Gegenbesuch bei unseren Romafreunden in Varna

11. Dezember 2014 // Im Sommer 2013 hatten wir eine Gruppe von jugendlichen Roma zu uns ins Baucamp eingeladen. Das war ein großes Experiment und ist großartig gelungen. Vor einigen Monaten fuhren einige der damaligen Mitglieder zu einem Gegenbesuch nach Varna. Davon berichtet Andreas S. hier:

Liebe Freunde und Bekannte,
vom 13. bis zum 20.04.2014 trug das „Internationale Baucamp 2013“ während meines Freiwilligen Sozialen Jahrs bei der OJC weitere Früchte. Benedikt, Annika und ich flogen nach Varna, Bulgarien, und waren selbst die internationalen Gäste. Die sieben Tage flogen nur so dahin und ich versuche immer noch vollständig zu fassen, was ich dort alles gesehen und erlebt habe.

Am vorvorletzten Sonntag flogen wir gemeinsam von Frankfurt-Hahn ab. zwei Stunden später landeten wir in Plovdiv, Bulgarien. Der erste Eindruck – verlassen und heruntergekommen – bestätigte sich auf der gut siebenstündigen Zugfahrt durch das eigentümliche Land in einem alten, aber schönen DDR-Zug. Nach einer herzlichen Begrüßung von Frank Abbas und unseren Romafreunden wurden wir in ihren Kleinbus gepackt und zuerst in die nahegelegene Foodbar kutschiert. Ach ja, anschnallen gibt’s nicht – dafür jedesmal Anschieben!Danach fuhren wir ins Ghetto (Machla), wo wir die restliche Woche bei zwei Romafreunden vom Baucamp schlafen würden.

Sie bewohnen zwei Räume (etwa 15 qm groß), mit zwei Betten, einem Ofen, einem Schränkchen und einem Fernseher – schlicht, aber schön und ordentlich. Benedikt und ich schliefen auf den Betten, während Iliya und Isus auf dem Boden schliefen. Annika schlief im anderen Zimmer mit den Frauen der Gastgeber. Gastfreundschaft besitzt in der Kultur der Romas einen hohen Stellenwert. Iliya, der unseren Besuch organisierte und anleitete, gab sich große Mühe, uns ein schönes Programm zu bieten. Außerdem war es ihnen eine große Ehre uns bestens zu versorgen. Das konnte auch mal heißen um 9 Uhr im Restaurant mit Frank den Hunger zu besiegen, und um 11 Uhr in der Machla schon wieder reichliches Essen vorgesetzt zu bekommen. Geregelte und gemeinsame Essenzeiten gibt es bei den Romas sowieso selten – man isst normalerweise einfach wenn man Hunger hat (und Essen vorhanden ist) – und ich glaube, sie meinten (als Rückschluss vom reichlichen Essen in der OJC), Deutsche hätten immer Hunger. Außerdem aßen wir meistens alleine. Für uns wurde Essen gerichtet und die Anderen standen und saßen drum herum und achteten darauf, dass wir ja nicht zu wenig aßen. Trotz all dieser tollen Gastfreundschaft und unseren dankbaren Worten, fiel es Iliya sehr schwer, zufrieden mit sich zu sein – „denn er konnte uns nicht das bieten, was wir ihnen in Deutschland geboten hatten!“ Er erbat sogar einen Gehaltsvorschuss, um seinen Raum noch schön tapezieren zu können. Dass wir gar nicht so viel Luxus und Komfort wollten, sondern es einfach schön fanden bei ihnen zu sein, konnte er, glaube ich, nicht so recht nachvollziehen… Aber lieber so, als andersherum.

Unser Tagesablauf gestaltete sich die folgenden Tage etwa so: Wir standen um neun Uhr auf, wuschen uns und wurden dann „zum Essen ausgeführt“ - meistens zum nächstgelegenen Bäcker, wo wir jegliches Gebäck (zum größten Teil mit Blätterteig und Schafskäse im Schnitt für 50 Cent=1 Leva) ausprobierten und zusammen mit „Anette Boza“ (Weizengetränk) genossen. „Ausgeführt“ trifft es ganz gut, da wir außerhalb der Häuser immer im Schlepptau einiger Romas laufen mussten, damit nichts passiert (wir haben uns wirklich SEHR sicher gefühlt – ohne Ironie). Nach dem Frühstück schlenderten wir zurück zum „Office“ (zwei Räumlichkeiten der NGO), zur Bibelarbeit und Tagesplanung. Zu dem darauffolgenden Programm gehörte z.B. wandern durch die benachbarten Hügel, schwimmen in einer Schwefelquelle am Meer und Fußball spielen. Wir besuchten die Varnaer Innenstadt, feierten einen Roma-Gottesdienst der Machla-Gemeinde (sehr charismatisch und locker, mit Tanz und lautem Gebet), besuchten das deutsche Gymnasium (an dem *wow* ein Roma Schüler ist), spielten ein Abschluss-Fußballmatch auf einem Kunstrasenplatz, fuhren mit dem Kleinbus durch die (Schlagloch-)Stadt, sahen das Abschlussspiel der spanischen Fußballliga, wohnten dem Besuch einer deutschen Delegation aus Berlin bei und lernten unterschiedlichste Leute kennen, die vor Ort etwas bewegen. Der Abend bestand dann aus lauter, bassgewaltiger orientalischer Musik und Tanz – für uns nicht immer ganz ungezwungen und frei, aber dafür sehr zur Freude der Roma, die sich trotz ihrer Tanzkünste höflich zurückhielten. Dazu kam ein einfaches, aber gutes Essen. An diesen Abenden bestand unser „Programm“ aus viel Lachen, Gesprächen und freundschaftlichem Zusammensein. Man fragt sich vielleicht, wie wir denn miteinander reden konnten – ganz einfach: Die Romas können fast alle Romanes, Türkisch, Bulgarisch und Bruchteile von Deutsch und Englisch. Wir können einen kunterbunten und sich ständig erweiternden Wortschatz von ca. 50 Wörtern aus den drei Hauptsprachen plus Englisch, Deutsch und unserer Mimik/Gestik. Es ist toll zu sehen, wie man damit, trotz mancher Missverständnisse, über ernsthafte Dinge reden kann oder Witze versteht. Ute Paul aus der OJC würde sich freuen.

In der kurzen Zeit erfuhren und erlebten wir viel von den Problemken Bulgariens, der Menschen, der Romas, der Machla… Das war zum einen augenöffnend und zum anderen erschütternd. Z.B. der Mangel an fähigen Menschen, die das Vorhandene zu nutzen verstehen, Prostitution, Mafia-Strukturen, Diebstahl, Müllsammeln wegen Geldnot, Korruption und die steigende Anzahl arbeitsloser Menschen ohne Perspektive. Die Welt ist für mich wieder ein bisschen näher an die weltweite Realität gerückt…

Ein Fakt zu den Romas vor Ort: Sie leben von Tag zu Tag – im hier und jetzt. Stärke und Schwäche zugleich! Nachteilig wirkt sich das z.B. beim Haushalten mit Geld oder bei langfristigen Zielen/Anstrengungen aus. Dafür können sie wesentlich besser das Jetzt genießen und sich daran freuen. Eine sehr positive Atmosphäre, wie ich feststellen durfte.

Unsere traurige Abschlussrunde, am Ende der sieben Tage, bestand aus viel gegenseitiger Wertschätzung – aus ganz unterschiedlichen Gründen! Sie fanden es z.B. megaschön, dass wir ihr Essen gegessen und keinen Abstand gehalten haben. Auch dass wir bei ihnen im Ghetto schliefen und nicht außerhalb, hat sie sehr geehrt. Viele andere halten sie für unsauber und bleiben daher lieber auf Abstand. Wir schätzten u.a. ihre Gastfreundschaft, ihre herzliche Art und ihren Glauben an Gott trotz aller Umstände (Batscho meinte mal: „Vielen deutschen Jugendlichen geht es nicht so gut wie mir. Sie kennen nämlich Gott nicht!“)

Letztendlich bleibt zu sagen: Ziel erreicht. Es war eine Horizonterweiterung und beiderseits ein Segen! Es lohnt sich! Die Brüder und Schwestern im anderen Umfeld zu besuchen und ihr Leben zu teilen. Die Machla ist äußerlich zwar nicht schön – aber die Menschen dort machen diesen Ort unwahrscheinlich wunderbar… sitschki dobre! („Alles Gut“)

Andreas Schneider und Freunde in Varna

Stichworte: Roma Bulgarien