Das Bild des Menschen zurückgewinnen

Wie junge Menschen verschiedener Kulturen in Camp-Begegnungen ihren Weg zur eigenen Identität und in eine weltumspannende Geschwisterschaft finden

von Dominik Klenk

Babel hat Wirkung gezeigt. Eindrücklich erzählt die Bibel vom Versuch der Nachfahren Noahs, sich mit einem riesigen Bauwerk in den Himmel zu heben, um Gott gleich zu sein (1. Mose 11). Gott hat diesen Versuch jäh unterbunden. Er verwirrte die Sprache der Menschen und zerstreute sie in alle Länder. Wie tief dieser Eingriff war, wird erst dann klar, wenn wir gewahr werden, daß bis dahin „alle Welt ­einerlei Zunge und Sprache hatte“ (1. Mose 11,1).

Seit damals ist das Einander-fremd-Sein eine Art dauerhaft spürbare Hintergrundstrahlung menschlichen Lebens geworden. Wo Fremde aufeinander trafen, lag Spannung in der Luft: man hat einander mißtrauisch beäugt, beraubt und den Krieg erklärt. Es ist nicht selbstverständlich, daß Frieden und Friedensschluß zwischen Fremden möglich sind, denn es hat immer mit dem Verstehenwollen und Verstehenkönnen des anderen zu tun, d.h. mit der Bereitschaft, über das eigene beschränkte Denken und Handeln hinauszugehen.

Ruinen des Herzens

Heute, 60 Jahre nach dem Ende des II. Weltkriegs und vieler anderer schmerzhafter Kriegswirren des vergangenen Jahrhunderts, stellt sich verstärkt und interkontinental erweitert die noch unbeantwortete Frage des deutschen Widerstandskämpfers Helmuth James von Moltke (1907-1945): „Europa ist weniger eine Frage von Grenzen und Soldaten, von komplizierten Organisationen und großen Plänen. Europa nach dem Krieg ist die Frage: Wie kann das Bild des Menschen in den Herzen unserer Mitbürger wieder aufgebaut werden?“ Mag der Euro, was Europa angeht, die Kulturen auf einer monetären Ebene enger zusammenziehen, die Schicksalsfrage befriedeten Zusammenlebens wird jedoch dort entschieden, wo wir einander als Mitmenschen und Mitbürger einer Menschheit erkennen können.
Die technischen Errungenschaften, das Internet  und die Entstehung der globalen Märkte haben die Menschen verschiedener Kulturen enger zueinander rücken lassen. Auch die gewaltigen Migra­tionsbewegungen aufgrund von Hunger, Hoffnung auf ein besseres Leben, Kriegen oder Naturkatastrophen bringen uns mehr und mehr in Berührung mit dem Fremden, mit Menschen anderer Kultur, Sprache, Religion und Herkunft. Die neue Herausforderung liegt darum auf der Hand: Die Überschreitung von Grenzen zwischen Menschen verschiedener Herkunft und Kultur im 21. Jahrhundert und in besonderer Weise die Bereitschaft, sich dem Fremden zu öffnen, ohne dabei den Kern der eigenen kulturellen  Identität aufzugeben.
Im christlichen Menschenbild konstituiert Beziehung das Menschsein des Menschen.

Identität und dialogische Existenz

Der Mensch ist kein Wesen aus sich selbst. Er ist von allen Lebewesen am meisten auf seine Artgenossen angewiesen. Die lange Zeit der Schwangerschaft, vor allem aber auch die lange Kindheitsphase sind sichtbare Indizien dafür. Von der ersten Lebensstunde an sind wir hochgradig beziehungsabhängig und unserem ganzen Wesen nach auf Dialog angelegt. Der physischen Geburt des Menschen folgt die soziale, die durch Ansprache, Zuwendung, Bejahung und soziale Integration geschieht.
Ein Kind braucht über Jahre das Angesprochenwerden bei seinem Namen, um irgendwann diesen Namen als Teil seiner eigenen Identität anzunehmen. Wir können sagen: Damit ein Mensch „Ich“ sagen lernt, muß er tausendmal von einem „Du“ angesprochen werden. Was in den ersten Lebensjahren elementar ist, bleibt unser ganzes Leben lang ein Bedürfnis: das Angesprochenwerden und das Antwortenkönnen, um unseren Platz zu finden und verändern zu können.
Das Grundbedürfnis nach Kommunikation und Beziehung macht deutlich, daß Menschsein von Beginn an ein gemeinschaftliches Projekt ist und nicht alleine gelingen kann. Damit Identität, Selbstbewußtsein und Würde weiter wachsen können und erhalten bleiben, ist das Angewiesensein auf das lebendige Gespräch ein lebenslanges Grundbedürfnis menschlicher Entwicklung. „Das Ich wird am Du“, faßt der jüdische Erzieher Martin Buber unsere Grundsituation zusammen.

Zerbrechliche Koexistenz

Die Tatsache, daß wir alle dialogische Wesen sind,  macht bewußt, in welche Art Koexistenz Menschsein und Menschwerdung von Anfang an eingewoben ist. Solche Koexistenz heißt aber, daß die Schwächung des anderen – je nach Beziehungsnähe – immer auch Schwächung der eigenen Person bedeutet. Das Wissen um die eigene dialogische Existenz beinhaltet gleichzeitig das Wissen um die Zerbrechlichkeit des gemeinsamen Seins. Die Frage des Ich-Seins und Wir-Werdens bleibt darum eine grundsätzliche, die allerdings nie ein für allemal gesichert, sondern immer wieder nur riskiert und empfangen werden kann. Im Gespräch, in der Begegnung, im „Zwischenraum“ von Ich und Du, von Sprechendem und Hörendem ereignet sich Menschsein und Gemeinschaft.
In Bezug auf Gruppenprozesse und Gruppenidentität folgt dem Prozeß der Ich-Werdung ein nächster Schritt zur Wir-Werdung. Durch gemeinsame Regeln, Handlungsaufträge und Erfahrungen kann aus einer Anzahl von „Ichen“ ein temporäres „Wir“ entstehen. Erst die Wir-Werdung von Menschen über Generationen hinweg schafft die Möglichkeit einer gemeinsamen Kultur.
Vor allem das dialogische Moment in der Begegnung ist in der Lage, die „soziale Pla­stik“ geöffneter Gemeinschaft lebendig und elastisch zu halten. Es gilt, die Gefahr zu überwinden, in der bequemen Starrheit von festen Bildern und Stereotypen übereinander zu verharren und Fremdheit oder sogar Feindbilder zu zementieren.

Die Vision des Baucamps

Über Jahre hinweg hat die Frage der Wir-Werdung unsere Gemeinschaft beschäftigt – nach innen wie auch nach außen in der Projektarbeit. Beschleunigt und konkretisiert wurde dieses Anliegen durch die geschichtlichen Ereignisse in Deutschland: Als wir 1991 mit dem Umbau des baufälligen Schmittsbauernhofes im Ortskern von Reichelsheim zum Reichelsheimer Europäischen Jugendzentrum (REZ) begannen, war gerade die Mauer gefallen. Der Machtblock des Ostens löste sich auf und zwang den Westen zur Neu­orientierung. Europa reichte wieder bis an den Ural. Angesichts dieser großen Umbrüche entstand unter uns die Vision einer Jugendbegegnungsstätte in Reichels­heim: das viel beschworene „europäische Haus“ sollte im Kleinen Gestalt annehmen und gleichzeitig Jugendliche in ihrer eigenen Wegfindung weiterbringen. Es lag uns daran, den Blick auf neue Horizonte – über nationale Grenzen hinweg – zu öffnen. Ganz gewiß waren wir, daß eine gemeinsame Währung zwar ein probates grenzüberschreitendes Zahlungsmittel sein könne, keinesfalls aber ausreichend Integrationskraft für eine gemeinsame Zukunft einander kulturell fremder Menschen besitzt.
Wir sind überzeugt, daß dieses tiefere innere Verstehen des Fremden nur durch persönliche Begegnungen und gemeinsame Erfahrungen geschaffen werden kann. Darum laden wir seit 1993 jeden Sommer junge Menschen zu internationalen Baucamps ein. Gemeinsam mit unseren „Freiwilligen“ (FSJler) legten mehr als 350 Jugendliche aus 20 Ländern in den vergangenen Jahren mit Hand bei uns an und lernten außer handwerklichem Know-how auch Eigenart und Sprache anderer Kulturen und Völker kennen. Ergänzend dazu richten wir einmal im Jahr ein internationales Baucamp bei befreundeten Partnerwerken in Europa (z. B. in Mazedonien, Kroatien, St. Petersburg) aus.
Begegnung mit dem Fremden – so unsere Erfahrung –kann dann am fruchtbarsten werden, wenn sie einerseits möglichst früh einsetzt, andererseits der Ausbildung der eigenen kulturellen Identität Rechnung trägt. Es liegt daher eine besondere Chance darin, mit jungen Leuten grenzüberschreitende Erfahrungen interkulturellen Lernens zu machen. Das positive Reizklima eines mehrwöchigen Baucamps, in dem Menschen derselben Altersgruppe (16-26 Jahre) aus verschiedenen Nationen, Konfessionen und Sprachen gemeinsam an einem Projekt arbeiten, hat sich als fruchtbarer Wachstumsboden interkulturellen Lernens erwiesen.

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

    Alle Artikel von Dominik Klenk

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