Aktive Friedensarbeit von unten

Interkulturelles Lernen im Baucamp – eine Studie

Moira Rogers

Seit zwei Jahren begleitet die deutschstämmige Argentinierin Prof. Dr. Moira Rogers (Associate Professor, Department of Language and Literature, Eastern Mennonite University, Harrisonburg, VA, USA) unsere internationalen Einsätze. Ziel ihres Engagements ist es, unsere langjährige interkulturelle Arbeit wissenschaftlich zu reflektieren, Lehreinheiten zu interkulturellem Lernen durchzuführen und durch Auswertungen und Gespräche mit der Umsetzung aufeinander abzustimmen.

Den Rahmen dafür bildete eine gemeinsame Arbeitsaufgabe in international gemischten Teams, das gemeinsame Wohnen in einem Haus, die Tischgemeinschaft, Foren mit Reflexion und Gespräch in internationalen Kleingruppen, kulturelle Begegnungsabende und kulturgeschichtliche Exkursionen.

Das OJC-Experiment

Durch das Zusammenleben und das Zusammenarbeiten von Jugendlichen aus vielen Ländern an einem gemeinsamen (Bau)Projekt lassen sich neue Formen der Verständigung und Beziehung entwickeln. Im Miteinander-Arbeiten entsteht eine gemeinsame Solidarität und gemeinsame Wurzeln können anders entdeckt werden als in einem theoretischen Gespräch. Teilhaberschaft an der Kultur entsteht durch den eigenen handwerklichen und geistigen Beitrag. Die praktische Arbeit trägt zur eigenen und zur gemeinsamen Identitätsfindung junger Menschen bei, wenn sie zusammen an der Entstehung oder Wiederherstellung eines Ganzen von Anfang bis Ende beitragen können. Sie erleben, wie ihr Anpacken, ihr Können, das Investieren ihrer Kraft, Zeit und Ideen Form und Gestalt annimmt und Ausdruck findet in Räumen, die Orte der Begegnung, des Lebens und Zusammenlebens werden. So wie ein Gebäude oder ein Raum mit Sorgfalt, Ausdauer und Einsatz neue Schönheit und Ausstrahlung gewinnt, so kann der Mensch auch seine Seele verstehen: als Innenraum, der behutsam, kreativ und mit Geduld seiner Bestimmung entgegenwächst und seine sinnstiftende Berufung erfährt. Das alles dient der aktiven Friedensarbeit „von unten“, es trägt trennende Mauern zwischen Kulturen, Völkern und Sprachen ab und stellt ein reiches Übungsfeld in einem geschützten Rahmen dar – heute dringender nötig denn je.

Die Studie

Wir wollten die komplexen Zusammenhänge interkulturellen Lernens transparent und nachvollziehbar machen, um daraus ein Modell zu entwickeln, das sich auch auf andere Projekte übertragen läßt. Dazu haben wir in einer großangelegten Studie die OJC-Baucamps in Reichelsheim und im Ausland in einem Zeitraum von 2 Jahren begleitet. Zunächst haben wir die Lernziele formuliert und systematisiert. Methoden und Übungen wurden entwickelt, um den Teilnehmern die Lernziele und auch die Lernprozesse bewußt zu machen. Diese Übungen sin dann im Baucamp begleitend zum Arbeits- und Rahmenprogramm durchgeführt worden. In Gruppen- und Einzelgesprächen, durch Fragebögen und verschiedene andere Formen der Erhebung haben wir dann vor, während und nach den Einsätze geprüft, inwieweit die Lernziele verinnerlicht und erreicht werden konnten.

Lernziele

Zu den Lernzielen gehört u. a.:

  • ein Bewußtsein für die Prägung durch die eigene Kultur zu entwickeln;
  • kulturfremde Bedeutungsmuster zu erkennen und in der Interaktion Empathie mit Mitgliedern anderer Kulturen zu entwickeln;
  • kulturkongruentes Verhalten zu zeigen und kulturelle Unterschiede auch innerhalb von Fremdgruppen berücksichtigen zu können.

Methoden

Diesen Zielen und unserem Verständnis von interkulturellen Lernprozessen entsprechend kommen in erster Linie Lernmethoden in Frage, die:

  • implizit Gelerntes und unbewußte kulturelle Muster sichtbar machen und sich daher eignen, die verdeckte eigene Kultur der Wahrnehmung zugänglich zu machen;
  • kulturelle Wahrnehmung differenzieren und die Entwicklung von Deutungsmustern fördern;
  • dialogisches Lernen oder ein Lernen in der Gruppe fördern;
  • strukturierte Erfahrungen zu interkulturellen Konflikt-Themen ermöglichen;
  • eine Integration verschiedener Lernebenen zulassen;
  • die Einübung interkulturellen Kommunikations- und Kooperationsverhaltens fördern.

Die Methoden interkulturellen Lernens tragen dem Prinzip der Ganzheitlichkeit und Erfahrungsorientierung rechnung und helfen zugleich dem Lernenden, neue Erfahrungen konzeptionell zu integrieren. Dazu steht eine Auswahl neuerer spielerischer Methoden interkulturellen Lernens zur Verfügung, wie Simulationen, Rollenspiele, Selbsteinschätzung, Wahrnehmungs- und Interaktionsübungen, Arbeit mit Fallstudien und biographisches Erzählen.

Diese Übungen sind alle verhaltensorient. Mit ihnen lassen sich auch ungewohnte Verhaltensweisen im Schutzraum des Spiels erproben, denn die Gefahr, an der Aufgabe zu scheitern, ist ausgeklammert. Da die Situationen die gewohnten Erfahrungsmuster der Teilnehmer sprengen, werden sie vertraut mit ganz neuen Zusammenhängen, in denen Interkulturalität erfahrbar wird. Aus den hier gewonnenen Einsichten können sie aktiv Regeln für ein möglichst „konfliktfreies“ interkulturelles Verhalten ableiten.

Das Eigene und das Fremde

Das Baucamp in St. Petersburg hat sich als idealer Rahmen für interkulturelle Lernprozesse erwiesen. Es hat Formen der ganzheitlichen Bildung ermöglicht, die eine hochgradige Reflexivität und Sensibilität auf verschiedenen Persönlichkeits- und Lernebenen voraussetzen. Durch die klar definierten Vorgaben des Baucamps – den Spielplatz zu bauen, in einem Haus zu leben – und den im Vorfeld genau geklärten Zuständigkeiten war ein Schutzraum entstanden, in dem das Zusammenleben von Deutschen und Russen nicht als Zwang oder notwendiges Übel, sondern als spielerisches Experiment verstanden wurde. Die Erfahrungen, die die jungen Menschen mit sich und miteinander gemacht haben, wurden gezielt reflektiert. Sind die Erkenntnisse erst formuliert, kann das Gelernte später auch zur Umsetzung im eigenen Lebensumfeld genutzt werden.

Zunächst hieß es, sich die eigenen ererbten, kulturbedingten Denk- und Verhaltensmuster bewußt zu machen: Was ist typisch Deutsch an mir? Warum tue ich dieses so und jenes anders? Welche Muster sind antrainiert? Umgekehrt war zu fragen: Was erlebe ich in der Begegnung mit den Russen als "typisch russisch"? Wo erlebe ich Ähnlichkeit, wo Unterschiede? Die Begegnung mit den russischen Altersgenossen schärfte die Wahrnehmung für die eigene und für die fremde Kultur gleichermaßen. Mit dem neu erworbenen Wissen erweiterten die Teilnehmer ihr Verhaltensrepertoire. Sie fanden immer neue Wege, sich miteinander zu verständigen und die "kulturelle Kontaktsituation" zu meistern.

Experiment gelungen

Interkulturelles Training muß aber mehr sein als nur eine vorbeugende Maßnahme gegen die "Kulturschockerfahrung" und die Vermeidung von Mißverständnissen. Es geht vielmehr darum, Fähigkeit zu entwickeln, dem Neuen offen und kreativ zu begegnen, so daß eine fruchtbare Zusammenarbeit möglich wird. Die Fertigkeiten und Fähigkeiten sollen gebündelt werden, um gemeinsam ganz neue Horizonte zu öffnen und Ergebnisse zu erzielen, die ohne die Begegnung mit "dem Anderen" gar nicht möglich gewesen wären. Diese verstärkende Wirkung nennen wir "Synergie". Die Auswirkungen auf die Mitwirkenden sind die "Synergieeffekte".

Obwohl der Rußlandeinsatz nur 10 Tage dauerte, konnten neue Synergieeffekte entstehen, sowohl auf der individuellen Ebene als auch in der Gruppenleistung. Sie haben entschieden zur Zufriedenheit beigetragen, aber auch zur Identifikation, Motivation, Einsatzbereitschaft und persönliche Entwicklung – davon zeugen die von den Teilnehmern ausgefüllten Fragebögen, sowohl auf der russischen als auch auf der deutschen Seite. Was die Gruppenleistung anbelangt, war ein permanenter Anstieg der Arbeitsleistung, Kreativität, Innovation und Konfliktfähigkeit zu verzeichnen. Ein dynamischer und erfolgreicher interkultureller Lernprozeß.

Von

  • Moira Rogers

    Dr., Professorin an der Eastern Mennonite University in Harrisonburg, USA. Seit 2002 begleitet sie verschiedene Internationale Baucamps der OJC. Ziel ihres Engagements ist es, unsere Arbeit wissenschaftlich zu reflektieren und Lehreinheiten zu interkultureller Kompetenz durchzuführen.

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