Die Geschichte deines Lebens

8. Juli 2011 // Wie wird man zum Historymaker? Eine Predigt zu Johannes 1


zum Abschlussseminar der FSJ-Mannschaft 2011
von Felix Sebastian K.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, liebe Bauwochenteilnehmer und liebe faule Säcke. Zwei Sachen dürfen diese beiden Wochen auf keinen Fall fehlen – das Bauen und die Motivation dabei… Um unsere Gruppe zu motivieren erzählte immer einer von uns eine Geschichte – und weil ich Geschichten motivierend finde, soll dies auch das Thema sein: Ich will Geschichte schreiben – in die Geschichte eingehen – ein Historymaker sein. Ein Mensch braucht Erzählungen – und wir alle kennen hunderte von Geschichten – aus unserem eigenen Leben, aus Büchern, aus Filmen und aus dem Geschichtsunterricht. Und all diese Geschichten sind eingebettet, eingewoben in eine ganz große Geschichte: Die Weltgeschichte.  

Die unendliche Geschichte

Ich will euch von einem Jungen erzählen, der meinen Namen trägt: „Baschdi“. Er war in der Schule nicht sonderlich gut, wurde von seinen Klassenkameraden des öfteren gemobbt und floh ganz gerne in seine eigene Fantasie oder in die Fantasie eines anderen. Hätte er Inception gekannt – es wäre wohl sein Lieblingsfilm gewesen. Aber anstatt Inception rauf und runter zu gucken, stahl er ein mysteriöses Buch, in das er eintauchte und in dem er sich beinahe in Phantásien verlor.

Die Geschichte, in die er eintauchte, handelt von einer namenlosen Kranken, die nur geheilt werden kann, wenn einer herausfindet, wie sie heißt. Mit ihr leidet das ganze Land unter dem sich immer weiter ausbreitenden namenlosen Nichts – das hatte in irgendeiner Weise einen Zusammenhang – denn sie ist schließlich die kindliche Kaiserin. In ihrer letzten Verzweiflung macht sie sich auf den Weg und sucht den „Alten vom wandernden Berge“ – denjenigen, der alles aufschreibt, was geschieht. Sie sucht ihn, weil sie noch einmal ihre ganze Geschichte hören will – vielleicht findet sie in der Vergangenheit eine Spur von ihrem Namen.

Doch weil der „Alte vom wandernden Berge“ alles aufschreibt, was geschieht, schreibt er auch auf, was er vorliest – und so verliest er den Anfang der Geschichte, und während er liest, schreibt er mit, und während er schreibt, geschieht alles von neuem. So wird das zu einem Teufelskreis, eine „Unendliche Geschichte“, geschrieben von Michael Ende. Bis der Lesende – bis Baschdi erkennt: Ich bin es, der ihr den Namen geben kann und sie von ihrer Krankheit erlösen, heilen, retten kann. Ich bin es, der das Nichts zerstört. Er ruft laut ihren Namen (Mondenkind) und so wird sie geheilt und mit ihr das Land, das unter Bastians Regentschaft einen neuen Anfang, eine neue Schöpfung erlebt.

Was Martha eben bei der Geburtstagserzählvorbereitung dargestellt hat, ist im Grunde auch eine unendliche Geschichte: Erzählte Martha ihre Geschichte vollständig, müsste sie die gesamte Weltgeschichte erzählen, in die auch ihre Geschichte eingewebt ist, und wenn sie dann jemals bis zu dem heutigen Tage mit dem Erzählen gekommen wäre, so müsste sie auch erzählen, was sie heute erzählt und so weiter… und es wäre eine unendliche Geschichte geworden. Eine Geschichte in einer Geschichte in einer Geschichte in einer Geschichte… – viel vielschichtiger, als Inception (Traum-im Traum-im Traum ist da nix dagegen – da wacht man irgendwann wieder auf) – aber aus diesem Mühlrad, der unendlichen Geschichten kann man sich nicht mit logischem Denken befreien.

Am Anfang war das Wort…

Und eben deswegen braucht jede Geschichte etwas zutiefst widernatürlich unlogisches: Jede Geschichte braucht einen Anfang und ein Ende um erzählbar zu werden. In Momo stellt Michael Ende die Frage, wie alt Momo denn sei, und diese antwortet: „Soweit ich mich erinnern kann, bin ich immer schon da gewesen“. Ich hab gedacht: Pah, typisch Kind… – und mich dann gefragt: „Kann ich mich daran erinnern, dass ich nicht da gewesen bin? – Was war für mich, bevor es mich gab? – NICHTS?“

Wir Menschen erinnern uns wie Momo nicht mehr an die Stunde unserer Geburt und noch weniger darüber hinaus. Wir erinnern uns nicht an den eigentlichen Anfang unseres Lebens – Verschmelzung von Ei- und Spermazelle, oder Geburt? Wir erinnern uns nicht mehr daran, nicht sprachfähig zu sein, nicht verstanden zu werden und nichts zu verstehen. Das erste an das ich mich erinnern kann ist ein Missverständnis. (Ich war mit Mama zelten und die hat dann am Morgen gemeint, wir würden jetzt Boot fahren, und ich hab das mit trockenem Brot in Verbindung gebracht und war gar nicht begeistert davon – bis ich dann merkte: Trockenes Brot fahren kann auch nass sein...). Dieses Missverständins hat aber eben etwas mit Verständnis zu tun.

Am Anfang unserer Erinnerung ist das Verständnis, am Anfang der Sünde die Erkenntnis, am Anfang eines neuen Lebens und am Neuanfang der Unendlichen Geschichte ein Name (eine Berufung) und am Anfang einer jeden erzählten Geschichte ist ein Wort. Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Dasselbe war am Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. (Johannes 1, 1-3)

Der Anfang des Johannesevangeliums erzählt uns genau diesen Anfang aller Geschichten – Gott sprach: „Es werde Licht“. Das Wort Gottes, das den Menschen Licht bringt, ist der Ursprung der Geschichten. Johannes erzählt auch noch einmal von diesem Anfang: „Am Anfang war das Wort … In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen und das Licht scheint in die Finsternis. Und die Finsternis hat's nicht ergriffen.“ (Johannes 1, 4-5) Das Wort, das wie Licht in unser Leben scheint, wie ein Name in die Anonymität, wie eine Erkenntnis in die Unwissenheit, steht am Anfang unserer Geschichte. Was aber ist dieses Wort – was kann es sein?

Dem Wort entgegnen: die Berufung annehmen

Taten sind besser als Worte, aber: Worte motivieren uns zu Taten… Worte sind der Grund, weshalb Geschichten existieren. Worte sind Grundlage menschlichen Zusammenlebens. Wo Sprachlosigkeit herrscht, wird Krieg kommen. Worte sind eben nicht nur Schall und Rauch. Wir reagieren auf Worte – und ganz besonders auf das eine Wort, auf unseren eigenen Namen. Der Name, der am Anfang unseres Lebens steht.

Gott hat mir den Namen Mensch gegeben, meine Eltern haben sich für Felix Sebastian entschieden und ich hab mich dafür entschieden Christ zu sein – auf den Namen Christi getauft zu sein. Diese drei Namen lassen mich aufmerken – sie sind ein dreifaches „Ja“: „Mensch“ ist das „Ja“ Gottes zu mir, „Felix Sebastian“ ist das „Ja“ meiner Eltern zu mir, und „Christ“ ist mein „Ja“ zu Christus.

Menschsein!

Menschsein – Gott beruft: Sei Mensch! Und Jesus fordet uns  auf: „Ihr müsst werden wie die Kinder um ins Himmelreich zu kommen.“ Nicht dass wir wieder Kinder werden – sondern dass wir Menschen werden, wie Kinder es sind: Kinder sind authentisch. Kinder sind ehrlich. Sie zeigen ihre Sehnsüchte. Kinder sind menschlich. Kinder, die anfangen sich zu reflektieren, die anfangen ein großes Ziel vor Augen zu haben und sich motivieren können, dieses ferne Ziel erreichen zu wollen, Kinder, die ihre Triebe überwinden können, die aber trotzdem darum wissen, nicht alles kontrollieren zu müssen und zu können – diese Kinder sind reif und weise geworden. Kinder, die anfangen ihre Vergangenheit zu verachten, die ihre Gefühle zurückdrängen und meinen für alles Verantwortung zu haben, sind alt geworden – alt ohne weise zu werden.

Ich sein!

Ich sein - „Basti“ sein. Nicht Dietrich Bonhoeffer, nicht Dominik Klenk, nicht Michael Ende, nicht Christopher McCandless… Ich sein. Dietrich Bonhoeffer schrieb einmal: Man kann erst in der „vollen Diesseitigkeit des Lebens Glauben lernen. Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen…“ Ich soll nicht werden wie... Bonhoeffer, Klenk, Ende, McCandless… Aber ich kann mich von diesen Personen in eine Richtung lenken lassen. Von den Personen, die mich faszinieren, von denen mich Teile ihrer Geschichte inspirieren. In diesem Jahr hatten wir die Möglichkeit solche Personen kennen zu lernen, Geschichten zu hören, die uns inspirierten, uns Fragen zu stellen, die man sich am Anfang der Freiheit stellt. Am Anfang der Freiheit haben wir einen Haufen Kraft, die wir irgenwie ablassen werden: Entweder man ist ein Sprengstoff, der in alle Himmelsrichtungen zersplittert, aber im Großen und Ganzen recht wirkungslos verpufft, oder man ist eine Rakete, die Kraftvoll in eine Richtung auf ein Ziel hinsteuert und dieses Ziel erreichen kann: Und um diese Richtung geht es beim „Ich sein“. Es geht um Antworten finden auf  Fragen: Für wen oder was lebe ich? Welche Geschichte will ich schreiben. Will ich einen Action-Film oder eine Lovestory, einen Thriller oder eine Komödie? Tragödie, Krimi, oder Abenteuer? Welche Geschichte will ich schreiben? Wovon will ich erzählen?

Gott beruft mich dazu etwas ganz großes, ganz einzigartiges zu machen: Geschichte zu schreiben. Ich schreibe eine von Milliarden von Geschichten… Was ist schon eine von Milliarden? Was unterscheidet das Sandkorn, das ich bin, von dem Rest in dieser Wüste der Geschichten? Wenn ich Geschichte schreiben will, dann muss ich in Konkurrenz mit all den Geschichten treten, die es gibt und geben wird. Die Chance, dass ich mit meinem Leben die beste Geschichte der Welt schreibe ist 1:100Milliarden – relativ gering.

Ich werde nie Historymaker – ich mische zwar mit – aber wirklich was verändern werde ich nicht. Nicht wenn ich alleine mit meiner Geschichte in Konkurrenz zu den anderen trete. Wer seine Geschichte aber in Konkurrenz setzt, der wird verbittert feststellen, dass er niemals imstande ist, die beste Geschichte zu schreiben. Also stagnieren viele und richten sich in einem Lügenkonstrukt aus Ohnmacht und Verdrängung ein – man macht, was man eben so macht, und spaltet sich so weiter vom wahren Leben ab. „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden.“ (Lukas 18, 14) Wer nur für sich selbst Geschichte schreiben wird, wird in keine Geschichte eingehen – der wird als Sandkorn in der Wüste untergehen, als Akte im Rathaus einstauben.

Man kann sich ja damit trösten: Früher oder später wird jede Geschichte vergessen sein, früher oder später stürzt jede Brücke ein, früher oder später wird auch dieses Schloss eine Ruine sein – also, warum arbeite ich noch? Es gibt die eine große Gewissheit, die einen da noch motivieren kann: Früher oder später wird es sich bewahrheiten: „Himmel und Erde werden vergehen – Gottes Worte aber werden nicht vergehen.“ Geschichten werden irgendwann nicht mehr erzählt werden, auch das Internet wird irgendwann hinüber sein. Aber das Wort Gottes, die Geschichte die Gott in Jesus Christus vollenden will, wird bis in alle Ewigkeit bleiben. Und für diese Geschichte arbeiten wir auf der Bauwoche. Wir profitieren nicht mehr von dem was gebaut wird. Wir arbeiten für etwas, das größer ist, als Schloss Reichenberg, größer als das Erfahrungsfeld, größer als Teil einer Geschichte werden – wir arbeiten für das Reich Gottes – für das Wort Gottes – für die Geschichte Gottes. Wenn ich ein Mensch bin, der authentisch wie ein Kind ist, wenn ich ich selbst bin, zu dem stehe was ich bin, habe und kann, dann kann ich auf Gottes „Ja“ antworten:

Christ sein!

Und meine Konsequenz ist der dritte Name: „Ja, ich will Christ sein!“ Ja, ich bin dazu bereit, meine eigene Geschichte unterzuordnen – demütig zu werden: „Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lukas 18, 14) Als Christ betrachte ich das Evangelium als die wichtigste Geschichte meines Lebens. Ja, ich bin dazu bereit, dass eines Tages meine eigenen Werke vergessen sein werden, ich bin dazu bereit, nicht das letzte Wort haben zu müssen, sondern es Christus zu überlassen. Er ist der Anfang und das Ende, die Erlösung aus der Unendlichen Geschichte. Der, dem ich Raum geben will in meinem Leben, soll bis in alle Ewigkeit das letzte Wort haben.

Ich will, dass dieser Gottesdienst ein Neuanfang wird, der uns noch einmal auf die Antwort der Frage ausrichtet: Für wen will ich meine Geschichte schreiben? Für wen will ich leben? Wofür bin ich bereit mein Leben zu geben – zu sterben? Wozu bin ich berufen? Was ist das erste Wort in meinem Leben – und was soll das Letzte in meinem Leben sein?

Am Anfang war das Wort – und das Gute hat in alle Ewigkeit das letzte Wort.

Halleluja, Amen!

Stichworte: Predigt