Gott zwischen den Kochtöpfen

Wie die Osterbotschaft in den Alltag hineinspricht.
Bericht nach acht Monaten in der OJC

 
Dörte W. verbringt seit Herbst 2003 ihr Freiwilliges Soziales Jahr im Schloßteam und arbeitet in der Küche mit. Wie Bruder Lorenz hat sie entdeckt, daß man Gott nicht nur am Sonntag, in der Natur und in der Schloßkapelle begegnet, sondern auch ­zwischen Töpfen, Kannen und mitten im Großküchenbetrieb.
 

Nach dreizehn Jahren Schule freute ich mich auf eine Zeit „praktischer ­Lebensschule“ bei der OJC. Endlich nicht mehr nur mit dem Kopf ar­beiten, dafür neue Menschen kennenlernen, Dinge, die mehr mit dem Leben zu tun haben als Formeln und Theorien! Ich war fest davon überzeugt, daß Gott es so gewollt hatte. Es lief ­zunächst alles wie geplant: Ich lernte viele nette Gleichaltrige kennen, wohnte mit ihnen auf engem Raum zusammen und trat meinen Dienst in einem mir bis dahin unbekannten, aber sehr interessanten Bereich an: in der Schloßküche. Nach nur zwei Wochen fiel ich wegen einer Verletzung des Nagelbetts aus der Arbeit heraus und mußte, als noch eine Sehnenscheidenentzündung hinzukam, mehrere Wochen pausieren. Ich hatte das Gefühl, daß mir genommen wurde, was ich gerade erst bekommen hatte. Hoch­motiviert wollte ich in der Küche mitmischen und mußte mir nun stattdessen Beschäfti­gungen suchen, bei denen ich die Arme schonen konnte. Als schließlich auch das Schreiben nicht mehr ging und mir außer Lesen und Nachdenken nicht viel übrig blieb, begann ich über mich selbst nachzudenken – genau das, was ich nicht wollte. Ich war sauer auf Gott: Was nutzte mein guter Wille, mich für ihn einzusetzen, wenn ich es nun gar nicht durfte? Meine Resignation stieg, ich wurde zornig auf die Leute, die all das durften, was ich selbst wollte, aber nicht konnte.
 

Abstellgleis und neue Chance

Als ich endlich wieder in die Küchenarbeit einstieg, konnte ich mit den anderen nicht Schritt halten. Ich mußte lernen, unten anzufangen und in kleinen Dingen treu zu sein, ­bevor mir größere Aufgaben übertragen wurden. Sechs Wochen später verletzte ich mich beim Sport und sah mich schon wieder auf dem Abstellgleis. Warum durfte ich nicht einfach, wie alle anderen, normal arbeiten?! Doch merkte ich nun, daß sich in mir etwas verändert hatte. Ich brauchte Gott nicht mehr anzuklagen, sondern konnte der Situation auch ­Positives abgewinnen. Es war Dezember und wir „bewichtelten“ uns gegenseitig, das bedeutet, jeder von uns hat einer anderen Person in der Gemeinschaft in der Adventszeit heimlich kleine Geschenke gemacht. Daß ich nun nicht laufen konnte, schien mir nicht mehr so schlimm, denn mir waren meine Hände wieder gegeben und ich hatte viel Zeit, um Geschenke und Überraschungen vorzubereiten. Für mich war das eine ganz neue Art, Menschen eine Freude zu machen und dadurch ­Beziehungen zu gestalten.
Anfang des neuen Jahres fing die eigent­liche Arbeit an. Der Streß machte mir nichts aus, nur das Putzen empfand ich als weniger schön. Gerade dabei aber merkte ich, wie wichtig Teamarbeit ist. Absprachen sind nicht nur Mittel zum Zweck: Wer mehr miteinander redet, kennt sich besser und kann besser miteinander um- und aufeinander eingehen. Dies erfuhr ich auch durch Mißverständnisse und Mißerfolge. Umso schöner war die Freude nach getaner und gelungener Arbeit.
 

Arbeiten und feiern

In der Großküche ist es oft recht laut und anstrengend. Trotzdem empfinde ich es zunehmend als schön, mit meiner Arbeit anderen einen Dienst zu erweisen. Gelingt das Kochen und schmeckt das Essen, freuen sich andere. Ihre Rückmeldung gibt mir Bestätigung und neue Motivation. Bei größeren Veranstaltungen wie z.B. Ostern kann das Dienen aber auch eine wirkliche Herausforderung sein – ich habe dann reichlich Grund, Gelassenheit zu üben. Zum Beispiel wenn alle anderen singend vor dem fertigen Brunch stehen und ich vor dem Ofen darauf warte, daß die Eier endlich hart werden. Aus der Küchenperspektive betrachtet haben die Passionstage in Reichelsheim eine ganz andere Dimension. Gerade wenn das Programm besonders festlich ist, wird man durch die Pflicht herausgerissen.
Umso wichtiger wurde es, den Zusammenhang von Arbeiten und Feiern neu zu defi­nieren, mitten im Trubel umzudenken, mich auf eine andere Sache zu konzentrieren. Das gelingt mal mehr, mal weniger. Aber insgesamt stärkt es die Selbstdisziplin und schärft den Blick auch für die Mühe, die hinter den Festlichkeiten steckt. Durch den persönlichen Einsatz für andere habe ich Ostern viel intensiver und als bereichernder erlebt – einfach weil ich näher am Geschehen dran war.
 

Trubel und Besinnung

Auch die innere Einstimmung auf die Osterzeit empfand ich als neuen, positiven Aspekt. Die morgendlichen Passionsandachten waren eine wertvolle Hinführung zu Karfreitag und Ostern. So ging die innerliche Vorbereitung auf das große Fest Hand in Hand mit den äußeren Aktivitäten. Durch sich wiederholende Lieder, kurze Bibeltexte mit Auslegung bereitete mich Gott oft auf etwas vor, das er mir durch meinen ganz persönlichen Alltag sagen wollte. Ich habe Gott in dieser Zeit als sehr nah erlebt; nicht als den distanzierten, in ­seiner Heiligkeit unnahbaren Gott, der die Welt von ferne lenkt und regiert, sondern als einen, der durch seinen Sohn mitten im ­Geschehen dieser Welt zu uns Menschen spricht, unter uns wirkt und uns den Weg zum Leben öffnet. Er ist gerade in den Dingen und Augenblicken des Alltags gegenwärtig.
Gelernt habe ich auch durch das Zusammenleben mit Menschen, die mir anfangs fremd waren. Zuerst suchte ich den Kontakt zu ­solchen, die meinem Naturell entsprachen. Mit der Zeit lernte ich aber auch mit jenen aus­zukommen, die mir nicht auf Anhieb sympathisch waren. Immer mehr wurde mir klar, daß ich gerade auf Grund dieser Andersartigkeit und der sich daraus ergebenden neuen Per­spektiven viel lernen kann. Besonders getroffen war ich, als mir Freunde nach einer Retraite einen Spiegel vorgehalten haben, in dem ich mich zunächst gar nicht erkennen wollte.
 

Bekanntes und Kritisches

Die Kritik traf mich völlig überraschend. Ich fing an, neu nachzudenken und darüber mit den anderen das Gespräch zu suchen. Ich habe dabei ein klareres Bild von mir und meiner Wirkung auf andere bekommen. Die Auseinandersetzung hat uns einander näher gebracht. Erstaunt stelle ich fest, daß mich die am mei­sten formen, an denen ich mich am meisten reibe.
Ich habe in der OJC nicht nur Freunde ­gefunden, sondern auch eine zweite Heimat, die durch Offenheit, Vertrauen und die gemeinsamen Erfahrungen im Bereich Konflikte entstanden ist. Jüngere und ältere Menschen leben zusammen und sehen nicht an Pro­blemen vorbei, sondern gehen aufeinander zu, lassen sich aufeinander ein und sind bereit zur Versöhnung. Das ist mir in den Monaten, in denen ich hier bin, kostbar geworden.
 
Durch alle Erfahrungen – auch gerade die schwierigen in Krankheit, bei der Arbeit und im Zusammenleben – hat Gott mich Geduld und Demut gelehrt, gelehrt zu hoffen und auf ihn zu vertrauen und offen mit anderen auch über das, was mir schwer fällt, zu reden. Er hat mir gezeigt, wie anders seine Wege sein können als meine Vorstellungen, aber wie gut sie doch sind und wie weit sein Blick reicht.
Ich erlebe immer wieder, daß er mit mir geht und meinen Weg lenkt. Das gibt mir Mut. Ich weiß, daß er auch dann bei mir ist, wenn ich ihn gerade nicht spüre oder verstehe. Diese „Lebensschule“ hatte ich mir gewünscht: die Chance, lebensnah und für mich sichtbarer zu lernen.

Von

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