Auf der Bühne des Lebens

Zwischen den Rollen zum eigenen finden – Bericht einer Schauspielschülerin

Katrin H.

Katrin absolviert ihre Schauspielausbildung  auf der Ernst-Busch-Hochschule für Darstellende Künste in Berlin.  Sie tauschte vor zwei Jahren ein Dorf in Hessen gegen das Leben in der Großstadt und die Welt der Künstler ein. Folgenden Brief an ihre Freunde  über ihre neuen Erfahrungen erlaubte sie uns abzudrucken:

Heute bin ich voller Freude aufgewacht mit dem Gedanken: „Ich hab’s geschafft, ich hab’s tatsächlich geschafft.... und Gott hat es geschafft, mich bis hierher durchzutragen. Ich habe mit der letzten Prüfung gestern mein Vordiplom für Schauspiel bekommen und damit die Halbzeit bewältigt.

Was hat sich in den letzten zwei Jahren ereignet?

Wenn ich zurückblicke, fällt mir als erstes mein Umzug nach Berlin ein... Noch das Wunder bestaunend, daß ich die Auswahlrunden überwunden habe, war ich in voller Aufbruchstimmung, endlich mein eigenständiges Leben zu beginnen.

Doch je näher der endgültige Abschied heranrückte, um so mehr spürte ich, daß sich meine Seele an mein geliebtes Dorf krallte. Ich schien ein Teil vom Odenwald geworden zu sein, genauso verwurzelt und unversetzbar wie jeder Baum, unter dem ich gespielt hatte. Aber ich wollte ja lernen, wie man auf den gefällten Bäumen, den sogenannten „Brettern, die die Welt bedeuten“ spielt, und somit nahm ich meine Wurzeln huckepack und machte mich auf.

Durch Zufall kam ich in Kontakt mit meiner zukünftigen Mitbewohnerin, die, auch neu nach Berlin kommend, eine Tanzausbildung begann. Wir beide fanden innerhalb kürzester Zeit eine günstige, wunderschöne Wohnung, die mir ein neues Zuhause geworden ist. Irgendwann entwickelte sich bei uns die Tradition, abends gemeinsam zu beten, was unsere Freundschaft stärkte und wodurch Gott uns immer wieder ermutigte, in der Stadt und unserem Künstlerumfeld nicht zu vergessen, daß Er bei uns ist und wir uns nicht allein abzukämpfen und zu sorgen brauchen.

Hohes Tempo und selten allein

Zu Beginn fand ich Berlin vor allem häßlich, laut und anstrengend. Das ist auch heute noch so – mit dem Unterschied, daß ich die Stadt inzwischen liebe und ihr eine gewisse Schönheit nicht abstreiten kann. Es ist schon eine Herausforderung, permanent so vielen Menschen über den Weg zu laufen, die man nicht kennt. Allein über eine U-Bahn-Fahrt könnte ich manchmal einen ganzen Tag lang nachdenken. Immer wenn ich einmal Natur und Weite genießen konnte, merke ich, zu was für einem enormen Tempo man hier in der Stadt verleitet wird und wie schwer es ist, zur Ruhe zu kommen. Auch weil man außer in seiner Wohnung praktisch nirgendwo allein sein kann.

Aber jetzt zu meinem Studium: Eingeschüchtert vom harten Ruf der Schule und bespickt mit verschiedensten Ängsten traf eine Gruppe von 25 Studenten, davon 7 Frauen, aufeinander. Schon die erste Vorstellungsrunde verriet: Wir sind ein Haufen sehr verschiedener, empfindsamer, ehrgeiziger Menschen, die danach streben, eine unverwechselbare künstlerische Persönlichkeit zu werden. Wie dynamisch es sein kann, wenn so verschiedene, mit starkem Willen ausgerüstete, durchaus komplizierte Temperamente an einem Ort ihre Zeit verbringen, kann man sich leicht denken. Doch unbestreitbar bleibt: Wir genießen eine unglaublich gute Ausbildung, Bafög unterstützt, sehr die eigene Persönlichkeit herausfordernd und in offener Auseinandersetzung mit dem allem, sehr inspirierend. Unser vollgepackter Stundenplan enthielt u.a. folgende Fächer: Sprecherziehung, Gesang, Bewegung, Tanz, Akrobatik, Pantomime, Bühnenfechten, Körperstimmtraining, Kunst- und Theatergeschichte, Kultursoziologie. Dazu als Hauptfach natürlich Schauspiel, das aus einem Improvisationskurs bestand und Szenenstudium jeweils über fünf Wochen mit 2-4 Studenten und einem Dozenten. Die Vorspiele der Szenenstudien gelten als wichtigste Prüfungen. Wenn man drei davon nicht besteht, fliegt man von der Schule.

Mit Gott im Theater

Was habe ich gelernt in dieser Zeit? Vor allem habe ich erlebt, daß mein Vater im Himmel für mich sorgt, auch dann, wenn ich manchmal nicht mehr verstehe, wofür ich in dieser gottfernen Theaterwelt bin! Ich erlebte viele Beispiele von Gottes Fürsorge: Mein Improvisationsseminar durfte ich mit der sanftesten und menschlichsten Dozentin zubringen als hilfreichen Einstieg. Nach dem härtesten Szenenstudium mit einem Professor, der noch direkt von Brecht gelernt hat, der sein Leben vollständig dem Theater geopfert hat und gleiches von uns verlangt, nach diesem sehr lehrreichen Szenenstudium als verrückte Ophelia, durfte ich dann als unbeschwertes Gretchen (ohne Kerkerszene) geleitet durch ein freundlich aufmunterndes Lachen eines anderen Regisseurs vergnügt über die Bühne hopsen.

Nach einer Auseinandersetzung über Fausts Text (wer sagt, er glaubt an Gott, der engt ihn ein nach dem Motto  „...Gefühl ist alles, Name ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsglut“) fühlte ich mich selbst hilflos, eine Antwort zu finden. Mit dem vagen Gefühl, einer traurigen Lüge begegnet zu sein, fragte ich verzweifelt Gott selbst. Und durch ein Lied fiel es mir wie Schuppen von den Augen: „Du darfst mich Vater nennen, Monika, das ist der Unterschied!“ Gott hat einen Namen, wir dürfen zu ihm eine Beziehung haben. Er meint uns persönlich, ruft uns beim Namen. Er ist nicht eine wabernde „Energie des Guten“. Mit diesem Gott zu reden, ihn zu hören, zu erleben, das macht mich froh.

Von dieser Liebe getragen, durfte ich lernen, daß auch der Schmerz, an eigene Grenzen zu stoßen, zum Wachsen dazugehört und ich durfte erfahren, daß, wenn man nicht davonläuft, man ganz unverhofft die Grenzen hinter sich gelassen hat und weitergehen kann ... bis man an die nächste stößt.

Nachdem ich Gott in meinen Semesterferien meine ganze Enttäuschung darüber brachte, daß ich mich in dieser Schauspielwelt als Fremdling und völlig im Stich gelassen fühlte und gar nicht dahin zurück wollte, las ich Psalm 27, der wie für mich geschrieben schien: „Sei getrost und unverzagt und hoffe auf den Herrn.“ Das tat ich. Bald danach lernte ich andere christliche Schauspielstudenten kennen und es entstand ein „Künstlerkreis“ in meiner Küche. Dort treffen wir uns jetzt alle zwei Wochen zu einer kleinen Andacht und zum Essen, Reden und Beten. Es tut uns allen so gut, Gleichgesinnte gefunden zu haben und verstanden zu werden mit unseren Erlebnissen in der Künstlerwelt.

Einmal kam es durch geheimnisvolle Weise dazu, daß ich meiner Sprecherzieherin statt Heiner Müller-Texte aus der Bibel vorlesen durfte und wir zu unser beider Verwunderung zusammen beteten - wonach ich so freudestrahlend durch die Schule sprang, daß mir dieser ganze Beobachtungsapparat, genannt Hochschule, wie ein von Gottes Licht erfüllter funkelnder Diamant vorkam.

Und mein Traum?

Wenn es tatsächlich Gottes Plan für mich ist, daß ich als Schauspielerin leben und arbeiten werde, dann ist es mein Traum, Menschen mit meinem Spiel wieder Bilder in die Seele zu malen, die in ihnen die Sehnsucht wecken, daß der Mensch gut und das Leben schön sein kann. Wer diese Sehnsucht verloren hat, weil er meint, daß das Leben nur aus Gewalt, Sex, Beziehungslosigkeit und Kommunikationsarmut besteht, der hört auch auf, nach Gott zu suchen. Mir tut das sehr weh und ich mußte lernen, nicht auf das Dunkel, wie es ist, zu schauen und dabei fast selbst zu verfinstern, sondern auf Jesus zu schauen, für den kein Ort zu hoffnungslos ist. Es geht nicht darum, die Wirklichkeit zu verharmlosen oder eine künstliche Harmonie- und Heldenwelt vorzuführen, aber ich suche nach einem Weg, der das Leben bejaht und einen liebevollen Blick auf die Menschen werfen läßt.

Wenn das Leben nur im Theater stattfindet und man sich nur darüber definiert, wird man wahnsinnig abhängig von den eigenen Erfolgen. Es lastet ein heftiger Druck auf einem, gut sein zu müssen und zu funktionieren. Ich kenne das selber auch und bin sehr dankbar für meine „Wurzeln huckepack“, meine Familie, Freunde und für die Gewißheit, eine erfolgsunabhängige Identität in Gott zu haben. Schwer genug, Gottes Liebe zu mir glauben zu können und sie unter all den Einflüssen, die mich umgeben, nicht zu vergessen. Ich möchte in der Theaterwelt einfach ich mit Gott sein, was herausfordernd genug ist. Das ist die zweite Seite meines Traums, mit meinem Leben zu zeigen, daß man Kunst machen kann, ohne sich ihr versklaven zu müssen.

Ob ich dazu fähig sein werde?

Das weiß ich nicht. Manchmal will ich nur Fenster putzen und Radieschen pflanzen.

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