünge. Ob sein Volk die Fußball-WM verfolgt? „Ja natürlich, im Kongo steht Fußball hoch im Kurs!” Im letzten Jahr gewann sein Land den ersten Afrika-Cup. Ob es in Brasilien dabei sein wird? Jetzt laufen sich Baliesima und seine Mitarbeiter erst einmal fit für die Notfallhilfe. Und sie freuen sich über Verstärkung von der Tribune – auch aus Reichelsheim. Gäbe es eine WM der Hoffnungsprojekte, hätte sich sein Team bereits qualifiziert.

Albert Baliesima zu Besuch bei Reichelsheimer Freunden.

Das Flüchtlingselend in den Nationalparks von Kongo ist groß.

Stichworte: Kongo aid