"Wer wird denn hingehen und dir Frieden erwerben?" (Jeremia 15,5)

Begegnung mit Freunden diesseits und jenseits des Sicherheitszauns in Israel

Im Frühjahr 2003 besuchten uns 20 junge Menschen aus Israel, die durch Attentate im eigenen Land schwer verletzt worden waren. Eine "Auszeit vom Terror" wollten wir ihnen ermöglichen und damit ein Zeichen der Solidarität mit den Opfern der Gewalt setzen. (Vgl. SK 4/03) Die Begegnung wurde uns allen zum unvergeßlichen Erlebnis. Im August dieses Jahres kam durch die Vermittlung von Ilan Brunner, dem verantwortlichen Leiter des "Disraeli"-Projekts (engl.: Disabled Israelis) der Gegenbesuch in Israel zustande. Joachim Hammer, Koordinator der weltweiten Entwicklungsprojekte der OJC, begleitete mit seiner Frau Sieglinde die kleine Gruppe von sieben OJC-Jahresmannschaftlern durch das Heimatland "unserer Disraelis".

von Jochen Hammer und Írisz Sipos

Auf unserer Reise hatten wir das Vorrecht, mit zahlreichen Menschen zusammenzukommen, die in Israel leben, ihren Alltag dort meistern, in Verantwortung stehen und für das eintreten, was ihnen am Herzen liegt. Genauso wie Touristen oder Pilger, die nach Israel reisen, haben wir eine Vielzahl geographischer, archäologischer und religiöser Attraktionen im Gelobten Land gesehen, kamen aber mit unseren Freunden auch in abgelegene Straßen oder Landstriche. Längere Gespräche mit Einheimischen ergaben sich ganz selbstverständlich und die intensiven Begegnungen haben die Reise für uns zu einem besonderen Erlebnis werden lassen. Wir sind dankbar, weit mehr gesehen und gehört zu haben, als es in den Hochglanzkatalogen oder den Meldungen der Tagespresse über Israel zu lesen gibt.

Das Hauptanliegen der Fahrt war, einige unserer "Disraeli-Gäste" vom letzten Jahr in ihrer Heimat wiederzusehen und den begonnenen Dialog fortzusetzen, damit ein weiterer Besuch der "Disraelis" in Deutschland möglich wird. Zusammen mit Ilan Brunner bereiteten sie uns einen herzlichen Empfang und ein umfangreiches Programm quer durch das Land. Unser zweites Anliegen war der Besuch bei einigen OJC-Freunden, zum Beispiel dem palästinensischen Pfarrer Jadallah Shihadeh in Beit Jala. Er leitet die Abrahamsherberge, eine Begegnungs- und Versöhnungsstätte, zu deren Ausbau wir ihm wieder eine Spende aus der Weihnachtsaktion 2003 überreichen konnten.

Ein Alltag in der Bedrohung

Wir hatten viele Fragen. Uns interessierte, wie Israelis in einem Land leben, die ihnen schon in jungen Jahren Verzicht und Opfer abverlangt. Wie richten sie sich in einer Heimat ein, die man jeden Tag vor Terror schützen und deren Grenzen sie glauben, mit Waffengewalt sichern zu können? Wir wollten aber auch hören, wie palästinensische Christen in den Autonomiegebieten ihr Leben gestalten, in einer Heimat, deren nationale Selbstfindung so schwierig ist und immer wieder im Chaos von Gewalt unterzugehen droht. Wie gestalten unsere jüdischen, arabischen und christlichen Freunde ihren Alltag? Und schließlich: Wie leben sie vor und hinter dem Schutzzaun, der uns an die furchtbare deutsch deutsche Mauer erinnert, von dem es aber heißt, er verhindere 90 % der Attentate.

Avi Avitan (25), Medizinstudent in Jerusalem, hatte uns über den jüdischen Gemüsemarkt und durch das ultraorthodoxe Viertel Mea Shearim geführt, zum Weinfest ins Israelmuseum mitgenommen und zum Abendessen eingeladen, zu dem auch einige seiner Freunde kamen. Sie standen unseren bohrenden Fragen Rede und Antwort. Zu den Verfügungen der Regierung haben sie eine distanzierte Meinung, den Militärdienst betrachten sie aber als Pflicht, der man selbstverständlich nachkommt – im Gegensatz zu den ultraorthodoxen Juden –, um Land und Bevölkerung zu schützen.
Die Tage mit der 28jährigen Ziv Mor, einer anderen "Disraeli", führten uns vor Augen, daß die Geschichte des modernen israelischen Staates sich auch wie eine Folge kriegerischer Auseinandersetzungen lesen läßt. Mit ihrem Mann Nizan zeigte sie uns das Air Force Museum im Negev, dann den legendären Kibbuz Mordechai, der nur einige Minuten vom Gazastreifen entfernt ist. Sieglinde und ich waren für die Nacht in Nitzans Arbeitszimmer untergebracht, das zugleich Luftschutzraum ist. In Ashkelon hat jede Wohnung ihren eigenen Luftschutzraum... Es ist verblüffend, wie verwoben der Alltag der Menschen mit der militärischen Bedrohung ist. Es war uns ein kostbares Zeichen der Freundschaft, als Nizan uns zum Morgengebet in seine Synagoge einlud, wo wir als Christen gemeinsam mit Juden beten durften.

Isolation ist keine Lösung

Wieder eine andere Welt begegnete uns bei den Siedlern. Hier spürten wir eine angespannte Atmosphäre der Angst. Quedar im palästinensischen Gebiet, östlich von Jerusalem, ist wie jede Siedlung von Grenzposten bewacht. Wir durften das Gelände erst betreten, als uns unsere Gastgeber abholten: eine Familie mit 5 Kindern, die uns ein wunderbares Sabbatmahl ausrichtete. Der Familienvater hat seit einer Verletzung, die ihm eine dauerhafte Behinderung eingebracht hatte, keinen Arbeitsplatz mehr. Er ist trotz der finanziellen Not ehrenamtlich als Ersthelfer tätig und ist sozial sehr engagiert, verteilt Hilfsgüter aus der Schweiz an bedürftige Beduinenfamilien in der Umgebung.
Eine andere Siedlung, Ariel, liegt im Gebiet von Samaria. Die meisten hier sind religiöse Juden, denen von Seiten der eigenen Landsleute Unverständnis und von palästinensischer Seite Mißtrauen oder Haß entgegenschlägt. Eine Mutter von 13 Kindern versicherte uns: "Wir nehmen niemandem Ackerland weg, denn wir besiedeln nur brach liegendes Gelände." Zur Zeit kämpft sie vor israelischen Gerichten um ihr Bleiberecht. Das Hotel, in dem wir wohnten, wurde nach unserer Abfahrt mangels Gäste geschlossen. Kaum ein Tourist kommt dorthin, was wenig verwunderlich ist, weil schon allein das Passieren der Grenzen jeden Ausflug verkompliziert.

Auch die schöne, mit viel Engagement hergerichtete Hotel der Abrahamsherberge mit Jugendgästehaus und Begegnungsstätte auf der palästinensischen Seite ist durch den Zaun nun ziemlich von der Umgebung isoliert und für Gäste nicht mehr attraktiv. Das erschwert den engagierten Betreibern auch die Projektarbeit. Doch der evang.-luth. Pfarrer Shihadeh läßt sich nicht entmutigen. Begeistert erzählte er uns von dem gelungenen Unterfangen, ein Orchester mit jüdischen und arabischen Mitgliedern zu organisieren. Das Abschlußkonzert war ein großer Erfolg und ein deutliches Zeichen: Wenn wir aufeinander zugehen und miteinander etwas gestalten, entsteht ein harmonisches Ganzes, eine neue Wirklichkeit, die ausstrahlt und viele Menschen erreicht. Für die Spende aus der Weihnachtsaktion war Pfarrer Shihadeh sehr dankbar. Doch ebenso wichtig bleiben für ihn und seine Mitarbeiter unsere Ermutigung, die Solidarität und die Fürbitte, mit der wir sein Anliegen mittragen.

Versöhnung ist möglich

Alle diese Begegnungen – und die vielen anderen während unserer Reise durch das Land – haben uns tief angerührt. In ihrer Verschiedenartigkeit spiegeln sie das Kaleidoskop der israelischen Gesellschaft, die aus so vielen auseinanderstrebenden Teilen besteht, wider. Keine zwei Meinungen, die miteinander übereinstimmen, kein Lösungsmodell für brennende Fragen, das für einen Teil nicht unannehmbar wäre. Wie tief die Gräben auch innerhalb des jüdischen Spektrums verlaufen, ist uns während des Besuchs bei unserem langjährigen Freund Prof. Aron R. Bodenheimer deutlich geworden. Nach einem anregenden Gespräch über Religion, Zeitgeschichte und Politik fragte er nach unseren weiteren Reiseplänen. Als er hörte, daß wir nach Ariel fahren, war er sichtlich erschüttert: "Was?! Ins annektierte Palästinensergebiet? Es ist die größte Hypothek unserer gegenwärtigen Politik, daß wir diese Gebiete nicht längst zurückgegeben haben." Auf meine Frage, ob das gleiche für den Golan gelte, sagte er: "Das ist etwas anderes, da hat Israel ein Sicherheitsbedürfnis."

Wir bekamen eine Ahnung davon, wie kompliziert und aufreibend es sein muß, zwischen den Lagern und Fronten zu vermitteln.
Unsere Gastgeber im Jerusalemer Johanniterhospiz, das vom Marburger Christustreff betrieben wird, konnten ein Lied davon singen. In dem explosiven Gemisch der vielen Religionen, Konfessionen und unzähligen Ethnien wäre nach menschlichem Ermessen jede Friedensarbeit zum Scheitern verurteilt.
Können Wohlwollen und Bemühen etwas ausrichten?
Wenn es 60 Jahre nach Auschwitz möglich ist, daß Deutsche in Israel so freundschaftlich aufgenommen werden, dann – das ist meine Hoffnung – kann Gott auch zwischen Israelis und Arabern Verständigung und Frieden schenken. "Ich denke, wir dürfen nicht verallgemeinernd von 'den Israelis' und 'den Palästinensern' reden. Es sind nur wenige, die den Frieden stören und den Haß schüren", meinte David auf der Rückreise.
Der Zaun ist dicht, aber nicht undurchlässig, die Situation verfahren, aber nicht aussichtslos. Wir sind überzeugter denn je, dass alle unsere Freunde, die entlang der geistigen und realen Minenfelder für Versöhnung eintreten, viel Mut, Weisheit und Ausdauer brauchen. Unser Gebet wird sie auf diesem Weg zum Frieden begleiten.

Von

  • Írisz Sipos

    ist stellvertretende Chefredakteurin des Salzkorns und mitverantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der OJC-Kommunität.

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  • Joachim Hammer

    ev. Theologe, ehem. CVJM-Sekretär und OJC-Kommunitätsmitglied, leitete den Wiederaufbau des Schmittsbauernhofs im Ortskern, des heutigen Reichelsheimer Europäischen Jugendzentrums. Er war viele Jahre Schatzmeister der OJC und ist im Vorstand der ojcos-stiftung.

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