Spielen, was Er mit uns vorhat

In Gottes Plan unseren Platz finden. Ein Essay


Der Jesuit Peter Lippert (1879-1936) wurde in der ersten ­Hälfte des vergangenen Jahrhunderts vor allem als Seelsorger und Rundfunkprediger und durch seine Artikel in „Die Seele“ und „Stimmen der Zeit“ bekannt. Er verfaßte über 30 Bücher, die von einer seelsorgerlichen Schau zeugen. Seine Werke, die heute am stärksten zu uns sprechen, sind als Briefe abgefaßt und bleibende Kostbarkeiten.
 

Was wollen wir heute spielen?
Nun zürnt mir nicht gleich, meine Freunde, weil ich mit dieser Kinderfrage zu euch komme! Ich weiß, was ihr denkt: Sind wir denn Kinder und haben wir denn Zeit oder auch nur Lust zu spielen? Ist es überhaupt je in unser Belieben gestellt, was wir tun wollen? Wann könnten wir je einen Tag mit einer so geruhsamen und ­erwartungsvollen Frage beginnen wie die Kinder?
Uns ist doch schier alles, womit wir unsere Tage anfüllen, vorgegeben und vorge­schrieben, Stunde für Stunde, Stück um Stück. Unsere berufliche Tretmühle, unsere Familie, Bekannten und Freundeskreis, unsere bürgerlichen Verpflichtungen, leiblichen Bedürfnisse, Notwendigkeiten und Nöte, alle diese getreuen Diener eines unsichtbaren Gebieters tragen uns in endloser Reihe die Aufträge zu, denen wir nachzukommen haben. Es reißt nicht ab, den ganzen Tag und die ganze Woche. Und es ist schon viel, wenn wir uns am Wochenende die schüchterne Frage vorlegen dürfen: Kann ich heute einmal ins Freie, ins Grüne, an den See oder in die Berge?
 

Was ist der Mühe wert?

So kommen wir wohl gar nicht dazu, jene abgründige Frage zu erleben: Worauf kommt es eigentlich an? Was soll der Mensch tun, damit es sinnvoll und wertvoll ist, sein Tun? Wenn wir einmal auf einige Jahre ganz freigestellt würden, so daß wir uns unser Schaffen und Wirken selbst auswählen könnten, dann würden wir gar nicht lange herumsuchen; jeder von uns hätte gleich eine Lieblingsarbeit oder eine Liebhaberei bereit, mit der er diese freien Jahre auszufüllen gedächte. Der eine von euch würde ein Buch schreiben oder ein Bild malen; ein anderer würde ein Gärtchen anlegen rings um ein Häuschen, irgendwo in einem grünen Grunde; ein anderer würde eine dringende und unumgänglich notwendige Erfindung machen oder eine Fahrt in die Strato­sphäre oder eine noch unvollbrachte Kletterei in irgend einem Gebirge der Welt; ein anderer würde die Weltwirtschaftslage endlich in Ordnung bringen. Und ich, ja, meine Freunde, ich gestehe es euch aufrichtig ein: ich würde gar nichts tun, wenigstens mir nichts vornehmen. So wären wir alle in den freien Jahren, die wir uns schon mit heißen Augen ausmalen, voll beschäftigt. Und vielleicht würden diese Jahre nicht ausreichen, um uns über vieles Staunen und Stolpern hinweg zu der Einsicht zu ­bringen, daß das alles ja noch gar nicht das ­Eigentliche, das Ausfüllende wäre. Vielleicht würden wir nicht vordringen bis zu der ­abgründigen und abgefeimten Frage: Welches Werk ist eigentlich das richtige, das befreiende, das notwendige? Was soll der Mensch tun, wenn er seiner Würde, seinem Lebensgefühl, seinem Geisthunger entsprechen will? Was ist der Mühe wert?
 

Was, wenn wir ganz frei wären?

Ich glaube, meine Freunde, wir alle würden steckenbleiben in dem scheinbar freigewählten Tun unserer Mußejahre, würden uns mit Emsigkeit und leicht beginnender Müdigkeit, mit einigen Erfolgen und vielen Mißerfolgen ihm widmen, ohne zu fragen: Warum willst du das eigentlich? Wir würden das nicht fragen, weil eben dieses freigewählte Tun nicht wirklich frei wäre. Auch dazu wären wir irgendwie bestimmt, berufen, ja gezwungen, freilich nicht von einer äußern Macht, einer Umwelt, einer Organisation, sondern von innen heraus, aus einem geheimnisvollen Drang, der in uns ist, aber doch über uns seinen Ursprung hat, aus geheimnisvollen Tiefen des Alls, mit ­unhörbaren Worten Gottes, unseres Schöpfers, über uns verhängt wurde.
Können wir uns freiere Menschen vorstellen als jene glücklichen, die ein gewaltiges inneres Gebot in sich spüren und die volle und weite Möglichkeit haben, diesem Gebot zu ­genügen? Sie fühlen den Drang, ein Kunstwerk zu schaffen, oder sie tasten einer fernen, leuchtenden Wahrheit nach, einem unentdeckten Weltteil im weiten Raum des Wirklichen, oder sie haben einen Auftrag an der Menschheit oder auch nur an einem Volke zu erfüllen; sie tragen in sich das unüberwindliche Verlangen, eine unbekannte Orchidee in südamerikanischen Urwäldern zu suchen oder die Raketenfahrt auf einen andern Planeten vorzu­be­reiten; sie müssen grübeln über ein Problem der Zahl oder suchen nach einer verlorenen Handschrift. Es ist gleich, was es ist, wesentlich ist das innere Gebot und die äußere Gunst der Zufälle, die es ihnen gestattet, ihrem innern Wollen zu leben, Jahr für Jahr, das ganze Leben hindurch. Können wir uns glücklichere Menschen vorstellen, weil sie so frei zu sein scheinen, so ungehemmt?
Und doch sind auch sie nicht frei, ihr Tun zu wählen; es ist für sie schon gewählt worden von ­jemand. Das Menschengeschlecht kam gar nicht dazu zu fragen, ob es aus der Tiefe der Eiszeit­höhlen ausziehen sollte hinüber in die Hochhäuser der heutigen Großstädte. Es wurde eben diesen Weg geführt, ja getrieben.
 

Was hat Bestand?

Siehst Du, werdet ihr nun sagen, wie abwegig deine Kinderfrage war: Was wollen wir heute spielen? Darum will ich nun meine Frage etwas abändern, nur um eine kleine grammatische Änderung: Was möchten wir wohl spielen, wenn wir spielen dürften? Denn das werdet ihr mir doch nicht ­ableugnen, daß uns ein Tun vorschwebt, wie eine schöne, ferne Vision, ein Tun, das auf jeden Fall der Mühe wert ist auch für uns, die wir schon durch die große Frage hindurchgegangen sind: Was ist eigentlich noch von Bestand und von ­Dauerwert, von rechter Menschlichkeit und von ewiger Göttlichkeit? Wir haben doch schon reichlich Zeit und Gelegenheit gefunden, alles durchzuprobieren, in Gedanken wenigstens und auch in Wirklichkeit. Und siehe, es ist uns nicht alles durch die Finger geronnen, nicht alle Blumen wurden uns entblättert, es sind uns doch immerhin noch Wünsche übriggeblieben. Wir möchten uns rühren dürfen unter der Berührung unseres Gottes. Wir möchten aufblühen und wachsen wie eine Pflanze, die er anschaut mit seinem sonnigen Lächeln. Wir möchten ihm in die Hand gegeben sein als hand­liches Werkzeug, mit dem er macht, was er will. Und dieses Tun und Rühren und Werden unter seiner sanften und starken Berührung, das wäre dann doch wohl eine Offenbarung Gottes. Es wäre ein Tun, dem man Gott anfühlt, an dem man etwas von seiner Schönheit, seiner Güte, seiner Freiheit und Weite, von seiner Kraft und Bestimmtheit, von seinem heiligen Willen und von seiner unerbittlichen Treue und von seiner unsagbaren Erbarmung innewird.
Ein solches Tun, von dem wir da träumen, wäre dann auch ein schöpferisches Tun, ein wirkliches Werden und Neuwerden. Man würde von dem Ergebnis unseres Tuns sagen können, was Gott selbst von den Werken seiner Hände sagen durfte: Siehe, sie waren sehr gut. Ach ja, meine Freunde, wenn alles, was wir in die Hände nehmen, gerade und aufrecht wäre und so gerade bliebe, unverbogen, unverkrümmt, unverzerrt! Wenn alles, was wir in Bewegung setzen, einen guten, einen ziel­strebigen, einen ausdauernden, einen erfreulichen Ablauf nähme, nicht halb und halb, nicht unecht und verdrückt, nicht verlogen und scheinheilig, ja, wenn alles, was wir machen, wenigstens gut gemacht wäre, durchgearbeitet mit Fleiß, mit Sorgsamkeit, mit Ehrfurcht, mit Hingabe, wenn durch unser Tun wirklich etwas in Ordnung käme, in die Reihe, ins rechte Geleise, wenn wir doch auch von unserem Werk sagen könnten, was Gott von seinem Wirken sagt: „Ich suchte auf, was verirrt, und was verloren ist, führe ich zurück: was verwundet ist, verbinde ich, und was krank ist, stärke ich, und ich bewahre, was gesund ist und stark“ (Hes. 43, 16)!
 

Wir sind Gottes Bild und Gleichnis

So würde dieses Tun also auch ein Wohltun sein. Ja, meine Freunde, sagen wir es nur gleich aufrichtig: Wir möchten durch unser Wirken die Welt und alles, was da ist, tiefer hineinrücken in das Sein, es fester begründen. Wir möchten, daß mehr Licht sei, daß es heller werde und wärmer, daß mehr Sterne scheinen, daß die Meere mit ihrer Unbändigkeit willfähriger und die Festländer gesicherter würden, daß alle Lufträume und alle Tiefen belebter würden, daß alles beseelter, wacher und wissender werde. Wir möchten sogar als Schlußstein unserer Schöpfungsarbeit den Menschen machen, auf daß der Mensch werde, wie er Gott vorschwebte an jenem sechsten Tag, der Mensch nach Gottes Bild und Gleichnis. Ach, müßte das ein schönes Schaffen und ein frohes Arbeiten sein, wenn wir zu all dem, was da ist, etwas hinzutun dürften, ein Tröpfchen Sein, einen Strahl von Licht, einen Funken von ­Leben, einen Hauch von Geist.
So wäre dann unser Tun, das wir erträumen, eine Nachbildung und Fortsetzung der gött­lichen Arbeit, die in ihrem Schaffen „die Himmel ausziert“. Es wäre eine Nachbildung und Fortsetzung der göttlichen Weisheit, die „von einem Ende zum andern reicht mit ihrer Kraft und alles schön an den rechten Platz stellt“ (Weis. 8,1). Aber seht, meine Freunde, nun kann ich ein triumphierendes Wörtchen nicht unterdrücken. Diese Weisheit Gottes ist eine spielende: „Sie hat ihre Freude alle Tage, ­spielend vor ihm alle Zeiten, spielend auf dem Erdenrund“ (Spr 8,30f.). Also käme es doch auf ein Spielen hinaus auch für uns und wir dürften also doch sagen: Was wollen wir heute spielen?
 

Spielplätze in unserer Seele

Wir dürfen darum nicht verächtlich vom Spielen denken, als sei es etwas Kindisches. Kindlich ist es, ja; denn die Weisheit Gottes, die sein eingeborenes Geisteskind ist, spielt vor ihm allezeit. Aber kindisch ist es nicht, weil es nicht töricht ist, sondern weise und von der Weisheit gespielt wird. Spielen kann etwas sehr Tätiges, ja sogar Anstrengendes sein, etwas Asketisches, was viel Selbstbeherrschung, Entsagung, Ausdauer und trotzige Kraft verlangt. Spiel ist eben keine Trägheit, es ist vielmehr höchste Kraft. Spielen heißt, eine ganz gelöste, unbefangene, krampflose Seele in sich tragen und in sein Tun hinein­legen. Spielen heißt, aus liebendem Interesse und mit kindlicher Freude an das Tun herangehen. Spielen ist ein Gehenlassen und ein Gewährenlassen, so wie man junge Kräfte spielen läßt; sie mögen sich tummeln, wie sie wollen, gleich einem Fohlen auf der Wiese. Das ist ihr Spiel.
Aber können wir denn so spielen, so gelöst, so frei, so freudig sein bei unserem Wirken? Ja, meine Freunde, wir können es, wenn wir wieder den Platz freimachen zum Spiel. ­Spielplätze in unserer Seele müssen wir wieder freimachen. Es steht da so manches im Wege: Wir nehmen alles so furchtbar ernst, wir spüren in allem nur die Last, die Not und das Leid; ja, das viele Leid, oder vielmehr das viele Denken an unser Weh füllt unsere ­Spielplätze aus. Ein Kind kann spielen, auch wenn es Zahnweh hat, aber sobald es einmal anfängt zu weinen aus Mitleid über sich selber, dann mag es nicht mehr spielen. Haben wir nicht zuviel Mitleid mit unsern vielen ­Nöten? Und dann der Erwerb stört uns beim Spiel, nicht der Broterwerb an sich, sondern das Erwerben- und Verdienenwollen, das ­Erraffenwollen, die hastige Unersättlichkeit, der Gram über jeden noch nicht erworbenen Mammon, der Geiz, mit dem wir unserem ­Besitz dienen; ein Geizhals kann nicht spielen, es sitzt ihm zuviel Angst und Enge und Verkrampfung in der Seele.
 

Hauptsache kämpfen?

Am meisten aber stört uns beim Spiel unser Kampf und Kampflärm. Schlachtfelder sind keine Spielplätze. Wir müssen freilich kämpfen – Gott sei es geklagt – kämpfen um das tägliche Brot, um die Erhaltung des Daseins, um das nackte Recht, um das bißchen Lebensluft, ja, selbst um das Wenige an Lust und Freude, das wir brauchen. Aber wir haben diesen Kampf in die Mitte unserer Gedanken geschoben, wohin er gar nicht gehört; wir haben ein Lebensziel daraus gemacht, des Lebens Erfüllung ist unser Kampf geworden. Freilich füllt er alle unsere Tage und Jahre, alle unsere Jahrhunderte aus, aber das bedeutet doch nicht, daß er des Lebens Erfüllung sein könne. Wir meinen immer, daß wir neben dem Kampf nichts mehr tun könnten. Und doch ist er nur eine Vorarbeit und eine Nebenarbeit, eine Ordnungsarbeit, ein Jäten ist er, aber keine Ernte und nicht einmal ein Wachstum oder Blühen; schon bevor man Unkraut ausreißt, ist doch mancher fruchtbare Keimling in die Erde gesenkt, der dem Reifwerden entgegenwächst.
Meine Freunde, wir können nicht warten, bis wir alle unsere Feinde erschlagen haben. Wenn wir dann erst anfangen wollen, uns des Lebens zu freuen und Hymnen zu singen und Gottes Spiele zu spielen, dann kommen wir nie dazu; denn Feinde werden uns immer umringen. Seht, wie bewundernswert ist doch der arme Künstler, der hungernd, frierend und ­fiebernd in seinem Dachstübchen sitzt und an seinen Gestaltungen schafft. Er will mit dem Schaffen nicht warten, bis er das Hungern und Frieren beseitigt hat. Wenn auch diese Feinde an seinen Kräften zehren, einiges von diesen Kräften will er doch retten für sein schönes Schaffen, nicht alle seine Kräfte will er ausgeben zum Niederschlagen seiner Feinde. Die Zeit will er ausnützen zu etwas, das besser ist als aller Kampf, zu einem Wirken, das mehr ist als Notwehr, zu einem Spiel seiner inneren Melodien.
 

Gottes Spiele spielen

Kommt, meine Freunde, laßt uns etwas Schönes schaffen, etwas Helles, Liebliches und Göttliches, auch wenn uns unterdessen Feinde bedrängen und quälen, obzwar es nach meiner Meinung nicht viele Feinde gibt, die spielende Kinder morden. Wir denken zuviel an mögliche Feinde, und so schaffen wir uns Feinde; wir sind allzu kampfgerüstet, und das grimmige Gesicht, das wir machen, erfüllt die Welt mit Angst vor uns, so daß auch die ­andern Lebewesen nicht dazu kommen zu spielen, sondern nur an Kampf und Notwehr denken. Wir sollten weniger von Selbst­behauptung reden, vielmehr gewähren lassen, uns und die andern. „Lasset die Kindlein...!“ Wenn wir so sehr darauf ausgehen, andern ­unsern Willen aufzuzwingen, dann werden wir freilich keine Zeit und Ruhe mehr haben, die schönen Kräfte in uns und in den andern sich entfalten zu lassen.
Es gäbe schon Zeiten und Räume, um in ­ihnen zu spielen, wenn wir sie nur freimachen wollten. Wir könnten uns zuweilen die Frage stellen: Was wollen wir heute spielen? wenn wir nur erst zum Spiel aufgelegt wären. Es ­gäbe Schauspiele, wundervolle Geschichten, die wir vor Gottes Augen aufführen könnten, es müßten nur nicht immer Trauerspiele sein, die einen tragischen Ausgang nehmen. Es liegt Gott wahrlich wenig daran, daß unsere ­Geschichten immer mit Mord und Totschlag ­enden. Er selber hat sogar dem ganzen großen Schauspiel der Natur und der Menschen­geschichte einen fröhlichen Ausgang ersonnen. Und solch fröhliche Dichter und Spieler möchte er auch in uns sehen. Er ist wahrlich nicht gegen das Lachen und gegen den Scherz. Gerade das Menschentun, das von symbolischer Kraft wäre, ein Gleichnis des göttlichen Wirkens, kann nur fröhliches und frohmachendes Tun sein, ein Heilen und Erlösen, ein Aufrichten und Lebendigmachen.
 

Ein großer Liebender

Aber ich sehe schon, meine Freunde, daß eure Verzagtheit nicht ganz weichen will. Und sie kann auch nicht ganz weichen. Es bleibt eben doch wahr, daß wir nicht viel zu über­legen haben: Was wollen wir heute spielen? Es bleibt bei dem täglichen und jährlichen Frondienst, in den wir eingespannt sind. Aber seht, auch dieses aufgegebene Pensum könnten wir doch wie ein Spiel angreifen und erfüllen, wenn wir nur eine freie unbefangene und freudige Seele mitbrächten, wenn wir nur mit einem fröhlichen Ja uns an die Werktische setzen wollten, an die wir gebannt sind; denn wißt, man kann auch Erzwungenes mit freier Seele vollbringen, weil der Zwang doch nicht ganz durchgeht, nicht bis ans Ende reicht. Wenn es auch Schergen und Büttel sind, die uns unsere Lebensarbeit, unsere Lebensplage, unsere Lebensmarter aufhalsen, sie sind doch nur Diener eines Größeren. Und dieser ihr ­großer Herr ist auch ein großer Liebender. Er lenkt sein Schifflein über die Wellen, um zu uns zu fahren, und alles, was uns begegnet, ist ein Stückchen Weg, auf dem er uns näherkommt. Er spielt mit den Rudern seines Fahrzeugs, so daß wir ihn zuweilen gar nicht mehr sehen hinter den großen Wogen, die er aufwühlt. Aber lassen wir ihn spielen mit Rudern und Wogen, er kommt ja doch zu uns.
So wollen wir die Ruder in die Hand nehmen, an die wir geschmiedet sind, und auf die Wogen hinausfahren, die uns schier ­allen Ausblick versperren; denn seht, meine Freunde, gerade über diese Wogen geht der Weg zu Ihm. Selbst der törichteste Zwang endet irgendwo in Freiheit, und die dunkelste Verlassenheit ist nur ein Torweg zum Beisammensein, das gleichgültigste und sinnloseste Tun ist wie ein Brückenbogen, über den wir gehen, und das häßlichste Schicksal ein Schleier, hinter dem die Schönheit steht. Darum nehmen wir all das frei und lässig, sorglos und unbeschwert in unsere Hände. Wir nehmen es nicht schwerer als ein Spiel, das man eben spielt, bis die Zeit vorüber ist, aber auch nicht gleichgültiger und teilnahmsloser als ein Spiel, mit dem ein Kind seinen Tag ausfüllt, ernst und hingegeben, aber stets bereit, es liegen zu ­lassen, wenn die rufende Stimme aus dem Hause klingt und ihm sagt: Nun komm!
Meine Freunde, so darf ich also doch die Kinderfrage noch einmal stellen und sogar ­eine Antwort geben, so gut ich sie verstehe: Was wollen wir heute spielen? Ach, meine Freunde, laßt uns spielen, was Er mit uns vorhat! Lassen wir Ihn tun, wie Er mag! Und dieses unser Gewährenlassen soll sein wie ein Spiel: heiter, sorglos, frei und unbefangen, ­ohne Krampf und ohne Hast, ohne Angst und ohne Trübsinn. Kommt, laßt uns heute und ­allezeit spielen, was Gott mit uns tut!
 
Diesen Text haben wir entnommen aus: Einsam und Gemeinsam, 2. Aufl., Freiburg 1937, S. 30-45

© Deutsche Provinz der Jesuiten, München

 

 

 

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