Steine klopfen, ungarische Zungenbrecher und russisches Löffelschlagen

3. August 2012 // Interkulturelle Klänge beim Baucamp auf Schloss Reichenberg – Pressebericht

Another brick in the wall - dieser Pink-Floyd-Titel passt zu dem, was die jungen Erwachsenen aus aller Welt hier in Reichelsheim tun: Mit Hammer und Meißel schlagen sie Ziegelsteine (englisch: bricks) und weichen Mörtel aus der über 600 Jahre alten Burgmauer. Klock-klock-klock – ein fröhliches Klangkonzert, das so durchdringend ist, dass einige Ohrenschutz tragen.


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In diesen Tagen werden sie neue Steine mit frischem Mörtel in die Fugen füllen und damit für Stabilität und dauerhafte Trockenheit in der Mauer sorgen. Diese jungen Menschen sind Teil des Internationalen Baucamps 2012 in Reichelsheim, bei dem insgesamt  37 Teilnehmer aus 11 Nationen sich auf 10 Sprachen verständigen und an verschiedenen Teilen von Schloss Reichenberg bauen und renovieren. Dazu eingeladen hat die Offensive Junger Christen (OJC), eine ökumenische Kommunität, die seit 1979 das Schloss bewohnt, kontinuierlich renoviert und in Stand setzt. Rund 17.000 Euro investiert sie in dieses Camp, das insgesamt zweieinhalb Wochen dauert. Neben dem Team an der Burgmauer arbeiten sieben weitere Gruppen auf dem Gelände. Es wird ein Lager eingerichtet, ein Schuppendach neu gedeckt, ein Zaun gebaut und eine Hecke gepflanzt. Über dem alten Burgverlies wird ein Holzboden eingebaut, die größte Gruppe erschafft aus einem äußerst unebenen Gelände mit einem drei Meter hohen Erdhügel und zwei eben so tiefen Löchern eine ebene Fläche. Dazu wird die Erde schubkarrenweise gesiebt. Eine harte Arbeit, aber auch eine Schatzsuche, findet die Gruppe, denn manchmal sind auch alte Tonscherben oder Tierknochen dazwischen. Melisa aus Argentinien arbeitet an der Schlossfassade, wo sie Schindeln abschleift und neu lackiert. Die Arbeit auf dem Gerüst ist ihr zunächst nicht leicht gefallen: „Ich habe Höhenangst und musste mich erst überwinden, so hoch oben zu stehen und zu arbeiten. Aber jetzt komme ich zurecht. Wir lernen uns hier oben gut kennen und machen Witze während der Arbeit.” In der Tat geht ihrer Gruppe der Humor nicht ab; beim Abschleifen fliegt soviel feiner Dreck durch die Luft, dass sie dort mit Masken arbeiten. Was sich trotzdem auf ihnen ablagert, bezeichnen sie augenzwinkernd als „Staubschminke, mit der sogar wir, die wir an der Nordwand arbeiten, eine angenehme Bräune bekommen”.

So wichtig die verschiedenen Arbeiten für den Erhalt des Schlosses auch sind, die Arbeit ist nicht der einzige Schwerpunkt des Baucamps: Auch das nähere Kennenlernen der Kulturen, Ansichten und Lebensgeschichten der Teilnehmer hat seinen Raum und schafft eine besondere Atmosphäre.
Etwa an Länderabenden, bei denen alle ihr eigenes Land aus ihrer Perspektive vorstellen. Neben Geschichte, Geographie und Politik der jeweiligen Staaten gibt dabei auch etliche kreative Beiträge: ungarische Zungenbrecher, ukrainische und honduranische Lieder, Tänze aus aller Welt, russisches Löffelschlagen, deutsches Brot, Französisch für Anfänger und vieles mehr. Bei Pausen und Mahlzeiten gibt es genug Möglichkeiten, Vorurteile mit der Realität abzugleichen. „Ich habe noch nie vorher Leute aus Lateinamerika getroffen”, erzählt Benjamin aus Mazedonien, „und hatte ehrlich gesagt ein Gangster-Klischee davon, aber hier sehe ich, dass es auch Menschen wie du und ich sind.”  „In Israel wird immer noch schlecht über Deutsche gedacht”, ergänzt Omri, „der Holocaust ist noch im Hinterkopf. Hier habe ich eine ganz andere Seite kennengelernt und Freunde unter den Deutschen gefunden.”Nicht allen fällt die alltägliche Verständigung leicht. Die meisten beherrschen Englisch oder Deutsch, auch Spanisch hört man hin und wieder. Nastja aus Russland spricht kaum Englisch und ist auf Sasha angewiesen, der ihr zur Seite steht. Er hat im letzten Jahr als Freiwilliger im OJC-Team fließend Deutsch sprechen gelernt. Nikolas aus der Slowakei berichtet: „Das ist das erste Mal, dass ich außerhalb der Schule Englisch spreche. Der Anfang fiel mir schwer, aber es ist sehr motivierend für mich, wenn ich jetzt merke, dass ich verstanden werde und vielen Gesprächen folgen kann.”

Auch spielerische Aufgaben während des Camps zeigen, wie kulturelle Differenzen verstanden und überwunden werden können. Bei einem Spiel sollen in Zweiergruppen Gespräche über alltägliche Dinge geführt werden, aber jeder hält sich an die Kommunikationsregeln einer anderen Kultur. Zum Beispiel Blickkontakt aufzubauen oder zu vermeiden, Körperkontakt beim Reden herzustellen oder abzuwarten bevor man eine Antwort gibt. Je nach Konstellation kommt es dabei zu Problemen, wenn etwa einer den anderen verfolgt, um Körperkontakt herzustellen, den der andere vermeiden will. Diese Übung schärft den Blick für die Gründe von Missverständnissen und Problemen, die bei interkulturellen Treffen entstehen können.

Matthias Casties, OJC-Mitarbeiter und Baucamp-Koordinator ist zufrieden: „Israel und Russland im Osten und Argentinien und Mexiko im Westen spannen den Bereich auf, aus dem unsere Gäste kommen. Hier teilen sie Arbeit, Mahlzeiten, Freizeit und Schlafräume. Bei diesem Experiment und es ist nicht selbstverständlich, dass aus Schülern, Studenten, Freiwilligendienstleistenden und Berufstätigen so verschiedener Kulturen eine gute Lebens- und Arbeitsgemeinschaft entsteht. Das gegenseitige Verständnis und die Stimmung in dieser Gruppe sind ein tolles Erlebnis, von dem wir hoffen, dass es die Teilnehmer bei der Rückkehr in ihre Heimat beflügelt.”
Auch der Reichelsheimer Bürgermeister Stefan Lopinski freut sich über die Arbeit der internationalen Gäste: „Es ist ein Gewinn für unseren Ort, dass das Schloss, das ein Markenzeichen von Reichelsheim ist, in gutem Zustand erhalten wird. Ich bin dankbar für den Einsatz der jungen Leute hier. Das Baucamp ist ein Zeichen der internationalen Verschwisterung und unser Ort setzt sich dafür ein, diesen Wert der jungen Generation nahezubringen. Im Anschluss an das Baucamp findet in Reichelsheim ein europäisches Jugendcamp mit Jugendlichen aus unseren Partnerstädten in Polen, Ungarn und Frankreich statt, das auch auf dieses Ziel ausgerichtet ist. Die Menschen aus anderen Ländern bereichern uns.”

DaCH

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Stichworte: Baucamp Schloss Reichenberg