Sola! statt so lala

2. Juni 2017 // Tag der Offensive 2017

Unser Jahresfest mit über 400 Gästen in Reichelsheim

Es war ein richtiger kleiner „Kirchentag“ an Himmelfahrt in Reichelsheim, an dem es darum ging, aus welchen Elementen sich Kirche baut, und was es braucht, damit sie sich erneuert. Wir hatten Freunde und Bekannte eingeladen, entlang der vier berühmten „soli“ Glaube, Gnade, Schrift und Christus die Leitgedanken der Reformation durchzubuchstabieren.

Mit den über 400 alten und jungen Gästen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum feierte die OJC in der Reichelsheimer Bürgerhalle den Gottesdienst, bei dem die Kinder unter Anleitung von „Bob dem Baumeister“ auf der Bühne aus drehbaren Elementen ihre Kirche errichten sollten. Je nach Drehrichtung ergab die Fassade eine Botschaft aus der Lutherzeit.
Die Predigt hielt Pfr. Gernot Spies, Generalsekretär der Studentenmission Deutschlands zu den Paulusworten über das Fundament: Einen anderen Grund kann niemand legen, welcher ist gelegt in Jesus Christus.  Den Vers aus dem Korintherbrief deutete Spies in dreifache Richtung:
1. als eine klare Absage gegen alle Selbstüberschätzung der Gemeinde, gegen den parteiischen Personenkult um Leitergestalten und gegen ein falsches Leistungsdenken: Christus allein ist Erlöser der Sünder und Herr der Gemeinde. Es zählt nicht, was der einzeln oder eine Gemeinschaft erkenne oder leiste, sondern, was Christus getan hat und in welcher Beziehung wir zu ihm stehen.
2. Als eine starke Zusage auf eine Freiheit von ganz neuer Qualität, der Freiheit eines Christenmenschen, der allein aufgrund der erfahrenen Liebe Gottes selbst zum Dienst an anderen und zur Liebe befähigt wird. Christus ist dabei nicht nur Vorbild und Orientierungspunkt, kein rein ethischer Maßstab, sondern der Urheber des Heils. Nur dem, der eigene Schuld und Sünde erkennen und ermisst, wird sich das Ausmaß der gewonnen Freiheit erschließen. – Kein Aspekt des Christusbekenntnisses wird heute in Kirche und Theologie so stark in Frage gestellt, wie dieser. Und
3. als verpflichtende Ansage, die in dem doppelten Namen "Jesus Christus" liegt: der Name "Jahwe errettet" in der persönlichen Beziehung und der Hoheitstitel "Gesalbter" in der Position des bevollmächtigten Herrschers. Er ist Freund und Herr, Bruder und König, Herr der Kirche, der es persönlich meint und zugleich alle Welt betrifft. Das verpflichtet uns Christen, ihren Glauben authentisch zu leben und zugleich vor der Welt zu bekennen. Das Evangelium ist dann verpflichtende Ansage, Weckruf, wenn es pro-voziert: heraus-ruft und aufrüttelt. "Sola! statt so lala - Veränderung, Erneuerung, Reformation beginnt immer mit dem Gebet: Herr Christus, erneuere deine Kirche, fange bei uns an - und erst recht bei mir selbst." 

Über Mittag zogen die Gäste hinauf zu Schloss Reichenberg, um die neuen Stationen des Erfahrungsfeldes und den restaurierten oberen Saal der Burg über dem „Rittersaal“ aus der Zeit der Reformation zu begutachten.

In diversen Workshops gab es Angebote rund um das Motto „Alle reden von Reformation – wer tut's?“. Absoluter Publikumsmagnet war der indische Philosoph und Apologet Vishal Mangalwadi, der aus fernöstlicher Perspektive die Verankerung der europäischen Kultur im jüdisch-christlichen Erbe beleuchtete. Es gab rege Diskussion über seine steile These, dass die Völker Europas, wenn sie Bezug zu den biblischen Wurzeln und Werten gänzlich verlieren, anfällig werden für extreme Ideologien, bzw. im Chaos einander bekämpfender Normen versinken: „Die biblische Forderung nach ausgleichender Gerechtigkeit, der Achtung der Würde des Menschen und dem Einsatz für Weltfrieden bildet die Identität der europäischen Zivilisation.“ Reformation, so Mangalwadi, sei die Rückbesinnung auf die spirituellen Bedingungen dieses Wertekanons.

Konkret auf die Volkskirchen, insbesondere die evangelischen Kirchen bezogen, diskutierte Pfr. Burkard Hotz in seinem Workshop über die Herausforderung, der zunehmenden Säkularisierung der kirchlichen Agenda einerseits und der Entfremdung von der Heiligen Schrift als dem Zentrum und Fundament christlich-theologischer Überlegungen andererseits. Kirche, so Hotz, brauche sich nicht selbst neu zu erfinden, denn sie ist eine von Christus und zu Christus Berufene Gemeinschaft von begnadigten Sündern. Sie ist in ihrem Wesen bezeugend und missionarisch; allerdings nicht aus sich selbst heraus und entlang von allgemeinen humanistischen Werten oder Idealen, sondern in einem bewussten und eindeutigen Gehorsam dem gegenüber, was die Bibel als den Willen Gottes für den Menschen aufzeigt. Das zu erforschen ist der Kernauftrag kirchlicher Lehre und Verkündigung, und nicht das Buhlen um die Gunst eines imaginierten Weltpublikums. 

In einem anderen Workshop stellte der Verein „God Cares“ (gegründet in Fulda 2005) seine Versöhnungsarbeit im bürgerkriegsgeplagten Ruanda vor: einen Ansatz, der mit überwältigenden Resultaten für ein nachhaltig befriedetes Zusammenleben der Tutsi und Hutu in ihren Dörfern aufwartet. Dort müssen oft die mittlerweile amnestierten Mörder Haus an Haus mit den Hinterbliebenen der Opfer leben. Welche Maßnahmen dabei helfen, dass nach zwanzig Jahren Normalität einkehren und Solidarität unter den verfeindeten Gruppen entstehen kann, war Gegenstand des Workshops. Ein Teil der Kollekte vom Gottesdienst kommt dieser Arbeit zugute, die OJC-Weihnachtsaktion unterstützt die Implementierung der Versöhnungsarbeit in der Demokratischen Republik Kongo.

Während des Nachmittags war das Regionalmuseum mit der Ausstellung der Bilder von Alexander Dettmar „Synagogen von einst“ geöffnet. Mit diesem Projekt gedenkt die politische Gemeinde mit den drei Kichengemeinden und der OJC im 200. Jahr nach der Einweihung der Reichelsheimer Synagoge 1817 und im 79. Jahr nach ihrer Plünderung in der Reichspogromnacht 1938, als auch einige Protestanten in Berufung auf Luther gegen die Juden zu Felde zogen. So gedachte der „kleine Kirchentag“ in Reichelsheim auch der spannungsvollen Beziehung zwischen Kirche und Synagoge – im Zeichen einer Neuorientierung an den gemeinsamen Wurzeln.

Am Nachmittag wurde die Publizistin Birgit Kelle mit dem ojcos-Stiftungspreis für ihren streitbaren Einsatz in der Debatte um Familienpolitik und Wahlfreiheit von Müttern zwischen Fremd- und Heimbetreuung der Kinder und für ihren humorvoll-provokativen Beitrag zur aktuellen Geschlechterdebatte ausgezeichnet. Prior Konstantin Mascher ermutigte zum verbalen Fair Play und zum Einstehen für unveräußerbare Werte in einer sich zunehmend polarisierenden und enthemmten öffentlichen Debatte.

Auch im Odenwälder Echo wurde über den TDO berichtet.

Und hier gibt es eine Bildergalerie mit Bildern vom ganzen Tag