Wird Christus tausendmal zu Betlehem geborn ...

Wird Christus tausendmal zu Betlehem geborn ...

Eine weihnachtliche Bildbetrachtung

mit Ralph Pechmann

Der von Mathis Neidthard gen. Grünewald gemalte Isenheimer Altar war und ist ein großartiges Erzählbuch für Kranke und Hoffnungsarme, wie auch für Kluge und Glaubensstarke. In den fünf Jahren, die die Arbeit in ­Anspruch genommen hat, lebte der Künstler mit ­seinen Auftraggebern, den Mönchen des Antoniterklosters im Elsaß zusammen. Die intensiven Gespräche über geistliche und politische Fragen der Zeit sind in die Darstellungen eingeflossen.
1515 waren die Altar­tafeln fertig. Am Vorabend der ­Reformation überließ Grüne­wald den Isenheimern eine ungewöhnliche und anregende Predigt in Bildern, deren Botschaft noch in unsere Gegenwart hineinwirkt.

 
Wenn das Altargemälde zu Sonn- und Weihnachtstagen aufgeschla­gen wurde, kam die Tafel ­Maria mit dem Kinde in der Mitte, umrahmt von der Ankündigung des Engels Gabriel und der Auferstehung Christi zum Vorschein. Jungfrauengeburt und Auferstehung: ­beide Ereignisse sind ohne das Wirken des Heiligen Geistes undenkbar. Die Bedeutung des Kindes in der Krippe wiederum erhält ihre Tiefe erst durch die Zusammenschau mit Kreuzigung und Auferstehung des Messias.
Dem Weihnachtsgeschehen liegt eine tiefe Sehnsucht zugrunde: die Sehnsucht Gottes nach dem Menschen. Das Kind in Marias Arm – wie die ganze auf den Altar gemalte Erzählung in Bildern – lädt uns auf einen Weg ein. Ein Weg, auf dem unsere Sehnsucht eine Richtung bekommt. Nur wer auf diesem Weg unterwegs ist, kann an der Krippe verweilen. Walter Nigg beschreibt dies so: „Das echte Pilgertum ist nichts geringeres als das Suchen nach dem verlorenen Paradies, ein Verlust, mit dem sich die Seele nicht abfinden kann.“

Der Weg zum Kind

Die gestalterische Mitte des Bildes und das Zentrum der Botschaft ist Maria, die das zarte Kind auf zerschlissenen Windeltüchern in ihren Armen birgt. Ihr gilt unsere Aufmerksamkeit.
Vor uns sitzt eine Frau in königlicher Kleidung, die ­Gewänder, ganz in der Tradition der Marienbilder, blau und rot gehalten. Das offene Haar kennzeichnet sie jedoch als junge Frau aus dem Volk, dem Bauernstand – eine eher unübliche Art der Darstellung.
Diese Schlichtheit steht im Kontrast zur reichen Kleidung: nicht die Herkunft adelt sie, sondern Gottes Erwählung, die in der Kleidung zum Ausdruck kommt. Das rote Gewand ist innen mit Pelz ausgelegt, es drängt unter dem blauen, zurückgeschlagenen Umhang hervor, nimmt unseren Blick gefangen, schützt aber mit seinem herben Faltenwurf vor zu vertraulicher Nähe. Maria ist weltvergessen in die selige Betrachtung des Jungen ­versunken, der auf brüchig weißen Windeln sich ihr entgegenstreckt. (Das gleiche Tuch wird im Kreuzigungsbild als Lendenschurz den ­toten Mann am Kreuz kleiden.) Die Windel ist auch Hinweis auf die freiwillige Armut, in der Jesus sich unter uns bewegte (Phil 2,5ff).

Wenden wir uns dem inneren Gespräch von Mutter und Kind zu, das sich im Spiel der Hände und der Gesichter spiegelt. Je länger wir es betrachten, desto mehr sind wir eingeladen, selbst das Gespräch aufzunehmen.
In diesem Kind streckt Gott sich uns entgegen, meint uns ganz persönlich.
Maria ist in ihrer Haltung ganz Antwort: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast (Lk 1,38). Damit wird sie zum ­Inbegriff christlicher Existenz durch alle Zeiten, der empfangsbereiten Hinwendung zum Höchsten, der verborgen gegenwärtig ist.
Der Maler stellt die persönliche Begegnung und Beziehung mit Gott in den Mittelpunkt und nicht die distanzierte, gelehrte Betrachtung. Ähnliches kommt in den Worten des Angelus Silesius zum Ausdruck: „Wird Christus tausendmal zu Betlehem geborn, / Und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verlorn.“
Gott will nicht begriffen werden, er läßt sich auch nicht zum geistigen oder ­moralischen Besitz erklären, sondern möchte uns in lebendiger Beziehung begegnen: „Der Glaube Jesu Christi ist ein Glaube der persönlichen Beziehung zu Gott... Der Jünger Jesu ist nicht reich an Besitz, sondern an persönlicher Identität“, erinnert Oswald Chambers.

Wir tragen Christus nicht als Trophäe umher, sondern sind von seiner Identität gekennzeichnet. So gesehen ist Maria die erste Christophora, Christusträgerin. Sie war auf dieses Ereignis nicht vor­bereitet. Am Wunder ist sie ­jedoch insofern beteiligt, als sie dem unbedingten Ruf ­Gottes nicht ausweicht. Sie empfängt, was sie zutiefst ersehnt, aber auf eine Weise, die jenseits ihrer Erwartung liegt.

Auch die Christenheit der Postmoderne hat ein großes Repertoire an Vorstellungen darüber, wie sich Gott in der Gegenwart zu offenbaren hat. Und doch wirft sein Eintritt in unser Leben jede menschliche Erwartung über den Haufen. Marias Blick verrät freudige Überraschung: Was sie in den Händen hält und mit den ­Augen schaut, übertrifft ihre Vorstellungen.

Was halten wir in unseren Händen?
Worauf sind unsere Augen gerichtet?
Was begehrt unser Herz zu sehen?
Denn „was die Augen ­sehen, entscheiden nicht die Augen, sondern das Herz“, sagt Martin Buber.

Die Gemeinschaft der Beschenkten

Die Kirche Jesu Christi beginnt dort, wo sich empfangsbereite Menschen immer wieder neu beschenken lassen und – mit Maria – den Lobgesang über Gottes Verheißung auch für ihre Zeit anstimmen: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes (Lk 1,47).
Das innige Zwiegespräch Marias mit dem Kind malt uns vor Augen, wodurch Christus in uns wächst und wir in ihm wachsen: Es gibt ein Schauen, das zur An­betung leitet, und durch das Gebet strömt uns neues Leben aus Gottes Welt zu. Wer satt und selbstzufrieden ist, hat keinen Grund, sich zur Quelle des Lebens zu begeben. Wer sich aber, wie Maria, dem Handeln Gottes öffnet, wird umso mehr seine Nähe erfahren.
„Mein Herr und mein Gott, mich verlangt nach dir und wo du bist, da ist der Himmel. Du allein kannst Hunger und Durst meines Herzens stillen, denn du hast es geschaffen für niemand anderen, als für dich allein. Tritt du ein und regier‘ für immer.“ – beten wir mit dem Inder Sadhu Sundar Singh.
Im geduldigen, betenden Verlangen gehen die Erkenntnis der Wahrheit Gottes und die Entwicklung der eigenen Person Hand in Hand. Richten wir im Beten jedoch unseren Blick auf die persönliche Veränderung und machen das Gebet zum Mittel unserer Selbstverwirklichung, werden wir Gott, uns selbst und die anderen verfehlen. Marias Glaube ist kein Besitzanspruch, sondern vertrauende Beziehung: ihr Gesicht ist selbstvergessene Anbetung.
So gelangt die verborgene Seite geistlichen Lebens in Grünewalds Mariendarstellung zum Ausdruck.

Das Kreuz der Wirklichkeit

Am rechten Bildrand neben Maria gibt eine zerfallene Mauer den Blick frei auf eine Kirche im Hintergrund. Man nimmt an, daß es die von St. Hildegard gegründete Klo­sterkirche auf dem Ruppertsberg bei Bingen ist. Drei ­Rosen wachsen vor diesen Hintergrund in das Bild hinein: sie stehen für die geist­lichen Tugenden von Glaube, Liebe und Hoffnung, die vom Kind ausgehen und als Gaben Gottes unser Leben umgestalten. Sie erwachsen uns durch die Anbetung – wenn wir das Kind staunend betrachten, uns ihm in Freude und Hingabe anvertrauen. Diese Hingabe äußert sich in unserem Leben als hörbereite Nachfolge. Sie beginnt mit den Rosen der „ersten Liebe“ und wird zu ­einem Lebensweg.
Der Weg der Nachfolge ist die sichtbare Seite der Anbetung. Er führt uns zunächst zu einem Feigenbaum, der sich von links neben dem Vorhang ins Bild drängt. Gleich zu Beginn erinnert er an die Mahnung Jesu, daß religiöse ­Gesinnung allein noch keine Frucht hervorbringt (Lk 13,6f).  Unfruchtbar wird unser Leben, wenn wir die erste Liebe zwar erlebt haben, durch das Tor – gleich einer engen Pforte mit Kreuz – aber nicht hindurchgehen.

Die Pforte versinnbildlicht unseren Schritt auf die Menschen zu, in die Gesellschaft hinein, in die Gemeinschaft des Leibes Jesu. Wir können diesen Schritt nicht tun, ohne gleichzeitig unser „Kreuz der Wirklichkeit“ (Eugen Rosenstock-Huessy) anzunehmen.
Ohne dieses Leben unter den Menschen wird uns die erste Liebe wieder erkalten. Ohne diese erste Liebe vermag die Kirche Jesu Chri­sti allenfalls als Institution fortzubestehen, sie wird jedoch keine Erneuerung ihrer selbst erfahren, noch einen Wandel in der Welt anstoßen.
Nur durch erneuerte Menschen wird die Kirche erneuert. Die Erneuerung – das veranschaulicht die Komposition des Bildes – beginnt in der hingebungsvollen Anbetung und führt in die Wirklichkeit der Welt hinein. Das ist ­Grünewalds malerischer Beitrag zur Reformation.

Im Kontrast zur feierlichen, mit leuchtenden Tönen durchwirkten Jesusminne, die ­Marias Gesicht verklärt, ist die Straße in nüchternen braun-grünen Tönen gehalten: prosaisch und unvermeidlich ist der Weg durch die Welt.
Doch beides, mühevoller Alltag und von Gottes Gegenwart durchstrahltes Erkennen, sind im Leben miteinander verwoben: In der Welt, aber nicht von der Welt sein (Joh 17,15-18), das kennzeichnet die Sendung der Jüngerschaft.

Der geöffnete Himmel

Der Weg aus dem Garten durchs Tor in die Welt wird gleichzeitig zu einem anderen Geschehen in ein spannungsvolles Verhältnis gesetzt: Auf dem Bergrücken im Hintergrund, rechts von Marias ­geneigtem Haupt, sehen wir Schafe und Hirten. Was Maria schaut, das wird den Hirten eben angekündigt. Sie sind von den Ereignissen auf­gescheucht, die der geöffnete Himmel offenbart.
Die Gleich­zeitigkeit der Ereignisse wird hier malerisch gestaltet. Die Hirten, wie später die drei Jünger auf dem Berg der Verklärung, werden von der faszinierenden Welt Gottes überrascht und erschüttert. Wie Schatten der Erinnerung sind sie dargestellt.
Gebannt blicken sie zu den Gestalten des Himmels hinauf und gewinnen, je näher ihnen die Engel kommen, an farb­licher Prägnanz: sie werden in transparente Rot- und Blau­töne getaucht, in die Farben von Würde und Vollmacht ­gekleidet, von Gott verliehen.
Über der symbolreichen unteren Bildhälfte erstrahlt links oben in leuchtender Strenge Gottes Thron. Der feu­rige Schein, vom Kranz der Engel umgeben, bildet ein gestalterisches und bekräftigendes Gegengewicht zum irdischen Geschehen. Das ansprechende und wärmende Rot im ­Gewand Marias und der erhabene Goldglanz der göttlichen Sphäre kontrastieren und verstärken einander. Die Herrlichkeit Gottes überstrahlt das irdische Ereignis und durchbricht den bläulichen Himmel sichbarer Realität. Von diesem großartigen Erlebnis ­ermutigt, brechen die Hirten auf und suchen, was ihnen verheißen wurde. Sie sind – wie wir alle – Findende und Suchende zugleich. Mit den Hirten wird unser Auge zum Rosenstock der ersten Liebe hingeführt (Off 2,4; 1. Tim 5,12), oder – wenn die Liebe zu erkalten droht – erneut zur Quelle erfüllten Lebens verwiesen. Damit sind die Hirten die ersten Pilger, in denen die Hoffnung und die Freude über die Ankunft Gottes erwacht ist.
Die Einladung, sich auf den Weg zum Kind zu machen, gilt auch heute. Bei ihm wird unsere erste Liebe entzündet, und wir kehren als Beschenkte zu den Menschen zurück. Wenn wir dem Kind wieder Raum in unserem Leben geben, kann sein Geburtstag für uns die Rückkehr zur Quelle des Lebens werden. Durch das Kind werden wir, die wir das Paradies verloren haben, zu Erben des neu auf­scheinenden Gottesreichs. Das hi­storische Ereignis der Ankunft Jesu erfährt seine Vertiefung im geistlichen ­Geschehen, daß er kommen will, um bei uns Wohnung zu nehmen (Joh 14,23). So lädt uns der Liederdichter Paul Gerhard ein, mitzusingen:

Da ich noch nicht geboren war,da bist du mir geboren,und hast dich mir zu eigen gar,eh ich dich kannt, erkoren.Eh ich durch deine Hand gemacht,da hast du schon bei dir bedacht,wie du mein wolltest werden.(EG 37)

Von

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