Editorial über interkulturelles Leben

Liebe Freunde!

Es ist ein Doppeltes, das unser Leben sinnvoll macht: das Wissen um unseren eigenen und aller Menschen Wert und das Wissen, daß wir diese Bedeutung  nicht uns selbst verdanken. Wir brauchen Zuwendung, um Bedeutung zu haben. Daß aus einem Baby ein reifes Menschenkind wird, bleibt ein Wunder. Wer das einmal miterlebt hat, wird es nicht mehr vergessen. Es braucht die Zuwendung von vielen tausend Ansprachen: Stimme und Gesang, Blickkontakt und Körpernähe gehen dem Säugling „unter die Haut“, so lernt er  empfinden, hören – sprechen – denken. Wir erfahren unsere soziale Geburt im Dialog mit dem Du, ja wir empfangen uns selbst durch Ansprache und sind lebendig, solange wir antworten können. Als Beziehungswesen sind wir ein Leben lang darauf angewiesen.
Doch dieses In-Beziehung-Stehen ist umkämpft und schmal ist der Grat zwischen Faszination und Frustration, Erwartung und Enttäuschung. „Mein Egoismus“, „deine Ungeduld“ und „ihre Ansprüche“ machen es uns immer wieder schwer miteinander. Und je unvertrauter uns der andere ist, umso zerbrechlicher die Basis des Miteinanders.

Pfingsten im Alltag?

Wie gut, dass Jesus dieses fragile Miteinander in einen neuen Hoffnungshorizont gestellt hat: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20). Was für eine ermutigende Zusage seiner Gegenwart macht Jesus seinen Freunden! Hier kündigt sich bereits das Pfingstwunder und die Möglichkeit von weiteren vielen kleinen „Pfingstfesten des Alltags“ an. Was damals in Jerusalem begann, als Menschen verschiedenster Herkunft plötzlich einander in der Sprache des Herzens vernahmen („Wir hörten sie in unseren Sprachen von den großen Taten Gottes reden“ Apg 2,11), wirkt bis heute unter uns fort – manchmal unscheinbar, immer aber zukunftstiftend: Der Geist Christi überbrückt und führt zusammen, ermöglicht Versöhnung, stiftet Gemeinschaft, wo natürlicherweise Verste­hens­­­­ab­­­­gründe herrschen.

Clash of Cultures

Was an Spannungen schon im Umgang mit unseren Nächsten und Vertrauten aufreibende Wirklichkeit ist, entfaltet seine Wirkkraft noch explosiver in der Begegnung mit dem uns Fremden und Fernstehenden. Die Dimen­sion dieser Herausforderung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten enorm erweitert: Wir reisen in immer fernere Länder, leben in unseren Städten Haus an Haus mit Menschen aus anderen Kulturen und kommen durch die Globalisierung der Märkte auch als Konsumenten und Konkurrenten immer stärker mit dem Fremden in Kontakt: einerseits genießen wir die neue Vielfältigkeit internationaler Küchen, andererseits erleben wir die „Billiglohnländer“ als Bedrohung unserer Arbeitsplätze.
Was schon in der eigenen Kultur, Familie oder Ehe nicht einfach ist, wird hier – nicht nur aufgrund der Sprachbarrieren – häufig zum un­überwindbaren Hindernis: einander zu verstehen und zu erkennen, einander in der Andersartigkeit zu ergänzen und nicht zu bedrohen, einander recht stehen und nicht links liegen zu lassen.

Babel und die Folgen

Heilsgeschichtlich betrachtet muß man im Blick behalten, daß Babel Pfingsten vorausgegangen war. Eindrücklich erzählt die Bibel vom Versuch der Nachfahren Noahs, sich mit einem riesigen Monument in den Himmel zu heben, um Gott gleich zu sein (1. Mose 11). Gott hat diesen Versuch jäh unterbunden. Er „verwirrte die Sprache der Menschen“ und zerstreute sie in alle Länder. Wie tief dieser Eingriff war, wird erst klar, wenn wir gewahr werden, daß bis dahin „alle Welt einerlei Zunge und Sprache hatte“ (1. Mose 11,1). Seit damals ist das Einander-fremd-Sein eine Art dauerhaft spürbare Hintergrundstrahlung unseres menschlichen Lebens geworden. Und wo Fremde aufeinander trafen, lag Spannung in der Luft: man hat einander mißtrauisch  beäugt, beraubt und den Krieg erklärt. Es ist nicht selbstverständlich, daß Frieden und Friedensschluß zwischen Fremden möglich ist; es hat immer etwas mit dem Willen zu tun, die eigene begrenzte Sicht zu überschreiten und auch vom anderen her sehen zu lernen.

bauen - beten - begegnen

Wie die Brücke zum besseren Verstehen des Anderen ganz praktisch geschlagen werden kann, füllt die Seiten dieses Heftes. Eine Schlüsselstellung auf diesem Weg kommt den christlichen Gemeinden zu. Sie können Zeiten und Räume zur Verfügung stellen, in die Menschen fremder Herkunft und Kultur und der Heilige Geist sich eingeladen fühlen. Es ist das Potential jedes Hauskreises, eine Atmosphäre des Willkommens zu schaffen, einen Raum der Begegnung und des einander Wahrnehmens zu ermöglichen. Damit werden sie zu einem Hoffnungsort für ihre Umgebung.
Vom Beginn ihres Wirkens an hat die OJC-Gemeinschaft versucht, den weltweiten Horizont der Geschwisterschaft in Christus ernst zu nehmen. Sie hat in viele Begegnungen hin und her zwischen den Kontinenten, d. h immer in konkrete Menschen investiert und viel Freundschaft geschenkt bekommen. Ute Paul weiß vom Reichtum verschiedener Kulturen in der Einen Welt aus eigener Anschauung zu berichten. (S.216)

Interkulturell lernen

Seit nunmehr 11 Jahren laden wir regelmäßig Jugendliche aus ganz Europa und auch darüber hinaus zu internationalen Baucamps in unser Jugendzentrum ein. Die Ursprungsidee bestand darin, das Zusammenwachsen des europäischen Hauses durch Jugendbegegnungen von der Basis her zu unterstützen. Seit einigen Jahren haben wir unsere Baucamps in Reichelsheim durch Einsätze und internationale Jugendbegegnungen in Mazedonien, Kroatien oder St. Petersburg erweitert. (S.205) Viele hundert Jugendliche haben seither auf diese Weise trotz ihrer Unterschiedlichkeit die gemeinsame Zugehörigkeit zum selben Stamm der einen Menschheit entdeckt. Das Schaffen von Räumen, in denen Dazugehören und Teilnehmen erfahren werden kann, hat eine zeichenhafte Bedeutung für die Zukunft. (S.223)
 Um wenigstens die meßbaren Erfahrungen der Teilnehmer festzuhalten, haben wir in den vergangenen Monaten intensiv an der Auswertung und Weiterentwicklung der Jugendbegegnungen gearbeitet. Geholfen hat uns dabei vor allem unsere Freundin Dr. Moira Rogers, die 1994/5 für ein Jahr mit uns lebte und heute in den USA an der Eastern Mennonite University in Harrisonburg Sprachen und interkulturelle Kommunikation unterrichtet. (S.212)

Aus unserer Gemeinschaft

Vom 8.–19. September hatten wir wieder 11  kostbare, spannungsvolle und gesegnete Tage in unserer Jahresretraite. Ich bin sehr dankbar für die wachsende Qualität des Zusammenstehens der leitenden Mitarbeiter und der Assoziierten (Mitarbeiternachwuchs). Klassischerweise dauerte eine OJC-Retraite früher 21 Tage. Im vergangenen Jahr haben wir diese Tradition schon auf 14 Tage geschrumpft und in diesem Jahr noch einmal um 3 Tage gekürzt. Die neue Jahresstruktur mit Kommunitätstagen und –wochen macht das möglich. Rückblickend können wir dankbar festhalten: Wir haben noch nie so wenig gesessen wie in diesen Tagen, waren noch nie so gut vorbereitet, haben noch nie so viel Kreatives zusammen gemacht, noch nie soviel gelacht und noch nie so viel Raum für Gebet gehabt. Wir erlebten viel Kurzweil und doch Tiefgang miteinander und schlußendlich kamen mehr geklärte Beziehungen und neue Klarheit dabei heraus, als wir vorher zu hoffen gewagt hatten. Es war eine Zeit, in der Gott uns wirklich reich beschenkt hat.

Ende und Wende

Gerade die gewaltige äußere Anstrengung des Baus am „Haus der Hoffnung“ und der Spagat, gleichzeitig als Reichelsheimer und Greifswalder innerlich gemeinsam weiterzuwachsen, hatte uns in den vergangenen Monaten immer wieder Verspannungen und Muskelkater auf verschiedenen Ebenen beschert. Es ist ein großes Glück und bleibt Gnade, daß wir erlebt haben, wie Menschenherzen wieder zueinander finden, nachdem Zeitnot, Arbeitsfülle und menschliche Begrenztheit die Verbindung hatte holperig werden lassen.
 Auch finanziell brachte der Bau in Greifswald seit Jahresbeginn Lasten und Kosten mit sich, die wir so nicht eingeplant hatten. Gegenüber der Kostenplanung von Januar 2004 (Gesamtkosten 725.000 Euro) haben sich die Baukosten des Altbaus vor allem aufgrund einer  aufwendigen Hausschwammsanierung, anderer unvorhergesehener Renovierungen und notwendiger Umplanungen bis zur Fertigstellung um 250.000 Euro erhöht. Daß wir das mit einem „blauen Auge“ überstanden haben, verdanken wir Gottes Treue, der Erbschaft eines Freundes und Ihres Mittragens in den vergangenen Monaten. Auch wenn unsere finanzielle Situation angespannt bleibt, sind wir gewiß, daß die Investi­tion in das „Haus der Hoffnung“ in Greifswald zukunftsweisend ist.

Abschied von Weggefährten

„Ein Jahr Ewigkeit“ feierten wir am 23. August zum ersten Todestag unserer Mitgründerin Irmela Hofmann. Dankbar haben wir zusammen mit ihrem Mann Horst-Klaus in einer kleinen Feier der Segensspuren gedacht, die ihr Leben bei uns und vielen anderen hinterlassen haben. Erich Schneider, unser Steinmetz und Bildhauer, hat ein wunderbares Kreuz und eine originelle Grabplatte für sie geschlagen. Jesus lebt – möge diese Osterbotschaft ihres Lebens in viele Herzen weitergetragen werden!

In die Ewigkeit abberufen wurde im Juli unser Berliner Freund Wolfgang Ullmann. Der promovierte Pfarrer und Kirchenhistoriker war Mitgründer der Bürgerbewegung „Demokratie jetzt“  und des Runden Tisches der DDR und hatte zentralen Anteil an der friedlichen Revolution 1989. Für Bündnis 90/Die Grünen war er über Jahre Bundestagsabgeordneter und Mitglied des Europaparlaments. Bereits 1992 war er als Tagungsreferent bei uns in Reichelsheim. In den vergangenen Jahren habe ich ihn mehrmals in Berlin besucht und ihn als Freund und streitbaren Querdenker sehr schätzen gelernt.

Nach fünf Jahren gemeinsamen Weges ziehen unsere Schloßmitarbeiter und Landschaftspfleger Bernd und Nicole Remiger mit ihrer kleinen Tochter Florina weiter. In Karlsruhe wird Bernd eine pä­dagogische Zusatzausbildung beginnen. Wir sind sehr dankbar für die guten Jahre miteinander.

Im September sind wieder 18 junge Leute für ein Jahr zum „Experiment gemeinsames Leben“ in unsere Häuser gekommen, um mit uns das Jahr zu verbringen. Im nächsten Salzkorn werden Sie mehr von ihnen erfahren. Wir sind von Herzen dankbar, daß unsere Freunde bis heute zu uns gehalten haben. Tun Sie das bitte weiterhin – wir brauchen Ihren Rückhalt und Ihr Einstehen für unseren schönen, aber umkämpften Dienst.

Mit dem ganzen Team grüße ich Sie herzlich aus Reichelsheim und Greifswald, Ihr

Dr. Dominik Klenk
abgeschlossen am 2. Oktober 2004

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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