Brücken über Gersprenz und Jordan

17. August 2010 // 13 junge Israelis zu Gast bei der Kommunität Offensive Junger Christen – OJC in Reichelsheim


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„Wieso Bach? die Gersprenz ist ein Fluss!“ – An der Brücke vor dem Reichelsheimer Europäischen Jugendzentrum sammelt sich eine Gruppe zum Rundgang durch das „jüdische Reichelsheim“. Altbürgermeister Gerd Lode führt die 13 Besucher aus Israel mit ihren Reichelsheimer Gastgebern auf den Spuren der hiesigen jüdischen Gemeinschaft vor der Schoah. Ein Israeli mit krausen schwarzen Haaren zückt die Kamera, knipst seine am Geländer posierenden Landsleute und lacht: „Der Jordan ist nicht viel breiter, und für uns ist er ein Strom!“ Alles eine Frage der Perspektive?
 

 Deutsche und Israelis – eine vielschichtige Beziehung

In den zwei Wochen, die die Israelis bei der ökumenischen Kommunität „Offensive Junger Christen“ (OJC) verbringen, steht diese Frage immer im Raum. Zum vierten Male hatte die OJC junge Erwachsene eingeladen, die durch Terrorattacken in ihrem Land verletzt und traumatisiert wurden, oder einen Angehörigen verloren hatten. Das „Disraelis“-Projekt (Disabled Israelis) wurde 2002 von Ilan Brunner in Tel Aviv ins Leben gerufen. Zusammen mit seiner Frau Esti leitet er Gruppenbegegnungen mit Gleichaltrigen in Europa, vorzugsweise in Deutschland. Er möchte den von Gewalt und ständiger Bedrohung traumatisierten Israelis einen Urlaub vom Terror, wie er es nennt, ermöglichen. Durch die Gruppenreise ins Ausland sollen sie außerdem die Möglichkeit bekommen, von dem Leben in ihrem Land, über das die meisten Europäer meist nur aus den Schreckensmeldungen in den Medien informiert sind, persönlich zu berichten. Brunner liegt die Begegnung von Deutschen und Juden besonders am Herzen. Als Überlebender des Holocaust möchte er so zum besseren Verständnis zwischen den beiden Völkern beitragen. Der deutsch-jüdische Dialog liegt auch der OJC am Herzen. Michael Wolf (OJC), der die Veranstaltung vor Ort organisiert, weiß um die Vielschichtigkeit und Problematik der deutsch-jüdischen Geschichte. „Die gemeinsame Aufarbeitung der Schoah ist auch in der vierten Generation aktuell. Als Christen tragen wir eine besondere Verantwortung dafür, dass solches Unrecht sich in unserem Land nie wieder ereignet.“ Der Dialog selbst findet unter nicht unproblematischen Umständen statt: zum Lebensalltag der israelischen Teilnehmer gehören Krise, militärische Auseinandersetzung und die existentielle Bedrohung ihres Staates. „In der Kommunität verbringen zur Zeit zehn Schulabgänger ein Freiwilliges Soziales Jahr. Die sechs Männer haben sich bewusst gegen den Wehrdienst entschieden“, gibt Michael Wolf zu bedenken: „Für sie und für alle ist der intensive Austausch mit den Israelis, die im Krisengebiet Soldaten waren, Neuland und eine große Herausforderung.“
 

 Miteinander: reden – trauern – spielen – feiern

Um Tagespolitik geht es im gemeinsamen Programm jedoch selten. Viel wichtiger ist das Gespräch über persönliche Fragen, Lebenspläne, Interessen und Hobbys – und die sind hüben und drüben vergleichbar. Das Befremdende soll jedoch nicht ausgeblendet werden: das Verhältnis zur eigenen Kultur, die Loyalität zur Heimat – und zur schwierigen gemeinsamen Geschichte von Juden und Deutschen. Ein Höhepunkt ist der Besuch im ehemaligen KZ Dachau. „Die Israelis haben die Gedenkfeier vorbereitet und den gesamten Ablauf übersetzt“, erzählt Christina aus dem Jahresteam. „Die zentralen Passagen konnten wir mitsprechen.“ Die 24-jährige Tom, deren Großvater KZ-Überlebender ist, hätte nie gedacht, dass sie jemals mit den Enkeln der Kriegsgeneration über die Opfer des Holocaust trauern würde. „Es ist wirklich ein anderes Deutschland, ich weiß es jetzt aus erster Hand.“ Tom war im Einsatz, als der Soldat Gilad Schalit aus ihrer Einheit entführt wurde: „Es ist kaum zu vermitteln, was ich damals empfand. Danke, dass ihr fragt, und danke, dass ihr meine Sicht stehen lassen könnt. Das erlebe ich selten“, sagt sie in einer Auswertungsrunde.
 

 Der musikbegeisterte Amos genießt die urige Atmosphäre im Jugendzentrum und freut sich über das gesellige Programm. Beim Billard in der irischen Kneipe des Jugendzentrums, auf der Rheinfahrt und in der Brauerei Mossautal kommt er auf seine Kosten. Amos war 14, als sein Bruder während eines Raketenangriffs der Hamas vom Libanon aus ums Leben kam. Er hält nicht hinterm Berg mit der Trauer, blickt aber lieber zuversichtlich nach vorn. Bevor er in den Beruf als Tontechniker einsteigt, möchte er die Welt sehen. „Einige Zeit schwankte ich, Ilans Einladung anzunehmen “, meint er, „jetzt bin ich froh, dabei zu sein und zu sehen, wie sich Menschen im Odenwald für ein besseres Zusammenleben der Völker in der Welt engagieren.“ Für Thea, Studentin aus Mannheim, die ein Jahr auf Schloss Reichenberg verbracht hatte, ist das Leben von Amos ein Phänomen: „Da ist einerseits die allgegenwärtige Bedrohung im Alltag, dann aber auch Offenheit und Lebensfreude  – davon können wir uns eine Scheibe abschneiden.“
 

 Gemeinsamen auf den „Wegen zum Leben“

Einen steilen Einstieg im wahrsten Wortsinne wagt die Gruppe oben auf Schloss Reichenberg. Im historischen Burghof entsteht gerade das erlebnispädagogische Projekt „Wege zum Leben“, ein Erfahrungsfeld zur Begegnung mit Themen und Motiven der Bibel. Deutsche und Israelis erkunden nun auf den Spuren der Väter des Glaubens die Quellen der gemeinsamen Kultur. Am Brunnen im Burghof mit dem schönen Aufsatz aus der Renaissance kann, wer will, einen Blick in die Tiefe der biblischen Geschichten wagen. Das Motiv der Quellen und Wasserstellen, an denen die Patriarchen Israels ihrem Gott und sich selbst begegneten und in ihrer Berufung gestärkt wurden, wird hier, am Ziehbrunnen plastisch und lebendig. Die Frage an der Station lautet: „Wie kommt das Wasser aus dem Brunnen dorthin, wo wir es heute brauchen?“ Die Antwort soll nicht theoretisch bleiben: unter fröhlichem Gelächter wird Wasser vom Brunnen geschöpft und in nebeneinander gehaltenen Regenrinnen zum anderen Ende des Gartens befördert. „Ihr in Israel seid doch Marktführer in Bewässerungstechnologie!“, spornt Ute Paul, pädagogische Leiterin des Erfahrungsfeldes, die Gäste an. Die geben sich auch alle Mühe mit dem menschlichen Aquädukt. Aviad, Sprecher der Gruppe, ist beeindruckt: „Euer Konzept, Werte und Inhalte der biblischen Tradition mit spielerischen Methoden an die Jugend zu vermitteln, ist sehr überzeugend. Selbst mich hat es zum Nachdenken gebracht“, meint er nach dem Abstieg in das kalte und finstere Burgverlies, in dem die Josefsgeschichte auf eindrückliche Weise lebendig wird. Klar, die Voraussetzungen in Israel für solchen Unterricht sind optimal, es gibt kein besseres Gelände als den Originalschauplatz der uralten Erzählungen! Die meisten in der Gruppe bezeichnen sich als gläubig; keiner jedoch als „religiös“ – dieses Label ist den strengen Befolgern der jüdischen Tradition vorbehalten. Oded, dessen Vater sich bereits im reiferen Alter dem intensiveren Bibelstudium gewidmet hat, meint: „Das strenge religiöse Leben hat gewiss auch Schönheit und Tiefe. In meiner jetzigen Lebensphase aber könnte ich mich nicht der Orthodoxie verschreiben.“ Selbstverständlich ist für ihn aber das Feiern der jüdischen Feiertage, das regelmäßige Gebet und natürlich der im Familienkreis verbrachte Schabbat.
 

 L’ chaim! - auf das Leben

Die „Disraelis“ haben koscheren Feiertagswein und Hefebrot, Kiddusch-Becher, Kerzen und alle Utensilien, die zu einer traditionellen Schabbatbegrüßung dazugehören, im Gepäck. Der Becher wird zum Überlaufen eingeschenkt und durch die Runde gereicht: „L’ chaim, auf das Leben!“ prosten die Teilnehmer einander zu – und „Schabbat Schalom!“ Oded leitet durch die Zeremonie, spricht die Gebete und Segensworte. Die liturgischen Gesänge singen alle Israelis auswendig mit. Die Deutschen an den Tischen lauschen dem Singsang in der uralten Sprache. „Also bei uns muss das Beten möglichst individuell und emotional sein, um nicht als oberflächlich zu gelten“, kommentiert ein Reichelsheimer Teilnehmer. Oded ist irritiert: „Für uns sind diese Worte seit der Kindheit selbstverständlich. Sie haben die Identität des Volkes geprägt und es auch im Exil zusammengehalten.“ Sie müssen es nicht erfinden, es ist einfach schon da. Dafür hat der katholische Jonas, den es nach dem FSJ zu den Dominikanern zieht, mehr Verständnis und schlägt die rezitierten Passagen auf Deutsch nach. Er ist dankbar für die persönlichen Einblicke in das Leben im Heiligen Land: „Die Städte, die man aus den Nachrichten kennt, bekamen ein Gesicht für mich. Sie sind lebendiger geworden."
 

 Die Begegnung, darin sind sich alle einig, war ein Gewinn, für einige auch der Beginn einer Freundschaft. Sie hat viel Verbindendes und manches Trennende zutage gefördert, vor allem aber die Einsicht, dass es sich lohnt, den Perspektivwechsel zu wagen. An der Gersprenz und am Jordan gleichermaßen.

Disraelis und Deutsche bekommen Einblicke in das gegenseitige Leben und Erfahrungen

Stichworte: Israel REZ