Editorial zu "Spielend dem Himmel entgegen"

Wer nicht zu spielen wagt, wer selbst­herrlich die Zeiten bestimmt, enthüllt seinen tiefen Unglauben. Gegenwärtig, aber überzeitlich sollen wir leben.
Eugen Rosenstock-Huessy (1888-1973)

Liebe Freunde!

 
Spielst Du mit mir?“  Diese sehnsüchtige und hartnäckig fordernde Kinderfrage bringt uns Erwachsene gern in Wallung. Mit geröteten Ohren und latent schlechtem ­Gewissen blicken termingeplagte Väter dann nervös auf die Armbanduhr und überforderte Mütter hören sich gereizt „ja gleich, aber ich muß eben noch…“ sagen; – oder umgekehrt. Doch die Frage kommt wieder – Gott sei Dank. Und die Antwort kommt nicht immer wie beschrieben – Gott sei Dank. In unseren von Terminkalendern und Effi­zienz bestimmten Tagen ist diese kleine Frage von besonders herausfordernder Art, wenn man sie ­zuläßt: sie klopft direkt an die Türe unseres ­Herzens. Sie will Gegenwart. Sie sucht das Jetzt.
 

Von Kindern lernen?

Die Gegenwart des anderen zu suchen und zu ­beanspruchen ist für Kinder lebensnotwendig, ihre Frage berechtigt. Mit dem Erwachsenwerden allerdings versiegt dieser lebendige „Gegenwartsstrom“ normalerweise langsam. Der Alltag wird kom­plexer, Verantwortungen werden größer, die ­Dienste mehr – das Leben verplanter und aufgabenorientierter. Zur Frage nach dem gelingenden Leben kommt die Frage nach dem Zeitmaß: wieviel „verarbeiten“ wir und wieviel „verspielen“ wir? Wer oder was hat unser Leben im Griff?
Jesus wußte um diese Spannung und hat seine Nachfolger ermutigt, „zu werden wie die Kinder“ und unsere lebenslange Kindschaft gegenüber Gott nicht an den Rand, sondern ins Zentrum unseres Lebens zu stellen. Er geht sogar so weit zu sagen, daß nur wer den Geist des Kindes hat, Zugang zum Reich Gottes findet.
Als offensive und eher kämpferische Gemeinschaft wollen wir dieser Herausforderung nicht ­ausweichen und haben darum diesmal ein „spielerisches Heft“ gestaltet. Die wesent­lichen Fingerzeige haben uns selbst inspiriert, wurden von uns durchlitten oder berichten von der empfangenen Freude im Erleben dieser Kindschaft.
 

Berufung und Sendung

Tatsächlich hat uns als OJC-Gemeinschaft die Bedeutung der Kindschaft in den vergangenen drei Jahren intensiv beschäftigt. Dreierlei ist uns dabei aufgeleuchtet: Die Berufung zur Gotteskindschaft ist die erste Berufung jedes einzelnen Christen, wobei wir auf die Erneuerung unserer Lebens-Beziehung zum Vater ­angewiesen bleiben. Unsere zweite Berufung liegt in der Berufung in die Gemeinschaft mit anderen Brüdern und Schwestern. Auch diese Berufung ist gegenwartsintensiv, braucht viel Gespräch, Begegnen, Erzählen und geistliche Gemeinschaftszeiten. Erst die dritte Berufung des Christen gilt dem Auftrag, dem Dienst. Besser würden wir hier wohl von der Sendung zum Dienst sprechen.
Es bleibt eine dauernde Herausforderung, den Kanon des eigenen Lebens in diesem Dreiklang gestimmt zu halten und nicht nur „einsaitig“ zu spielen und damit eintönig zu werden.
 

Not-wendende Entschleunigung

Daß wir als Offensive von unserer Berufungs­geschichte her dynamisch und weltzugewandt leben und arbeiten, liegt auf der Hand. Unser menschenintensiver missionarisch ausgerichteter Lebensstil hat in den letzten drei Jahrzehnten segensreich gewirkt. Auf die Dauer hatte die Einseitigkeit eines vor allem am Dienst orientierten Alltags aber nicht nur glänzende, sondern auch schmerzhafte Seiten gezeigt. Unsere Maßlosigkeit führte bei vielen von uns zur Überforderung und zum Verblassen der eigenen lebendigen Gotteskindschaft. Wo das Leben allein vom Tun her seine Identität erhält, da trocknen die Zuflüsse kreativer und schöpferischer Hingabe­bereitschaft langsam aber sicher aus.
Ganz kreatürlich hat die Verjüngung der Gemeinschaft durch junge Familien mit ­kleinen Kindern das Tempo des OJC-Schiffes in den vergangenen drei Jahren gedrosselt. Die geballte Gegenwart der Kinder ist eine „freudige Last“, die uns neu nahelegt, ­jenseits unserer Dienste nach den richtigen Prioritäten zu suchen. 
 

Ändert euch!

Den Zugang zur eigenen Kindschaft auch als Erwachsener wieder zu finden, liegt in der Wiederentdeckung des spielerischen und zweckfreien Empfangens. Ich darf aus Quellen leben, die ich mir nicht selbst schaffe und erarbeite, sondern aus denen ich – jeden ­Morgen neu – schöpfen kann. Uns Gott gegen­über zu öffnen, von dem wir wissen, daß wir „in ihm leben, uns bewegen und sind“ (Apg 17,28), das verwandelt uns, ­davon gibt Dr. Stuart Checkley anschaul­ich Bericht.
Solche inneren Kraftquellen sind lebenswichtige Speicher und Rückzugsräume in einer Welt, die vom Leistungs- und Erfolgs­denken bestimmt ist. In Römer 12,2 ruft Paulus uns zu, unseren Denksinn zu erneuern, uns nicht dieser Welt gleichzustellen und umzukehren. Das zielt darauf, sich nicht den Aufgaben, den Zwecken – auch nicht den frommen – , dem alles durch­dringenden Effizienzdenken zu unter­werfen und so taub für Gottes Rufen und unwirksam für seine Sache zu werden.
Stattdessen gilt es, nach oben offen zu bleiben für das Unerwartete und Unvorhergesehene, denn der Geist Gottes kommt fast immer unerwartet. Und wer empfängt ihn, wenn wir immer schon beschäftigt sind?
 

Von den Geschwistern lernen

Eine weit ausstrahlende jüdische Erneuerungsbewegung in Europa waren die Chassiden. Zwischen dem 17.-19. Jahrhundert breitete sich diese Bewegung vor allem in Osteuropa aus. Sie war geprägt von an­steckender Fröhlichkeit und vom Bestreben, Gott aus den Synagogen „zu befreien“ und in den Alltag hineinzuziehen. Wer den überlieferten literarischen Schatz chassidischer Weisheit erkundet, der wird vor ­allem die spielerischen Aspekte und den Humor in den Geschichten über den Ernst des Lebens schätzen lernen. In dürren und schweren Zeiten brachten die geistlichen Leiter den Gläubigen wieder das Singen, Spielen und Tanzen bei. In die Herzens- und Lebenshaltung solcher Gotteskindschaft hineinzuwachsen, könnte auch unser weithin verkopftes Christentum wieder neu zum Klingen bringen.
Auch unsere Kirchenjahr-Feiern sind ja letztlich „gespielte“ und vergegenwärtigte Erinnerungen. Wir erinnern uns immer neu der Gottesgeschichte und -geschichten inmitten unserer Zeitläufte. In unserer ­Gemeinschaft wird das besonders deutlich in der Kar- und Osterwoche. Seit Jahren begehen wir den Gründonnerstagabend in Anlehnung an die jüdische Sederfeier mit der ganzen Großfamilie und vielen Gästen. (S.103) Man kann hier etwas nacherleben und erahnen von der identitätsstiftenden Kraft, die es den Juden ermöglicht hat über drei Jahrtausende hinweg ihre Kultur in anderen Kulturen zu bewahren. Die gefeierten Feste bilden die Glut der Erinnerung, die uns für kommende Zeiten wärmt. Schon Goethe schrieb verheißungsvoll über die Gabe der Erinnerung: „Wer nicht von 3000 Jahren sich weiß Rechenschaft zu ­geben, bleibt im Dunklen unerfahren, mag von Tag zu Tage leben.“
 

Wachsendes Freundesnetz

Eine neue Freundin wurde uns in der Begegnung mit Astrid Eichler geschenkt. Die Pfarrerin und Evangelistin lebt und arbeitet in der Prignitz, Brandenburg. Sie war im März während ihrer Sabbat-Zeit bei uns und hat uns in ­einer kostbaren Serie von Bibelarbeiten am Beispiel des Propheten Nehemia in der Kunst geistlicher Kampfführung gestärkt und zugerü­stet. Wie wichtig die Kenntnisse in diesem Bereich sind, erleben wir täglich. Am sichtbarsten in der Arbeit unseres Instituts, wo die heißen Eisen im Ringen um eine Grundorientierung in Fragen des evangeliumsgemäßen Menschenbildes, der Sexualethik und der Lebensformen syste­matisch durchdacht und publiziert werden. Es wird uns immer deutlicher, daß wir uns längst mitten in einem Kulturkampf befinden, in dessen Zentrum die Frage steht, ob das jüdisch-christliche Menschenbild noch Gültigkeit hat und Orientierung gibt. Derzeit geht es um nicht weniger als um den Erhalt unserer Freiheit als Christen, auch noch in Zukunft biblische Wahrheit und christ­liche Überzeugungen öffentlich, zensur- und straffrei aussprechen zu dürfen. Es freut uns sehr, daß nicht nur die Auflösungserscheinungen zunehmen, sondern auch das Netzwerk von Gleichgesinnten und Mitstreitern für diese Freiheit deutlicher an Kontur gewinnt. Am Vorabend der EU-Osterweiterung freuen wir uns besonders auf das Näherrücken und Zusammen­wachsen mit den Geschwistern aus den ost­europäischen Ländern.
 

Botschaft angekommen

Mit Staunen und großer Freude haben wir ­erlebt, daß die beiden letzten „Salzkörner“ ­offensichtlich den Nerv der Zeit getroffen ­haben. Das Islam-Heft 1/04 ist bereits vollständig vergriffen und soll demnächst nachgedruckt werden, weil noch täglich Bestellungen von Lehrern, Gemeinde- und Hauskreisleitern bei uns eingehen. Ähnliches gilt für das Salzkorn ­2/04 zum Thema Pornographie, das alleine auf der großen PCM-Konferenz mit Leanne Payne 1000 neue Leser fand.
 

Freundestage: 20. - 22. Mai

Herzlich einladen möchten wir Sie zu unserem OJC-Festival, dem „Tag der Offensive“ an Himmelfahrt und den anschließenden Begegnungstagen bei uns. Wir sind freudig gespannt auf den Festtag mit Ihnen und die Begegnung mit Dr. Manfred Lütz, der den Festvortrag halten wird. Lütz ist einer der raren, geistvollen Zeitgenossen, die es verstehen, die urchrist­lichen Pole von geistlichem Welthorizont und persönlicher Lebensfreude zusammenzubringen. Er ist Autor mehrer Bestseller und uns mit seiner Frau seit vielen Jahren über die langjährige Freundschaft zu Ralph und Elke Pechmann verbunden. Kommen Sie doch, wenn sie irgend können und bringen sie Freunde zum Kennenlernen und Auftanken mit.
Spielerisch und kämpferisch und von Herzen grüßen wir Sie aus unseren Zentren in ­Reichelsheim und Greifswald mit der ganzen OJC-Gemeinschaft,
Ihr
 
Dr. Dominik Klenk
 
abgeschlossen am 30.4.2004

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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