Kindschaft, Kampfhorizont und Kursverfall

Von der Einführung der neuen Währung mit dem Wasserzeichen Christi

 
In unseren Kommunitätstagen Ende April nahm ­Dominik Klenk in einem geistlichen Impuls etwas von dem auf, was die Gemeinschaft in den letzten Wochen beschäftigt hatte, und betrachtete es im Licht des Films „Die Passion Christi“. Wir möchten das gerne mit Ihnen teilen. Der Charakter der spontanen Rede wurde erhalten.
 
Er hat ein Gedächtnis gestiftet
seiner Wunder,
der gnädige und barmherzige Gott.
Psalm 111,4
 

Ursprünglich hatten wir es natürlich für die Kinder gedacht: Wir (zwei Väter) sind am Samstagmorgen in einer etwas gewagten Kletteraktion unter Zuhilfenahme einer sieben Meter ­langen Leiter auf die zwei schönen, parallel gewachsenen Bäume in unserem Garten ­gestiegen. Mit langen Seilen haben wir dann einen etwa 4 1/2 Meter langen Stahlträger nach oben gezogen. Er hängt jetzt zwischen zwei dicken Buchen und ermöglicht uns und anderen das wahrscheinlich spannendste Schaukel­erlebnis, das in der Umgebung zu finden ist. Es folgte ein in besonderer Weise bewegtes Wochenende: Frühlingsfreude und Lebenslust wurden greifbar. Das Schaukeln hat Klein und Groß von überallher angezogen und alleine im Zuschauen wurde auf so wunderbare Weise erlebbar, wie aus Erwachsenen wieder Kinder werden. Das war einfach sehr, sehr schön und beglückend.
 
Am Bild der neuen Schaukel ist mir noch einmal aufgegangen, wie entscheidend für ­unser Leben und gerade auch für unsere Höhenflüge ein festes Fundament, ein gesicherter Rahmen ist. Wenn der nicht gegeben ist, wenn man da nur zwei wackelige Stelzen hat und oben ein morsches Holz oder ein dünnes Seil, dann wird das ganz schnell ein sehr gefähr­liches Unterfangen. Deshalb sind wir gerufen, uns immer wieder zu versichern und bewußt zu machen, welche Pflöcke uns Halt geben und welcher Querbalken uns eigentlich trägt.
 

Giftpfeile der Verleumdung

Unser Kampfhorizont der letzten Wochen hatte für mich viel mit einem Giftpfeil der Verleumdung zu tun, der bewußt gegen unsere Gemeinschaft abgeschossen wurde und der mich sehr getroffen und innerlich beschäftigt und durchgerüttelt hatte. Ich merkte erneut: Natürlich gibt es die großen, wichtigen geist­lichen Kampfhorizonte, in denen wir stehen. Aber es gibt auch die kleinen Tretminen vor Ort. Auch die können es einem richtig schwermachen und versuchen, uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Und sie ziehen Fragen und Zweifel nach sich, die verunsichern: Lohnt es sich überhaupt, was wir hier tun? Sind nicht sowieso alle gegen uns? Warum werden wir nicht unterstützt? Warum tue ich mir diese Anstrengung an?
Ihr erinnert Euch an unsere kostbaren Bibelstudien über Nehemia – die Taktik des Feindes ist Verwirrung, Verdächtigung und Entmutigung. Deshalb war ich sehr dankbar für jede Gebetsgemeinschaft, die wir in diesen Tagen hatten, denn mir wurde neu bewußt, wie schnell wir auf der menschlichen Ebene ­„anzuschießen“ und zu verunsichern sind. Eben darum ist es das Wichtigste, daß wir in einem anderen Fundament verankert sind, als nur darin, daß wir uns zwischenmenschlich gut verstehen und gerade keine allzu heftigen Auseinandersetzungen auszustehen haben.
In meinen nicht so geistlichen Momenten, wenn der „alte Mensch“ durchschlägt, denke ich an „Zurückgeben“, an Aufgabe und Rückzug oder an Beziehungsabbruch – das, was man halt so tut, wenn man sich verleumdet und verraten fühlt. Wir müssen uns klar­machen: Genau damit hätte der Feind ja ­erreicht, was er wollte: Spaltung, Trennung, Zerbruch. Das ist sein Werk. Ich habe sehr deutlich gespürt, daß und wie dieser innere Kampf zwischen Entmutigt-Werden und Jetzt-zeigen-wir-es-Euch mich richtig zermürbt hat.
 

Sonntagsgeschehen

Das Ganze bekam am Sonntagabend eine sehr dynamische Wende. Da habe ich im Grunde das getan, was wir in den drei Wochen zuvor schon miteinander getan haben: uns die Passion Christi vor Augen gestellt. Diesmal allerdings ganz anders – nämlich ­unter der Regie von Mel Gibson. Zu dritt ­waren wir in „Die Passion Christi“ gegangen. Lange hatte ich mit mir gerungen, ob ich mir das wirklich zumuten will. Wider alle Verrisse in der Presse haben mich vor allem die ­Berichte von anderen, die der Film tief ­ergriffen hat, zu diesem Experiment bewogen.
Um es schnörkellos und direkt zu sagen: ­Sowohl während des Films, aber vor allem danach, habe ich Gottes Gegenwart sehr leibhaftig erfahren. Ich habe das Kino so erschüttert und gleichzeitig so gestärkt verlassen, daß die erwähnten Kämpfe der letzten Wochen mir als leichte, ja freudige Last erschienen in Anbetracht dessen, was Jesus wirklich für uns getan hat. Angesichts seiner Passion sind die Dinge, die wir zu tragen haben, leichtes Gepäck.
Der Film war ein großes Geschenk für mich, denn er hat sehr stark zu mir gesprochen. Das kann natürlich für andere anders sein, aber ich habe empfunden, daß es vielmehr ein Gemeinschaft stiftender Film als nur ein „brutaler Streifen“ ist. Ich ging unglaublich gestärkt und mit einem tiefen Verlangen nach Dank Jesus gegenüber nach Hause. Kaum je zuvor war ich mir so gewiß, daß Jesus der Wendepunkt der Geschichte und der Heiland der Welt ist.
Man traut sich das ja kaum zu sagen nach den erschütternden Bildern, aber die ganze Rückfahrt im Auto haben wir nur Lob- und Danklieder gesungen, miteinander gebetet und Gott gepriesen.
 

Die Bosheit entmachten

Der Film ist so gewaltig und greift so in die Tiefe des eigenen Lebens, daß man danach kaum Worte zum Gespräch miteinander findet. Aber – das war meine Erfahrung – man kann singen. Leise, zart, aber gewiß, daß der Lobpreis die sichere Niederlage des Teufels und seiner Zerstörungsmächte bekräftigt und uns mit Christus verbindet. Sein Sieg wollte ­besungen sein, und das war eine schöne, heil­same Erfahrung.
Ganz offenbar wurde mir noch einmal, wie Jesus sich hineingestellt hat in das, was im ­Alten Testament z.B. im Jesaja Kap. 50 prophetisch ausgesprochen ist: „Ich bot meinen ­Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.“ Und in Psalm 22: „Ein Wurm bin ich, kein Mensch mehr – Gespött der Leute, alle behandeln mich wie Dreck. Eine Meute übler Verbrecher umkreist mich, gierig, wie wildernde Hunde. Hände und Füße haben sie mir durchbohrt. Schon teilen sie meine ­Kleider unter sich auf und losen um mein Gewand.“ In diesen Abgrund menschlicher Bosheit, in den der Psalmist 1000 Jahre zuvor hineinbetete, ist Jesus gestiegen, um ihn zu durchschreiten, zu durchleiden und zu entmachten. Das, was wir oft nur noch formelhaft bekennen, bringt dieser Film in einer ganz eindrücklichen Weise ins Bild: Die Passion Christi.
 

Eine neue Währung

In dem visuellen Mitleiden und Miterleben des gnadenlosen Verrats, der Geißelung, des Geschunden-Seins, der Verhöhnung und des Bespucktwerdens Jesu habe ich in bisher nicht gekannter Tiefe erlebt, was Jesus um der Welt und der Menschheit Willen gelitten hat. Der Film hat die Gegenwärtigkeit und Gültigkeit seines Leidens noch mal ganz neu in meinem Herzen versiegelt. Es ist unfaßbar, es war ­unmenschlich, aber es ist christusgemäß! Er hat es getan. Er hat die Liebe um unseret­willen durchgehalten und nicht verraten. Dieser ­Aspekt ist mir noch einmal ganz wesentlich geworden: Jesus hat der Menschenverachtung, der Bosheit, dem Haß, der in jeder Silbe, in jeder Szene dieses Films durchdekliniert wird, die Stirn geboten. Diesen Kampf hat er aufgenommen, aber er hat nicht mit gleicher Münze zurückgezahlt, sondern er hat eine neue Währung für die Menschheit eingeführt – eine ­global gültige Währung, die eine Inflation der alten, der harten Währung einläutete: Haß, Bosheit und Gewalt heißt die Münze der alten Zeit. Die neue, stärkere Währung mit dem Wasserzeichen Christi heißt Dulden, Erleiden, Vergeben, Heilen, Lösen. So löst er die Menschheits-Verschuldung gegen Gott und durchbricht den Teufelkreis der menschlichen Haßspirale. Und wir können nun seiner Spur folgen, indem auch wir nicht mehr nach dem alten System mit gleicher Münze heimzahlen. Das ist der Jesus gemäße Weg, den ER für uns gebahnt hat; der neue Hoffnungs-Horizont, den ER für uns eröffnet hat.
 

Die Heilsökonomie Jesu

Das Bild von der neuen Himmels-Ökonomie, die er zum Einsatz bringt, hat mich ­weiterbewegt in den letzten Tagen: sie ist eine „Heilsökonomie“, ein Heilsgeschehen. Er selbst hat den Preis bezahlt; mit seinem Leben und mit seiner Hingabe an Gott, seinen Abba-Vater, hat er das Stiftungskapital der neuen Zeit eingelegt. Dieses Kapital, diesen Schatz abzurufen, nicht nach der alten, sondern in der neuen Währung, davon spricht auch Offenbarung 3,17-18: „Du sagst, ich bin reich und ­habe alles im Überfluß, es fehlt mir an nichts, und dabei merkst du nicht, in was für einem jämmerlichen und erbärmlichen Zustand du bist – arm, blind und nackt. Ich rate dir: ­Kaufe bei mir Gold, das im Feuer gereinigt wurde, damit du reich wirst.... Darum kehre um!“
Die neue Währung ist ewigkeitstauglich im Gegensatz zur alten. Wo wir heute schon von der Vergebung leben, lieben, verstehen und uns hingeben, geschieht ein Stück Ewigkeit in unserer Welt. Im Bewähren der Nachfolge Christi und im lebensmäßigen Eintauschen der alten gegen die neue Gold-Währung dürfen wir vom Gewinn dieses Stiftungskapitals ­leben und austeilen – auf daß die Liebe, die in Fülle bei ihm ist, weiterfließt zu anderen.
 
Ich hoffe, daß die innere Glut dieser Tage im Alltag nicht so schnell wieder erstickt wird, sondern weiterbrennt. Das hängt aber mehr von der himmlischen Sauerstoffzufuhr ab als von meinem guten Willen. Ich bin dankbar, daß es immer wieder neue Begegnungen gibt, die einen wirklich berühren und verändern.
Denjenigen von Euch, die in der Presse vielleicht gelesen haben, wie schockierend der Film sei, möchte ich zur Ermutigung sagen, daß er für mich längst nicht so brutal wie der „Herr der Ringe“ (Teil 1) war. Er ist von ganz anderer Art, es geht um Jesus. Das real-brutale Geschehen wird ertragbar, weil Gott dieses   Unrecht zum Heil gewendet hat.
 

Das Geheimnis der Hingabe

Worin lag das Geheimnis von Jesu Tun? In dem bedingungslosen Ja zum Willen des Vaters. Das ist die Haltung, bei der ich oft merke, da bin ich noch „Anleger im alten System“, bei dem es mir näher liegt zu überlegen, wie kann ich es meinen Peinigern und Konkurrenten heimzahlen. Hier liegt eine der großen und zentralen Herausforderungen für uns: Welche Kämpfe wollen gefochten sein und welche wollen wir Gott getrost überlassen und in ­seine Hand zurücklegen? Im Letzten hat Jesu Leben, Sterben und Auferstehen alle Fragen für uns beantwortet. Wir stehen auf dem ­Boden dieses Sieges, dürfen von daher leben und unsere Entscheidungen treffen.
Und wir dürfen gewiß sein: Dieses Fundament, dieses Stiftungskapital Jesu, trägt uns auch in den Kämpfen der Zukunft, in die wir verstrickt werden. Wir müssen viel weniger strategisch vorgehen als wirklich im Vertrauen uns Gott zur Verfügung stellen. Das wünsche ich mir von Herzen, daß wir das neu mitein­ander tun und ganz besonders, daß ich das lerne, denn es ist natürlich ein Weg der Demut und der Unsicherheit. Man legt die Waffen erst einmal aus der Hand und horcht.
Die entscheidende Passage im Film war für mich die Szene der Bergpredigt, als Jesus seinen Jüngern die Feindesliebe nahebringt: „Liebt Eure Feinde, segnet, die Euch fluchen. Wenn Ihr nur Eure Freunde liebt, was habt ihr für einen Gewinn.“ Die Freunde lieben, das ist einfach, das kann jeder. Aber die Feinde? Das ist der Moment der Einführung der neuen Währung unter seinen Nachfolgern. In diesem Moment setzt Er den göttlichen Euro in Kraft. Das ist mir zentral hängengeblieben: Segnet, die euch fluchen! Das gibt eine unglaubliche Freiheit, die Konflikte unseres Lebens los­zulassen im Vertrauen, daß Gott hinter uns steht und schon bezahlt hat. Auf diesem Fundament und zwischen diesen Balken hängt unser Leben sicher – und wir dürfen freudig, ausgelassen und gehalten wie die Kinder daran schaukeln.    

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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