Ein Platz für Straßenkinder

18. November 2010 // Was mag in einem Waisenjungen vorgehen, der bei Wintereinbruch ausreißt, einen Laden ausraubt und sich im Fahrwerk eines Fliegers aus dem Staub macht. Melinda Cathey weiß es.

Abflug - die gewöhnliche Not hinter der ungewöhnlichen Flucht

Die Meldungen über den minderjährigen russischen Ausreißer im Fahrwerk des Flugzeugs machen uns ratlos. Was mag in einem Jugendlichen vorgehen, der beim sibirischen Wintereinbruch aus dem Heim ausreißt und eine Landen ausraubt, um dann als blinder Passagier in eine andere sibirische Stadt zu entkommen. Wir können es nur ahnen – Melinda Cathey aber weiß es. Sie gibt gerne Auskunft, wenn man sie fragt. Das tat sie auch in ihrem Vortrag am 1. November in unserer Kommunität. Was sie über das Elend der Kinder zu berichten hatte, die aus zerrütteten Elternhäusern oder aus staatlichen Waisenheimen abgehauen sind, war erschütternd. Umso hoffnungsvoller das Engagement, mit dem sie dieser Not selbst begegnen will. Die amerikanische Jugend- und Familientherapeutin gründete und leitet "The Harbor", ein Werk, das in Sankt Petersburg mittlerweile etwa 180 Kinder und Jugendliche, Waisen und Straßenkinder beherbergt, versorgt und ihnen eine Ausbildung ermöglicht. In kleinen, durchgehend betreuten Wohneinheiten lernen die Kids den ganz normalen Alltag: geregelte Essens- und Schlafenszeiten, Hygiene, verlässliche Absprachen, Umgangsformen, Schulbesuch, Hausarbeit – für die meisten absolutes Neuland. Wer mit der Sesshaftigkeit bereits zurechtkommt, wird in Pflegefamilien integriert und erlebt zum ersten Mal das Miteinander der Generationen und stabile Beziehungen. Alle Kinder erhalten auch therapeutische Unterstützung. Für Teenager hat „The Harbor“ Übungswerkstätten eingerichtet, ein VTC (Vocational Trainings Center), in denen sie Kurse anbieten (Töpfern, Kochen, Seidenmalen, Englisch, Musik, Tanz, Computer, Haarstyling, Kosmetik), die Jugendliche von The Harbor, aber auch von verschiedenen Waisenhäusern und von der Straße eine Möglichkeit gibt, etwas Kreatives zu lernen und durch den Verkauf der selbst hergestellten Gegenstände etwas Geld zu verdienen. Das wichtigste ist jedoch die Zuwendung, die sie zum ersten Mal im Leben erleben.

Ein Säugling in der Mülltonne

Melinda Cathey war 1992 mit ihrem Mann, der für ein christliches Bildungswerk arbeitete, und drei Kindern nach St. Petersburg gezogen. Sie traf dort Alex Krutov. Alex selbst war Findelkind gewesen: Passanten hatten ihn als Säugling aus der Mülltonne gerettet. Er wurde durch mehrere Waisenhäusern sowjetischer Prägung gereicht, kam zu Pflegeeltern, die ihn misshandelten. Er floh und landete in den wirren Jahren der Perestroika auf der Straße. Sein Leidensweg ist in Russland, mit den etwa 10 Millionen elternlosen Kindern, von denen Zehntausende illegal in den Straßen der Metropolen hausen, nichts besonderes. Besonders aber ist, dass Alex nicht nur überlebte, sondern einen Schulabschluss, später auch durch die Unterstützung einer amerikanischen Familie in den USA einen Hochschulabschluss – mit Auszeichnung! – erwarb. Der junge Mann aber wollte und konnte nicht vergessen. Er kehrte nach Russland zurück, riskierte noch einmal die Obdachlosigkeit, verschenkte alles, auch seinen Wintermantel, zog durch die Waisenhäuser von Sankt Petersburg und machte den Kindern Mut: „Du kannst es schaffen, halte durch. Es gibt einen Gott, der dich kennt und liebt.“ Die Straßenkinder warnte Alex: „Lass die Drogen, lass dich nicht zur Prostitution zwingen, geh’ der Maffia aus dem Weg.“ Melinda Cathey begleitete Alex auf seinen Streifzügen durch die Parks und Hinterhöfe und ging mit ihm auch in die Waisenhäuser. Das Elend und die aussichtslose Lage der Straßenkinder erschütterten sie und gemeinsam mit Alex startete sie 1998 „Shizn 2“, ein Kinderheim für Jugendliche. "Shizn" bedeutet Leben. (Shisn 1, das Kinderheim, in dem Elena Kukuschkina sich um Straßenkinder kümmert, ist bereits seit vielen Jahren Projektpartner der OJC.) 

Die Straßenkinder bekommen nicht nur Essen und Kleidung, sondern auch die Wertschätzung, die ihnen die Gesellschaft verweigert. Den Petersburger Behörden sind die Straßenkinder ein Dorn im Auge – sie passen nicht zum Selbstbild der mondänen Zarenstadt. „Wozu auch noch päppeln? Sie machen uns nur Scherereien“, entgegnete ein Stadtbeamter, als Alex bei ihm um die Unterstützung des Projektes vorsprach. Immerhin zahlt die Stadt für jedes aufgenommene Straßenkind eine minimale Zuwendung an „The Harbor“. 

Heimat, Freundschaft, Richtung: Ein Hoffnungskonzept baut auf Christus

Das Werk jedoch ist auf Spenden aus dem Ausland angewiesen. "Wir sind sehr dankbar, dass wir uns in einem so gut durchdachten Projekt engagieren können", versichert Dr. Dominik Klenk, Leiter der OJC. "Seit den frühen 90-er Jahren unterstützt die OJC gezielt Straßenkinderprojekte in Petersburg. Die Schuldirektorin Eleonora Muschnikova hatte über zwei Jahrzehnte hinweg in eigener Initiative mit einem kleinen russischen Team Kinder auf der Straße aufgesucht, mit Nahrung und Kleidern versehen, sie medizinisch versorgen lassen. Vielen konnte sie in betreuten Wohngruppen ein Zuhause und eine Ausbildung bieten. In Kooperation mit der OJC errichtete sie sogar ein Waisenhaus nahe Sankt Petersburg. Nun werden auch diese Projekte in der umfassenden Arbeit von "The Harbor" gebündelt. Das eröffnet neue Perspektiven."
Für Melinda Cathey bedeutet die Partnerschaft mit den Reichelsheimern nicht nur eine große Stärkung, sondern auch, dass die Arbeit weiter getan werden kann. Die OJC konnte im vergangenen Jahr 100.000 Euro für den Erwerb neuer Wohneinheiten für Shizn sammeln und möchte im nächsten Jahr "The Harbor" unterstützen. Mit zahlreichen Projektpatenschaften engagiert sich die Kommunität weltweit für die nächste Generation. "Jungen Menschen in Christus Heimat, Freundschaft und Richtung geben - das darf kein frommer Wahlspruch bleiben, das will gelebt sein", meint Klenk, "Alex und Melinda machen es uns vor."

Wenn Alex Krutov fliegt, was er inzwischen oft tut, dann nicht als blinder Passagier auf der Flucht vor der Polizei. Er reist, um mit seinem Leben zu bezeugen, dass es immer noch Hoffnung gibt auf Leben in Würde. Auch für ein Waisenkind aus Russland.

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Melinda Cathey (Mitte) mit Cornelia Geister und Erich Schneider beim Besuch im Reichelsheimer Europäischen Jugendzentrum Ende Oktober 2010

Stichworte: Russland