Treue contra Terror: „Bonhoeffer als Freund“

5. Oktober 2012 // Außergewöhnlicher Konzertabend am Vorabend zum Tag der Deutschen Einheit im Reichelsheimer Europäischen Jugendzentrum mit Christina Wienroth (Gesang), Stefan Zeitz (Klavier), Angela Zeitz (Rezitation, Querflöte)

„Seh’ mein Volk ich in die Freiheit schreiten“ – dichtete Dietrich Bonhoffer wenige Monate vor seiner Hinrichtung im Untersuchungsgefängnis der Wehrmacht, während der von den Nazis entfesselte „totale Krieg“ tobte und die totale Zerstörung Deutschlands besiegelt schien. In der Gestalt des Propheten Moses, der die Israeliten zwar aus der Sklaverei führte, jedoch als Angehöriger der Generation, die für die Freiheit in der neuen Heimat nicht taugte, Kanaan nur aus der Ferne zu sehen bekam, gewinnt Bonhoeffers eigenes Leben, sein Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit in der Kirche und in der Widerstandsbewegung Ausdruck. Wie der von ihm besungene hebräische Visionär und Gottesknecht wird auch Bonhoeffer nicht müde, vor seinem Volk Zeugnis vom Gott Israels abzulegen – und vor Gott im Flehen für das unverständige Volk einzutreten. Obwohl er als einer der Ersten erkennt, wie tief Kirche und Nation in Schuld und Verblendung verstrickt sind, und obwohl er sich dessen bewusst ist, dass das unausweichliche Gericht auch sein Leben verschlingen wird, harrt Bonhoeffer bis zuletzt in seinem Amt aus. Seine Treue ist Antwort auf die Treue dessen, der ihn ins Amt berief. Der "Tod des Mose" wandelt sich vom Klagelied des Todgeweihten in einen Hymnus auf den lebendigen Gott. Es ist der HERR selbst, der richtende, der seinen Knecht Mose zur letzten Ruhe betten wird. Und es ist Gott selbst, der barmherzige, der ihm das Land der Verheißung in greifbarer Nähe zeigt. Das wird das letzte sein, was seine Augen sehen. Weil der lebendige Gott das letzte Wort über sein Leben und Sterben spricht, wird der Scheiternde zum Überwinder.

Hier geht es zur Bildergalerie »
 

Hoffnung als Botschaft

Ein gewichtiges und trotz der Todesnähe hoffnungsvolles Gedicht, das am Vorabend des Tags der Deutschen Einheit die an die 120 Gäste im Jugendzentrum ins Nachdenken führen sollte. Zu dem ungewöhnlichen Konzert „Bonhoeffer als Freund“ hatte die Evangelische Michaelsgemeinde in Reichelsheim und die dort ansässige ökumenische Kommunität Offensive Junger Christen (OJC) eingeladen. Der Abend war dem evangelischen Theologen und Märtyrer Dietrich Bonhoeffer gewidmet, dessen geistiges Erbe zu den unverzichtbaren Grundlagen für den Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg und für das wiedervereinigte Deutschland gehört.

Musik als Lebenselixier

Der Greifswalder Komponist, Kirchenmusiker (Kantor der dortigen Christuskirche) Stefan Zeitz hat eine musikalisch-poetische Kollage erschaffen, erstellt mit historischen Fotos aus Bonhoeffers Leben, Passagen von Briefen aus der Gefängniszelle, aus Bonhoeffers eigenen Gedichten wie auch Kirchenliedern, die dem jungen Pfarrer bis zum Lebensende viel bedeutet haben. Die Brieftexte, rezitiert von Angela Zeitz, seiner Frau, hat er mit Melodieläufen aus Bonhoeffers Lieblingschorälen unterlegt. Lieder und Kantaten von Schütz, Bach, Schubert und Hugo Wolf, die Bonhoeffer selbst gern gespielt hatte, sang die Gelsenkirchener Sopranistin und Kantorin Christina Wienroth. Sie wurde am Klavier von Stefan Zeitz und mit der Querflöte von Angela Zeitz begleitet . Die Novität und der Höhepunkt des Abends bildeten zweifelsohne die von Stefan Zeitz vertonten Bonhoeffer-Gedichte „Wer bin ich“, „Tod des Mose“ und „Der Freund“ sowie sein „Morgengebet“.

Freundschaft als Vermächtnis

Die virtuose musikalische Darbietung hat diesen Aspekt von Bonhoeffer Leben auf eindrückliche Weise zum Leuchten gebracht und dem 3. Oktober 2012 in Reichelsheim eine besondere Botschaft mitgegeben: Mut, Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit – Wesenszüge Christi und der Maßstab für seine Nachfolger – sind sind keine abstrakten Tugenden, die ein Mensch ganz aus sich selbst heraus entwickeln kann; sie entstehen erst im aufrichtigen Dialog und in der verlässlichen Verbundenheit von Menschen, von Freunden, die einander stützen, ermutigen und korrigieren können. „Bonhoeffer als Freund“ ist uns, den Spätgeborenen, auch 69 Jahre nach seinem Märtyrertod eine ungewöhnliche Herausforderung zum Tag der Deutschen Einheit.

Brücke über die Zeit: das Ensemble im Vordergrund - die Freunde Bethge und Bonhoeffer im Hintergrund.

Stichworte: Bonhoeffer