Den Fremden die Hände reichen

Wer sich nach außen öffnet, muß bei sich daheim sein

Jean Vanier

Jean Vanier 1928 geboren und ist in England und Kanada aufgewachsen. Nach einer Ausbildung bei der Marine studierte er Philosophie und begann eine vielversprechende wissenschaftliche Laufbahn an der Universität von Toronto. 1964 gab er seine Professur jedoch auf und gründete er die "Arche", ein heute weltweit gespanntes Netz von inzwischen über 200 christlichen Gemeinschaften, in denen das Zusammenleben mit geistig Behinderten verwirklicht wird. Sein Radiovortrag über "Dazugehören", die Sehnsucht aller Menschen nach Zugehörigkeit und Freiheit zugleich, ist in dem Buch Einfach Mensch sein. Wege zum erfüllten Leben (Herder Verlag 2001) erschienen. In den hier ausgewählten Passagen geht es Vanier um die Frage, wie eine Gemeinschaft seinen Mitgliedern Identität zusprechen kann, indem sie nach außen – zu anderen Gruppen, Kirchen, Nationen – durchlässig und dialogbereit bleibt.

Jeder von uns will auch irgendwo dazugehören, nicht nur zu einem einzigen Menschen, sondern zu einer Familie, einer Gruppe, einer Kultur.

Dazugehören ist für unser Wachstum hin auf Unabhängigsein von Bedeutung. Darüber hinaus ist es auch für unser Wachsen an innerer Freiheit und Reife von hohem Wert. Nur durch ein Dazugehören können wir den Panzer des Individualismus, des Kreisens um sich selbst, durchbrechen, der uns zwar schürzen kann, aber zugleich auch isoliert.

Dazugehören

Der Drang des Menschen nach Dazugehören hat allerdings auch seine Tücken. In unserem Herzen gibt es das angeborene Bedürfnis, uns mit einer Gruppe zu identifizieren, weil wir durch sie geschützt und sicher sein wollen. Wir möchten in ihr unsere Identität entdecken und bestätigt finden. Die Gruppe soll unseren Wert und unser Gutsein anerkennen, ja uns spüren lassen, daß wir besser sind als andere. Meiner Überzeugung nach stehen nicht Religion oder Kultur am Ursprung menschlicher Konflikte, sondern die Art und Weise, wie Gruppen Religion oder Kultur dazu benutzen, einander gegenseitig zu beherrschen und anzufeinden. Ich füge sofort hinzu: Stünden Religion und Kultur den Menschen nicht sozusagen als Knüppel zur Verfügung, um andere zu prügeln, würden sie etwas anderes dazu verwenden.

Worin genau besteht das Bedürfnis nach Dazugehören? Ist es nur eine Art und Weise, mit seiner persönlichen Unsicherheit umzugehen und an dem Identitätsgefühl teilzuhaben, das eine Gruppe bietet? Oder ist ein wichtiger Bestandteil des Weges jedes Menschen auf Freiheit hin? Hat das Erleben dazuzugehören eine ähnliche Aufgabe wie der nährende Untergrund zu sein, auf dem Pflanzen und Bäume wachsen und ihre Blüten und Früchte mit allen teilen können?

Eine Gruppe ist der spürbare Boden des Dazugehörigkeitserlebens. Jedoch kann sich eine Gruppe auch in sich selbst abkapseln und signalisieren, sie sei anderen überlegen. Ich sehe es jedoch so, daß jedes Dazugehören den Kern einer elementaren Entdeckung ausmachen sollte: daß wir alle einer gemeinsamen Menschheit, einer großen Menschengemeinschaft angehören. Das heißt: Wir mögen in einer ganz bestimmten Familie und Kultur verwurzelt sein, aber wir kommen auf diese Erde, um uns für andere zu öffnen, ihnen zu dienen und die Gaben entgegenzunehmen, die sie uns und zugleich der gesamten Menschheit zu bieten haben.

Das Dazugehören in einer pluralistischen Gesellschaft

Wo liegt das notwendige Bewußtsein eines Dazugehörens zu größeren, umfassenderen Lebenseinheiten verborgen? Und wie kann man die Zwangsjacke einer Zugehörigkeit zu nur einer Gruppe abstreifen? Ich glaube, es fängt damit an, daß man mit anderen Menschen in Kontakt kommt, Freundschaften schließt und einander zuhört.

Jeden von uns rührt es besonders an, wenn er von jemandem aus einer anderen Kultur freundlich behandelt wird, Es ist als ob einem ein Fremder sein inneres Leid, seine Sorgen oder seine Schwierigkeiten offenbart. Wahrscheinlich spuren wir in solchen Augenblicken viel deutlicher als sonst, daß wir miteinander in einem gemeinsamen Menschsein verbunden und Freunde sind. Zwischen Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Kultur wachsen Freundschaften, wenn sie sich mit dem Herzen begegnen und nicht, weil sie ein gemeinsames Erbe teilen. Solche Freundschaften gedeihen in dem Bewußtsein, gemeinsam zur größten aller Gruppen zu gehören: zur Menschenfamilie insgesamt.

Doch gerade manche religiös eingestellten Menschen betrachten pluralistische Gesellschaften, in denen Menschen unterschiedlicher kultureller und religiöser Herkunft leben, als gefährlich. Sie sind der Meinung, in einer solchen Gesellschaft seien religiöse Werte nicht aufrechtzuerhalten.

Sie übersehen, daß es ein Wert in sich ist, wenn Menschen anfangen, sich als Mitglieder der Menschheitsfamilie und nicht nur als Gruppenmitglieder zu sehen, Wenn man entdeckt, daß die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe auch Illusionen und Mutmaßungen der eigenen Überlegenheit nährt, kann die Herzensbereitschaft erwachen, nach und nach Vorurteile anderen Gruppen gegenüber abzubauen.

Dort, wo eine Religion die eigene Gruppe nach außen hin abkapselt, stellt sie die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe, deren Erfolg und Wachstum über das Prinzip der Liebe und dem Mut, sich verletzbar zu zeigen. Dadurch aber werden die Kraft und die Offenheit der Herzen unterbewertet. Wo dies geschieht, verkommt Religion allzu leicht zur Ideologie, zu einer Reihe von erstarrten Vorstellungen, die man sich selbst und dann auch anderen aufdrängt, was zur Folge hat, daß man sich hinter überflüssigen Mauern verschanzt.

Das Herz ist nie „erfolgsorientiert", d.h., es sucht nicht Macht, Ehren, Privilegien oder Erfolge; es sucht die persönliche Beziehung zum anderen, die Kommunikation von Herz zu Herz, das Hin und Her der Liebe. Diese Offenheit des Herzens bringt allerdings auch eine Verletzlichkeit mit sich; man legt seine Wünsche und Schwächen offen. Das Herz gibt und empfängt, wobei es vor allem zu geben geneigt ist. Das Herz reicht hinaus zu jenen, die vor Schwäche und Bedürfnis nach Verständnis und Liebe weinen. Das menschliche Herz und sein Bedürfnis nach Zusammensein sind die Kräfte, die die Mauern von Ideologie und Vorurteilen niederreißen. Sie führen uns vom Verschlossensein zum Offensein, von der Illusion der Überlegenheit zu Verletzlichkeit, Bescheidenheit und Liebe. Dann werden wir die Sicherheit nicht mehr in der Gruppe suchen, sondern im eigenen Herzen, das eine neue innere Stärke gefunden und echte Reife erlangt hat.

Geschlossene und offene Gruppen

 Zuweilen kann das erklärte Programm der Gemeinschaft persönliche Beziehungen ersticken. Die Einzelnen begegnen sich hier nicht mehr von Person zu Person, sondern treffen sich nur mehr als Mitglieder der gleichen Gruppe, die von gleichen ideellen Zielen motiviert sind. Tatsächlich verstecken sich manche Menschen hinter den Zielen und Aktionen einer Gruppe, weil sie persönlichen Beziehungen aus dem Weg gehen wollen. Sie sehen in den anderen nur Gruppenmitglieder, die ihre Ziele und Ideale teilen, sie gehen aber nicht wirklich persönlich auf sie ein.

In der „Arche" haben wir erfahren, wie kompliziert dieses Thema sein kann. Zu Anfang unseres Gemeinschaftslebens gaben wir uns alle Mühe, die Bande aller Mitglieder untereinander zu stärken. Dazu veranstalteten wir zum Beispiel gemeinschaftliche Treffen und Feiern, Gottesdienste, gemeinsame Gebets- und Freizeiten, und wie selbstverständlich gehen wir auf jeden Einzelnen sehr aufmerksam ein. Die Intensität eines Gemeinschaftslebens vermag den Beteiligten eine stabile Struktur zu geben und ihnen zu helfen, die nötige intellektuelle und spirituelle Nahrung zu finden und in Sicherheit zu leben.

Andererseits kann sich die Gefahr einschleichen, daß ein derart intensives Gemeinschaftsleben die Gemeinschaft von ihren Nachbarn „nebenan" und der Gesellschaft insgesamt absondert. Möglicherweise hindert es sogar seine Mitglieder daran, hinsichtlich der persönlichen Selbstständigkeit und Freiheit, des persönlichen Verantwortungsbewußtseins und der eigenen inneren Reife zu wachsen. Eine Gemeinschaft wird dann zu einer Art sicherer, „idealen" Welt, in der man von der Gruppe erwartet, daß sie für alle Bedürfnisse ihrer Mitglieder sorgt, bis sie schließlich gänzlich überfordert ist und unvermeidlich zusammenbricht, weil sie all die in sie gesetzten hohen Erwartungen gar nicht zu erfüllen und nicht alle Konflikte befriedigend zu lösen vermag.

Wenn eine Gemeinschaft andererseits versucht, ganz in ihrem Umfeld aufzugehen, besteht die Gefahr, daß sie dabei ihre eigene Identität verliert. Ihre Mitglieder können so darauf aus sein, mit ihren Nachbarn ganz eins zu sein, daß ihr Zugehörigkeitsgefühl, ihr Gespür für die Gruppenidentität und folglich ihr Ausgangsideal immer mehr verblassen. Im konkreten Lehen ist es nicht so einfach, die gesunde Mitte zu finden zwischen begrenzter Abgeschlossenheit, die eine klare Identität nach innen hin wahrt und das Reifen zu bestimmten Werten und spezifischer Spiritualität fördert, und dem natürlichen Offensein denen gegenüber, die nicht nach den gleichen Werten leben und uns doch im gemeinsamen Menschsein verbunden sind.

Genau genommen stehen alle Religionen und alle christlichen Kirchen vor der Herausforderung, eine ausgewogene Lösung für dieses Problem zu finden. Es bedarf der Weisheit, Reife und inneren Freiheit aller Mitglieder einer Gemeinschaft, jenes harmonische Gleichgewicht herzustellen, das nicht nur das Gefühl des Dazugehörens erhält und vertieft, sondern auch Leben nach außen hin schenkt und empfängt. Gelingt dies, wird die Gemeinschaft zum offener Lebensraum, ., das nach innen und nach außen frei und durchlässig genug ist, um zum Wohl der gesamten Umwelt beitragen zu können.

Es ist interessant zu sehen, wie JESUS, der Kopf und das Herz aller christlichen Glaubensrichtungen, auf die Frage antwortet: Wer ist mein Nächster? Er spricht nicht von dem Menschen, der direkt neben mir lebt und mit dem ich die gleichen Ansichten über das Leben und den Glauben teile. JESUS erzählt die Geschichte eines Mannes, der von Jerusalem nach Jericho geht und von Räubern halbtot niedergeschlagen wird. Als er im Straßengraben liegt, machen jene aus seiner Gemeinschaft, von denen man hätte erwarten können, daß sie ihm helfen, einen großen Bogen um ihn. Ein Fremder, der einer anderen religiösen Gruppe angehört, ist es, , der anhält und den Elenden versorgt. Es ist der Fremde, der „barmherzige Samariter", der den Verletzten als seinen Nächsten betrachtet und so handelt, wie ein Nächster handeln sollte. – JESUS lehrte sein ganzes Leben lang daß wir alle das Menschsein gemeinsam haben und darum Barmherzigkeit und Güte unter uns unendlich wichtiger sind als jede Ideologie.

Das Gemeinwohl - Welche Gesellschaft ist die richtige?

Im Dazugehören entdecken Menschen, was Menschsein heißt. Der Zusammenbruch des Dazugehörens, das Zusammenbrechen von Familien geht unmittelbar einher mit Angst, Einsamkeit und chronischem Kreisen um sich selbst. Hier stoßen wir auf die Wurzeln der ungeheuren sozialen Unrast unserer Zeit.

In einem Raum lebendig erlebter Begegnung fühlt sich jeder Mensch daheim, finden wir klare Strukturen und Orientierung, können wir gemeinsam nach Wahrheit suchen, finden wir Heilung für unser Herz, das vielleicht lange unfähig war; auf andere in fruchtbarer Weise zuzugehen, lernen wir, nicht in unseren eigenen Bedürfnissen und Wünschen befangen zu bleiben, sondern andere so zu nehmen, wie sie sind, und ihnen zuzugestehen, andere Gaben und Fähigkeiten zu haben als wir selbst . Der Raum lebendiger Begegnung ermöglicht es uns, uns selbst als Teil eines viel größeren Ganzen zu sehen und gemeinsam Gewaltiges zustande zu bringen.

Wie lassen sich Menschen motivieren, sich für andere zu öffnen und sich energisch dafür einzusetzen, unsere Welt für alle zu einem wohnlicheren Ort zu machen? Ist es nicht die Pflicht von Kirchen und Religion, von humanitären Organisationen, Denkschulen und Regierungen, Voraussetzungen und dann konkrete Räume des Dazugehörens und Dialogs zu schaffen, in denen erfahrbar werden kann, daß alle Menschen in der Liebe zu wachsen vermögen, damit unsere Herzen Heilung erfahren und wir für andere Hilfreiches zu Wege zu bringen vermögen?

Ist es nicht so, daß ein Umschwung im gesellschaftlichen Bewußtsein nicht von der Arbeit der Professionellen allein abhängen darf, sondern von jedem von uns, von unserem gemeinsamen Engagement? Erst wenn ein lebendiges Hin und Her von Ideen und Engagement in Gang kommt, wächst das Gefühl, daß jeder einbezogen und ernst genommen ist. Wichtig ist , daß jeder von uns seinen eigenen Wert und in seine Fähigkeit entdeckt, schöpferische Dinge zustande zu bringen, statt sich im reinen Überlebenskampf unserer Wettbewerbsgesellschaft müde zu laufen und womöglich stecken zu bleiben. Wenn wir uns die elementare Überzeugung zu eigen machen, daß die Arbeit mit anderen und für andere wesentlich mehr Erfüllung und Freude schenkt, als das Streben nach eigenem Vorteil , dann werden wir das Miteinander als ein wunderbares Fest erleben.

Dazugehören ist also ein ganz wesentlicher Aspekt des Menschseins. Den ersten und grundlegenden Raum des Dazugehörens bietet – wir sagten es schon – die Familie, in der ich mein Leben auf dieser Erde annehme, in der ich aufwachse und zu meiner Sprache, meinen Gebräuchen, meiner Kultur, meinen Gewohnheiten und in vieler Hinsicht zu meinen Charakterzügen finde. Für den Menschen sind Sprache und Kultur der Lebensraum, der mit anderen Menschen – bewußt oder unbewußt – verbindet, Menschen, die sie zu fruchtbaren Beziehungen, zu Offenheit und Liebe anregen.

Unsere je eigene Persönlichkeit vertiert sich und reift in dem Maße, in dem wir gegenüber anderen in Offenheit, Respekt und Liebe leben, einer Liebe, in der Schwäche ein offenes Ohr findet.  In einem solchen Raum kann Menschen geholfen werden, wirklich sie selbst zu sein, über ihr eigenes Leben selbstständig zu verfügen und ihre Fähigkeit zu entdecken, an andere Leben weiterschenken zu können. Angst sperrt ein, Liebe öffnet alle Pforten.
 
Dieser Artikel ist entnommen aus: In Gemeinschaft leben, R.Brockhaus 1999, www.scm-brockhaus.de. Wir danken dem Verlag für den Abdruck.

Von

  • Jean Vanier

    Dr. phil., Philosoph und Theologe, ist Gründer der „Arche“, einer internationalen ökumenischen Organisation, in der Menschen mit und ohne geistige Behinderung zusammenleben. In der von ihm mitgegründeten Bewegung „Glaube und Licht“ treffen sich Behinderte mit Freunden und Verwandten zu regelmäßigen Austausch, Gebet und Feiern. Von den 135 Archen weltweit sind drei in Deutschland (Tecklenburg, Ravensburg und Landsberg am Lech).

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