Einsatz von ganzem Herzen

Einzug in das Haus der Hoffnung. Von einem, der auszog, seinen Freunden zu helfen

Im August dieses Jahres – fast genau 12 Monate nachdem wir unsere Greifswalder Baustelle eröffnet haben – konnten Maria Kaißling, Familie Kittel und Familie Böhm in ihr neues Haus einziehen. Willi Trautmann, Schreiner aus Reichelsheim, langjähriger OJC-Mitarbeiter und erprobter Umzugshelfer, war wieder dabei.

Interview von Rebekka Havemann

Willi, Dein wievielter „Greifswald-Umzug“ war das inzwischen?

Mein vierter. Ich habe bei allen Umzügen der OJC-Mitarbeiter an die Ostsee mitgeholfen. Angefangen vom bitterkalten Frühling ‘97, als Maria Kaißling in den Norden zog, dann der Umzug von Familie Böhm im Juni 1998 bis zum September 2000, als Familie Kittel von Chemnitz nach Greifswald kam. Und jetzt der Höhepunkt: der gemeinsame Einzug ins „Haus der Hoffnung”. Ich hab gern mitgeholfen, Kisten geschleppt, Räume renoviert und Küchen eingebaut – was halt so anfällt. Und ich war auch vorher und zwischendurch öfter oben, denn mit Rudi und Renate Böhm und ihren Kindern sind meine Frau und ich schon seit langem befreundet. Und auch zu Thomas und Sabine Kittel hat sich eine sehr schöne Beziehung entwickelt. Das kam ganz von selbst durch den Bau.

Was zieht Dich dort oben so an?

Greifswald und überhaupt der Osten Deutschlands beschäftigen mich schon lange. Und ich habe immer gespürt: in Greifswald wartet noch irgendetwas auf mich, da ist noch etwas für mich „versteckt”. Ich wußte nicht was, aber es hat mich immer wieder dahin gezogen. Ich war krankheitsbedingt drei Jahre lang nicht dort, aber als ich 2003 das erste Mal mit Hermann Klenk auf der Baustelle im werdenden „Haus der Hoffnung” stand, wußte ich, daß ich auch hier wieder mithelfen wollte. Irgendetwas in mir hat mich richtig dazu getrieben.

Kanntest Du das Haus vor dem Umbau?

Ich bin öfter daran vorbei gelaufen, denn immer, wenn ich in Greifswald war, habe ich mir die Häuser angesehen, einfach aus Interesse. Aber ich habe nicht im Traum daran gedacht, daß es einmal „unser“ Haus werden könnte. Etwas ist mir gleich aufgefallen: Als ich durch die Baustelle lief, merkte ich, daß sie etwas ausstrahlt. Ich hatte ja in meinem Leben berufsmäßig immer mit Baustellen zu tun und jede hat eine gewisse Ausstrahlung. Das merkt man, wenn man einen Bezug dazu hat, auch wenn man es gar nicht im einzelnen erklären kann. Dieses Haus hat für mich Frieden und eine gewisse Ruhe ausgestrahlt. Obwohl es noch schlimm aussah und mit Hochdruck gearbeitet wurde.

Jetzt warst Du angereist, um beim Umzug zu helfen. Wer gehörte noch zum Team?

Es kamen viele Helfer aus Greifswald, Bekannte und Freunde von Böhms, Kittels und Maria Kaißling aus dem Hauskreis. Und als am 26.7. die „Greifswalder Bauwochen” anfingen, kamen – wie im letzten Jahr – Hanne und Frank Dangmann aus Reichelsheim und OJC-Ehemalige und Freunde, um zu helfen. Es war eine tolle Gruppe. Ich habe wirklich empfunden, daß wir in kurzer Zeit eine Gemeinschaft wurden. Das war ein Geschenk.

Was war Deine Aufgabe?

Ich war in diesem Sommer zweimal in Greifswald. Beim ersten Mal habe ich zusammen mit anderen den Fußboden verlegt und versiegelt. Jetzt war ich hauptsächlich gekommen, um die Küchen aus den alten Wohnungen aus- und in den neuen Wohnungen einzubauen. Sobald die Küche in der zukünftigen Wohnung von Maria eingebaut war, hat Hanne dort jeden Tag für 13 bis 23 Leute gekocht, quasi noch auf der Baustelle. Das war auch ein Erlebnis: auf den Topfdeckeln bildete sich während des Kochens eine dicke Staubschicht.
Als ich dann als nächstes die Küche von Böhms ausbaute, war mir der Gedanke im Hinterkopf: Mensch, die hast du vor nur sechs Jahren eingebaut. So ist es in der Offensive. Aber jetzt, im eigenen Haus, wird sie ihren Platz wohl für längere Zeit behalten.

War dieser Umzug anders als die früheren?

Er war total chaotisch, weil der Umzug eigentlich zwei Wochen zu früh war. Vieles war noch nicht fertig. Vielleicht war er auch nicht so gut organisiert, weil das alte und das neue Haus so nah beieinander liegen. Dann nimmt man mal das eine und dann das andere schnell in die Hand. Dadurch hat es sich sehr in die Länge gezogen.
Und dann ist auch noch der Fliesenleger krank geworden. Das hat uns sehr aufgehalten. Ich habe bei Böhms noch schnell zwischendurch das Bad gefliest. Aber das Bad in der Wohnung von Maria Kaißling war noch immer nicht gefliest, als ich nach Hause gefahren bin. Am schlimmsten war wohl, daß Renate Böhm krank wurde und mit Tinnitus für eine Woche ins Krankenhaus mußte. Das war auch für uns einschneidend. Auf einmal haben wir gespürt, wie sehr sie die Gemeinschaft zusammenhält und trägt. Sie hat uns sehr gefehlt. Andererseits hat man auf einmal auch gemerkt, was man als Gemeinschaft schaffen kann: Jeder hat versucht, ihr Fehlen nach seinen Möglichkeiten aufzufangen und auszugleichen.
Natürlich gab es auch Spannungen unter uns. Es war nicht immer ganz unproblematisch, so viele Leute auf einmal zu koordinieren.
Was war für Dich die Kraft-Tankstelle in diesem Chaos?
Die Andachten jeden Morgen um 7.00 Uhr und die Mittagsgebete, die auch noch im größten Umzugsstreß beibehalten wurden. Maria Kaißling hat uns immer ganz praktisch mit in die Bibeltexte hineingenommen und man konnte das, was die Texte aussagten, auch gleich auf unsere Situation übertragen. Das hat für mich Frieden und Ruhe in den Tag gebracht und uns auch als Gemeinschaft mehr zusammenwachsen lassen. Ich habe das ganz stark so empfunden. Und sicher auch die anderen, denn es waren immer alle da. Auch das Mittagsgebet tat mir gut. Es hat so im Hintergrund gewirkt und paßte irgendwie harmonisch in den Tag. Sonst fällt es mir ja eher schwer, vor anderen laut zu beten, aber hier ging es ganz einfach. Und ich habe es auch wirklich gebraucht.

Wie meinst Du das?

Ich bin ja viele Male die Treppen runter und wieder hoch in den dritten Stock gelaufen und habe dabei immer was hochgetragen. Dabei habe ich dann schon gemerkt, daß irgendetwas nicht stimmt. Ich hatte mehrmals aus heiterem Himmel ganz starke Schmerzen in der Brust, die bis in den Arm ausstrahlten. Und dann die Atemnot. Anfangs dachte ich, es hinge mit der Lunge zusammen. Ich wollte niemandem zeigen, daß es mir nicht so gut ging. Und es wurde ja auch immer gleich wieder besser, so daß ich weiter arbeiten konnte.

Dann ging es recht dramatisch weiter...

Ich habe mich wieder ein bißchen erholt und bin im Anschluß an die Bauwochen mit meiner Frau noch für einige Tage auf die Insel Rügen gefahren, um Urlaub zu machen. Da kamen die Schmerzen mehrmals ganz stark wieder. Als ich zurück in Reichelsheim war, bin ich gleich zum Arzt gegangen. Und dann mußte ich weiter zum Kardiologen und direkt ins Krankenhaus. Bei einer Herzkatheteruntersuchung kam heraus, daß die Hauptschlagader zum Herzen fast dicht ist. Jetzt warte ich auf den Termin für eine Bypass-OP.

Es ist ja eigentlich ein Wunder, daß Dein Herz diese Anstrengungen überlebt hat.

Ja, es ist eine unglaubliche Bewahrung. Die Ärzte sagten, es hätte das Schlimmste passieren können. Ich bin froh, daß ich trotzdem erstmal nach Hause durfte. Aber ich darf mich überhaupt nicht anstrengen. Nicht mal mein kleines Köfferchen darf ich tragen. Das ist schon ­eine große Umstellung nach einer so intensiven Zeit. Wie das alles weiter in mir wirkt, weiß ich noch nicht. Im Augenblick denke ich mehr an das, was auf mich zukommt, als an das, was hätte passieren können. Es beschäftigt mich natürlich, daß ich wieder mal so nah an der „Grenze” war und mir nichts passiert ist.* Irgendetwas hat Gott wohl noch mit mir vor. Ich weiß zwar nicht was, aber ich denke, daß meine Geschichte mit Greifswald noch nicht zuende ist.

Nachtrag: Inzwischen wurde Willi Trautmann erfolgreich in Ludwigshafen am Herzen operiert und ist bereits wieder daheim.

 

*    Wer von den „Grenzerfahrungen” und Gottes wunderbarem Eingreifen in Willi Trautmanns Leben mehr erfahren möchte, dem sei Salzkorn Nr. 195 6/2001 mit dem Artikel „Wer vergibt, heilt auch sich selbst“ (S. 276) empfohlen.

Von

  • Rebekka Havemann

    Krankenschwester, lebt seit 1999 in der OJC. Seit Sommer 2014 verstärkt sie das Team vom Haus der Hoffnung in Greifswald. Seit 2016 gibt sie die Zeitschrift Brennpunkt Seelsorge heraus.

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