Brückenbauer des neuen Europa

Nachruf auf Joseph Rovan (1918-2004)

von Horst-Klaus Hofmann

Es geschah im Mai 1997 an "Tag der Offensive" in Reichelsheim. Der Pariser Professor Joseph Rovan kam mit zügigen Schritten in der Festhalle nach vorn ans Rednerpult und grüßte mit solcher Frische und Herzlichkeit, daß die 80 Lebensjahre unbemerkt blieben. Dann aber überraschte er uns mit einer kompromißlos scharfen Herausforderung, uns zu besinnen auf die unveräußerlichen Grundlagen unserer gemeinsamen europäischen Geschichte. Die Sätze peitschten in die Hörerschaft:
„Ohne Moses, Platon und Justinian haben wir keine gemeinsamen geistigen Vorfahren mehr. Die humanistische Grundbildung, die auf dem Alten Testament, der griechischen Philosophie und dem römischen Recht beruhte, wird immer seltener. Damit verschwindet aber auch die gemeinsame Grundlage der europäischen Kultur."
Einige von uns hat diese von Lebenskraft durchglühte "Beschimpfung" wachgerüttelt, auch in Zukunft die Wurzeln unserer europäischen Geschichte aufzudecken und weiter zu pflegen. Nicht zufällig ist in der Bibel nach einer vernichtenden nationalen Niederlage die Verheißung für den Neuanfang mit dem Hinweis verbunden, „von neuem nach unten Wurzeln zu schlagen und oben Frucht zu bringen" (2. Könige 19, 30b).

Am 24. Juli 2004 ist Joseph Rovan, unser Freund, ein Wegbereiter des Jugendaustausches zwischen Deutschland und Frankreich in der Vollkraft seines Alters im Urlaub beim Schwimmen in einem französischen Bergsee gestorben.
Wer war Joseph Rovan?
Im äußeren Ablauf seines Lebens treten einige Hauptzüge hervor.

Er war Deutscher

In München wurde er mit dem Namen Joseph Rosenthal in einer protestantisch-jüdischen Familie geboren und getauft... Sein Leben lang liebte er Deutschland. Als einer der Köpfe der französischen Widerstandsbewegung gegen die Nazis prägte er seinen Leuten ein: „Wir führen keinen nationalen Krieg gegen Deutschland, sondern einen internationalen Bürgerkrieg gegen Unrecht und Diktatur, für Freiheit und Demokratie. – Nicht alle Deutschen haben ein Herz aus Stein."

Er wurde Franzose

Als die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht kamen, mußte auch die patriotisch gesinnte Familie Rosenthal nach Frankreich fliehen. Mit dem neuen Namen Rovan machte der junge Joseph in Paris sein Abitur. Um Journalist zu werden, erlernte er das Zeitungshandwerk 1941 besetzten die Deutschen Frankreich. Er schloß sich der Widerstandsbewegung an, arbeitete in einer Druckerei und versorgt die Untergrundkämpfer mit gefälschten Personalausweisen.
1944 verhaftete ihn die Gestapo und er erlebte, erlitt und überlebte das Konzentrationslager in Dachau. Als junger Intellektueller in der Lagerschreibstube mit Karteiarbeit beschäftigt, konnte er am Zusammenführen der Franzosen mitwirken, die nach der Befreiung die neue französische Regierung um Präsident de Gaulle bildeten. In der Dachauer Schreibstube wurden nicht nur 25000 ausgehungerte Strafgefangene registriert, sondern monatlich 7000 neue Häftlinge aufgenommen und viele „Totenscheine" verbucht. Rovan erlebte das volle Ausmaß der Vernichtung und die Unmenschlichkeit dieses Lagersystems. Sein Buch Geschichten aus Dachau (dtv) berichtet aus dieser Erfahrung mit Nüchternheit, großer menschlicher Wärme und im Geist der Versöhnung.

Er blieb Brückenbauer

Er liebte die Kulturen in Frankreich und Deutschland. Von der ersten Stunde der Befreiung an arbeitete er für die Versöhnung. Vier Monate nach Kriegsende übernahm er schon die Redaktion der Pariser Zeitschrift Documents. Er kämpfte darum, "Deutschland wieder in das Orchester der europäischen Nationen aufzunehmen". Rovans Monatsschrift brachte den deutsch-französischen Kultur -und Jugendaustausch in Gang und begleitete ihn publizistisch. Er wollte das Verständnis der Franzosen für Deutschland und deren Kenntnisstand darüber verbessern. Hinter der Zuneigung vieler nicht nur linker Franzosen zum „guten" Deutschland DDR vermutete er einen „tatsächlich existierenden Anti-Germanismus" und berichtete dem linksrepublikanischen Frankreich von der vertrauenswürdigen Bundesrepublik. In der Regierung de Gaulle wurde er Generaldirektor der französischen Sicherheitspolizei.
Die Studentenunruhen vom Mai 1968 zerschlugen die traditionsreiche französische Zentraluniversität Sorbonne. Einige der 13 daraus hervorgehenden Universitäten waren experimentierfreudige Anstalten und beriefen berufsbewährte Quereinsteiger auf ihre Lehrstühle. So wurde der Journalist Rovan Professor für deutsche und französische Geschichte und ihr Ineinander. Das von ihm bis 2002 geleitete Bureau International de Liaison et de Documentation hielt die historischen Entwicklungen in den Zeitschriften „Documents" und „Dokumente" fest.

Joseph Rovan und Alfred Grosser, die beiden großen jüdisch-deutschstämmigen Franzosen veröffentlichten in „Documents" und wurden so zwei journalistische Brückenbauer zwischen den Völkern an beiden Ufern des Rheines („Zwei Völker, eine Zukunft").

Rovan und die OJC

In der Mitte der 60er Jahre begann mein persönliches Bekanntwerden mit Joseph Rovan in Mannheim. In unserem dortigen Haus in der Königstuhlstrasse 15 wohnte der politische Redakteur der Tageszeitung Mannheimer Morgen (MM), Wolfgang von Gropper. Rovan arbeitete auch als Pariser Korrespondent des MM. So kam er immer wieder in unser Haus. Dort lernte er unseren Malerfreund Rigo Schmidt kennen. Rigo schuf damals das Porträt von Joseph Rovan (1966). Nach seiner Reichelsheimer TdO-Rede im Mai 1997 schenkte er uns sein Bild für unser europäisches Jugendzentrum.
Zur Zeit schmückt es die Zentralbibliothek der OJC im Tannenhof. Das Bild hilft uns, die Erinnerung an Joseph Rovan wach zu halten. Es erinnert die nachrückende Generation der neuen Europäer daran, daß auch die Kommenden auf den Schultern ihrer Wegbereiter stehen.

Von

  • Horst-Klaus Hofmann

    (geb. 1928) arbeitete 19 Jahre vollzeitlich im CVJM und gründete zusammen mit seiner Frau Irmela die ökumenische Kommunität „Offensive Junger Christen“, die er von 1969-2001 inspirierte und leitete

    Alle Artikel von Horst-Klaus Hofmann

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal