Wasserfeste Freundschaften zwischen Odenwald und Balkan

erstellt von OJC-Redaktion

9. Juli 2014 // Die OJC berichtete am 4. Juli über ihre interkulturelle Lernprojekte mit der Roma-Minderheit in Warna (Bulgarien) und Sarajewo (Bosnien)

Noch dauern die Aufräumarbeiten nach der Flutkatastrophe in der bulgarischen Stadt Warna am Schwarzen Meer an. Mehrere Stadtteile, unter anderem auch ein von türkischstämmigen Roma bewohntes Viertel, sind durch die Überschwemmung vor zwei Wochen stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Viele Tausend Menschen sind in Notunterkünften untergebracht, über 3000 Häuser müssen aus dem Schlamm befreit und wieder bewohnbar gemacht werden. Mit 2000 Euro aus dem sog. „Feuerwehrfonds“ ihrer Weihnachtsspendenaktion unterstützt die Offensive Junger Christen – OJC e.V. in Reichelsheim die sozialdiakonische Initiative „Light in The Darkness“ im Roma-Viertel, die die Selbsthilfe vor Ort koordiniert, und die bereits einen Hilfstrupp aus jungen Erwachsenen im In- und Ausland zu Aufräumarbeiten rekrutiert hat. Das OJC-Jahresteam aus Freiwilligen im Sozialen Jahr hatte im letzten Sommer 6 junge Roma-Männer aus Warna zu einem Baucamp auf Schloss Reichenberg eingeladen, in diesem Sommer waren vier der Deutschen zum Gegenbesuch in Bulgarien und unterstützen die Freunde auch privat.

Seit etwa 5 Jahren engagiert sich die OJC in Partnerprojekten mit Roma-Beteiligung. „Ein tragendes Konzept für die Integration der Sinti und Roma in die Gesellschaften des vereinten Europas, das auf Respekt, Augenhöhe und Lernbereitschaft baut, ist dringlicher denn je“, meinte Frank Paul, Koordinator der internationalen Projektarbeit der OJC, in Rahmen einer Vorstellungsveranstaltung im Reichelsheimer Jugendzentrum. Er berichtete vor den etwa 30 Gästen der Info-Veranstaltung über die Exkursion mit den sieben jungen Erwachsenen aus den FSJ-Jahresteam der OJC nach Sarajewo im Rahmen einer interkulturellen Begegnung mit der Roma Minderheit. „Durch die EU-Südosterweiterung rückt das seit Jahrhunderten belastete Verhältnis und seine Folgen uns wieder ganz nah. Wir in Deutschland, wo der systematische Völkermord an Sinti und Roma konzipiert und abgewickelt worden war, sind besonders herausgefordert. uns um neue, kreative und zukunftsfähige Modelle des Miteinanders zu bemühen.“

Fünf der Teilnehmer berichteten detailliert über ihre interkulturellen Erfahrungen im Slumviertel der bosnischen Hauptstadt. Sie waren bei Romafamilien untergebracht und bekamen einiges vom Alltag dieser meist in finanzieller Unsicherheit am Rande der bosnischen Gesellschaft lebenden Minderheit mit. Sie begegneten der traditionell patriarchal organisierten Familienstruktur, lernten, wie im Kleinstbetrieb die aus dem gesammelten Abfall Wertstoffe wie Metall, Zellstoff etc. gewonnen wird, wie sich Roma in einem überwiegend abweisenden Umfeld organisieren und wie auch die Migration die Biographien der bosnischen Roma prägt. Sie haben das Befremden, das sich an sich selbst wahrgenommen haben, gewissenhaft reflektieren und erkannten innere Hürden, mitgebrachte Wertmaßstäbe oder einfach nur die Irritation durch das Unbekannte. Auch die Armut, der sie so bislang nie begegnet waren, galt es anzuschauen und, zumindest für einige Tage zu teilen. Ebenso den Reichtum der Roma-Kultur, der sich einem schnell erschließt. Besonders wertvoll war, darin stimmten alle Teilnehmer der Exkursion überein, dass es jenseits gegenseitiger Voreingenommenheit auch echte Begegnung geben konnte, bei der man einander auf neue Weise in den Blick bekam. Es sind Eindrücke geblieben und Freundschaften entstanden, auf die sie nicht mehr verzichten möchten.

Michael Wolf, Geschäftsführer der OJC, stellte die Ursprünge und die Geschichte der internationalen Begegnungen der Kommunität vor. Seit 1977, als die OJC mit ihrem Jahresteam ein Sommercamp in Kamerun organisierte, gab es über 30 solche Begegnungen – vor allem Baueinsatze, aber auch diakonische Projekte und Sommerakademien – in Argentinien, Russland, in der Ukraine, auf dem Nachkriegsbalkan, und immer wieder auch in Camps in Reichelsheim mit Teilnehmern aus über 40 Ländern und von allen Kontinenten. Zu den auch von der Gemeinde Reichelsheim mit Wohlwollen unterstützten Projekten gehört die intensive Begegnung mit aus dem Ort stammenden Juden und mit Israelis, die selbst durch Terroranschläge verletzt wurden oder Familienmitglied verloren haben. „Wir stehen noch ganz am Anfang mit den interkulturellen Begegnungen mit den Roma“, so Frank Paul am Ende der Veranstaltung, „wir planen schon für das nächste Jahr eine Begegnung hier in Reichelsheim mit jungen Roma Männern und Frauen aus mehreren Ländern. Wir rechnen dabei fest auf das Wohlwollen der Gemeinde und auf das Interesse der Reichelsheimer für das Projekt.“ Ob die Gastgeber aus Sarajewo und Warna dabei sein werden? „Ganz sicher, und wir freuen uns schon jetzt auf das Wiedersehen!“

Frank Paul berichtet über die interkulturelle Lernprojekte mit der Roma-Minderheit in Warna (Bulgarien) und Sarajewo (Bosnien

Stichworte: Bulgarien Roma FSJ - Freiwilliges Soziales Jahr Israel Weihnachtsaktion