Chinaporzellan und Donnerbalken

12. September 2012 // Jüngste archäologische Funde auf Schloss Reichenberg am Tag des offenen Denkmals zu bestaunen.

„Wie kamen die Porzellanscherben in die Latrine?“, fragte so mancher der etwa 200 Besucher auf Schloss Reichenberg erstaunt. Am Tag des offenen Denkmals hatte die ökumenische Kommunität Offensive Junger Christen – OJC e.V. das gesamte Gelände um die Obere Burg und das „Erfahrungsfeld Schloss Reichenberg“ für Interessierte geöffnet. Sie konnten die Fortschritte der Restaurationsarbeiten im Burgareal begutachten – im Hof, am Renaissance-Brunnen, im Rittersaal, dem Verlies und dem Mauergarten.

 

Vorbarocke Sanitäranlage

Ralf Nölling (OJC), Koordinator des Erfahrungsfeldes, gab Auskunft über die jüngsten Ausgrabungen im östlichen Zwingerbereich, einem Streifen zwischen der äußeren und inneren Ringmauer der mittelalterlichen Anlage. Dort hatte man im letzten Jahr unter vielen Schichten Erde und dichtem Gebüsch die Fundamente eines bislang unbekannten Gebäudeteiles entdeckt. Schriftlichen Dokumente über diesen Teil der Burg, Pläne, Beschreibungen oder Handwerkerrechnungen gibt es keine. Daher mussten die Archäologen besonders umsichtig beim Erschließen der Ruinen vorgehen, um aufschlussreiche Hinweise nicht zu zerstören. Man nimmt an, dass im 16. Jahrhundert die ursprüngliche Ringmauer an dieser Stelle abgetragen wurde, um aus den behauenen Steinen einen damals moderneren Gebäudekomplex mit Latrine und Lagerräumen zu errichten. Wann genau, ist schwer zu sagen.

 

Scherben als Puzzle-Teile der Geschichte

Mit detektivischer Feinarbeit versuchen die Archäologen aber zu bestimmen, bis wann die Sanitäranlage genutzt wurde. In der Erde, mit der die Räume aufgeschüttet waren und die kubikmeterweise durchgesiebt werden mussten, fand man eine große Zahl von Scherben: ausgedientes chinesisches Tafelporzellan aus der Zeit um 1700. Offensichtlich wurde die einstige Latrine nach der endgültigen Übersiedlung der Grafenfamilie in das neuerrichtete barocke Schloss in Erbach im Jahr 1731 zum Sammelschuppenfür Ausgedientes und später zur Müllhalde. Früher musste auch das schlichtere Gebrauchsporzellan aus China importiert werden, da man in Europa das Geheimnis der Herstellung dieses „weißen Goldes“ noch nicht kannte. Erst ab dem 18. Jahrhundert erwarben die Herrschaften ihr Tafelgeschirr aus deutschen Manufakturen. Aus historischem Wissen, aus der Vermessung des Mauerverlaufs und der Untersuchung jeder kleinen Scherbe entsteht Stück für Stück ein Bild von dem einstigen Leben der Schenken und Grafen auf der Burg über Reichelsheim. 

 

Schuldnerturm und Kerkerzelle

Die Besucher ließen sich gern in die Vergangenheit entführen, besonders am Verlies, das noch bis ins 19. Jahrhundert als Karzer genutzt worden war – vor allem als Schuldnerturm, später gelegentlich als Ausnüchterungszelle für übermütige Bauernburschen nach dem Kirmesbesuch. Georg Kaffenberger aus Gersprenz, der sich den Tag des offenen Denkmals nicht entgehen ließ, konnte berichten, dass einer seiner Ahnen im Verlies auf dem Reichenberg eingesessen hatte. Der sieben Meter tiefe, überwölbte Schacht ist seit 2008 wieder von oben zugänglich und dient als eine der  Stationen des Erfahrungsfeldes.

Führung über die jüngsten archäologischen Grabungen: Hier, am östlichen Teil der Zwingermauer, war in der Nachrenaissance eine komfortable Latrine errichtet worden.

Blick aus den Mauerruinen in den Innenhof mit funktionstüchtigem Renaissancebrunnen.

Stichworte: Schloss Reichenberg