Leben in der Einen Welt

Von der Herausforderung und Bereicherung, eine Brücke zwischen den Kulturen zu schlagen

Ute und Frank Paul leben seit 1990 in Argentinien. Sie gehören zu einem argentinisch-­nordamerikanisch-deutschen Missionars-Team, das sich zur Aufgabe gesetzt hat, Begleiter der indianischen Völker und ihrer unabhängigen Kirchen im Chaco zu sein. Ute gibt Einblick in ihr Leben zwischen den Welten. Noch bis November verbringen Pauls ihr Sabbatjahr in der OJC.

von Ute Paul

Mit meiner Tochter Charlotte bin ich in der Stadt verabredet. Im Chaco ist es auch am späten Nachmittag noch sehr heiß und die Einkaufszone ist voller Leute. Müde und verschwitzt beschließen wir, unsere Erledigungen zu unterbrechen und in ­einem kleinen Café zu verschnaufen. Beim kühlen Orangensaft geht das Gespräch mit meiner Tochter in Deutsch weiter. Beim Bezahlen stellt die freundliche Kellnerin die Frage, die wir hier fast jeden Tag beantworten: „De dónde son? Están de paseo?” Woher seid ihr? Seid ihr auf der Durchreise? Charlotte antwortet akzentfrei auf Spanisch: „Wir sind aus Deutschland, aber wir sind nicht auf der Durchreise. Wir leben hier.” Während das Gespräch noch fortgesetzt wird, gehen meine Gedanken auf die Reise:
Vor fast zehn Jahren kamen Frank und ich mit drei kleinen Kindern nach Resistencia, Hauptstadt der Provinz Chaco. Wir sind weder Touristen noch Emigranten, haben uns aber wie letztere langfristig auf die hiesigen Lebensbedingungen eingelassen.
 Wir leben im Chaco mit Haut und Haaren, aber die Brücke nach Deutschland bleibt erhalten, weil eine Freie Evangelische Gemeinde in Deutschland, die OJC, zu der wir gehören, und andere Freunde unseren Lebensunterhalt in Argentinien sichern, uns begleiten, umbeten, befragen und besuchen.
Auf dieser Brücke findet ein reger Austausch statt, der an beiden Enden die Menschen bereichert. Was wir als Nachfolger Jesu im Chaco erleben und hier weitererzählen, macht die Vielfalt und auch Ergänzungsbedürftigkeit unseres Verhaltens, Erlebens und Glaubens faßbar. Es verdeutlicht, daß wir Christen „auf beiden Seiten“ zu der ­Einen großen Familie Gottes gehören.
Wir selbst sind zu lernenden Wanderern zwischen den verschiedenen Erdteilen der Einen Welt geworden. Was am Anfang ein banges Gefühl der Fremdheit hinterließ, wurde mit der Zeit zum tief empfundenen Reichtum: Es gibt auf dieser Welt ganz unterschiedliche Weisen zu glauben, zu leben, zu erziehen, zu kochen, zu denken, zu planen, zu arbeiten oder Unstimmigkeiten auszutragen. Und, o Wunder: Alles, was darin das Leben fördert, entspringt der Weisheit des einen Schöpfers.

Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen

Nach tagelangem Regen und Matsch überkam mich einmal das große Seufzen, daß die Wäsche statt zu trocknen nur zu stinken begonnen hatte. Als ich dann eine Nachbarin besuchte, sah ich, daß es in ihr 20 Quadratmeter großes Häuschen reingeregnet hatte und die Matratzen naß geworden waren. Unter dem kleinen Vordach machte sie Wasser auf dem Holzfeuer für uns beide heiß. Der süße Mate tat gut an diesem trüben Nachmittag. „Ach“, klagte ich, „wann wird es je wieder trocken?“ Damiana schaute mich verwundert an und sagte: „Die Sonne wird wieder rauskommen und dann wird alles wieder trocknen.” So einfach ist das. Man muß nur Geduld haben.

Viele der Menschen, mit denen wir im täglichen Leben zu tun haben, sind Indianer, andere sind Nachfahren europäischer Einwanderer oder Kreolen (Mischlinge). Sie alle leben im Chaco, ihre Lebensart, ihre Lebensbedingungen und ihre Chancen sind jedoch sehr unterschiedlich.

Solange es draußen hell ist, kann jederzeit unerwarteter Besuch an unser Tor kommen. Deshalb haben wir neben dem Haus auch eine fest installierte Bank, auf der man Platz nehmen kann. Immer müssen wir innerlich bereit sein, uns auf den Besucher einzustellen. Wenn z.B. weiße Argentinier aus der Baptistenkirche vorbeikommen, wird das Gespräch laut und direkt sein, sie werden sich unbekümmert in unserem Garten umsehen, um Wasser bitten, wenn sie Durst haben und sich mit vielen Küssen wieder verabschieden. Scheuer dagegen sind unsere Nachbarn. Sie fragen, ob sie nicht stören, treten nur zögerlich ein. Die indianischen Geschwister, die bis zu uns kommen, haben meistens einen weiten Weg zu Fuß oder mit dem Fahrrad hinter sich, denn das Tobaviertel liegt auf der anderen Seite der Stadt. Dankbar werden sie im Schatten Platz nehmen, das angebotene Brot essen und dabei fast nichts reden. Wenn ich jetzt anfinge, viele Fragen zu stellen, Eile zu vermitteln, dann würden sie vielleicht nach einer Weile einfach wieder gehen, ohne daß ich erfahren könnte, was sie zu uns geführt hat. Wenn Frank und ich dagegen lange genug warten können, werden wir von dem beschenkt und berührt, was ein Indianerbruder oder -schwester im Vertrauen zu erzählen beginnt: von Erinnerungen, von Menschen aus ihrem Volk, von Leid und erfahrenem Trost, einem Bibelwort, das in ihr Leben sprach, von einem Traum, mit dem Gott ihnen etwas Wichtiges sagen wollte.

Kinder in verschiedenen Kulturen

Unsere drei Kinder sind alle in Argentinien aufgewachsen. Für sie ist vieles selbstverständlich geworden: z. B. barfuß zu laufen, damit die Schuhe nicht schlammig werden. Ob ein Becher benutzt oder unbenutzt ist, ist nicht so wesentlich, denn er ist zum Trinken da. Wenn früh am Morgen Regen aufs Blechdach schlägt, kann man sich umdrehen und weiterschlafen, denn die Schule wird ausfallen. In unserem Stadtviertel hat fast kein Kind ein Zimmer für sich und viele noch nicht mal ein Bett. Dennoch erleben es unsere Kinder oft, daß in einem der kleinen Häuschen für sie zum Übernachten Platz gemacht wird. Wenn Freundinnen der Mädchen bei uns über Nacht bleiben, teilen sie sich selbstverständlich ein Bett. Sie lernen nicht nur die Lebenswirklichkeit reicher und armer Menschen kennen, sondern auch beide mit der selben Achtung zu behandeln.
Wir leben zugleich aber auch als deutsche Familie in Argentinien. Deshalb spielen im Leben unserer Kinder auch Gewohnheiten und Ansichten eine Rolle, die Frank und ich aus Deutschland mitgebracht haben. Mit zunehmendem Alter haben sie gelernt, die Unterschiede zu benennen und beides in ihr Leben zu integrieren: Unsere Eltern geben uns Taschengeld, weil sie wollen, daß wir selbstverantwortlich werden. Die Kinder hier bitten bei Bedarf um Geld. Bei uns zu Hause darf man sich beim Essen selbst noch einmal nehmen, in ­einem argentinischen Haushalt wäre das sehr unhöflich. Wir essen gewöhnlich unsere Teller leer, aber argentinische Kinder, die bei uns zu Besuch sind, brauchen das nicht zu tun, denn so sind sie es gewöhnt. Deutsch reden wir nur, wenn wir unter uns sind, damit sich niemand ausgeschlossen fühlt. Dieses „Umschalten” führt zu einer großen Bandbreite an Verhaltensweisen und zur Anpassungsfähigkeit bei ihnen. Die Vielfalt ist aber auch verwirrend. Johannes, unser 17jähriger, der nun seit zwei Monaten in Hamburg lebt, beschreibt dieses Gefühl folgendermaßen: „Ich kann nicht einfach drauflos leben, weil ich ständig über all das nachdenke, was ich mache. Es ist, als würde ich einen Text grammatikalisch analysieren und dabei nicht mehr so genau auf den Inhalt achten.”
In diesen Monaten hier in Deutschland haben sie wie mit einem „fremden Blick“ das Leben und Verhalten vieler ihrer Altersgenossen beobachten können.
Dabei ist ihnen zum Beispiel aufgefallen, wie groß die Kinderzimmer sind, daß keiner mehr ohne Handy auskommt, daß viele über unglaubliche Beträge an Bargeld verfügen. Für sie ist es eine große Herausforderung hier „anders“ und dennoch zufrieden zu leben.
Uns scheint, daß im Leben unserer Kinder die Sehnsucht nach Verwurzelung und Zugehörigkeit brisanter ist als bei Kindern, die in einem konstanten Umfeld leben. Die Frage nach der eigenen Identität ist komplexer, der Horizont aber und die Sicht auf die Welt sind weiter und reicher. Wir Eltern sind gespannt auf ihre Lebenswege in der Einen Welt.

Kirche und Glauben in der Einen Welt

An einem heißen Sommermorgen nahm ich am Gottesdienst einer kleinen indianischen Gemeinde teil. Mit großer innerer Beteiligung gesungene Lieder und gemeinsame Gebetszeiten wechselten sich ab mit Beiträgen aus den Reihen der Gottesdienstbesucher. Derjenige, der den Gottesdienst leitete, sagte selbst sehr wenig, erteilte aber vielen anderen das Wort. Ungeachtet ihres Geschlechts, ihrer Kleidung, ihres Besitzes oder ihrer Bildung konnten viele von Erfahrungen mit Gott im täglichen Leben berichten. Darin spiegelt sich etwas von dem Sinn für Gleichberechtigung und dem einander entgegengebrachten Respekt wider, der ihre (indianische) Art des Zusammenlebens kennzeichnet.
Der Gottesdienst dauerte schon Stunden und ich war sehr müde. Da wurde ein Mann von ganz hinten nach vorne gerufen. Als er an mir vorbeiging, fiel mein Blick auf seine abgewetzten Kleider und Schuhe. „Was wird so einer schon zu sagen haben...”, schoß es mir durch den Kopf. Der Mann begann, uns mit leisen, eindringlichen Worten vor Augen zu malen, wie Jesus Christus die Erfüllung der Prophetien und die Hoffnung des jüdischen Volkes geworden war und nun auch für sein Volk neues Leben bedeutet. Beeindruckt und beschämt hörte ich zu. Die Worte Jesu fielen mir ein: „Vater, Herr über Himmel und Erde, du hast angefangen, deine Herrschaft aufzurichten. Das hast du den Klugen und Gelehrten verborgen, aber den Unwissenden hast du es offenbar gemacht. Dafür preise ich dich! Ja, Vater, so wolltest du es haben.” (Lk 10, 21)

Was wir von den Tobas lernen können

Viele christliche Tugenden, die wir Europäer uns oft nur mühsam abringen können, leben die Tobachristen mit großer Selbstverständlichkeit: miteinander teilen, den anderen ausreden lassen, Leid aushalten, den Willen und die Gabe des Anderen achten, keinen Besitz anhäufen. Wir können auch von ihnen lernen, die eigene Einzigartigkeit oder die anderer nicht einzuebnen, sondern sie als Teil der internationalen Familie Gottes wertzuschätzen.

Für die Tobas, – Qom, wie sie sich selber nennen –, ist es ein großartiges Zeichen des weltweiten Gottesreiches,  daß wir ihnen zur Seite stehen, obwohl wir aus einem anderen Erdteil kommen. Sie schätzen es, daß wir ihre Lebensart achten, mit ihnen gemeinsam auf Gott hören, Ungerechtigkeit erleiden und Wege suchen, die dazu führen, daß ihre Menschen- und Lebensraumrechte respektiert werden.

Nach 35 Jahren Leben im Chaco erläutert unser Kollege Willi Horst zutreffend: „Die Qom sind ein Beispiel dafür, wie die besondere Spiritualität eines Volkes seine Erfahrung im christlichen Glauben geformt hat. Ihr besonderer Weg auf Christus zu führte zur Bildung einer einzigartigen indianischen Kirche und einer ganz besonderen Theologie, die es wert ist, gehört und respektiert zu werden“.

    

Wer mehr über die indianische Spiritualität der Toba-Christen im argentinischen Chaco und ihre unabhängigen Kirchen lesen möchte, kann sich ihr Buch "Begleiten statt Erobern" kaufen » oder die Autoren direkt anschreiben: ute.paul@ojc.de oder frank.paul@ojc.de.

Von

  • Ute Paul

    Pädagogin und pädagogische Leiterin des ­Erfahrungsfeldes „Wege zum Leben“ auf Schloss Reichenberg.

    Alle Artikel von Ute Paul

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal