Eine Insel mit zwei Bergen

Lukas läßt Dampf ab nach einem Jahr OJC

Lukas absolvierte in der Jugendarbeit im Reichelsheimer Europäischen Jugendzentrum (REZ) seinen Zivildienst (Oder FSJ??). Nicht nur beim Sport und am Klavier zeigte Lukas sich dynamisch, auch sein innerer Weg verlief alles andere als langweilig.

von Lukas G.

Als ich im Sommer 2003 in die OJC kam, wurde ich von vielen Fragen umgetrieben. Ich wohnte im Tal, im Europäischen Jugendzentrum, und es kam mir vor wir eine „Insel der Ruhe“. Von dort aus konnte ich die „Berge“ in Angriff nehmen, die ich mir für dieses Jahr vorgenommen hatte: den Berg der Gemeinschaft – ich wollte ehrliche Beziehung und echte Freundschaft entdecken - und den Gottes-Berg, um einen realen Gott zu erleben und im Glauben leidenschaftlicher zu werden.

Talfahrt statt Gipfelsturm

Auf der „Insel“ fühlte ich mich sicher, es herrschte Ruhe und Gelassenheit. „Schön, daß du da bist“ – habe ich immer wieder gehört und spürte, daß ich willkommen war. Hier, wo es keine Ablenkung gab, begann für mich ein Jahr der Konfrontation und des Hinterfragens. Ich war es gewöhnt, Anerkennung und Erfolg in der Schule, bei meinen Freunden und durch den Sport. zu haben. Jetzt fehlte das auf einmal und ich mußte mich fragen, was ohne die sportlichen und schulischen Leistungen überhaupt von mir übrig blieb. Wie ich die plötzliche Ruhe nach den letzten hektischen Jahren ertragen soll und wo Gott in meinem Leben eigentlich noch vorkommt. Als dann noch die langjährige Beziehung zu meiner Freundin zerbrach, fühlte ich mich wirklich am Boden zerstört - nichts, was mich vorher ausgemacht hatte, schien mehr vorhanden.

Lief dieses Jahr etwa darauf hinaus, alles zu verlieren? Nein, so hatte ich mir das nicht vorgestellt! Bisher hatte ich mich auf mich selbst verlassen, wollte unabhängig sein. Jetzt erkannte ich meine Bedürftigkeit und mußte akzeptieren, daß ich nur durch Gott stark sein kann. Als ich ganz am Tiefpunkt angelangt war, richtete Gott mich auf und schenkte mir einen Neuanfang.

Die Gefährten

Das Gemeinschafts-Leben mit meinen drei FSJ-Gefährten war ein Lichtblick in dieser Situation. Wir hätten unterschiedlicher nicht sein können – aber gerade daran habe ich Vieles gelernt. Ich mußte üben, den anderen zu verstehen, statt über ihn zu urteilen. Unsere Gespräche dauerten oft bis in die Nacht und ich stellte erstaunt fest, daß ein Leben ohne Fernseher und PC Spaß machen kann. Freundschaften begannen zu wachsen, die tragen und sich nicht vorenthalten. In dieser Gemeinschaft erlebte ich, was es bedeutet, daß nicht meine Leistung zählt, sondern daß ich als Person wichtig bin. Daß ich nur mit meinen Schwächen ein „Ganzes“ bin. Das Zusammenleben war nicht immer einfach – man kann sich eben nur schwer aus dem Weg gehen, wenn man zu viert in zwei kleinen Zimmern zusammenlebt und ganz unterschiedliche Auffassungen von Reinlichkeit und Ruhebedürfnissen hat. Jonny z.B., mein Zimmermitbewohner, der seinen Nachtschlaf liebt und gern schon gegen 22.30 in seiner Koje verschwand, versuchte mit Ohropax und Augenbinde auszuhalten, daß ich eher ein Nachtmensch bin, der abends noch einmal so richtig aufdrehen kann. Ich dagegen bemühte mich, auch mal eher ins Bett zu gehen und ihn mit meinen Aktivitäten nicht zu stören. Auch wenn es nicht immer ohne Frust abging, haben wir zumindest gelernt, darüber zu reden.

Einstieg in die Steilwand

Einen weiteren Schritt vorwärts bedeutete für mich die Offenheit beim wöchentlichen „Männeraustausch“. Aufrichtig zu sein ist gar nicht so einfach, vor allem, wenn man über seine Gefühle reden soll. Ich mußte lernen, meine Gefühle richtig ernst zu nehmen und auszusprechen, den anderen meinen Ärger und Frust aber auch meine Anerkennung zu zeigen. Es hat mich viel Mut und Überwindung gekostet, mich so ungeschützt zu zeigen. Aber es hat sich gelohnt.

Die Fülle der Seminare, Bibelarbeiten, Gebets- und Lobpreiszeiten war zunächst ebenso verwirrend für mich wie der verständnisvolle Umgang der Mitarbeiter untereinander. Mit der Zeit stellte ich aber fest, daß es wirklich echt und nicht aufgesetzt war. Langsam bekam ich durch das gemeinschaftliche Leben eine Vorstellung davon, was es heißt, seinen Alltag ernsthaft mit Gott zu gestalten. Dazu gehörte z.B. auch die Stille am Morgen, die mir anfänglich eher als Last erschien. Als mir dann aber Gott in der Stille wirklich begegnete und ich seinen Frieden spürte, begann ich bald, mich nach dieser morgendlichen Begegnung mit ihm zu sehnen. Für mich war es wich-tig, mich immer wieder daran zu erinnern, daß Jesus der Herr über jede Sekunde meines Lebens ist.

Wie ER mir, so ich dir

Das veränderte meinen Alltag und auch meinen Einsatz mit den Jugendlichen im Teenkreis. Ich brauchte nun keine frommen Andachten und Bibelarbeiten mehr zu konstruieren, sondern versuchte, im Gebet zu erspüren, was dran ist und von dem weiterzugeben, was ich selbst erlebt hatte. Eine ganz besondere Herausforderung war die offene Jugendarbeit in unserer Programmkneipe Jig mit den „wilden” Kids aus dem Dorf. Ich habe darum gerungen, sie mit Gottes Augen zu sehen und ihnen auch dann Interesse und Freundlichkeit entgegenzubringen, wenn sie mich beschimpften oder reizten. Das konnte ich nur, wenn ich mir immer wieder in Erinnerung rief, daß Gott genau so mit mir umgeht.

Aufbruch

Nun ist das Jahr auf der „OJC-Insel” vorbei. Ich bin weitergezogen und mache jetzt ein Praktikum, um später Wirtschaftsingenieurswesen zu studieren. Zwischendurch plane ich, für einige Monate nach Amerika zu gehen, um unter anderem in einer Gemeinde die Sozialarbeit mit Emigranten und Arbeitslosen zu unterstützen.

Die „Bergbesteigungen” in diesem Jahr waren ganz anders, als ich es mir vorher vorgestellt hatte, aber ich habe die Erfahrung gemacht, daß Gott mir die Kraft gegeben hat, immer wieder aufzustehen und loszugehen. Wohin meine Reise geht, weiß ich nicht. Ich weiß aber, daß Gott mir den Weg zeigen wird.

Von

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