Bindung - das fundamentale Bedürfnis

11. Juli 2011 // Die Grundlagen der Identität. Frauenfrühstück im Weschnitztal mit der Kinderärztin Dr. med. Christl Vonholdt

Abendvesper am 28. Juni 2011 

Auch im Leben des Individuums gelten die Gesetze der Schwerkraft: Anhand von Holzbausteinen veranschaulicht die Kinderärztin Christl R. Vonholdt (OJC), wie bereits im Säuglingsalter die Fundamente von Identität und Beziehungsfähigkeit gelegt werden.

Geborgenheit, Gehaltensein
Die Geborgenheit schenkende Beziehung zu einer zugewandten Person - im optimalen Fall der Mutter - ist die Grundlage dafür, dass ein Kind lernt, sich als Person zu erfahren, seinen Körper und seine Emotionen zu spüren und zuzuordnen, um zunehmend in den authentischen Austausch mit anderen Menschen hineinzuwachsen. Nahrung, Wärme, Sicherheit und ein konstantes Gegenüber sind die elementarsten Bedürfnisse des Säuglings.

Dr. Christl R. Vonholdt ist als Referentin zum „Frauenfrühstück“ im Weschnitztal eingeladen. Über sechzig Frauen (und einige Männer) nehmen an der als Abendvesper einberufenen Runde im Haus Höfle auf der Juhöhe teil. Nach der „Grundlegung“ legt die Kinderärztin die nächste Lage von Bausteinen:
geschwisterliche Beziehungen, der eigene Platz in der Familie, die Einsicht, dass man Vater und Mutter hat, die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht, Kameraden, Artikulierung der eigenen Bedürfnisse, erste Freundschaften und Abgrenzungen.

Die Tragkraft kommt aus der Tiefe
Fehlen diese Bausteine oder haben diese ersten beiden Lagen keine Stabilität und Tragkraft, wird die Identität in der Pubertät, in der sich die Spannweite der kognitiven und emotionalen Erfahrungen erweitert und das eigene Ich stärker und kritischer reflektiert wird, nur schwer in Balance kommen. In dieser sensiblen Phase, wenn die Ablösung von Eltern und Familie ihren Anfang nimmt und sexuelle Gefühle und Begehren eine große Intensität bekommen, kann es passieren, dass die im Fundament bestehenden Lücken mit starken sexuellen "Gefühlen" aufgeschüttet werden. Der Eros muss dann leisten, wozu er gar nicht da ist: Geborgenheit geben, Bindungsgefühle wecken, das Gespür für das eigene Selbst und die eigene Geschlechtszugehörigkeit gewährleisten.

Identität und Sexualität brauchen ein Fundament
Anstatt eine erwachsene, mündige und selbstbestimmte Sexualität zu gestalten, verfängt sich der junge Mensch mit seinen ungestillten Urbedürfnissen in überfordernden, oft sogar missbräuchlichen sexuellen Beziehungen. Der Frust ist vorprogrammiert: diese Beziehungen werden ihm nicht geben können, was in der frühesten Phase seiner Persönlichkeitsentwicklung gefehlt hat: die verlässliche Bindung als Grundlage von Identität und Bindungsfähigkeit.

Mütter stärken, Familie unterstützen!
Gehalten sein, um einst selbst halten zu können - das ist das A und O von Identitätsbildung. Dieses Grundbedürfnis in den ersten Lebensmonaten kann niemand so kompetent und umfassend stillen wie die eigene Mutter. Daher, so das Plädoyer von Vonholdt, sollte eine fortschrittliche Gesellschaft nichts unversucht lassen, um Müttern die Betreuung ihrer eigenen Kinder zu ermöglichen, sie dabei zu unterstützen und diese unverzichtbare Arbeit auch wertzuschätzen: sozial, finanziell und existentiell. Nicht nur der Staat, auch Verwandtschaft, Nachbarschaft und Kommune sollten dieses Urbedürfnis, an dem sich Menschsein festmacht, im Auge haben. In der evangelischen Kommunität "Offensive Junger Christen", in der Vonholdt lebt und das „Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft“ (DIJG) leitet, gehört die Stärkung von Ehen und Familien zu erklärten Prioritäten.

Ein anregender Vortrag und eine gelungene Veranstaltung auf der Juhöhe. Das nächste Frauenfrühstück findet am Dienstag, den 25. Oktober zu der Frage statt: „Was ist schon sicher?“. Als Referentin ist Ruth Lötsch angekündigt. 

Stichworte: Tagung Sexualität