Zwischen Hütten und Palästen

Bericht vom OJC-Baucamp in St. Petersburg, Juli 2004

Birgit J.

Lange und intensiv hatten sich FSJ-ler und Mitarbeitern auf das „Rußland-Baucamp“ vorbereitet und sogar das Experiment des Russisch-Lernens gewagt. Dennoch wußten die meisten nicht so recht, was sie in dem fremden Land erwartet. Die freundliche Aufnahme, die herzliche Gastfreundschaft und die intensive Begegnung mit den russischen Gastgebern hat es aber allen leicht gemacht, sich bald in den arbeitsintensiven Alltag einzufinden. Sie kamen, um zu helfen und wurden dabei selbst reich beschenkt. 

Das gelbe, U-förmige Gebäude, in dem 20 ehemalige Straßenkinder im Alter zwischen 8 und 12 Jahren leben, machte auf mich sofort einen heimeligen Eindruck. Weil die Kinder im Sommerlager waren, konnten wir in ihren Zimmern wohnen, an ihren Tischen und von ihren Tellern essen. Die Küchenfrauen versorgten und bekochten uns liebevoll. Wir genossen die gute russische Küche und erweiterten unseren russischen Wortschatz mit „wkussno!“  ”Es hat mit gut geschmeckt!” Wem die Worte fehlten, der lächelte einfach und rieb sich den Bauch. Die Frauen strahlten. So entstand eine – zumeist wortlose – Herzlichkeit zwischen uns.

Das ist nicht zu schaffen...

Als wir am ersten Tag das Gelände rund um das Kinderheim besichtigten, konnte ich mir nicht vorstellen, wie wir die Arbeiten, die vor uns lagen, schaffen sollten. Ich sah nur Schutt, Müll, kniehohes Gras und Unkraut, riesige Unebenheiten im Boden, kleine Bäume kreuz und quer. In mehrere Gruppen eingeteilt legten wir los. Einige waren für Erdarbeiten zuständig, andere für Schreineraufgaben und die nächste Gruppe für Sonderaufgaben wie Wäscheplatz und Zaun. Alle Gruppen waren russisch-deutsch gemischt und wurden von einem erfahrenen Mitarbeiter angeleitet. Wir sichelten Gras, lasen Müll auf, sägten kleine Bäume ab und besserten den Zaun aus. Bereits nach wenigen Stunden sah das Gelände wesentlich ansehnlicher aus. Doch ein nächster Schock erwartete uns am folgenden Tag: Mitten im Gelände sollte eine Erdstufe mit einer Steinmauer von etwa einem halben Meter Höhe entstehen. Das hieß für die „Gärtner“ unter uns: schaufeln, schaufeln, schaufeln. Die Erde war voller Steine und ließ sich nur mühsam bewegen. Da war ich froh, daß ich schreinern durfte. Hubert, unser Arbeitsanleiter, Schreiner und OJC-Ehemaliger, erklärte mir mit viel Geduld und Nachsicht alle Handgriffe. Ich lernte, mit einem Stemmeisen umzugehen und Holz so zu bearbeiten, daß daraus schließlich die Schwebebalken zusammengesteckt werden konnten.

... doch nach zwei Wochen war alles fertig!

Tag für Tag stießen weitere russische Teilnehmer zu uns. Schnell wurden wir auch mit ihnen vertraut, denn sie sprachen perfekt Deutsch. Anfangs tauschten wir noch die üblichen Kennenlern-Fragen aus: „Woher kommst du?“, „Was studierst du?“, „Woher kennst du Eleonora Muschnikova?“ Doch bald wurden die Gespräche lockerer. Wir lachten viel miteinander. Manchmal waren wir aber auch einfach schweigend in die gemeinsame Arbeit versunken. Wie alte Freunde. Es war wunderbar.

Der schönste Augenblick kam für mich, als wir an einem Tag fast alle Spielgeräte in die vorher gebuddelten Erdlöcher einlassen konnten: es schien, als sei plötzlich ein ganzer Spielplatz entstanden. Ich war mächtig stolz! Fertig waren wir allerdings noch lange nicht, es standen ja „erst“ die Gerüste. Aber jetzt arbeiteten wir noch motivierter. Es ging tatsächlich voran. Mich spornte es auch an, wenn Eleonora Muschnikova, die Gründerin dieses Heimes, mit strahlenden Augen den Spielplatz für „ihre“ Kinder bestaunte.

Nach 2 Wochen hatten wir es geschafft: Ein Spielplatz mit Schaukel, Hangelgerüst, Spielhütte und vier Schwebebalken, ein Lagerfeuerplatz mit Sitzbänken, Sandkasten, Volleyballfeld und Fußballtore waren durch unsere Hände entstanden. Außerdem der Wäschetrockenplatz und ein Gemüsebeet.

Andere Länder, andere Sitten

Nicht nur beim Arbeiten, auch durch das Beten lernten wir uns besser kennen: Das Mittagsgebet z.B., in dem wir unseren Dank und unsere Fürbitten vor Gott brachten, war uns Deutschen von der OJC her vertraut. Doch für die Russen war es ganz neu, so ungezwungen, frei und laut miteinander zu beten. Eine sagte: „Als orthodoxe Russin bete ich still. Ihr Deutschen seid in eurer Kultur völlig anders. Ihr könnt im Gebet eure Bitten aussprechen und die Augen schließen. Wir haben die Augen offen und schweigen beim Beten. Aber ich fand es gut und wollte versuchen, so zu beten wie ihr. Und ich konnte mich überwinden.“

Jeden Morgen nach dem Frühstück starteten wir mit einem „Keks für den Tag“, einer kurzen Andacht, in der Mitarbeiter und Freiwillige etwas von dem teilten, was sie mit Gott erlebt hatten und was es ihnen bedeutet.

Kulturell und historisch haben wir auch viel mitnehmen dürfen. Die Ausflüge nach St. Petersburg und Nowgorod, einer alten, traditionellen russischen Stadt, haben mir einen kleinen Einblick in die fremde Kultur ermöglicht. Was für Gegensätze in diesem gewaltigen Land aufeinandertreffen, das erahnte ich erst beim Blick aus dem Bus: Wir sahen heruntergekommene Häuser, Bruchbuden und Luxusvillen, die oft direkt nebeneinander stehen. Ich fand es schwierig, die krassen Unterschiede auszuhalten: Der Prunk in der Eremitage, der mich fast erschlug, und dann die ärmlichen Verhältnisse in einem Kinderheim mitten in St. Petersburg, das wir danach besucht haben. Da hat es mir viel bedeutet, daß ich durch meine Mithilfe am Bau des Spielplatzes Not ganz praktisch lindern konnte.

Ein besonderes Highlight aber war für mich, für uns alle, die Einladung zum Abendessen in eine russische Familie. Die Gastfreundschaft, die wir erlebten, war unbeschreiblich herzlich, dabei lebten sie in z.T. sehr bescheidenen Verhältnissen.

Als wir nach zwei ereignisreichen Wochen wieder nach Hause fuhren, nahm ich von viele neuen Freunden in Rußland Abschied und war randvoll mit neuen, prägenden Eindrücken, die ich sicher nicht vergessen werde.

Von

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