Mein Platz im Orchester

Wie Sarah Gemeinschaft erlebt hat und
warum jede Stimme zählt

Sarah verbrachte ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Quellhaus. Sie arbeitete im Garten und bei Familie Schneider. Nach 11 ereignisreichen Monaten in der OJC-Gemeinschaft zog sie Bilanz.

Als ich im Oktober 2003 in die OJC kam, war ich voller Erwartungen: Ich wollte ein Zuhause finden, in dem ich wirklich dazu­gehöre, wollte lernen, in Gemeinschaft mit ganz unterschiedlichen Menschen zu leben und eine Entscheidung für einen zukünftigen Beruf treffen. Kurz zuvor hatte ich mein Germanistikstudium abgebrochen. Außerdem hatte ich eine Umzugs-Odyssee durch vier Städte hinter mir, in denen ich immer wieder versucht hatte, Freunde und Ansehen zu finden und mich doch immer wieder als ­Außenseiter fühlte.

Tief im (Orchester)-Graben

In der OJC lebte ich mit drei Frauen in einer Wohngemeinschaft. Schnell merkte ich, daß auch hier nicht alles rosig war. Im Gegenteil, die ersten Monate ­waren eine harte Zeit für mich. Anscheinend hatten alle den Platz gefunden, der ihnen zugedacht war und strahlten eine Lebensfreude aus, von der ich nur träumen konnte. Nur ich war voller Selbstzweifel und fest davon überzeugt, daß ich für alle nur ­eine Belastung war. Wieder schien ich überhaupt nicht zu den andern und in die Gruppe zu passen. Ich beneidete sie um all das, was sie konnten und ich scheinbar nicht. Schon bald hatte ich mir selbst wieder den Stempel ­„Außenseiter“ aufgedrückt, und obwohl es mein größter Wunsch war, zu den anderen dazuzuge­hören, kapselte ich mich ab. Beim wöchentlichen „Austausch“ klinkte ich mich innerlich aus und ließ niemanden an dem teilhaben, was mich bedrückte: meine Unsicherheit, mein Wunsch nach Annahme und meine Unfähigkeit, mich selbst anzunehmen. Nach kurzer Zeit wollte ich am liebsten wieder alles hinschmeißen und gehen.

Die intensiven Gespräche mit einer OJC-Mitarbeiterin, die unsere Gruppe begleitete, haben mich durch diese schwierige Zeit getragen. Sie machte mir Mut, mich immer wieder neu in die Gruppe hineinzugeben und Vertrauen auszuprobieren. Ich habe sehr von ihren Lebens­erfahrungen profitiert.
Das Zusammenleben in ­unserer Frauen-WG wurde besser, als wir Dinge entdeckten, die uns gemeinsam Spaß machten: am Wochenende miteinander zu kochen, gemeinsam über den Flohmarkt zu bummeln und auch die gemeinsamen Arbeitseinsätze.

Allmählich begriff ich, daß mir Menschen jene Art von Liebe und Annahme, die ich so dringend brauchte, nicht geben konnten. Was mir fehlte, war ein ganz elementarer Zuspruch, der Grund, in den ich meine Lebenswurzeln ausstrecken und Halt finden konnte. Mir wurde klar, daß dazu nur Gott fähig ist. Aber zu der Zeit gab es für mich keinen Gott, von dem ich dieses grundlegende „Ja“ hätte annehmen können, denn ich hatte ihn schon lange aus meinem Leben verbannt. Erst langsam bekam ich wieder ­einen Draht zu ihm. Mein Bild von Gott wurde durch die geistlichen Impulse und Bibelgespräche weiter vervollständigt und dadurch, daß andere Freiwillige oder Mitarbeiter davon erzählten, was er in ihrem Leben bewirkt hatte.

Von Moll zu Dur

Bisher war Liebe für mich immer mit erbrachter Lei­stung verbunden. Daß ich nichts erreichen und leisten muß, um von Gott geliebt zu werden und dazugehören zu dürfen, sickert erst langsam in mein Denken und Glauben ein. Inzwischen habe ich gemerkt, wie gut es mir tut, im Alltag zu beten und mich mit jeder Kleinigkeit an Gott zu wenden.
Die eigentliche „Wende“ geschah auf völlig unvorhergesehene Weise: Ich gehörte zum „Quellhaus-Musikteam“, das abwechselnd mit anderen unsere Lobpreisabende, das „Sing&Study“, gestaltete. Ich spielte Geige, aber auch da traute ich mir erst gar nichts zu und zog mich zurück. Daraufhin nahm mich die Mitarbeiterin, die das Musikteam leitet, zur Seite und erzählte mir ein Gleichnis, das mir ­einen ganz neuen Blick auf mich selbst und auf Gott schenkte: Sie verglich die Gemeinschaft von Menschen mit einem Orchester. Jedes einzelne Instrument – ob leise oder laut, klein oder groß, rhythmisch oder melodiös – trägt zur Vollendung des von Gott komponierten Werkes bei. Keines darf fehlen, denn der Komponist hat alles genauestens im Voraus bedacht. Und selbst wenn z.B. der Gong nur ganz selten dran kommt, ist er sehr wichtig. Nur durch das Zusammenspiel bekommt die ganze Komposition Leben.
Vor allem die „Individualität“ der Instrumente begeisterte mich:
Keines wurde zur selben Zeit und auf dieselbe Art gebaut. Jedes wird anders gespielt. Und gerade diese Unterschiedlichkeit macht jede einzelne Stimme unentbehrlich. Dieses Bild hat mir sehr ­geholfen, zu mir selber stehen zu lernen.

Eine neue Partitur

Allmählich begann ich zu erkennen, was noch so in mir steckt. Das, was ich früher – im Vergleich mit anderen – als Schwäche wahrgenommen hatte, lernte ich jetzt als Stärke sehen, z.B. meine eher ruhige und zurückhaltende Art.
Das hatte auch Auswirkungen auf meinen Berufswunsch. Durch die Arbeit im Garten und vor allem durch den Arbeitseinsatz in Sankt Petersburg merkte ich, daß ich gern praktisch arbeite und Spaß am Gestalten habe. Darum habe ich gewagt, mich um einen Ausbildungsplatz zum Tischler zu bewerben. Es war eine große Bestätigung, schon auf meine erste (und einzige!) Bewerbung hin einen Ausbildungsplatz zu bekommen.
Jetzt bin ich bereits seit drei Monaten dabei und es gefällt mir sehr gut. Ich bin glücklich, daß ich im vergangenen Jahr einen wirklichen Neuanfang gewagt und meinen Platz gefunden habe.

Von

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